Intensiv

22. Februar 2011 geschrieben von sofie

Seit Februar bin ich jetzt auf Intensivstation und ich fühle mich noch völlig überfordert. Wie in den ersten Wochen nach Arbeitsbeginn. „Frau Doktor, was machen wir denn jetzt?“ „Keine Ahnung, ich würde mal einen Arzt fragen.“ Trotz Intensivkurs. Ich verstehe noch nicht, warum meine Vorgängerin die Intensivzeit so entspannt fand, ich bin maximal gestresst. Ja, man sitzt mal, ja man muss sich mal länger Gedanken über einen Patienten machen und ja man kommt etwas regelmäßiger dazu, etwas zu essen. Aber oft rennt man zwischen 2-3 instabilen Patienten hin und her. Es wollen prinzipiell immer zwei Patienten gleichzeitig einen Tubus. 1/4 wird bei Intubation reanimationspflichtig. 90% haben Herzrhythmusstörungen. Die Angehörigen wollen jeden Tag stundenlang reden. „Es gibt keine Veränderung“. „Ach, Frau Doktor, wie lange muss er denn noch hierbleiben?“

Dabei habe ich mich so auf die Intensiv gefreut. Ich war echt ausgebrannt, die letzten drei Monate war ich die zweite Ambulanzbesetzung, das heißt Mädchen für alles, Vertreter von jedem und oft genug alleine in der Ambulanz, wenn die Erstbesetzung im Dienstfrei, Notarzt oder sonst irgendwie nicht da war. Unsere Ambulanz braucht eigentlich immer zwei unfallchirurgische Assistenten. Wir haben da unten die BG-Sprechstunde, die normale Lauf- und RTW-Kundschaft und den Schockraum. Zu zweit ist es meistens machbar (außer an den Glatteistagen,) alleine ist es die Hölle. Alles was Schmerzen hat, die nicht ganz eindeutig dem Bauch oder dem Herz zuzuordnen sind, wird unfallchirurgisch aufgenommen. So hatte ich schon Nieren/Harnleitersteine (häufig), eine Meningitis, eine Hodentorsion und einen Herzinfarkt.
Wir arbeiten im Schichtsystem. Die Nachtdienste bleiben mir noch einen Monat erspart. Vor denen graut mir auch ganz schön. Prinzipiell werden ja immer mindestens zwei Patienten gleichzeitig instabil. So auch Samstag, zum Glück während der überlappenden Zeit von Früh- und Spätdienst. Ein Patient musste von einer inneren Station übernommen und intubiert werden ein anderer ließ sich immer schlechter beatmen. Spannungspneu. So durfte ich mal wieder eine Bülau-Drainage legen, das kann ich besser als intubieren und ZVKs legen. Aber auch da habe ich gerne jemanden in der Nähe, der es wirklich sicher beherrscht.
Dieses Gefühl der Unsicherheit ist für mich wirklich das Allerschlimmste. Ich hoffe wirklich, bis zu meinen Nachtdiensten zumindest die meisten schwierigen Situationen meistern zu können….

Dienst mit Schockraum

24. August 2010 geschrieben von sofie

Sonntag im Dienst kam er, mein erster Schockraum. Gegen 19.00 Uhr. Messerstichverletzung nach häuslichem Streit. Rücksprache mit meinem Oberarzt nicht mehr möglich, Patient war schon ante portas und mein Oberarzt nicht zu erreichen. Letztendlich war dann alles nicht so dramatisch, aber der Adrenalinstoß hat für die ganze Nacht gereicht.
Zudem am Sonntag der Laden gebrummt hat, ich hatte ungefähr 20 noch nicht gesehene Patienten im Kästchen. Der Messerstich ging letztendlich nur bis auf die Muskelfaszie und hat keine Organe verletzt. Die Blutung stand auch schon, als er ankam und der etwas eingebrochene Kreislaus kam auf eine Infusion wieder. Stressiger waren seine 38 Angehörigen, die den ohnehin schon völlig überfüllten Vorraum der Notfallambulanz bevölkerten.

Samstag der Rufdienst war schon stressig und arbeitsintensiv aber der Sonntag war völlig aus dem Ruder gelaufen. Unsere Radiologe hat fast den ganzen Tag im Haus verbracht. Überall standen und lagen Patienten, und immer wieder RTWs und Notärzte. Die “Laufkundschaft” wurde extrem ungehalten, jedes Verlassen der Ambulanz (z.B. um ins Röntgen zu gehen) wurde zum Spießrutenlaufen.

Ich habe von morgens bis abends um 23.00 Uhr weder gegessen, noch getrunken noch bin ich aufs Klo gegangen. Und dabei hatte ich noch Glück, dass ich wirklich nur eine halbe Stunde in den OP musste, sonst wäre es noch schlimmer gewesen. Um 23.00 Uhr habe ich dann mein Nudelgericht herunter gewolft. Ab Mitternacht war es dann auf einmal ganz ruhig, kein Mensch mehr. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Trotz MP3 Player und Entspannungsübungen bin ich nicht runter gekommen.

Heute habe ich Gleitzeit, auch wenn meine Oberärztin mir den Tag gerne gestrichen hätte. Ich bin aber immer noch ein bisschen durch den Wind, behauptet zumindest mein Lieblingsehemann…..

Zuckerbrot und Peitsche

15. August 2010 geschrieben von sofie

Ich weiß nicht, ob es den anderen Assistenzärzten auch so geht, aber ich habe das Gefühl, dass die Ausbildung durch die Oberärzte aus Zuckerbrot und Peitsche besteht. Und zwar immer etwas mehr Peitsche, als Zuckerbrot (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Je nach Temperament des Oberarztes kann die Kritik (Peitsche) sehr vernichtend ausfallen und manchmal auch extrem ungerecht sein: “Frau Sofie, Sie sehen doch, dass mich der Haken da stört!” genau eine Zehntelsekunde, nachdem er ihn mir genauso in die Hand gedrückt hat oder “Sie haben die Drainage zu lang abgeschnitten! So geht dass nicht!” Dabei hat er so rumgezappelt, dass er mir den Schlauch weggezogen hat. Andere werden dann eher ironisch ätzend: “Mit zwei Doktortiteln können Sie die Schraube bestimmt auch etwas schneller herausdrehen.” Oder, wenn ich, ja immer noch Anfängerin, zu zaghaft schneide “Wenn Sie nicht schneiden wollen müssen Sie in die Innere gehen.”
Unsere Oberärztin ist mehr der Typ, für die unwilligen Geräusche und die hochgezogenen Augenbrauen. Und während die männlichen Kollegen sich über Fragen freuen (vielleicht weil sie da männliche Überlegenheit fühlen) hört man von Ihr: “Dass müssen Sie aber wissen.” Oder: ”Das steht aber im Intranet”. Lob ist spärlich und oft so verhalten, dass man wirklich gut aufpassen muss um es überhaupt zu bemerken. Da lobt der ironisch/sarkastisch kritisierende Oberarzt schon etwas offensichtlicher.
Am umgänglichsten ist da noch der Oberarzt, der zuletzt Oberarzt geworden ist, auch wenn er das Zuckerbrot und Peitsche-Prinzip auch schon verinnerlicht hat. Lob ist selten, aber die Kritik ist zumindest konstruktiv und einigermaßen vernünftig formuliert.

Im PJ habe ich mal eine Oberärztin erlebt, die hat wirklich toll gelobt und kritisiert. Da konnte man einfach den Inhalt der Kritik annehmen, hat etwas gelernt und wurde nie mit dem Gefühl zurückgelassen, alles falsch zu machen. Und in der Algemeinchirurgie gibt es eine Oberärztin, die im OP unheimlich viel und überschwänglich lobt (und einem so assistiert, dass man es automatisch richtig macht). Das ist sehr angenehm, nur wenn dieses Überschwängliche mal etwas zurückhaltender ausfällt, fühlt man sich auch gleich kritisiert.

Montag bin ich den ganzen Tag im OP eingeteilt, zwei Punkte darf ich machen und ansonsten assistieren. Ich bin so gern im OP, weil es zum einen einfach Spaß macht, zum anderen, weil man dort wirklich konzentriert eine Sache nach der anderen abarbeitet. Es zählt nur die OP, die jetzt gerade läuft. Man versucht nicht ständig drei Sachen auf einmal zu erledigen, kann nicht mal hierhin mal dahin rennen. Man wird nicht ständig unterbrochen. Ich finde wirklich, das ist allerangenehmste arbeiten. Ich versuche ja, das Prinzip, mich immer genau auf das zu konzentrieren, was ich gerade tue, auch mit auf Station und in die Ambulanz zu nehmen, aber da lässt es sich natürlich nicht annähernd so umsetzen, wie im OP. Wenn jemand da ist, der draußen die Arbeit macht, ist ein Tag im OP ein perfekter Tag! Trotz viel Peitsche und wenig Zuckerbrot.

Das zweite Weiterbildungsjahr hat begonnen

28. Juli 2010 geschrieben von sofie

Mit dem Beginn der Urlaubszeit wurde auch die Arbeitsbedingungen immer katastrophaler. Sobald zwei Leute im Urlaub sind, was bei 10 Assistenten zwangsweise vorkommt, bricht alles zusammen. Jetzt fällt noch einer weg, der Dienste macht. Allgemeinmedizin wird immer attraktiver, aber das Operieren würde mir wohl doch fehlen…

Dann kam der Urlaub, bzw. davor ein Dienst, in dem ich nicht mal in die Nähe des Bettes gekommen bin. Drei Wochen Urlaub war richtig gut, irgendwann hat wirklich die Erholung eingesetzt. Zwischendurch habe ich einmal im Bikini eine Platzwunde über der Augenbraue bei meiner großen Tochter genäht, ansonsten habe ich wenig an Arbeit gedacht.

Leider war die Erholung gestern gleich wieder vorbei, als ich gesehen habe, für wie viele Patienten ich zuständig bin (und die ich bis zur Chefvisite am nächsten Tag wirklich kennen sollte). Na ja, ich hatte ja Dienst und somit die ganze Nacht Zeit. Es fing gleich damit an, dass ich den ganzen Tag in den OP musste. Eigentlich ja der beste Ort, wenn jemand draußen ist und die Arbeit machen kann, aber zumindest für mich ein totaler Stressfaktor, wenn alles liegen bleibt. Zumal ich so lange im OP war (und die letzte OP war einfach ätzend), dass ich den Kollegen in der Ambulanz erst drei Stunden nach Feierabend abgelöst habe ohne meine Visite fertig gemacht, geschweige denn irgendetwas geklärt zu haben. Das macht mich extrem unzufrieden. Ich mag so nicht arbeiten. Bis in die Nacht ging es stressig weiter. Nachts um zwei habe ich mit dem Intensivkollegen, leider vergeblich, versucht, einen ZVK zu legen.
Dann kam noch ein Mensch mit Schulterluxation. Und dieses verdammte Teil ließ sich in Analgosedierung nicht reponieren, so dass der Anästhesist eine Kurznarkose machen musste.
Um kurz nach fünf brauchte ich dann auch nicht mehr ins Bett gehen und habe ein paar Briefe geschrieben und Kurvenvisite gemacht. Da hätte ich dann auch Zeit gehabt, mit Angehörigen zu sprechen, aber davon habe ich dann doch abgesehen.

Der Tag gestern war dann völlig verloren, ich habe nur geschlafen und bin immer noch erschöpft.

Es macht so wirklich keinen Spaß mehr. Wenn das so bleibt, mache ich nach der Intensivzeit einen neuen Plan.

Sinnkrise und Disputation

21. Mai 2010 geschrieben von sofie

Ich hatte eine lange Sendepause. Es war eine teilweise sehr harte Zeit, in der ich mich mehrmals gefragt habe, ob ich das Richtige tue und welche Alternativen es gäbe. Außerdem habe ich ein permanent schlechtes Gewissen, wenn ich blogge, weil ich eigentlich meinen Disputationsvortrag vorbereiten müsste, wenn ich Zeit habe am Computer herum zu hängen. Daher habe ich beides nicht gemacht, nicht gebloggt und nicht an dem blöden Disputationsvortrag gearbeitet. Jetzt habe ich Urlaub und schaffe hoffentlich beides. Mein Doktorvater möchte den Vortrag am 27. sehen und hören. Natürlich hatte ich mir vorgenommen längst fertig zu sein und natürlich bin ich davon weit entfernt.

Ich habe den Urlaub begonnen, wie es sich gehört mit einem Dienst am Donnerstag. Es war ruhig initial, sehr ruhig. Zu ruhig. Ich habe mit den Ambulanzpflegern und Internisten gegessen und es war in dieser Zeit KEIN einziger Patient in der Ambulanz. Ich hatte um 20.00 Uhr meine OP Berichte diktiert, darunter mein erster Gammanagel, yippieh. Ich habe eine allgemeinchirurgische Verweilkanüle gelegt, weil die Kollegin im OP war. Ich habe Akten abgeschlossen und lauter so Kram. Es war schon fast unheimlich. Dann kam aber doch noch die übliche Kundschaft, weniger als sonst, aber mit fiesen Frakturen und therapieunwillig (und natürlich die, die nichts hatten bis 01.30 Uhr). Ein ganz süßer Mann mit gebrochenem Knöchel hat sich entschuldigt, dass er so spät am Abend noch kam, aber es war ihm etwas unheimlich, als der Knöchel so dick wurde. Ich habe ihm gesagt, dass er mit so einem Knöchel immer kommen darf. Der Herr der mich um 3.00 Uhr mit seit Wochen bestehenden Rückenschmerzen (ohne Trauma natürlich) geweckt hat, der hatte da weniger Bedenken. Und die Schwester aus der Privatklinik, die nicht in der Lage war eine halbe Stunde später mein vergessenes „a“ in meine Tram.dol-Anordnung selbsttätig einzufügen auch nicht. Noch weniger der Patient mit Fersenschmerzen um 4.50 Uhr ohne Trauma, der Rückemensch hat sich wenigstens gequält, der Fersenmensch hatte „nur“ Schmerzen bei längerer Belastung. Operieren konnten wir leide auch nicht, da die Allgemeinchirurgen vier Notfälle hatten, schade, sonst hätte ich meinen zweiten Gammanagel gleich hinterher schieben können.

Nun zur Sinnkrise: Ich habe mich zwischendurch ein paar mal ungeschickt angestellt und mich zwischendurch gefragt, ob ich geschickt und begabt genug bin für ein chirurgisches Fach. Ich hatte einige Tage, an denen ich sehr unglücklich und unzufrieden nach Hause gegangen bin. An denen ich mich gefragt habe, ob ich wirklich das Richtige tue und welche Alternativen es gibt. Und an denen ich gedacht habe, schade, dass man so viel Innere machen muss für Allgemeinmedizin und nicht, wie mein Hausarzt noch, von einer chirurgischen Grundausbildung kommen kann. Wir haben einen Oberarzt, der Frauen in der Unfallchirurgie für nur bedingt einsetzbar hält (trotz extrem zierlicher und dennoch extrem fähiger Oberärztin) und manchmal sher ungerecht kritisch sein kann, wenn man ihm assisitiert (sicher auch oft berechtigt kritisch aber manchmal wirklich unfair) und dann haben wir noch einen jungen Oberarzt, der wahnsinnig nett ist, viel erklärt, aber einem auch schnell die Instrumente wieder aus der Hand nimmt, was mich auch sehr verunsichern kann. So sollte ich mit ihm erst einen Gammanagel machen, durfte dann aber doch nur verriegeln.

Dann kam endlich mein erster Gammanagel (mit der Oberärztin) und gestern zwei kleine OPs, die wirklich gut liefen. Bei der zweiten hat sich der Oberarzt, (der dritte männliche Oberarzt, der eigentlich sehr nett aber manchmal auch sehr ungeduldig und sarkastisch sein kann) gar nicht gewaschen. Und ein bisschen arthroskopieren durfte ich auch letzte Woche.

Der perfekte Tag

27. April 2010 geschrieben von sofie

Nach einem echt harten Rufdienst und einer sehr ausgeuferten Party mit den Kollegen, genieße ich den freien Tag bei wunderschönem Wetter. Ich wette einige meiner Kollegen genießen den Tag heute nicht so besonders. Einer davon hat heute Rufdienst und war noch schwer mit Bier und Schnaps und der Musikanlage beschäftigt, als ich von dieser Party nach Hause gefahren bin. Dort hat er nämlich immer die zahlreichen Songs angeschmissen, die er ,mehr oder weniger textsicher, laut mitsingen konnte. Wenn er heute pünktlich war ziehe ich den Hut und wenn er noch einen Ton rausbekommen hatte, fresse ich einen Besen. Der Kollege, der heute den Hausdienst hat und daher die Party gestern ziemlich früh und ziemlich nüchtern verlassen hat, wird nicht viel Freude an ihm haben.
Ich habe meinen Plan, mich ab dem offiziellen Ende meines Rufdienstes direkt unter den Zapfhahn zu legen, dann doch nicht wahrgemacht. Zum einen kam ich erst weit nach diesem offiziellen Ende dort an (und das nicht, weil ich daheim war um mich zu stylen) zum anderen wollte ich meinen Lieblingsehemann dann nicht mitten in der Nacht lallend wecken, damit er mich abholen kommt. Ich bin auch nicht sicher, dass ich ihn wirklich wach bekommen hätte, denn er ist morgens 63 km mit dem Fahrrad gefahren.
Der Dienst gestern war unglaublich, obwohl wir nur eine Schenkelhalsfraktur operiert haben. Da wir dafür natürlich alle in den OP mussten (ich auf die ungeliebte Seite) lief in der Zeit die Ambulanz voll. Und es war anstrengend. Es gibt OP-Tische, an denen sind irgend welche fiese harte Streben an genau den Stellen, an denen der zweite Assistent an den Haken hängt, aua. Außerdem hat mein Erstdienstkollege operiert und am Anfang neigt man dazu die Zugänge eher zu klein zu machen. Ich will nicht meckern, der Kollege ist ein echter Schatz (einer der bei meinem ersten Hausdienst als Spätdienst habender extra lange geblieben ist um mich zu unterstützen und so Sachen) und ich gönne ihm die OP unbedingt. Aber es hat halt länger gedauert und es war mehr Spannung drauf, als bei unseren Oberen. Nach der OP haben wir erst mal die Ambulanz wieder auf ein erträgliches Niveau geleert und dann abwechselnd unsere Visiten fertig gemacht. Und zum Glück brach die Hölle auch erst danach so richtig los. Ein Problem war, dass unser CT bis 17.00 Uhr gewartet und repariert wurde und wir bis dahin einen fröhlich Ü-95 Club mit Schmerzen nach Sturz und Demenz in der Ambulanz parken mussten. Dann jede Menge Laufkundschaft und als ich gegen 19.00 Uhr den Abflug wagen wollte kam ein unangemeldeter Notarzt mit einem Schockraumpatienten, der nicht als Schockraum angemeldet war, obwohl der selten ungewöhnliche Unfallmechanismus das durchaus gerechtfertigt hätte. Und wäre das CT zu dem Zeitpunkt nicht gerade wieder gelaufen, wäre es echt Scheiße gewesen. Eine junge Frau war mit einen Quad auf einen Schützenpanzer gefahren, umgefallen und dann ist das Quad auf sie gefallen. Letztendlich hatte sie noch ziemlich Glück gehabt, „nur“ Rippenfrakturen und Lungenkontusion, Schürfwunden und eventuell noch etwas am Ellenbogen, was sich dann erst bei der zweiten cm für cm Untersuchung gefunden hat. Nichts am Becken, nichts an der Wirbelsäule und nichts Schlimmes an der Birne bis auf Platzwunden.. Natürlich füllte sich die Ambulanz in dieser Zeit, in der wir mit dieser Patientin beschäftigt waren, wieder ordentlich und der Ü-95 Club musste noch ein bisschen länger auf das CT warten. Die Internisten haben uns aus Mitleid einfach was zu Essen mitbestellt, die lieben und waren dann ihrerseits am Stabilisieren und Reanimieren, als es kam. Dafür haben wir da auch noch ein bisschen Hand angelegt, auch wenn es nur war, den Patienten daran zu hindern von der Liege zu fallen und Medikamentennachschub aufzuziehen.
Als die Ambulanz dann wieder in halbwegs geregelten Bahnen lief und wir die Döner ohne Knoblauch verspeist hatten, hat mich mein Kollege rausgeworfen und zur Party geschickt.
Das richtige Haus war durch den Lärm leicht zu finden und es herrschte gute Stimmung. Mir wurde allerdings schnell klar, dass die Kollegen im Alkoholpegel nicht mehr einzuholen waren und jeder Versuch dahingehend unweigerlich in einer Katastrophe geendet hätte, daher habe ich mir ein schönes Frischgezapftes gegönnt und mich dann an Wasser, Erdinger Alkoholfrei und den guten Kaffee aus der Super-duper-ich-koste-mehr-als-Sofies-Auto-Kaffeemaschine gehalten. Trotzdem wurde ich irgendwann ganz müde und war um halb vier zu Hause.

Der Fluch der Stellschrauben

15. April 2010 geschrieben von sofie

Er ist endlich gebrochen, der Fluch der Stellschrauben (hoffe ich zumindest). Bisher war es nämlich immer so: Ich fange an, suche die Schraube mit Bildwandler, setze entweder die Lokale oder der Patient schläft, schneide, präpariere, suche den Kopf und bekomme den Schraubendreher nicht eingesetzt. Irgendwann hat der Oberarzt die Nase voll, dreht mir die Schraube an und übergibt mir dann süffisant lächelnd den Schraubendreher. Wenn es einer unserer drei männlichen Oberärzte, ist murmelt er noch etwas von: Frauen und parken. Und ich diktiere frustriert in den OP Bericht: Lösen der Schraube durch den Oberarzt XY. Aber heute habe ich sie endlich erwischt und der Oberarzt war nur schmückendes Beiwerk. Ein guter Tag! Ich habe auch nur eine Stunde und 45 Minuten Überstunden gemacht und habe den OP Bericht nicht zu Hause diktiert. Ein wirklich guter Tag…

Diese Woche gab es nämlich mal wieder viele Überstunden: Patienten, die sich fünf Minuten vor Dienstschluss den Vacuumverband abreißen und „kannst Du mal kurz in die Ambulanz gehen“ und Gespräche mit der Kripo… Und warum habe ich eigentlich die septische Station zusätzlich und meine Kollegen nicht? Die bis zu vier Patienten auf der septischen Station machen mindestens ebenso viel Arbeit wie 14 „normale“. Aufwändige Verbände, die jeden Tag gewechselt werden müssen, natürlich immer in Verkleidung. Engmaschige Kontrollen, lange Gespräche und ätzende Briefe.

Und dann rufen mich „meine“ alten Stationen immer noch an, obwohl wir am 01. April rotiert haben, wenn sie den jetzt zuständigen Kollegen nicht erreichen. Und gerade bei der Überwachungsstation fühle ich mich auch verpflichtet, da zeitnah aufzutauschen (sonst braucht man auch keine Patienten auf eine Überwachungsstation zu legen).
Der Kollege, der den Dienstplan bastelt, versucht gerade meine Ehe zu sabotieren, erst wollte er mich am Geburtstag meines Lieblingsehemannes zum Dienst einteilen und jetzt an der Feier. (Alle Tage davor und danach sind kein Thema). Ich bin wirklich nicht zickig mit Dienstplanwünschen und erfülle auch alle Tauschwünsche, wenn es mir möglich ist, aber das geht nicht. Mein Lieblingsehemann ist in letzter Zeit sowieso am Meckern, ob meiner Überstunden. Aber dann liegt ständig SEINE buckelige Verwandtschaft in MEINEM Krankenhaus und ich darf mich kümmern, egal ob die jetzt in der Unfallchirurgie oder Allgmeinchirugie oder der Inneren oder sonst wo rum liegen…

Was in letzter Zeit passiert ist…

2. April 2010 geschrieben von sofie

Ich weiß, ich habe lange nicht geschrieben. Letzte Woche hatte ich drei Dienste und habe somit mehr als 85 Stunden im Krankenhaus verbracht. Und diese Woche musste ich mich davon erholen und meine Erkältung wieder loswerden.

Der erste Dienst war lang. Wir hatten noch eine echt fiese Pilon tibiale Fraktur zu operieren, die sich der Patient aus Dummheit zugezogen hat, und es wurde spät, bis wir in den OP konnten und entsprechend noch später, bis wir fertig waren. Und leider musste ich am nächsten morgen noch Visite machen und furchtbar viel Kram erledigen, so dass ich mir zwei Überstunden eingefangen habe, die ja nach Dienst sofort abgeschnitten werden.

Daheim war nichts mit schlafen, meine Schwägerin kam mit meinem kleinen Lieblingsneffen, mein Bruder kam (ohne den großen Lieblingsneffen). Immerhin habe ich das Bauchnabelpiercing meiner Schwägerin, dass in den letzten Schwangerschaftswochen zugewachsen war, erfolgreich wieder eröffnet. In meinem jugendlichen Leichtsinn hatte ich zunächst gedacht, eine rosa Flexüle sei ausreichend. War sie natürlich nicht, aber mit Grau hat es dann im zweiten Anlauf funktioniert. Na also.

Mittwoch der Dienst war von 17.00 bis 23.00 Uhr die absolute Hölle, gleichzeitig drei OP-Vorbereitungen, eine Schulterlux und zwei allgemeinchirurgische Patienten. Daneben die übliche Laufkundschaft. Der allgemeinchirurgische Kollege hat sich zwischen den OPs nicht in der Ambulanz blicken lassen, angeblich habe er nicht gewusst, dass sein Typ dort verlangt wurde. Das war glatt gelogen, ich hoffe wirklich, dass das ein Nachspiel haben wird. Nicht dass ich mir nicht gerne allgemeinchirurgische Patienten mit anschaue, aber der Abend war der absolute Horror. Patienten in allen Räumen und auf dem Flur. Ich habe alle Aufenthaltsräume auf den Stationen belegt und mein Oberarzt hat alleine operiert, während ich da unten versucht habe, das Chaos zu ordnen. Um 23.00 Uhr war auf einmal Schluss mit dem Ansturm und um 23.30 Uhr hatte ich die Ambulanz leer. Aber da stand ich noch so unter Strom, dass ich erst mal runter kommen musste. Gegen 1.00 Uhr bin ich dann ins Bett gegangen. Leider war das Bad im Dienstzimmer von innen abgeschlossen, so dass ich noch mal runter laufen musste. Aber dann durfte ich bis zum nächsten Morgen schlafen und habe es geschafft, nur eine Überstunde zu machen. Ich war dann noch laufen, direkt nach dem Dienst, das war ganz nett, wenn auch etwas mühsam.

Und dann habe ich den Samstagsdienst geerbt, weil der Kollege krank war. Eigentlich soll ich noch keine Hausdienste Samstags machen. Aber manchmal geht es nicht anders. Der Dienst war auch nicht schlimm, für einen Samstag eher unglaublich ruhig. Aber wieder lange, um 0.30 Uhr kam noch eine wahnsinnig adipöse Dame mit Ganzkörperschmerzen. Durch die Zeitumstellung war es nach 3.00 Uhr, bis ich damit fertig war und um kurz nach 5.00 weckte mich die Ambulanz wegen einer Schnittverletzung, die sich dann als plastisch herausstellte, grrrr. Inzwischen hatte ich eine laufende Nase, Kopf- und Gliederschmerzen. Daheim wartete Besuch aus Amerika, keine Ahnung wie ich es geschafft habe, Konversation (auf Englisch-Deutsch gemischt) zu machen und was ich für einen Mist geredet habe. Mittags bin ich dann ins Bett gefallen und nicht wirklich wieder zu mir gekommen.

Viel zu bald war es Montag früh 5.15 Uhr und der Wahnsinn ging wieder von vorne los. Ich habe mich ziemlich durch die nächsten drei Tage gequält. Meine Metallentfernung am Montag lief noch ganz gut, aber bei der folgenden Achillessehnen-OP vom Oberarzt lief mir so furchtbar die Nase. Und man kann ja so gar nichts machen. Und dann ist der blöde Faden noch gerissen und wir haben wieder von vorne angefangen. Ich bin dann freiwillig abgetreten und an den Computer gegangen, obwohl ich eigentlich viel lieber zu mache.

Gestern hatte ich dann einen freien Tag gewonnen und durch Diensttausch auch heute. Ich war dann gestern Abend endlich mal wieder beim Yoga. Da war ich schon ganz lange nicht mehr, obwohl man es ja eigentlich am meisten braucht, wenn man so gestresst ist.

Undank

15. März 2010 geschrieben von sofie

Es ist Sonntag. Die Woche war ziemlich durchwachsen. Ich hatte zwischendurch richtig die Schnauze voll. Da reißt man sich echt den Allerwertesten auf, macht keinen Tag weniger als zwei Überstunden, vernachlässigt Heim und Familie und es ist einfach nicht genug.
Ich betreue ja die „auswärtigen“ Stationen. Das hat schon von vorneherein die Nachteil, dass man keine feste Station mit festen Pflegern hat und dass es natürlich mehrere sind. Für die Pflege hat es den Nachteil, dass ich nicht immer da bin und dass, wenn ich nicht da bin, auch kein anderer da ist, den man mal schnell etwas fragen kann. Sie müssen mich anrufen oder die Fragen bis zur Visite aufschieben. Ich laufe also jeden Tag mehrere Kilometer durch das Haus und versuche die Patienten trotzdem so gut wie irgend möglich zu betreuen. Auch die Intermediate Care gehört zu den externen Stationen. Die war bisher hauptsächlich internistisch betreut und hat fast ständige Anwesenheit von mindestens zwei Stationsärzten. Die Pflege fühlt sich von mir also verständlicherweise schlecht betreut, obwohl ich zweimal am Tag Visite mache und den 1-4 Patienten, die dort liegen, mindestens soviel Zeit widme, wie dem gesamten Rest. Dazu kommt, dass chirurgische Assistenten einen gewissen Teil ihrer Zeit im OP verbringen und somit nicht ständig zur Verfügung stehen. Ich hätte schreien können vor lauter Frust als ich die Klagetiraden der Pflege über die schlechte Betreuung der Patienten ärztlicherseits hören musste.
Außerdem haben die Großeltern meines Mannes es mal wieder geschafft uns alle in Wallung zu versetzen. Meine Schwiegeromi war noch nie eine große Trinkerin, und damit meine ich jetzt Wasser und Ähnliches. Wenn dann noch Durchfall dazu kommt ist sie in zwei Tagen so exsikkiert, dass sie ausschaut wie diese Figuren aus Trockenfrüchten. Dann ist sie verwirrt, fällt und was sonst noch so dazu kommt. Den Zustand hatte sie am Samstag wieder erfolgreich erreicht. Sonst können die Großeltern wirklich wegen jedem Quatsch anrufen, aber wenn wirklich mal etwas ist, – kein Ton. Und die ambulante Pflege, die die Beine alle zwei Tage verbindet, schreibt im Pflegebericht von schlechtem Zustand, Stürzen und verwaschener Sprache, aber hält es auch nicht für nötig, mal irgend jemanden Bescheid zu sagen. Es half alles nichts, sie musste ins Krankenhaus. (Meine armen internistischen Kollegen…)

Meine große Tochter und das Bohrsche Atommodell

7. März 2010 geschrieben von sofie

Meine große Tochter ist sechs. Zum Atommodell kamen wir heute beim Abendessen, als wir den Salzstreuer herum gereicht haben. Da fragte sie nämlich, was Salz ist. Und schon waren wir mitten im Thema. Schließlich war ich in meinem früheren Leben Chemikerin, wie mein Lieblingsehemann dann einwarf. Endlich Kinderfragen, auf die ich Antworten weiß.

Meine Lieblingsfrage zur Zeit hat Josephine ja schon gestellt: Wo zum Teufel bleibt die globale Erwärmung? Ich könnte jetzt wirklich eine brauchen. Als Samstag morgen wieder alles weiß war, hätte ich am liebsten geheult. Zumal ich Rufdienst für die Außenstelle hatte, und der erste Patient bereits Verlangen nach meiner Person hatte, als ich gerade beim Frühstück saß. Seit meinem Unfall habe ich wahnsinnig Angst, bei dem Wetter zu fahren. Also habe ich das Autochen gleich unten an der Hauptstraße abgestellt und bin zum Krankenhaus hochgelaufen.

In der Zwischenzeit hatten sich noch zwei weitere Patienten dazu gesellt, und so ging es weiter. Es kam sogar ein RTW, der immer noch nicht mitbekommen hatte, dass er die Außenstelle chirurgisch nicht anfahren soll. Ich habe den ganzen morgen rotiert mit nur einer Schwester für alle chirurgischen und internistischen Patienten, in einem Haus, in dem es nur noch internistische Stationen gibt. Ich hatte irgendwann alle Ambulanzräume belegt und die Schwester ist hin und her geflogen. Und ich kam endlich zu meiner erfolgreichen Schulterreposition. Allerdings musste ich Dame dann doch noch in das Haupthaus verlegen, da alleinstehend. Insgesamt musste ich drei Leute rüberschicken, zur stationären Aufnahme. Um drei Uhr nachmittags rief mein Lieblingsehemann an, ob ich noch irgendwann wieder heim käme. Daran geglaubt hat er nicht, Es war nicht für mich gedeckt am Kaffeetisch. Pünktlich zur Bereitung des Abendessens wurde ich wieder gerufen, so dass er auch noch kochen musste „Tschüss, Schatz, das Essen steht im Kochbuch…“. Zum Essen kam ich aber glücklicherweise wieder nach Hause.

Letzte Nacht und Heute morgen kam glücklicherweise kein neuer Anruf, so dass wir heute morgen alle noch ein bisschen im Bett liegen und dann in Ruhe frühstücken konnten. Ich war dann noch beim Sport. „Ich komme mit“, meinte die Große, „ da ist doch eine Kinderbetreuung.“ „Aber nicht Sonntags“, antwortete ich; „da können die Väter aufpassen.“ „Und wenn die Väter Arzt sind?“ wollte meine Große wissen. „Dann haben die Mütter Pech gehabt!“