Haha! – Oh, tot.

Eine kleine Vorwarnung: dieser Beitrag könnte makaber sein. Wer mein Blog kennt, weiß, dass makaberer Humor eine Art ist, mit dem Tod umzugehen und überhaupt nicht respektlos gemeint. Wer den Beitrag dennoch als respektlos empfindet, kann hier gern diskutieren.

 

Frühbesprechung heute morgen. Wie jeden Morgen berichtet jeder Assistent von den frisch operierten Patienten, den Schmerzpatienten und allem, was sonst noch bemerkenswert oder relevant ist. Meine neue Kollegin, die gerade erst vor 2 Monaten bei uns angefangen hat, erwähnt eine Patienten, Frau Schäfer, 90 Jahre alt. Die habe heute Nacht wohl mal „Herzstechen“ und Atemnot gehabt, aber der Dienstarzt wurde nicht informiert. Zuerst geht ein Raunen durch die Reihe der Oberärzte, dann fängt man an Scherzen zu machen. „Liegt schon seit der Nacht da und röchelt, wird wohl nicht so schlimm sein.“ Allgemeines Gelächter. Ich selbst dachte mir auch, dass es wohl nichts Gravierendes war, wenn die Pflege den diensthabenden Arzt nicht informiert hat.

Zwei Stunden später komm ich aus dem OP und finde das Arztzimmer verwaist vor. Ich rufe meine Kollegin an. „Kann grad nicht, Frau Schäfer geht’s schlecht.“ Hm. Ich wurde zwar nicht um Hilfe gebeten, aber ich bin ja neugierig un beschließe, mal nachzuschauen. Tatsächlich finde ich im Zimmer von Frau Schäfer das Notfallteam vor, das gerade versucht, einen Plan zu entwerfen, wie man der nach Luft japsenden Patientin helfen kann. Frau Schäfer sieht etwas blass aus und ringt nach Luft. Ich habe mich immer gefragt, was genau der Begriff „Orthopnoe“ bedeutet, hier sah ich es mit eigenen Augen: die Patientin versuchte sich aufzurichten und klammerte sich mit beiden Armen am Bett fest. Natürlich ergriffen wir alle Maßnahmen, um ihren Zustand zu verbessern, aber noch bevor wir uns auf den Weg zur Intensivstation machen konnten, sank die Sauerstoffsättigung im Blut auf ein bedrohliches Maß. Kommando zurück. Meine Kollegin hatte bereits die Angehörigen von Frau Schäfer informiert und innerhalb kurzer Zeit waren sie auch da. Die Patientin lag nun eindeutig im Sterben. Es wurde beschlossen, nicht zu intubieren und von irgendwo tauchten plötzlich auch ein Priester und eine Nonne auf. Ich verstehe ja nichts von Religion, aber sowas ist scheinbar wichtig. So verstarb Frau Schäfer dann auch während des Gebets im Beisein ihrer Angehörigen. Keine Stunde nach Alarmierung des Notfallteams.

Kannste mal sehen. Heute morgen machen wir noch Scherze und zack! ist die Patientin tot. Hätten wir das verhindert können? Sicher nicht. Die Laborwerte, die etwa zu dem Zeitpunkt abgenommen wurden, ab dem es ihr schlechter ging, waren fast alle in Ordnung. Zwar hat es uns alle überrascht, aber letztendlich waren irgendwie alle mit dem Ausgang zufrieden. Bis letzte Woche hatte Frau Schäfer noch in ihrer eigenen Wohnung gelebt, kein Krebs, kein langes Leiden. Das Ende kam überraschend und schnell, aber ein schlechter Abgang war das nicht. Klar, die Atemnot war sicher schlimm für die Patientin, aber irgendwann hat sie was bekommen, was sie beruhigt hat und sie letztendlich sanft einschlafen konnte.

 

Meine Kollegin hat die Geschichte natürlich ganz schön mitgenommen. Ich finde, sie hat sich super verhalten, sie hat alles richtig gemacht und das habe ich ihr auch gesagt. Den Totenschein haben wir dann zusammen ausgefüllt. Gehört ja auch dazu zum Arztsein.

4 Reaktionen zu “Haha! – Oh, tot.”

  1. Buxinchen

    Ich finde, es ist nicht gut gelaufen. Man lässt keinen Menschen stundenlang liegen, wenn er schlecht Luft bekommt. Mit vollem Bewusstsein zu ersticken,finde ich menschenunwürdig, egal wie alt eine Person ist. Es ist in meinen Augen, ein Armutszeugnis für die Pflege und die dort tätigen Ärzte, so spät in Aktion zu treten. Für mich ist dies ein Fall von unterlassener Hilfeleistung.

  2. Annette

    Die Patienten hatte sich für den Rest der Nacht nicht mehr gemeldet und auch morgens bei der Visite nichts gesagt. Sie hatte also nicht die ganze Zeit Atemnot. Die Pflege ist ja nicht sadistisch….
    Und sie auch nicht leidend gestorben. Wir haben alles Erdenklich getan, um die Atemnot zu lindern. Sauerstoff auf maxial, Lasix i.v. und zum Schluss auch Morphium. Sie ist dann friedlich eingeschlafen – ohne Atemnot. Dass sie vorher eine Weile zu kämpfen hatte, war halt so. Wir haben getan, was wir konnten.

  3. Buxinchen

    Danke für die Antwort! Schaue eigentlich täglich hier vorbei und freue mich über jeden Eintrag. FA schon in der Tasche?

  4. Andrea

    Man wünscht den Schwerkranken, dass sie nicht leiden mögen – wenn das so einfach wäre.

    Derzeit gibt es auch jemandem in meinem Umfeld, die schwer krank ist und tapfer ist. Mehr darf ich dazu nicht schreiben, das ist zu privat.

    Hab eine Gute N8 liebe Annette oder wenn du Nachtdienst hast, einen ruhigen.

    Herzlichst

    Andrea

    P.S. Ich hab‘ da einen (selbst ausgedachten) Witz zum Ärztemilieu:

    Ein Onkel und sein Neffe arbeiten als Ärzte, der Onkel in der Nephrologie und der Neffe in der Onkologie.

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