Im internationalen Vergleich kommt das deutsche Bildungssystem meistens schlecht weg. Dabei hat es durchaus seine guten Seiten, zum Beispiel das Fehlen jeglicher Altersgrenzen. Niemand muss auf den Abschluss seiner Träume verzichten, weil er zum Lernen angeblich zu alt ist. Und tatsächlich beginnen viele Menschen hierzulande ein Studium nach dem 30. Geburtstag. Das ist zwar in mancher Hinsicht schwieriger als direkt nach dem Abitur, aber es hat auch den einen oder anderen Vorteil.
Das größte Problem ist regelmäßig die Finanzierung, denn BAföG bekommt man in solchen Fällen grundsätzlich nicht und die Chancen auf ein Stipendium sind extrem schlecht. Die Eltern müssen dir keinen Unterhalt mehr zahlen und werden es mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht freiwillig tun. Andererseits ist das Studentenleben über 30 in einigen Punkten teurer. Statt kostenlos bei den Eltern mitversichert zu sein, zahlen die meisten um die 170 Euro pro Monat aus eigener Tasche an die Krankenkasse.
So ist das Studium über 30 fast immer ein Spagat zwischen der Zeit, die man zum Lernen aufwenden muss, und den Stunden, die man für das Geldverdienen opfert. Von „sechs mageren Jahren“ war im MEDI-LEARN-Forum die Rede, als das Thema kürzlich dort diskutiert wurde. Und ganz besonders kompliziert wird die Sache für jene, die bereits eine Familie gegründet haben. „Wie organisiere ich meinen Alltag?“ wird dann zur zentralen Frage, die sich aber letztlich erst klären wird, wenn man den Studentenausweis bereits in der Tasche hat.
Der Grund, aus dem Berufsleben in eine Ausbildung zurückzukehren, ist fast immer derselbe: Die bisherige Arbeit war nicht befriedigend oder jedenfalls nicht das, was man bis zur Rente weitermachen wollte, auch wenn es vielleicht gut bezahlt wurde. Für die Freiheit, noch mal komplett die Richtung zu ändern, nehmen die Spätstarter manche Zweifel und Sorgen in Kauf: Werden sie an der Uni isoliert sein oder ohne weiteres Kontakte knüpfen können? Kann ich noch so gut lernen wie mit 20? Habe ich nach dem Examen überhaupt Chancen auf dem Arbeitsmarkt?
Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Jenseits der 30 ist Studieren nämlich in gewisser Weise sogar angenehmer: Weder Eltern noch BAföG-Amt sitzen dir im Nacken. Nächtelange Computerspiele und hochprozentige Partys stellen kaum noch eine Versuchung dar. Überhaupt musst du nicht erst noch zu dir selber finden, sondern hast eine konkrete Motivation und klarer vor Augen, warum du diese Ausbildung machst. Vermutlich ist es ja nicht deine erste, weshalb du nun an manche früher scheinbar lebensentscheidenden Hürden erheblich gelassener herangehst. Und zum Lernen ist man übrigens nie zu alt.