Reutlinger Fortbildungstage 2008, 11. und 12.09.2008
Holger Beuse
Intensivpflege, wie sie auf Kongressen beschrieben wird, hat zumeist etwas
von Hollywood. Modern, spannend und am Ende siegt das Gute.
Auch oder gerade weil die Realität auf den eigenen Stationen nicht immer
an dieses Ideal heranreicht, haben sich am zweiten September-Wochenende über
500 Intensivpflegende zu den Reutlinger Fortbildungstagen zusammengefunden,
um vielleicht ein wenig von diesem Glanz mit in ihre Arbeitsbereiche zu nehmen.
So forderte Prof. Dr. Friedrich K. Pühringer (Reutlingen) die Teilnehmer
auch in seinem Grußwort auf, das Saatgut dieser Fortbildung auf ihre
Intensivstationen zu tragen. Denn eine gut fortgebildete Elite reiche nicht
aus, die Kompetenz müsse in die Breite getragen werden.
Aktuelles aus der Pflegepolitik griff Andreas Westerfellhaus, Vizepräsident
des Deutschen Pflegerats, auf. So nannte er das Versprechen von Bundesgesundheitsministerin
Schmidt, 21.000 neue Pflegestellen schaffen zu wollen, eine Mogelpackung. Schließlich
seien in den letzten Jahren mehr als 46.000 Stellen in den Krankenhäusern
weggefallen. Angesichts der aktuellen gesundheitspolitischen Diskussion habe
die Pflege derzeit aber gute Möglichkeiten, ihre Interessen einzubringen.
Doch dies kann nur mit einer schlagkräftigen Organisation gelingen, die
schlechterdings ehrenamtlich geleistet werden kann. Somit warb Westerfellhaus
für die Mitgliedschaft in einem Berufsverband, um eine professionelle
Interessenvertretung zu gewährleisten.
So wie Hollywood nicht ohne Action-Szenen auskommt, so darf auf Intensivkongressen
das Thema Beatmung nicht fehlen. Lebhaft und engagiert sprach Dr. Rolf
Buhl (Düsseldorf) über „Alte und Neue Beatmungstechniken – Was
ist Segen – was ist Falle?“. Neben einem geschichtlichen Abriss
und der beiläufigen Feststellung, dass ausgerechnet die Beatles maßgeblich
an der Erfindung der Computertomographie beteiligt waren, verlangte Buhl, dass
die Eigenaktivität des Patienten so früh wie möglich gefördert
werden müsse.
Eine besondere Herausforderung ist die „Maschinelle Ventilation und
Weaning bei Adipositas per magna“, so Prof. Klaus Lewandowski (Essen).
Zunächst stellte er den Krankheitswert starken Übergewichts dar.
Somit sind diese Patienten, die auch bei Gesundheitsarbeitern häufig auf
massive Vorurteile stoßen, „nicht selber schuld“ und sind
auch beileibe keine zu vernachlässigende Minderheit, sondern eine wachsende
Patientengruppe. Schnell denkt man an die USA, wo der Anteil von Menschen mit
einem BMI >50 seit 1987 um 900% angestiegen ist. Doch auch in Deutschland,
dem BMI-Europa-Meister, gibt es schon 250.000 Menschen mit mehr als 250 kg
Körpergewicht.
Besondere Probleme machen in der Intensivmedizin u.a. der Halsumfang, eine
exspiratorische Flussbehinderung, hoher intraabdomineller Druck und eine Neigung
zu Atelektasen. Doch werden diese Leute richtig behandelt, ist ihre ICU-Liegezeit
zwar meist verlängert, ihre Überlebensrate aber nicht schlechter
als bei Normalgewichtigen.
Der Frage, ob „Weaning nach Protokoll“ sinnvoll ist, ging Dr. med. Sandra Terbeck (Aachen) nach. Nach aktueller Studienlage sind Protokolle als Hilfskonstrukt
hilfreich, können aber das kompetente Mitdenken nicht ersetzen.
Mit ihrem Vortrag „Pflegerische Aspekte bei extracorporalen Gasaustauschverfahren“ gab
die Intensivkrankenschwester und Kardiotechnikerin Melanie Steinbeck (Berlin)
einen interessanten Einblick in die Welt der Schläuche und Membranen von
ECMO, ILA und Co.

Intensivpflegepreis
Kurz vor der Mittagspause wurde es dann beinahe etwas feierlich in der Reutlinger
Friedrich-Listhalle. Die Verleihung des „PULSION Intensivpflegepreises
2008“ stand an, den die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege
und Funktionsdienste e.V. (DGF) zusammen mit dem namengebenden Unternehmen
erstmals ausgelobt hatte.
Die eingereichten Arbeiten waren hinsichtlich der Gesichtspunkte klinische
Relevanz, Umsetzbarkeit, Originalität und Verbesserungspotenzial bewertet
worden. DGF-Vorsitzender Klaus Notz, Co-Juror Tilmann
Müller-Wolff und
Pulsion Produkt Manager Bach Hoang-Pfennig beglückwünschten die Preisträger
auf der Bühne: Andrea Habermehl (3. Platz, „Basale Stimulation – Der
Theorie-Praxis Konflikt“), Philipp Tränkle (2. Platz, „Erfahrungen
und Probleme bei der Umsetzung der Sedierungsleitlinien der DGAI“) und
Oliver Rothaug (1. Platz, „Atemtherapeutische Maßnahmen beim spontanatmenden
Intensivpatienten“), der allerdings als mittlerweile amtierender DGF-Funktionär
seinen wertvollen Sachpreis an den Zweitplatzierten weitergab.
Nach diesen warmen Worten folgte ein warmes Mittagessen. Denn die Reutlinger
Organisatoren können nach über 20 Jahren noch immer auch abseits
des Programms mit Neuem aufwarten. Vegetarisches und Unvegetarisches war für
alle Teilnehmer im Eintrittspreis enthalten. Ebenfalls satt vorhanden: Stände
des Medizinisch-Industriellen Komplexes, die den interessierten Besuchern neueste
Errungenschaften neben Altbewährtem präsentierten. Wer Reutlingen
ohne neuen Kugelschreiber oder bunte Key-Chain verließ, war selbst schuld.
Wem der erste Referent der zweiten Sitzung bekannt vorkam, hatte vorher gut
aufgepasst. Oliver Rothaug (Göttingen) beschrieb aktuelle Entwicklungen
bei der „Lagerung bei Beatmung“. Zwar ist flächendeckend bekannt,
dass beatmete Patienten im Allgemeinen von einer 30°-Oberkörperhochlagerung
profitieren. Doch bei seinen Untersuchungen muss Rothaug immer wieder feststellen,
dass Patienten auf den Stationen oft flacher liegen. Zumeist wohl, weil viele
Pflegende tatsächliche 30° nur schwer abschätzen können.
Nur die wenigsten Intensivbetten verfügen herstellerseits über entsprechende
Anzeigen. Hilfsmittel wie der Hochlagerungsknopf „Holak“ (Uni Regensburg)
oder Winkelanzeiger können dieses Manko kompensieren.
Danach betrat Peter Nydahl (Kiel) das Podium in Vertretung für die kurzfristig
verhinderte Christel Bienstein. Er zog zunächst seine Schuhe aus. Eine
ruhige, entspannte Atmosphäre wollte er schaffen, um zum Thema „Atem
und Bewegung“ zu zeigen, wie Pflege abseits vom Respirator die Atmung
schwerkranker Patienten positiv beeinflussen kann. Nach Vorführung eines
beeindruckenden Videos zur Musiktherapie bei einem komatösen Patienten
bat Nydahl einen mehr oder weniger Freiwilligen (den Autor dieses Textes) auf
die Bühne. Nydahl demonstrierte, wie auch musikalisch und musiktherapeutisch
nicht vorgebildete Pflegende mithilfe einfacher Übungen beispielsweise
die Tachypnoe eines Patienten mildern können.
Eine Überraschung bot hernach Arnold Kaltwasser (Reutlingen). Er propagierte
dieses Mal nicht explizit die geschlossene Absaugung. Das wäre auch „preaching
to the converted“ bei diesem Heimspiel gewesen. Vielmehr ging er detailliert
auf die Indikationsstellung zur endotrachealen Absaugung ein. Zwar gibt es
mittlerweile mit „TBA Care®“ ein Gerät auf dem Markt (nicht
in Deutschland), dass unter Umständen recht zuverlässig automatisiert
meldet, wenn ein Patient einer Absaugung bedarf, doch pflegerisches Handwerkszeug
bleibt die Grundlage für fachgerechtes Entfernen von Sekret aus Lungen.
Nydahl lässt die Schuhe an und legt einen Teppich aus Tupfern
Dann Nydahl zum zweiten. Doch weder Musiktherapie noch Basale Stimulation,
sondern nüchterne Zahlen präsentierte er diesmal. Aber Peter Nydahl kann
wahrscheinlich kein Thema trocken rüberbringen. So auch nicht Antworten
auf die Frage, ob Pflegende zur „Kostenreduktion bei ventilatorassoziierten
Pneumonien“ beitragen können. Können sie. Aber nicht durch
das Einsparen von Handtüchern beim Waschen, Tupfern beim Verbandswechsel
oder ähnlichem. Das sind angesichts der Fallkosten eines Intensivpatienten
und der Mehrkosten bei eventuellen Komplikationen lediglich „Peanuts“.
Würde man, so Nydahl, den Gegenwert nur einer Pneumoniebehandlung (4.800 – 15.600€)
in Verbrauchsmaterialien umrechnen, so ließe sich der 90 Meter lange
und drei Meter breite Flur seiner Intensivstation bis zu 3,5 Mal mit Beatmungssystemen
auslegen oder bis zu einer Höhe von 15 cm mit Schutzunterlagen bedecken.
Also liegt das Einsparpotential nicht im Verzicht auf Tupfer, sondern in der
Vermeidung von beispielsweise Pneumonien. Der Schlüssel dazu liegt auch
im Personalschlüssel. Nydahl zitiert u.a. eine Studie von Cho 2001, nach
der die Pneumonierate um 9,5% sinkt, wenn die Anzahl von registrierten Pflegenden
um 10% zunimmt. Und jede Pneumonie heißt hier, dass der ICU-Aufenthalt
um rund fünf Tage verlängert ist, die Mortalität um 4,7 - 5,6%
ansteigt und die Mehrkosten bei 22.390 – 28.505 US$ liegen. Da ist die
Investition in mehr Personal eigentlich eine einfache Rechnung.
Norbert Schwabbauer (Tübingen) hatte seinem Vortragstitel „Atemgasklimatisierung – HME
oder aktiv!“ wohl bewusst nicht das sonst übliche Fragezeichen hinten
angestellt. Denn er vertrat ein entschiedenes Sowohl-als-auch. Da die aktuelle
Studienlage derzeit keine signifikanten Hygienevorteile für HME zeigen
kann, sollten – neben dem Kostenfaktor – die individuellen Probleme
des Patienten beachtet werden.
Hernach erstmal Feierabend. Einige Verwegene hatten allerdings noch einen
Workshop (PiCCO, Notfalltransport) gebucht.
In Reutlingen weiß man, dass die Leute die teilweise lange Anreise nicht
nur auf sich nehmen, um dem Kongress aufmerksam folgen. Abends brauchen sie
auch etwas Kurzweil. Doch allein in einer fremden Stadt? Also wurde am Donnerstagabend
zur Come-Together-Party in einen hübschen Biergarten mit Bratwurst, Sauerkraut
und Freibier eingeladen. Dass danach auch noch freier Einritt in ein benachbartes
Tanzlokal gewährt wurde, hat manchem Beteiligten dass pünktliche
Eintreffen zum zweiten Kongresstag nicht eben erleichtert (Aber schön
war’s).
Den Opener machte Sabine Rüdebusch (Oldenburg): „Der septische
Patient – eine Herausforderung für die Intensivpflege“. Aus
ihrem großen Handwerkzeugkoffer holte sie eine Reihe von pflegerischen
Interventionsmöglichkeiten, die dem Patienten zusammen mit dem ärztlichen
Heilwissen zugute kommen können.
Was der Supermarkt um die Ecke mit so genanntem „Functional Food“ zu
können glaubt, kann die Medizin schon lange, nämlich Krankheiten
mittels besonderer Nahrung bekämpfen. Unter dem Schlagwort Immunonutrition
werden Nährsubstrate geführt, die aufgrund ihrer speziellen Zusammensetzung
eine „Entzündungsmodulierende enterale Therapie bei Sepsis und septischem
Schock“ ermöglichen. Inwieweit damit gegenüber gewöhnlicher
Sondenkost Verweildauer, Beatmungszeit, sekundäre Organschäden und
letztlich die Mortalität günstig beeinflusst werden können,
schilderte Dr. Hauke Borchardt (Halle/Saale) in einem recht detaillierten Referat.
Nach der ersten Kaffeepause des Tages widmete sich Carsten Jehle (Hattingen)
der „Komplikationsprophylaxe der enteralen Ernährung aus Sicht der
Intensivpflege“. Neben theoretischen Hintergrund lieferte er auch Kniffe
aus der Praxis. So etwa, Sondenkost vor Applikation mit blauer Lebensmittelfarbe
zur kolorieren. Diese Mischung sieht zwar ungewöhnlich aus, schadet aber
nicht und hilft bei der Identifikation bei Regurgitation und ähnlichen
Malheuren.
Dass Mischen jedoch nicht grundsätzlich von Vorteil ist, rief Oliver
Bubritzki (Rostock) in Erinnerung. Zum Thema „Inkompatibilitäten“ brachte
er oft verdrängte Fakten und eindrucksvolle Fallbeispiele. Wahlloses Kombinieren
und intravenöses Einbringen von verschiedenen Pharmaka kann zu Veränderungen
der Pharmakokinetik, Bildung toxischer Substanzen und Ausfällungen mit
folgernder Katheterocclusion führen. Zumindest letzterem kann mit Infusionsfiltern
vorgebeugt werden.
Jana Rupprich (Münster) überzeugte anschließend vor allem
durch ihren immensen Praxisbezug, den sie in ihrem Vortrag „Intravenöse
vasoaktive Substanzen im klinischen Gebrauch“ stets wahrte. Auch hier
sind es wieder kleine, aber bedeutende Kniffe, deren sichere Beherrschung im
alltäglichen Umgang mit hochwirksamen Medikamenten auch Patientensicherheit
bedeutet.
Vom speziellen Alltäglichen zum großen Ganzen führte dann
Matthis Synofzik, M.A. (Tübingen): „Ethik in der Intensivpflege“.
Anhand eines kurz vorgestellten Falles kam er über Patientenverfügung
zu Sterbehilfe und Therapiebegrenzung. Er stellte heraus, dass das Nichteinleiten
einer lebensverlängernden Maßnahme vom Therapeutischen Team emotional
erheblich anders bewertet wird als das Beenden einer bereits laufenden Maßnahme.
Rechtlich und auch ethisch bestehe aber kein relevanter Unterschied.
Pflegerische Strategien im Umgang mit „deliranten Patienten in der Intensivmedizin“ schilderte
Andreas Binke (Berlin), nachdem er zunächst Entstehung und Definitionen
dieses recht häufig auftretenden Phänomens erläutert hatte.

Nightingale, das Telefon und die Auswirkungen auf die Fachkrankenpflege
Es kommt wohl nicht mehr oft vor, dass auf Pflegekongressen Florence Nightingale
zitiert wird. Doch die Krimkriegs-Veteranin hatte schon so manche grundlegende
Erkenntnis, die auch auf hoch technisierten und ebenso hoch professionellen
Intensivstationen weiterhin Gültigkeit haben. „Ruhestörung
ist ein Pflegefehler der sowohl dem Kranken wie Gesunden zugefügt wird.“ Und
so hatte Wendelin Herbrand (Murnau) zum Thema „Lärmbelästigung
auf Intensivstationen“ einiges zu sagen. Er hat Stationen seines Hauses
mit einem Messgerät besucht und dabei Schallpegel festgestellt, die im
Sinne des Arbeitsschutzes eigentlich das Tragen von Gehörschutz verlangen.
Die Teilnehmer der von ihm geleiteten Weiterbildungsstätte lässt
er jeweils eine Nacht auf der Intensivstation schlafen. zumindest versuchen
sollen sie es. Danach kommen die meisten ganz allein auf Ideen, Lärm auf
der Station und insbesondere in der Nähe von Patientenohren zu vermeiden.
Dabei kann vieles so einfach sein: Runterregulierung der Telefonklingel, Stopper
an Schranktüren usw.
Den Abschluss und vielleicht auch etwas Mut machte Organisator Klaus
Notz (Reutlingen) mit seinem Referat „Neuausrichtung pflegerischer Tätigkeitsfelder – Auswirkungen
auf die Fachkrankenpflege“. Er konstatierte, dass ärztliche Tätigkeiten
bereits auf nichtärztliche Berufsgruppen übertragen werden und dies
auch breiter Konsens ist. Dabei müsse über die Arbeitsbelastung aller
Berufsgruppen und Tätigkeitsübertragung an Pflegehilfskräfte
nachgedacht werden. Fachkrankenpflege will ihre Kompetenzen für eine qualifizierte
Versorgung der Menschen einbringen. Sie will sich ökonomischen Aspekten
nicht verschließen, verlangt aber auch eine klare Definition von Tätigkeitsfeldern,
eine verlässliche Karriereplanung nebst Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten
sowie verbindliche Aussagen zur qualitativen und quantitativen Personalbesetzung.
Notz sieht diesbezüglich derzeit einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik,
so dass seine Vorstellungen mehr sind als das Produkt aus einer Traumfabrik.
Vielleicht hatten die Teilnehmer ja auf der Rückreise ein ähnliches
Gefühl wie nach dem Anschauen eines guten Hollywood-Films: Es war modern,
spannend und bot genügend Impulse, am Ende das Gute siegen zu lassen.
Vielleicht klappt’s ja auch daheim im wirklichen Leben.
Das Sequel 2009 findet übrigens am 24. und 25. September in Reutlingen
statt.
Abstracts zu den meisten Vorträgen erscheinen in der kommenden Ausgabe
der Zeitschrift „Pflegen
intensiv“.
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