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    Boris Konrad - Interview mit einem Gedächtnissportler
    An dieser Stelle ein Interview, das ich in mit einem erfolgsversprechenden Nachwuchsgedächtnissportler (8. Platz Deutsche Gedächtnismeisterschaften (Gesamtwertung) geführt habe. Boris Konrad hat dieses Jahr sein Abitur abgelegt und bereits an einigen Meisterschaften teilgenommen. Er betreut zudem das www.brainboard.de.vu, ein interessantes Forum rund um den Gedächtnissport. Lesen Sie hier, wie sich ein vielversprechender Gedächtnissportler vor, während und nach den Wettkämpfen gefühlt hat und welche Ziele er sich für die Zukunft steckt.

Kannst Du Dich an Deinen ersten Kontakt mit dem Bereich Mnemotechnik erinnern? Hast Du ein spezielles Buch gelesen? Hast Du eine Fernsehshow mit Gedächtniskunststücken gesehen? Bist Du auf einer Veranstaltung / Seminar gewesen? Mich würde der "auslösende Zeitpunkt" und das "Drumherum" interessieren, dass Dich schliesslich zu einem Gedächtnissportler gemacht hat.
Mitte 2001 habe ich, wie genau weiß ich leider nicht mehr, von Techniken gehört, mir denen man seine Gedächtnisfähigkeiten stark verbessern kann. Ich habe mir darauf hin das Buch "In 10 Tagen zum vollkommenen Gedächtnis" gekauft. Es hat mir aber nicht wirklich gefallen und ich dachte, dass das eh alles nichts bringt. Ich habe dann mal im Internet gesucht und die Homepage http://www.gedaechtnissport.de von Steffen Bütow gefunden. Besonders die Disziplin Karten hat mich fasziniert. Ich habe mir dann Steffens Kartensystem angeeignet und eine 52er Route durch unser Haus gemacht. Viel geübt habe ich nicht, aber immer wieder mal den Kartensprint. Immerhin habe ich mich dann auch innerhalb weniger Wochen von 10 bis 15 Karten in 5 Minuten auf 5 Minuten für das komplette Kartenspiel verbessert. 

Wann hast Du gemerkt und warum, dass Dich der Bereich Mnemotechnik mit Schwerpunkt Gedächtnissport (also Betonung der sportlichen Komponente) mehr interessiert und angefangen, zu "trainieren"? Welche Motivation bringst Du mit, dass ganze sportlich anzugehen?
Im Januar 2002 gab es erstmals die GRIPS-Show auf RTL. Das fand ich schon sehr interessant und war begeistert, mit meiner einen Route 20 Wörter zu schaffen und laut dem während der Sendung durchgeführten Test für Zuschauer sehr gut zu sein. In den kommenden 2 bis 3 Wochen habe ich dann noch mehr dazu durchgelesen. Das lies aber auch wieder schnell nach und ich habe dann nichts mehr gemacht, außer ab und zu die Karten. Dann habe ich von der dt. Meisterschaft 2002 gehört und per Internet einige Teilnehmer ausfindig gemacht und kontaktiert. Dies hat bei mir die Motivation ausgelöst mal mehr zu machen und auch andere Disziplinen anzusehen. Ich hatte mir vorgenommen, ich war damals noch 18, an der Ende November 2002 stattgefundenen Jugendmeisterschaft teilzunehmen. Da ich dann aber doch nichts weiter gemacht hat, kam es nicht dazu. Erst im November bzw. Dezember 2002 habe ich richtig angefangen. Das sehr neue Buch Erfolgsgedächtnis von Dr. Gunther Karsten, habe ich es mir bestellt und durch den Kontakt zu anderen Gedächtnissportlern habe ich von der GRIPS-Show 2003 gehört und das Marlo Garlinski, mit dem ich viel chatte, dort teilnehmen würde. Das hat mich wieder mehr motiviert und Anfang 2003 habe ich dann endlich meine Zahlenbilder gelernt. Nur den Kartensprint hatte ich immer weiter trainiert und Ende 2002. war ich bei unter 90 Sekunden (passender Weise war der Kartensprint bei der aktuellen Meisterschaft meine schlechteste Disziplin und ich habe in beiden Durchgängen Fehler gemacht). 

Wie sieht Dein Training aus, d.h. wieviele Stunden pro Woche trainierst Du, was machst Du dabei? Wie darf man sich einen trainierenden Gedächtnissportler konkret praktisch vorstellen?
Ende Januar hatte ich dann meine Zahlenbilder entwickelt und festgelegt. Am 24. Januar 2003 ging die Seite http://www.memoryxl.de und deren Trainingsprogramm online. Damit konnte ich dann endlich auch mal die anderen Disziplinen üben und mit dem Ziel: Meisterschaftsteilnahme an der norddeutschen Meisterschaft im Mai 2003 habe ich dann erstmals wirklich wie für Sport trainiert. In den ersten ca. drei Wochen nach dem das Programm erschien waren es einige Stunden pro Woche. In den für mich neuen Disziplinen habe ich mich dabei unglaublich schnell verbessert. Als das Verbessern weniger wurde, wurde es auch das Training. Das heißt nur noch ca. eine Stunde pro Woche, was nicht wirklich viel ist. Da sich meine Abiturfahrt mit der Maimeisterschaft überschnitten hat, konnte ich doch nicht teilnehmen und die Motivation war eher wieder weg. Das Trainingsvolumen sank noch weiter. Anfang Juni erhielt ich dann eine Wildcard für die deutsche Meisterschaft am 04. und 05. Juli. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt genau 150 Routenplätze. 
Da alle Abiturklausuren geschrieben waren, hatte ich nun Zeit. Ich habe dann auch extra Orte aufgesucht und dort für einige Stunden Routen gemacht. So habe ich während des Junis 450 neue Routenplätze erworben und meine Leistung in allen Disziplinen weiter verbessert. Ende Juni habe ich dann auch erstmals die 30-Minuten-Marathon-Disziplinen trainiert, wobei mir die Blätter auf http://www.andibell.net viel geholfen haben. Zudem habe ich das Forum http://www.brainboard.de.vu angelegt und so noch mehr Kontakt zu anderen Gedächtnissportlern gefunden. 

Worin liegt für Dich der "Reiz", das "besondere Etwas" des Gedächtnissports?
Wie beschrieben habe ich erst am Anfang des Jahres 2003 wirklich mit dem Gedächtnissport angefangen. Ich wüsste keine andere Sportart wo man in einem halben Jahr vom totalen Anfänger bis auf Platz 8 bei der deutschen Meisterschaft kommen kann. Da ich scheinbar auch Talent mitbringe und es mir Spaß macht, lohnt es erst recht.  Die Techniken im Alltag eingesetzt habe ich noch nicht soviel. Nur mal um andere zu verblüffen - was dann auch Spaß macht. Der Reiz ist für mich, dass ich mich sehr schnell verbessere, ich etwas gefunden habe, in dem ich Erfolgserlebnisse verspüre und wo zudem aktuelle Rekorde tatsächlich erreichbar und nicht in weitester Ferne scheinen. 

Was genau ist eine Gedächtnismeisterschaft und wie läuft sie im allgemeinen ab: welche Disziplinen gibt es, wer organisiert das Ganze und wieviele Leute nehmen - bspw. an der letzten GM - teil.?
: Die deutsche Meisterschaft im Gedächtnissport wurde dieses Jahr an zwei Tagen (04. und 05. Juli 2003 in Weinheim a.d.B. in Baden-Württemberg ausgetragen. Es gab 10 Disziplinen die verschiedene Memorier-Fähigkeiten fordern. Es haben dieses mal 24 Leute teilgenommen. Am Freitag bin ich morgens mit dem Zug angereist. Als erste Disziplin gab es den Datensprint (möglichst viele fiktive historische Daten in 5 Minuten). Danach die drei Marathons (Zahlen, Karten und Binärzahlen). Viel spannender war für mich aber, dass ich auf einen Schlag 25 neue Leute kennen gelernt habe, die ich bisher gar nicht oder nur aus dem Internet kannte, die alle das gleiche Hobby haben wie ich. Einige Wochen zuvor hatte ich ihre Bücher gelesen und sie im Fernsehen bestaunt, plötzlich wollte ich sie besiegen. Das ist schon irgendwie komisch. 
Auch habe ich noch nie vor viel Publikum, schon gar nicht vor Fernsehkameras geübt, was die ganze Situation vom bisherigen Training schon sehr unterschieden hat. Auch hat mich sehr verwundert, wie viel Verpflegung einige Teilnehmer hatten, das viele Kopfhörer und sogar "Scheuklappen" mithatten, um sich besser zu konzentrieren. Ich hatte eigentlich nichts mit und mir dann nur schnell vom Bäcker noch Wasser und etwas zu Essen besorgt. 
Am Samstag ging es schon um 08.45 morgens los. Die Disziplin war die Zahlensinfonie. Es werden im Abstand von einer Sekunde Ziffern vorgelesen. Dies war für mich ganz neu. Ebenso wie der Text (in 15 Minuten möglichst viel Text incl. aller Satzzeichen und Besonderheiten auswendig lernen). Die anderen Disziplinen waren Zahlensprint, Kartensprint (jeweils 5 Minuten), Namen & Gesichter sowie Wörter. 

Eine Disziplin ist immer in zwei Teile aufgeteilt: 
1. Memorieren, das eigentliche Einprägen 
2. Wiedergabe, meist ist die Zeit doppelt so lang wie die Einprägzeit. Man muss alles was man behalten hat aufschreiben. Die Zeit benötigt man nicht völlig, so dass schon kurz danach in den Fluren vor dem eigentlichen Saal nervöse Gespräche zur Selbsteinschätzung stattfinden ("Wie viel hast du? Was war die 86. Zahl?"), wobei sich auch die Teilnehmer, welche schon Jahre lang mitmachten, beteiligten. 
Nach jeder Disziplin gab es die Auswertung und Siegerehrung der vorherigen Disziplin. Zwischendrin genügend Kaffeepausen und Ruhephasen um sich auf die nächste Disziplin vorzubereiten und zu konzentrieren. 

An welchen Disziplinen hast Du teilgenommen und wie hast Du abgeschnitten?
Ich habe an allen Disziplinen teilgenommen. Für mich ging es sehr gut los. Die erste Disziplin, Datensprint, beendete ich als 3. und bekam gleich eine Medaille. Da ich für die Marathon-Disziplinen nicht genügend Routen hatte, habe ich mich dort nicht so weit oben einfinden können, aber mit zufriedenstellenden Ergebnissen im Bereich von Platz 6-10 war ich sehr zufrieden. Ausnahme war der Kartensprint. Ich hatte mir 362 Karten gemerkt aber durch ein paar Fehler nur 52 Punkte bekommen.  Samstag war ich beim Text erfolgreich, wurde dort vierter und habe dann, für mich fast sensationell, die Disziplin Wörterlauf mit 140 Wörtern gewonnen. Das ich tatsächlich eine Goldmedaille erhalte -fast unvorstellbar. Meine eigentliche Lieblingsdisziplin Kartensprint kam ab Ende und ich habe es völlig versaut - Fehler in beiden Durchgängen kosteten mich den 1. Platz in der Neustarterwertung und den insgesamt fünften Platz. Da ich aber als 8. und Sieger einer Disziplin schon deutlich übermeinen Erwartungen lag, war und ist mir das völlig egal. So bleibt auch genug Spielraum nach oben für kommende Meisterschaften. Als tolles Highlight gab es während der finalen Siegerehrung noch eine Präsentation des aktuellen Weltmeisters Andi Bell aus England.

Wie hast Du Dich vor, während und nach Deinen Wettbewerben "gefühlt", sprich: könntest Du ein wenig aus dem Bauch heraus plaudern, wie es Dir bei den Wettkämpfen ergangen ist?
Bei der ersten Disziplin kam die große Nervosität und die Angst zu versagen. Da ich aber gleich dritter bei den historischen Daten wurde und mit wirklich allen anderen Teilnehmern sehr gut klar kam, war das schnell vorbei.
Das ich grade in "meinen" Kartendisziplinen schlecht abschnitt, hat mich jeweils kurz geärgert - aber direkt danach kam jeweils eine Auswertung einer Disziplin, in der ich gut abgeschnitten hatte, was den Ärger sofort wegblies. Die zwei Tage waren voller neuer Kontakte und Eindrücke, das ich am Ende ziemlich überwältigt war.

Wie sehen sich die Gedächstnissportler untereinander? Gibt es Ideale und Vorbilder an denen man sich orientiert? Gibt es Ehrgeiz und Konkurrenzsituationen oder ist der sportliche Wettkampfgedanke das tragende Moment?
Der sportliche Wettkampfgedanke stand klar im Vordergrund. Konkurrenzsituationen gab es für mich nicht, da ich keine hohen Ziele hatte. Das dürfte höchstens für die TOP4, welche am Ende doch deutlich vor dem breiten Rest lagen, anders sein. Aber Neid oder Missgunst gab es überhaupt nicht. Bei jedem Fußballturnier wo ich mitgemacht habe, war das viel mehr der Fall. Für mich war es auch toll, mit den Leuten aus deren Texten und Büchern ich gelernt hatte über die Techniken zu reden. Auch den Weltmeister Andi Bell und verschiedene Rekordinhaber über ihre Techniken befragen zu können, war äußerst interessant. So habe ich nun auch die Motivation, die Techniken noch mehr zu trainieren und auch noch etwas abzuändern. 

Was sind Deine weiteren sportlichen Ziele hinsichtlich des Gedächtnissports?
Für die nächste Zeit will ich mich weiter verbessern. Bei der nächsten deutschen Meisterschaft will ich auf jeden Fall wieder teilnehmen. Ziele habe ich dafür aber noch keine.Zu Deiner Person: was machst Du ausser Gedächtnissport sonst so? Wo liegen neben diesem Bereich Hobbies und Interessen deinerseits?
Ich bin jetzt 19 Jahre alt, wohne in Hattingen (NRW, 60.000Einwohner, bei Bochum) und habe grade mein Abitur am Gymnasium Waldstraße in Hattingen abgelegt. Ein Hobby von mir ist der Fußball. Ich spiele zwar nicht mehr selber, bin dafür aber Schiedsrichter und gehe auch gern ins Stadion. Zudem ist der Computer mein wohl größtes Hobby, wo ich auch die meiste Zeit für verwende. Ich surfe dabei lieber im Internet, gestalte Webseiten und programmiere, als das ich spiele. Ich habe vor, Physik und Informatik zu studieren. Gedächtnissport und auch Dinge wie Kopfrechnen und Denksport machen mir viel Spaß, was allein Anreiz genug ist, damit weiterzumachen. Ich bin Mitglied bei Mensa e.V. und bei MemoryXL e.V. 

Vielen Dank für das sehr interessante und aufschlussreiche Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei den Wettkämpfen!

Link zum Interview:
brainboard - das Forum zum Gedächtnissport von Boris Konrad - hier klicken
(Jens Plasger)

Hinzugefuegt am: 27-Nov-2003, Aufrufe: 229

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Zuletzt geändert: 09.01.2007. - © Jens Plasger - www.lerntechnik.info
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