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Kollegialer Umgang mit den Studenten

Jungmedizinerin berichtet über ihre Eindrücke während eines Auslandssemesters im polnischen Krakau

Redaktion (MEDI-LEARN)

Das polnisch-amerikanische Institut für Pädiatrie in Krakau sowie das Institut für Transplantologie befinden sich in einem Gebäudekomplex am südöstlichen Stadtrand. Während eines Auslandssemesters habe ich dort unter anderem an Kursen in der Kinderklinik teilgenommen. Unterrichtet wurde sechs Stunden pro Woche, aufgeteilt in eine eineinhalbstündige Vorlesung und ein 45-minütiges Seminar. Die übrige Zeit fanden auf Station als Blockpraktikum statt. Außerdem gab es noch Vorlesungen auf dem Campusgelände – insgesamt etwa 86 Stunden. Das ist in Krakau gerade einmal die Propädeutik der Pädiatrie, denn das Fach beginnt im 3. und endet im 6. Studienjahr, sodass man auf insgesamt rund 400 Veranstaltungsstunden kommt. Der Unterricht fing um 8 Uhr in einem großen Hörsaal im Klinikgebäude an. Nach der Vorlesung haben wir in Gruppen von 15 bis 20 Personen die Dinge durchgesprochen, die wir dann auf Station üben sollten. Meine Gruppe war für die Kinderkardiologie eingeteilt.
Anamnese-Gespräche und körperliche Untersuchung konnten wir hier gut üben, denn ein Teil der Kinder war älter als zehn Jahre und recht gesprächig. Die Kleineren konnten wir nur schwer befragen, und meistens haben dann die Mütter berichtet. Den Krankheitsverlauf konnten diejenigen von ihnen besonders gut schildern, die von Geburt an immer wieder zu Eingriffen und Arztbesuchen mitfahren mussten. Sie sind quasi zu Spezialisten für ihre Kinder geworden, gut informiert über mögliche Komplikationen und Ausnahmezustände.


Behandlung vonEinkammrigen Herzen

Die Klinik ist europaweit bekannt für die Behandlung von Herzfehlern bei Säuglingen und kleinen Kindern. Einzelnen Ärzten sowie Teams wurden mehrfach internationale Auszeichnungen verliehen. Im vergangenen Jahr gab es bedeutende Fortschritte in der Behandlung von einkammrigen Herzen, was mit dem „Congenital heart surgery investigator Award“ ausgezeichnet wurde.
Im Jahre 2009 wurde ein Säugling wegen eines Herzfehlers operiert. Es stellte sich heraus, dass der Herzmuskel insuffizient war. Im Verlauf der Operation kam es gehäuft zu Kammerflimmern und das kleine Kind musste viele Male reanimiert werden. Da bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Spenderorgan gefunden werden konnte, sollte eine künstliche Herzkammer implantiert werden. Das Implantat samt notwendiger Apparatur wurde von zwei Berliner Firmenvertretern nach Krakau gebracht, die fest davon überzeugt waren, dass Kardiochirurgen aus Deutschland es implantieren würden.
Sie waren sehr überrascht, als sie den Standard des Kinderzentrums sahen und erfuhren, wie fortgeschritten die Transplantologie und die Kardiochirurgie hier war. Die deutschen Fachleute beobachteten den Verlauf der OP und konnten es kaum glauben, als das Implantat etwa das Dreifache der Regelzeit funktionierte. Als nach einem Jahr ein Spenderherz gefunden wurde, kamen Kollegen aus dem schlesischen Zabrze zu Hilfe. In einer sechsstündigen OP konnte das zum Teil künstliche Herz gegen ein gesundes Organ ausgetauscht werden. Der Fall war ein Durchbruch in der Kinder-Transplantologie. In Zukunft sollen weitere Spezialisten die Technik erlernen, verbessern und in Krakau anwenden.
Nicht nur auf dem Gebiet der Kardiochirurgie, auch auf dem der Urologie und der rekonstruktiven Chirurgie kommen innovative Methoden zum Einsatz. Große Hoffnungen weckt die laparoskopische Rekonstruktion bei angeborenen Fehlern im Urogenitaltrakt, die Regeneration von Schleimhautgewebe in einer experimentellen, künstlichen Blase und die systemische Tumortherapie bei  Nierenkarzinom. Bei hochgradiger Öso­phagusatresie konnten mit Hilfe von Neo-
dym-Magneten die beiden Speiseröhren-enden zum Wachstum angeregt werden – innerhalb von drei Monaten näherten sie sich einander an und verwuchsen schließlich selbständig.

Das Institut für Pädiatrie

Ein weiteres Praktikum machte ich dann auf der Station für Innere Medizin und Geriatrie der Uni-Klinik. Sie besteht aus einem Teil für Männer und einem für Frauen. Am häufigsten sind Herz-Kreislauf-Erkrankun­gen, beispielsweise Herzinsuffizienz, Patienten nach Myokardinfarkt oder Bypass-Operationen, Arrhythmien oder Blut­hochdruck, sowie chronische Lungenerkrankungen. Die meisten Patienten sind über 70 Jahre alt und fast alle multimorbid. Die verschiedenen Arzneimittel, die sie einnehmen, verursachen Wechselwirkungen, die zu bedrohlichen Situationen führen können.
Nach so einer Episode werden Patienten für einige Zeit aufgenommen. Um weitere Komplikationen zu vermeiden, werden sie auf Station neu eingestellt. Neben der Akutbehandlung werden auch Kontrolluntersuchungen durchgeführt. Die Klinik liegt auf dem Gelände der medizinischen Fakultät, und zu Konsultationen werden entweder die Patienten in die benachbarten Gebäude gebracht oder in schweren Fällen ein Facharzt oder ein interdisziplinäres Ärztekonsil einberufen.
Da ich als Praktikant viel Zeit für Anamnesegespräche hatte, konnte ich diese sehr gut üben. Es ist erstaunlich, wie viel gesprächiger Patienten sind, wenn sie ihre Geschichte einem jüngeren Mediziner erzählen statt den älteren Ärzten. Die Barriere, die sie vom Herrn oder von Frau Doktor trennt, verhindert oft Fragen oder eigene Überlegungen. So kommen oft Einzelheiten nicht zur Sprache, die das Krankheitsbild möglicherweise anders erscheinen lassen.

Eine ältere Patientin hatte mehrere Tage lang ihre Krankenakte mit jahrelanger Dokumentation aus einer anderen Klinik bei sich im Bettschränkchen. Den Ärzten fehlten die Informationen, die Patientin sagte aber nichts, weil sie nicht danach gefragt wurde. Als ich mich mit ihr eine Weile unterhalten hatte, gab sie mir die Akte. Sie meinte, sie sei mit ihrem Bett “dazugeschoben” worden. Danach waren alle so aufgeregt, dass sie sich nicht mehr traute, etwas zu sagen. So ist das eben manchmal ...
Ein großer Teil der Patienten leidet an Leberzirrhose und Aszites. Ursache sind vor allem Alkohol oder langjährige Medikamenteneinnahme. Meistens ist den Kranken nicht klar, wie viel Wasser sie einlagern, und von Verwandten und Nachbarn werden sie schlicht für fett gehalten. Also gehen sie nicht von allein zum Arzt. Erst nach Jahren, wenn sie zum Hausarzt kommen (wegen Schlafstörungen beispielsweise) wird klar, dass schwere Schädigungen vorliegen. Innerhalb einer Woche auf Station können diese Patienten mittels Diuretika mehr als acht Liter Wasser verlieren.

Meine Praktika in Krakau waren in vieler Hinsicht Gewinn bringend für mich. Die Ärzte behandeln Studenten in den höheren Fachsemestern meistens wie jüngere Kollegen, die bestimmte Techniken und Verfahren kennen lernen sollen. Der Altersabstand ist ja oft nicht sehr groß, sodass es viel Spaß macht, miteinander zu diskutieren. Eigene Überlegungen und Fragen sind auf jeden Fall erwünscht, strenges Abfragen gab es nur bei Prüfungen. Im Praktikum war ich sehr viel entspannter als das übrige Jahr und konnte nicht zuletzt deshalb die Zusammenhänge leichter verstehen.
Der Abschied von der Kinderklinik fiel mir schwer, denn hier schwingt viel mehr Hoffnung mit als in anderen Bereichen. Geriatrie war wie das Gegenbild dazu: In vielen Fällen gab es kaum Aussicht auf Verbesserung der Lebensqualität, und viele Patienten in sehr schlechtem Zustand. Ich habe mich für ein weiteres Praktikum in der Kinder-Reha angemeldet, um an der Stelle weiter zu machen, die mir am meisten gefallen hat. Falls auch dieses Praktikum hoffentlich gut verläuft, überlege ich eine ähnliche Richtung für mein drittes PJ- Tertial zu wählen.

 

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