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Tiefe Enttäuschung führt zur Inneren Kündigung

Viele Assistenzärzte wechseln noch während der Weiterbildungszeit

MEDI-LEARN Redaktion

Gestresst

Lang ist es her, dass Arbeitsverhältnisse mit derselben dauerhaften Perspektive eingegangen wurden wie Ehen – idealerweise bis zur Rente oder bis dass der Tod sie scheidet. Heutzutage bindet man sich mit seiner Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag nicht mehr auf ewig, und in mehr als der Hälfte aller Fälle auch vor dem Standesbeamten nicht.

Kündigungen durch Mediziner noch während ihrer Zeit als Assistenzarzt sind zu einem häufigen Phänomen geworden. Während umgekehrt für einen Rauswurf im Regelfall massive und objektive Gründe wie mehrfache schuldhafte Abwesenheit oder Nicht-Erledigung wichtiger Aufgaben trotz Aufforderung vorliegen müssen, reicht für den Angestellten das Einhalten der Kündigungsfrist.

Diese ist während der normalerweise sechsmonatigen Probezeit mit nur zwei Wochen für beide Seiten noch recht kurz und verlängert sich laut Gesetz danach zunächst auf einen, im Laufe langer Zeit schließlich auf zwei, drei und mehr Monate. In der Realität aber wünschen sich nach dem ersten halben Jahr insbesondere die Arbeitgeber mehr Planungssicherheit und legen lieber gleich eine dreimonatige Kündigungsfrist im Vertrag fest.
Soll bis zu einem geplanten Jobwechsel dann aber doch kein ganzes Vierteljahr vergehen, lässt sich diese Frist später durchaus wieder abkürzen. Allerdings wäre dafür ein einvernehmlich geschlossener „Aufhebungsvertrag“ erforderlich, damit der Vorgang in deinem Lebenslauf keine dauerhaften Kratzer hinterlässt. Vermutlich wird der bisherige Arbeitgeber aber wenigstens zu einem Kompromiss bereit sein: Wenn jemand zum Gehen fest entschlossen ist, macht Querstellen bis zum Schluss kaum Sinn.

Tatsächlich spielen Kündigungen sich ja hauptsächlich im Kopf ab – die Gründe sind meist viel stärker psychologischer als juristischer Art: Arbeitsbedingungen werden als belastend empfunden, die Weiterbildung verläuft schleppend, tritt vielleicht seit langem auf der Stelle, man hat zum neuen Chef „keinen Draht“ oder kommt mit bestimmten Kollegen nicht zurecht. Vor dem Brief ans Personalbüro wurde in solchen Fällen vermutlich längst die Innere Kündigung geschrieben.

Typische Folgen sind „Dienst nach Vorschrift“, nachlassendes Engagement für die eigene berufliche Entwicklung und eine generelle Distanzierung, die oft in Zynismus ihren Ausdruck findet: Es hat ja doch alles keinen Zweck ... Die tiefe Enttäuschung des Angestellten kann zu psychosomatischen Erkrankungen führen: Wenn du morgens schon mit Magenschmerzen zur Arbeit gehst, ist das eine Warnung deines Körpers, die unbedingt ernst zu nehmen ist. Deine Gesundheit geht definitiv vor, aber die Kündigung des Vertrages sollte dennoch das letzte Mittel bleiben.

Zuvor gibt es nämlich noch diverse lohnenswerte Alternativen. Je nach Lage der Dinge kannst du dich an deine Kollegen wenden, deinen direkten Vorgesetzten ansprechen oder beides. Wahrscheinlich gibt es in deinem Freundeskreis weitere Mediziner, deren Meinung eventuell hilfreich für dich ist. Such im Forum von MEDI-LEARN „Leidensgenossen“ und tausche dich mit ihnen über das aus, was dir an deinem Arbeitsplatz zu schaffen macht. Das geht auch anonym und ohne genau zu sagen, wo du beschäftigt bist.

Viele Arbeitnehmer zögern, sich an den Betriebsrat zu wenden, weil das angeblich „vom Chef nicht gern gesehen“ wird. Eine vermeidbare Kündigung würde der aber sicher noch viel weniger wollen, und einen Betriebsrat gibt es in Krankenhäusern aus gutem Grund. Behalte auch diese Möglichkeit also zumindest im Blick: Vielleicht lässt sich gemeinsam mit ihm eine Lösung finden, etwa ein Wechsel innerhalb der Klinik.

unser Tipp

Überlege Dir gut, nach welchen Zeitabschnitten Du kündigen möchtest, da unter Umständen sonst nicht alle von Dir geleistete Arbeitszeit auf die Weiterbildung angerechnet wird. Ein Blick in die WBO zuvor sollte lohnenswert sein.
Darüber hinaus gibt es ein paar einfache Methoden, die eigene Wahrnehmung deiner Situation günstig zu verändern: Lege für dich eine erneute „Probezeit“ von zum Beispiel drei Monaten fest, nach der du – unverzüglich und endgültig – über den Verbleib oder Weggang entscheiden wirst. Das kann den emotionalen Druck erheblich vermindern und gibt dir die Chance zu relativ selbstbestimmten Handeln. Die Zwischenzeit kannst und solltest du nutzen, dir Stellenanzeigen im Internet oder im Ärzteblatt anzuschauen und zu überlegen, wo du gerne arbeiten würdest. So kreist du gedanklich nicht immer nur um den einen Arbeitsplatz, den du gegenwärtig hast und an dem du dich nicht wohlfühlst.

Keine weitere Zeit solltest du jedoch verlieren, wenn deine Gefühle sich durch die genannten Maßnahmen offenkundig nicht kontrollieren lassen. Wenn dir immer die gleichen Gedanken im Kopf herumgehen. Wenn deine Stimmung immer schlechter wird und dich der Lebensmut zu verlassen droht. Das kommt bei Ärzten häufiger vor als bei den meisten anderen Berufsgruppen. Spätestens dann brauchen auch sie, die professionellen Helfer, dringend selbst professionelle Hilfe. Und das schnell, denn manches wird durch Abwarten nicht besser, sondern nur noch schlimmer. Das für die Seele eben so sehr wie für den Körper.