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'Warum bin ich immer so schlapp?'

Patientin klagt über Blässe und Müdigkeit

Gastartikel MMW

 


Wir freuen uns, den Besuchern unserer Webseite an dieser Stelle in regelmäßiger Reihenfolge lesenswerte Gastartikel aus der renommierten Zeitschrift MMW Fortschritte der Medizin präsentieren zu können. Am Ende des Artikel findet sich ein Hinweis auf volle 12 Ausgaben eines unverbindlichen und kostenlosen Testabos.



Heutiger Gastbeitrag:
Patientin klagt über Blässe und Müdigkeit - Warum bin ich immer so schlapp?
Quelle: MMW Fortschritte der Medizin Heft 33,2010



Die 35-jährige, sehr schlanke Angestellte und alleinerziehende Mutter sucht die Praxis auf, weil sie seit Monaten müde und erschöpft ist. Beim Treppensteigen hat sie mehr Atemnot als ihre völlig untrainierte gleichaltrige Arbeitskollegin, zudem berichtet sie über häufige Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Mehrfach wurde sie von Bekannten darauf angesprochen, dass sie sehr blass im Gesicht sei. Das Gewicht war in den letzten Monaten konstant, der Appetit gut, sie hatte keine Bauchschmerzen und der Stuhlgang wird als normal angegeben.

Bei der Untersuchung fällt eine ausgeprägte Blässe der Mundschleimhaut und der Konjunktiven auf. Bei einem Ruhepuls von 102/min und einem Blutdruck von 104/70 mmHg ist über der Aorta ein spindelförmiges 2/6-Systolikum auszukultieren. Der pulmonale Auskultationsbefund und die Untersuchung des Abdomens sind unauffällig. Unter der Verdachtsdiagnose einer Anämie wird eine Basis-Laboruntersuchung durchgeführt (Tab. 1).

Bei der Patientin liegt die Konstellation einer hypochromen und mikrozytären Anämie vor. Unter Berücksichtigung des niedrigen Serum-Ferritins ist die Diagnose einer Eisenmangelanämie sicherzustellen. Nun erhebt sich die Frage, woher der Eisenmangel rührt. Die Ergänzung der Anamnese führt auf die Spur. Die Patientin gibt an, sie habe seit vielen Monaten sehr starke und verlängerte Regelblutungen. Zudem esse sie sehr wenig Fleisch.

Anhaltspunkte aus dem Labor

Die Anämie ist definiert als eine Verminderung der Hämoglobinkonzentration (Hb) unter den alters- und geschlechtsspezifischen Referenzbereich. Nach der WHO-Definition liegt die untere Hb- Grenze für Männer bei 13,0 g/dl, für Frauen bei 12,0 g/dl. I. d. R.wird eine Abnahme der Hämoglobinkonzentration von einem Abfall der absoluten Erythrozytenzahl und des Hämatokrits (HKT) begleitet. Allerdings können diese Parameter trotz eines verminderten Hämoglobins auch im Referenzbereich liegen und eignen sich daher nicht als Anämie-Suchtests.

Anamnese bei Anämie

Die allgemeine Anamnese hebt zunächst auf A-priori-Wahrscheinlichkeiten anhand allgemeiner Konstellationen ab. Bei jungen Frauen wird man als Erstes Menorrhagien vermuten und eine Regelanamnese erheben, bei älteren Patienten hat man stets ein Malignom im Hinterkopf und fragt nach Appetit, Gewichtsverlauf, Stuhlverhalten und Leistungsfähigkeit. Bei Patienten aus den Mittelmeerländern ist eine Thalassämie möglich. Darüber hinaus fragt man nach dem Auftreten von Anämien in der Familie, Vorerkrankungen, z. B. einen Herzklappenersatz, nach Fieberschüben, Schmerzattacken, Gelbverfärbungen der Konjunktiven oder Braunverfärbung des Urins, neurologischen Störungen, Haut- und Schleimhautveränderungen, Gallensteinleiden und Nierenschäden. Nicht zuletzt sollte man nach der (auch einmaligen) Einnahme von Medikamenten fragen.
Symptomatik und klinische Befunde

Die klinischen Symptome der Anämie entstehen durch eine Verminderung des sauerstofftransportierenden Hämoglobins und der sich daraus ergebenden Hypoxie sowie durch eine Verkleinerung des Gesamtblutvolumens. Leichte Anämieformen sind i. d. R. asymptomatisch, erst bei Hämoglobinwerten unter 9 g/dl stellen sich Symptome ein. Bei rasch entstandenen Anämien stehen die Herz-Kreislauf-Symptomatik mit Blutdruckabfall und Tachykardie sowie die hypoxiebedingte Kurzatmigkeit im Vordergrund. Aufgrund der hyperzirkulatorischen Kreislaufsituation sind häufig funktionelle systolische Geräusche auskultierbar. Bei langsam entstandenen Anämieformen bleibt das Gesamtblutvolumen durch den Einstrom extrazellulärer Flüssigkeit meist ausreichend und die Kreislaufsymptomatik ist daher weniger ausgeprägt. Die chronische Anämie ruft v. a. Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Schwäche, Leistungsabfall und Kopfschmerzen hervor.

Die Hautfarbe stellt keinen zuverlässigen Indikator für eine Anämie dar, da sie in erster Linie von der gefäßbedingten Durchblutung und der Pigmentierung und weniger vom Hämoglobingehalt abhängt. Zuverlässiger sind die Blässe der Konjunktiven und insbesondere die Farbe der Handinnenflächen, die allerdings erst bei einem Hämoglobingehalt unter 7 g/dl ihre rosige Farbe verlieren. Bei speziellen Anämieformen kann jedoch die Hautfarbe diagnostisch wegweisend sein. Beispiele hierfür sind der grünliche Unterton der Hautfarbe bei der Eisenmangelanämie und das strohgelbe Hautkolorit bei der perniziösen Anämie.

Neben Hämoglobin und Hämatokrit sind MCV und MCH bei jeder Blutbildbestimmung verfügbar. Allein durch die Interpretation der Erythrozytengröße können die diagnostischen Wahrscheinlichkeiten deutlich eingeengt werden (Tab 2).


Hinweis: Dieser Artikel stammt aus (MMW Fortschritte der Medizin, Heft 33, 2010). Er wurde mit freundlicher Genehmigung der Redaktion MMW Fortschritte der Medizin hier präsentiert.

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