Liegt eine Depression vor?
In jedem Fall sollte der Hausarzt sein Augenmerk auf den psychopathologischen Befund richten; nicht selten verbirgt sich hinter einer neu aufgetretenen Durchschlafstörung eine beginnende Depression, die einer angemessenen Behandlung bedarf.
Therapie
Sofern eine körperliche oder psychische Erkrankung als Ursache für die Insomnie identifiziert werden kann, besteht die Therapie in der Behandlung der Grunderkrankung.
Regeln für einen gesunden Schlaf
Ist dies nicht der Fall, sollte das Augenmerk auf etwaige Verstöße gegen die „Regeln zur Schlafhygiene“ (Tab. 2) gerichtet werden. Manche Patienten haben Gewohnheiten, die ihre Schlafstörung aufrechterhalten. Diesen kann man durch aufklärende Gespräche über die Grundregeln für einen gesunden Schlaf („Psychoedukation“) entgegenwirken. Ein Beispiel dafür ist der schlafstörende Umgang mit Genussmitteln; spätestens ab dem mittleren Lebensalter ist regelmäßiger abendlicher Alkoholgenuss, sofern er ein gewisses Maß übersteigt, eine sehr häufige Ursache für Durchschlafstörungen – ein Zusammenhang, der vom Patienten kaum je wahrgenommen wird.
Medikamentöse Therapie
Bei akuten Schlafstörungen können selbstverständlich auch Medikamente gegeben werden. Sofern es sich dabei um Schlafmittel (Hypnotika) im engeren Sinne handelt, ist die Behandlungsdauer auf maximal vier Wochen zu beschränken; dies bezieht sich auf Benzodiazepine sowie die Benzodiazepin- Rezeptor-Agonisten Zopiclon (z. B. Ximovan®), Zolpidem (z. B. Stilnox®) und Zaleplon (z. B. Sonata®). Bei chronischen Insomnien sollten schlaffördernde Antidepressiva und Neuroleptika wie Mirtazapin (z. B. Remergil ®) oder Quetiapin (Seroquel®) bevorzugt werden, jeweils in niedriger Dosierung [4]. In diesen Fällen sollte dem Patienten erklärt werden, dass es sich dabei nicht um eine langzeitige „Substitutionstherapie“ handelt, sondern um so etwas wie eine „Krücke“, die helfen soll, den Teufelskreis zwischen ängstlicher Erwartung und schlechtem Schlaf, der sich hier häufig findet, zu unterbrechen. Der Körper, speziell das Gehirn, soll gewissermaßen die schlechte Gewohnheit der Insomnie ablegen und sich wieder einen normalen Schlaf angewöhnen.
Wann überweisen?
Der Hausarzt kann, wenn er die vorstehend beschriebenen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten ausschöpft, häufig eine definitive Diagnose stellen und auch selbst eine effiziente Behandlung durchführen. Führt diese Behandlung nicht zum Ziel, oder besteht der Eindruck, dass komplizierende Faktoren die chronische Schlafstörung mit beeinflussen, sollte er eine Überweisung zu einem Facharzt veranlassen, etwa zum Psychiater, wenn eine schwere Depression vorliegt, oder zu einem Pneumologen oder HNOArzt, wenn bei Verdacht auf Schlafapnoe die Indikation zu einer entsprechenden ambulanten Screeninguntersuchung besteht. In besonderen Fällen wird er auch eine Überweisung in ein schlafmedizinisches Zentrum veranlassen; Tabelle 3 gibt einen Überblick über die entsprechenden Indikationen.
Tabelle 3 - Indikationen zur Überweisung in ein schlafmedizinisches Zentrum
Unklare Parasomnien
Chronische Hypersomnie ohne erkennbare Grunderkrankung
Chronische Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus
Chronische Insomnie: nur dann, wenn der Verdacht auf einen organischen Faktor besteht (z.B. periodische Beinbewegungen im Schlaf) oder wenn bisherige Behandlungsversuche erfolglos blieben.
Verdacht auf ausgeprägte Schlafwahrnehmungsstörung (extreme Diskrepanz zwischen subjektiv erlebter Insomnie und fremdanamnestischen Angaben)
Besonders komplexe diagnostische oder therapeutische Problemstellungen, deren Lösung eine breitere schlafmedizinische Erfahrung erfordert
Literatur unter www.mmw.de
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych.
Michael H. Wiegand
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und
Psychotherapie der TU München
Klinikum rechts der Isar
Ismaninger Straße 22
D-81675 München
Tel.
089 4140-4248
Fax: 089 4140-4245
E-Mail: michael.wiegand@lrz.tum.de
Fazit für die Praxis
Im Rahmen der hausärztlichen Basisdiagnostik können viele Schlafstörungen definitiv diagnostiziert werden. Wesentliche Elemente sind dabei die allgemeinmedizinische Anamneseerhebung sowie die Erfassung der aktuellen Phänomenologie der Störung, auch unter Zuhilfenahme von Schlaftagebüchern und fremdanamnestischen Angaben. Bei chronischen Schlafstörungen ist dabei besonders auf ungünstige, den „schlafhygienischen“ Regeln widersprechende Gewohnheiten zu achten. Wichtig ist die Identifikation oder der Ausschluss von körperlichen oder seelischen Grunderkrankungen, deren Symptom die Schlafstörung sein kann. Im Mittelpunkt der Behandlung sollte die Korrektur dysfunktionaler schlafbezogener Verhaltensweisen stehen. In akuten Fällen kann auch eine Behandlung mit Schlafmitteln sinnvoll sein; bei chronischen Insomnien sollten dabei Benzodiazepine und Benzodiazepin-Rezeptor- Agonisten vermieden und schlaffördernde Antidepressiva und Neuroleptika in niedriger Dosis bevorzugt werden. Bei Therapieresistenz oder komplizierenden Faktoren ist eine Überweisung zum Facharzt oder in ein schlafmedizinisches Zentrum unerlässlich.
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