Der unglaubliche Hulk

Das Durchgangssyndrom. Die Bezeichung von Medizinern für das Phänomen Dr. Jekyll / Mr. Hyde. Naja, OK, es muss nicht immer mit aggressivem Verhalten einhergehen. Auf jeden Fall handelt es sich dabei um ein Delir. Der Patient verliert die Orientierung, weiß nicht mehr wo er ist und warum er da ist, und irgendwann geht auch der Tag/Nacht Rhythmus flöten. Manchmal sind Patienten dann tagelang wach. Tagsüber sind sie oft noch zu bändigen, aber nachts drehen sie dann so richtig am Rad. Da wird um Hilfe geschrien, manchmal wird sogar die Polizei oder die Feuerwehr gerufen (die manchmal tatsächlich kommt!!!), es werden Wahnvorstellungen ausgepackt (die Infusion mit einem Schmerzmittel wird dann gerne mal für Gift gehalten) und ungeahnte Kräfte freigesetzt.

An dieser Stelle möchte ich nicht darüber diskutieren, wie man ein Durchgangssyndrom vermeidet. Ich finde, wir haben schon verhätlnismäßig wenig Probleme damit.

Aber manchmal sieht man es auf sich zu rollen wie eine Lawine. Ganz hinten in der Ferne, immer näher kommend, und man kann nichts dagegen machen.

Gegen 17 Uhr ruft mich die Station an, ich solle kommen, ein Patient würde durchdrehen. Es handelte sich um einen älteren Herrn, der vor etwa einer Woche von uns operiert wurde. Schon die ganzen letzten Tage war er nachts verwirrt und teilweise aggressiv, aber gestern war er nun auch tagsüber so. Seine Familie konnte da auch wenig Einfluss drauf nehmen. Immer wieder lief er einfach über den Flur, die hilflosen Schwestern hinterher. Er ließ sich kaum überreden, wieder zurück ins sein Zimmer zu gehen. Ich rief den Anästhesisten an, mit der Frage, ob er den Patienten nicht auf die Intensivstation mitnehmen könnte. Die Antwort war: „Wir können doch nicht jeden mit Delir nehmen! Gebt ihm noch mal Eunerpan und dann soll er schlafen.“ Gesagt, getan.

Gegen 23 Uhr rief die Station wieder an: „Er wirft jetzt mit Gegenständen nach uns! Du musst sofort kommen!“ Ich ging also wieder hoch. Auf dem Flur stand die völlig verängstigte Sitzwache, in dem Zimmer standen zwei Schwestern in gebührendem Abstand zum Patienten. Ich versuchte mit ihm zu sprechen. Er schnaufte wild und schaute mich mit einem irren Blick an, wie ein wildes Tier, was zu lange in einen Käfig gesperrt war. Aber gesprochen hat er kein Wort. Die Anästhesistin vom Nachtdienst kam auch dazu. Gemeinsam gingen wir nochmal zum Patienten rein. Sie forderte von den Schwestern eine Ampulle Haldol. Im selben Moment griff der Patient nach dem Haltegriff, der immer am Bettgalgen hängt, und feuerte ihn uns mit voller Wucht entgegen. Wäre der Griff nicht mit einem Gurt am Galgen festgemacht, hätte das übel enden können. Dann rüttelte er an den Bettgittern wie wild. Gleichzeitig erspähten er und ich den Infusionsständer, der am Fußende des Bettes festgemacht war und an dem eine Halterung für Infusionsflaschen hing. Er war schneller als ich. Er griff nach dem Ständer – und verbog ihn total! Als wäre er aus Gummi! Die Anästhesistin schaffte es irgendwie, ihm den Ständer aus der Hand zu reißen, bevor er mit der Infusionshalterung nach uns werfen konnte.

OK, da bringt Haldol wohl nichts, da muss etwas Kurzwirksames her. Die Anästhesistin orderte Propofol von der Intensivstation und wir holten und noch ein, zwei männliche Pfleger zur Unterstützung dazu. Der Schlachtplan sah vor, dass einer den rechten Arm festhält, einer den linken, einer den Patienten an den Schultern packt und einer auf die Beine aufpasst, während die Anästhesistin ihm Propofol spritzt.

Ich wollte nach dem Arm des Patienten greifen, in dem die Braunüle lag, aber er griff schneller nach meinem Arm, verdrehte ihn, und als ich ihn wegziehen wollte, versuchte er sogar nicht zu beißen! Irgendwie hab ich es trotzdem geschafft, sein Handgelenk nach unten gegen das Bett zu drücken. Keine 10 Sekunden später verdrehte er die Augen und schlief dank Propofol ein. Dankeswerterweise atmete er selbstständig weiter, die Dosis war also nicht zu hoch.

Den Rest der Nacht verbrachte er auf der Intensivstation. Heute morgen war er dann wieder einigermaßen orientiert. Trotzdem werden wir jetzt erstmal nachforschen müssen, ob wir eine Ursache für sein Verhalten finden können.

Mein lieber Scholli. Dass jemand mal nach mir geschlagen oder getreten hat, ist schon vorgekommen, aber bisher hat noch niemand versucht mich zu beißen!

Einen Kommentar schreiben