DUISBURG – Lange schien es, als werde der vergangene Sonnabend für Sven Taller* ein fast ereignisloser Tag. Wochen zuvor hatte er sich freiwillig zum Notarzt-Einsatz bei der Loveparade gemeldet und war am Vormittag in Duisburg eingetroffen. Doch dann wurde plötzlich ein Tunnel auf dem Weg zum Veranstaltungsgelände für zahllose Besucher zur Falle: Binnen weniger Augenblicke forderte eine Panik dort zahlreiche Opfer. Und der Patienten-Transportzug (PTZ) des 33-jährigen Anästhesisten gehörte zu den ersten, die an der Unglücksstelle eintrafen.
Mit zehn Fahrzeugen waren Sven, ein weiterer Notarzt und rund 20 Rettungsassistenten des Zuges aus einer nordrhein-westfälischen Stadt angereist – „ein zusammengewürfelter Verein, flexibel einsetzbar für jeglichen Zweck“. Da das Wetter gut war, hatten sie vor allem mit Problemen wegen der Hitze und durch Drogenkonsum von Ravern gerechnet. Sven schaute zu Hause schnell noch in die Lehrbücher, um sein Wissen über Notfälle im Zusammenhang mit Ecstasy aufzufrischen.
Doch zunächst gab es für die Männer und Frauen auf einem Bereitstellungsplatz ganz in der Nähe der Parade absolut nichts zu tun. „Wir saßen zusammen und haben ein bisschen gequatscht“. So gegen 17 Uhr, ganz genau weiß Sven es nicht mehr, bekamen sie schließlich eine kleinere Aufgabe und machten sich auf den Weg, um Personen von irgendeinem Sammelplatz abzuholen. Da wurde schlagartig der Funkverkehr der Rettungskräfte „sehr dicht“. Eine Situation sei eskaliert, erfuhren sie – es gebe Tote und Verletzte. „Es war uns sofort klar: Da ist was richtig Schlimmes passiert!“
Svens PTZ befindet sich in der Nähe und nimmt Kurs auf den Eingang zum Alten Güterbahnhof. Draußen sind jetzt Lautsprecherdurchsagen zu hören. Die Polizei versucht, die Menschen zum Verlassen des Geländes vor dem Tunnel zu bewegen. Ein Strom von Veranstaltungsbesuchern kommt den Rettungskräften entgegen, die von überall her eintreffen. Aber die Zufahrt ist an dieser Stelle nur einspurig. „Man kann da nicht einfach 100 Fahrzeuge gleichzeitig reinschicken“, gibt Sven zu bedenken.
Als sein Rettungstransportwagen (RTW) in den Tunnel rollt, sehen die Männer überall Menschen in Wärmefolien, viele auf Tragen, andere auf dem Boden sitzend. Erstversorgungsteams hatten zunächst eine Sichtung durchgeführt, und etliche Opfer tragen bereits farbige Karten um den Hals, die über die Schwere ihrer Verletzungen informierten. Mehrere leblose Körper sind mit Tüchern zugedeckt. Ein Rettungsassistent winkt das eintreffende Team heran und stellt ihm mit wenigen Worten „seinen“ Patienten vor: eine junge Frau, die unter die Menschenmassen geraten war und dabei Quetschungen erlitt, jedoch „nicht vital bedroht“ ist.
Um ihn herum herrscht „ein ziemliches Durcheinander“, aber davon nimmt der junge Notarzt nun so gut wie nichts mehr wahr. „In diesem Moment hat man nur mit diesem einzelnen Patienten zu tun. Wie fit ist er? Wurde er schon erstversorgt?“ Die Frau vor ihm ist etwa so alt wie er selbst, ansprechbar, klagt über Schmerzen. Sven führt einen „Body-Check“ von Kopf bis Fuß durch und macht ein EKG-Monitoring. Der Fahrer des RTW versucht zu klären, wohin sie gebracht werden soll – und auf welchem Wege. Eine Hubschrauberbesatzung steigt bereits mit in das Fahrzeug, doch dann fällt die Entscheidung: bodengebundener Transport in ein Duisburger Klinikum.
Die Patientin wird auf die mitgebrachte Trage umgelagert und „an Bord genommen“. Wohl nur etwa fünf Minuten hat der RTW im Tunnel verbracht, bevor er nun langsam zum Ausgang und die Straße hinauf rollt, um schnellstmöglich Platz für ein weiteres Team zu schaffen. In der Stadt sind jetzt überall Martinshörner zu hören: „Da war halb NRW vertreten“, vermutet Sven. Über Funk werden ständig weitere Hubschrauber und auch Notfallseelsorger in großer Zahl angefordert.
Während der Blaulicht-Fahrt durch die Stadt kümmern sich Arzt und Rettungsassistent um die verletzte Frau, fixieren den Hals mit einem „Stiffneck“ und injizieren Schmerzmittel. Der gelingt es, aus dem Wagen heraus ihre Familie anzurufen, und wird danach auch selbst ruhiger. Ihr ist zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, was genau in dem Tunnel passiert ist und dass es mehrere Tote gab. Sven achtet sehr darauf, dass es vorläufig so bleibt, und bereitet sich gedanklich auf die bevorstehende Übergabe der Patientin an das Krankenhaus vor.
Dort ist man personell gut aufgestellt und empfängt die eintreffenden Rettungsfahrzeuge in schneller Folge. „Offensichtlich gab es eine vernünftige Verteilung der Verletzten“ auf die Kliniken in der Region. Nach der Weitergabe seiner Befunde schreibt Sven das Einsatzprotokoll und die drei Männer kehren zu ihrem Bereitstellungsplatz zurück, wo sich nach und nach die zehn Fahrzeuge des PTZ wieder einfinden. Schon hier können die Besatzungen auf Wunsch psychosoziale Unterstützung erhalten, und auch in ihrem Heimatort ist bis zur Rückkehr der Retter gegen halb drei Uhr morgens ein PSU-Team wach geblieben.
In Anspruch genommen hat es diesmal keiner von ihnen. Das liege wohl daran, dass sich die Wahrnehmung des Geschehens auf mehreren Ebenen abspielt, vermutet Sven. „Dass das ein Riesen-Unglück und unheimlich tragisch war“, werde in vollem Umfang erst später und vor allem durch die Medien klar. „Im Einsatz habe ich mir ständig vor Augen geführt: Du kannst nicht die ganze Situation beherrschen, und das ist auch nicht deine Aufgabe. Aber dem einen Patienten helfen, den ich gleich bekomme, das kann ich gut. Diese Einstellung kann viel Stress aus der Sache nehmen.“
*Name von der Redaktion geändert