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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Dr. Dolor und der Störenfried



Anditi
20.04.2004, 09:20
Mein, etwas weniger ernsthaftedr Beitrag zu diesem Forum:

Der Störenfried

Das penetrante Piepen seines Pagers riss Dr. Dolor aus seinen Träumen. Er fuhr im Bett hoch, nur um sich im nächsten Moment den Kopf an dem Regal über dem Bett anzuschlagen. Mit schmerzerfülltem Gesicht ließ er sich wieder auf das Bett fallen. Sein Schädel dröhnte und der schloss die Augen. Er tastete nach seinem Pager. Wer zur Hölle wagte es, ihn so unsanft aus dem Schlaf zu reißen? Und das auch noch mitten in der Nacht! Dr. Dolor öffnete die Augen und sah aus dem Fenster. Es war bereits heller Morgen. Die Sonne war längst hinter dem Bettentrakt des Krankenhauses aufgegangen und vor dem Fenster flirteten zwei Vögel, als ginge es um ihr Leben. Ein Blick auf die Uhr verriet Dr. Dolor, dass es kurz vor acht Uhr war. Seine Schicht würde in wenigen Minuten enden. Danach würde er in den wohlverdienten Urlaub fahren. Nicht irgendwohin, nein, das tote Meer würde es werden. Dolor blieb seinem Berufsverständnis selbst im Urlaub treu. Der Pager begann erneut zu piepen. Auch dass noch. Nichts würde es mit dem pünktlichen Dienstende werden. „Dr. Dolor bitte dringend in der Notaufnahme melden!“ stand auf dem Display. Er blies verächtlich durch die Nase aus. Das hatte doch die ganze Nacht so gut geklappt! Warum nun auf einmal nicht mehr? Seine Anweisungen waren doch klipp und klar gewesen. Alles was nicht mindestens Stufe 6 auf der siebenteiligen NACA Skala war, hatte ausnahmslos an Dr. Rudel übergeben zu werden. Sollte der sich doch mit Oberschenkelhalsfrakturen und dergleichen herumschlagen. Die Nacht war daher sehr ruhig verlaufen und da Schwester Ulla zurzeit krank war, hatte Dolor auch genügen Zeit gehabt sich einmal zu entspannen. Nicht, dass ihm die Nächte mit Schwester Ulla unangenehm waren, nein, daran lag es nun wirklich nicht, aber manchmal brauchte auch ein alter Haudegen wie Dr. Dolor eine Verschnaufpause. Immerhin war er auch nicht mehr der jüngste. Und so hatte er die ganze Nacht seinem Wunschtraum, einem Zusammenstoß zwischen einem vollbesetzten Personenzug und einem Bus voller Alternativmediziner widmen können, während Rudel sich in der Notaufnahme die Nacht um die Ohren schlug. Rudel, durchzuckte es ihn wie ein Blitz! Wo war der eigentlich? Hatte sicher schon früher Schluss gemacht. Und das auch noch ohne sich abzumelden! Das würde was geben. Aber später. Nach dem Urlaub. Jetzt hieß es einmal in der Notaufnahme Ordnung schaffen.
Als Dolor die Notaufnahme betrat, erwartete ihn Schwester Silke bereits mit weichen Knien. Dr. Dolor war ihr nicht geheuer. Es lag nicht an seinem Benehmen dem Pflegepersonal, vor allem dem weiblichen, gegenüber. Viel mehr war es sein ganzes Auftreten. Sie machte eine richtungsweisende Handbewegung zur anderen Ecke des Raumes hin. Dolor sah sich die Person, die dort auf der Liege saß kurz an. Dieser Mensch war doch nie und nimmer krank! Für so einen aus seinem Schönheitsschlaf geweckt zu werden, das tat weh. Und alles nur, weil Rudel schon nach Hause gegangen war. Na warte! Für einen Moment dachte Dr. Dolor daran, den Typen auf der Liege dort wieder heim zu schicken und stattdessen Rudel mit den Regeln von Anamnese und Therapie vertraut zu machen. Aber Rudel war nirgendwo aufzufinden. Dolor trat an die Liege. „Dolor“, knurrte er! „Sehr erfreut, Herr D. Dolor!“ Sprechen konnte der auch noch. Dolor war sauer. War es denn nicht offensichtlich, das dem Nichts fehlte? Ging denn gar nichts ohne ihn? Aber wenn er den Mund schon mal offen hatte, dann könnte er ihm doch gleich einmal in den Rachen schauen, beschloss Dolor und bevor es sich der arme Kerl auf der Liege versah, hatte er einen Spatel im Mund. Der Rachen war sauber. Dolor griff zur Blutdruckmanschette. Der Blutdruck war normal. Zuckermessung und ein gekonntes freihändiges EKG, mit den Defibrilator- paddles durch das Hemd abgeleitet folgten. Der Kerl war kerngesund. Gerade als Dolor alles für eine Endoskopie vorbereiten ließ, meldete sich der Typ zu Wort: „Aber Hr. Doktor, ich bin doch gar nicht krank!“ Das war zu viel! Was heißt, er war gar nicht krank. Die Diagnosen in dieser Notaufnahme stellte nur einer. Und das war Dr. Dolor. „Wer ist hier der Arzt?“ schrie er zurück. „Aber, Herr Doktor…“
Wenn Dr. Dolor etwas nicht leiden konnte, dann war es Widerrede. Schwester Silke ahnte, was nun kommen würde. Mit Schaudern dachte sie zurück an den letzten Patienten, der Dr, Dolor widersprochen hatte. Damals hatten sie drei Tage gebraucht, um den von Dolor in Vollnarkose gesetzten Patienten unter dem intensiven Einsatz von Medikamenten wieder zu erwecken. Weil gerade Bedarfbestanden hatte, hatte Dolor ihm auch gleich die Gelegenheit genutzt und ihm eine Niere entnommen. Den Kunstfehlerprozess hatte das Krankenhaus zwar gewonnen, weil sich der Patient an nichts mehr erinnern konnte, aber Schwester Silke war der festen Überzeugung dass es sich dabei um einen einmaligen Glücksfall handelte. Es war allerdings auch zwecklos zu versuchen, Dr. Dolor von seinem Vorhaben abzubringen. Aber es war ohnehin zu spät. Während er mit der linken Hand einen Venflon setzte, keine Frage das konnte er, zog er mit der anderen Hand eine 25ml Ampulle Dormicum in der Alexanderspritze auf. Schwester Silke beschloss, die Flucht zu ergreifen, als Dolor auch noch zwei Ampullen Ketanest und Gewacalm aus dem Ärmel schüttelte. In solchen Phasen war es gefährlich, sich in seiner Nähe auch nur zu bewegen. Alles was sich auch nur im Ansatz bewegte wurde hoffnunglos niedergespritzt. Schwester Silke tastete sich vorsichtig Richtung Ausgang. Aber Dolor achtete nicht auf sie. Zu sehr war er mit seiner grausamen Rache beschäftigt. Die geleerten Ampullen warf er achtlos über die Schulter. Danach griff er zum Laryngoskop. Während er es in der Manier eines Westernhelden aus dem Gürtel zog, warf er den, vom Dormicum bereits ziemlich willenlosen Patienten mit einem gezielten Stoß gegen die Schultern rücklings auf die Liege. Während er in seinen Tubenvorräten nach dem größten Tubus suchte beschloss Dolor auf das Xylocaingel zu verzichten. Mit einem, der ihm kostbare Minuten seines Urlaubs stahl, mit so einem hatte er kein Erbarmen. Das letzte was sein Opfer hervorbrachte, bevor ihm Dolor ihm den 9,0 Tubus in den Rachen rammte, waren die Worte: „Aber Herr Doktor! Ich bin doch ihre Urlaubsvertretung!“

RS-USER-schmoelzi
20.04.2004, 09:53
Man sieht auch die nicht so ernsten Geschichten liegen dir. Mir gefällt die Story!

Anditi
20.04.2004, 09:57
Original geschrieben von schmoelzi
Man sieht auch die nicht so ernsten Geschichten liegen dir. Mir gefällt die Story!

Thx!

RS-USER-gonzo
24.04.2004, 18:56
jep, ist klasse geworden.:D :D :D

nefgeländefahrer
24.04.2004, 18:58
verdammt gut....