Das Chirurgie-Tertial im Praktischen Jahr (PJ) führte mich für vier Monate an die französische Mittelmeerküste. Dort wo viele einfach nur Urlaub machen, wollte ich Chirurgie erlernen. Nizza zählt mit fast 500 000 Einwohnern zu den großen Städten in Frankreich. Die herrliche Lage am Mittelmeer und fast 300 Sonnentage im Jahr verleihen der Gegend einen unglaublichen Reiz. Doch nicht nur die Region ist bekannt. Auch die Universität „Nice - Sophia Antipolis“ ist eine gute Adresse für die medizinische Ausbildung.
Sprache und Bewerbung
Da in Frankreich fast ausschließlich nur Französisch gesprochen wird ist es ratsam, wenigstens Grundkenntnisse der Sprache zu beherrschen. Zwar verstehen einige Ärzte und auch die Studenten etwas Englisch oder Deutsch. Es erleichtert jedoch viel in der täglichen Arbeit, wenn man die Sprache ein wenig versteht.
Die Bewerbung für eine Famulatur oder ein PJ – Tertial richtet man schon mit dem Fächerwunsch direkt an die medizinische Fakultät in Nizza. Vom Büro für „Internationale Angelegenheiten“ gibt es eine Übersicht über die freien Plätze in den verschiedenen Krankenhäusern. Von hier aus wird auch die Vergabe, Planung und Einschreibung für den Praktikumsplatz übernommen. Wichtig zu wissen ist, dass in Nizza die Praktika jeweils zum ungeraden Monat also z.B. Januar, März oder Mai anfangen und dann zwei Monate Dauer haben. Für mein erstes Praktikum wählte ich „Chirurgie Vasculaire“, Gefäßchirurgie im Hopital St. Roch, welches direkt im Zentrum von Nizza liegt. Die beiden anderen Monate absolvierte ich in der Notfallchirurgie bzw. Notaufnahmestation im gleichen Krankenhaus.
Mein erster Einsatz - Gefäßchirurgie
Am ersten Tag des „Stages“ (Praktikum) gab uns der Chef persönlich, Prof. Batt, eine Einführung. Er erklärte den organisatorischen Ablauf und erläuterte, welches unsere Aufgaben waren. Gemeinsam mit sechs französischen Studenten und einer Erasmus Studentin wurden wir auf zwei Stationen eingeteilt. Neben der Assistenz bei der täglichen Visite sollten wir Patienten untersuchen, aufnehmen und die Anamnese erheben. Wichtig das alle unsere Untersuchungen in den sog. „Dossiers“, den Krankenakten, dokumentiert werden mussten!
Ebenfalls sollten wir Laborbefunde interpretieren und dokumentieren. Neben der Arbeit auf Station konnten wir auch in den Operationssaal gehen. Da die französischen Studenten nachmittags meist Vorlesungen und Seminare haben, war das meine große Chance, zu dieser Zeit oft im OP zu sein. Ich konnte so bei vielen gefäßchirurgischen Operationen assistieren.
Jeden Montag, Dienstag und Freitag gab es vormittags die sog. „Cours“, eine Art Seminar. Der Chef oder ein Facharzt erklärten in kleinen Vorträgen verschiedene gefäßchirurgische Krankheitsbilder oder Operationstechniken. Daneben wurden aber auch medizinisch relevante Dinge, wie z.B. das Bearbeiten und Interpretieren von Studien durchgesprochen.
Für mich war in den Kursen immer wieder beeindruckend, welches fachliche Wissen die französischen Studenten haben.
Ausbildungssystem in Frankreich und „Stage“
Anders als bei uns ist das Medizinstudium in Frankreich ähnlich einer schulischen Ausbildung bis zum Facharzt. Nach dem ersten Studienjahr absolvieren alle Studenten einer Fakultät einen sog. „Concours“. Der „Concours“ ist ähnlich unserem Physikum, jedoch ist die Durchfallquote viel höher. Von knapp 1000 Studenten in Nizza die an der Prüfung teilnehmen, schaffen nur ca. 15-20% das Examen.
Ab dem zweiten Studienjahr beginnt dann die klinische Ausbildung. In vielen Punkten ist das französische Medizinstudium unserer Ausbildung gleich. Die Studenten haben genauso wie in Deutschland auch Vorlesungen, Seminare und POLs. Jedoch müssen sie ab dem 4. Studienjahr immer vormittags die „Stages“ absolvieren. Hier sind sie in verschiedenen Bereichen eingeteilt. Die Studenten gehören hierdurch zum festen „Team“ einer Station und erfüllen bestimmte medizinische Aufgaben. Dadurch erfolgt schon sehr früh im Studium „Praxisnähe“.
Nach dem sechsten Studienjahr gibt es ähnlich unserem Hammerexamen (2. Ärztliche Prüfung) einen weiteren „Concours“. Dieser ist besonders wichtig, denn das Ergebnis entscheidet darüber, wo und in welchem Fach die Facharztausbildung absolviert werden kann! Soll heißen, je besser man hier abschneidet, je eher kann man seine Fachrichtung und auch seinen Ausbildungsort wählen. Die freie Wahl einer Weiterbildungsstelle, wie z.B. in Deutschland gibt es in Frankreich nicht!
Unfallchirurgie und SAMU
Der zweite Teil meines Tertials brachte mich in die „Chirurgie Urgence“, was ähnlich einer chirurgischen Notaufnahmestation ist. Die Patienten kamen über die Notaufnahme direkt auf unsere Station und wurden hier weiterbehandelt bzw. für eine Operation vorbereitet. Meist handelte es sich um visceralchirurgische Eingriffe, bei denen ich dann auch assistieren konnte.
Wie schon beim ersten „Stage“ war ich mit französischen Studenten eingeteilt. Gemeinsam begleiteten wir die tägliche Visite und sprachen im Anschluss über Diagnostik und Therapie unserer Patienten. Prof. Baque, der Chef der Abteilung wollte zu jeder Diagnose immer gleich mehrere Diffenzialdiagnosen wissen. Auch waren ihm die sog. „mot-clé“, also Schlüsselwörter zu den Krankheiten wichtig. Anders als bei unseren „Multiple Choice“ Prüfungen, müssen die französischen Studenten in ihren Examina kleinere Texte hinschreiben. Diese sollten zu den beschriebenen Krankheiten alle wichtigen Begriffe enthalten, nach denen auch die Bewertung erfolgt.
Im Rahmen meines Tertials auf der „Chirurgie Urgence“ hatte ich auch die Möglichkeit, das französische Notarztsystem SAMU (Service d´aide medicale urgent) kennen zulernen. Eine Woche lang konnte ich auf einem Notarztwagen hospitieren bzw. in der Notrufzentrale gemeinsam mit einem Arzt Notrufe entgegen nehmen.
Anders als in Deutschland werden die Anrufe für lebensbedrohliche Zustände direkt von einem Arzt angenommen. Er bespricht mit dem Anrufer genau den Notfallhergang. Nur seine telefonische Anamnese entscheidet, ob ein Arzt notwendig ist oder nicht.
Freizeit in Nizza
Neben der täglichen Arbeit im Krankenhaus gibt es in Nizza natürlich viel zu unternehmen. Die Stadt bietet mit über 22 Museen eine kulturelle Vielfalt. Nicht umsonst bewirbt sich die Metropole als Kulturstadt Europas 2013. Aber auch die Region Alpes-Maritime bietet viel Sehenswertes. Städte wie Antibes, Cannes oder Menton laden zum bummeln und flanieren ein. Ein besonderer Höhepunkt ist sicherlich auch der Stadtstadt Monaco, der nur ca. 30 km von Nizza entfernt ist.
Unterbringung und Finanzen
Für eine Famulatur oder ein PJ Tertial entstehen derzeit keine Studiengebühren an der Uni Nizza. Jedoch bekommt man anders als die französischen Studenten auch kein Geld oder eine monatliche Aufwandsentschädigung.
Wer in Nizza eine Unterkunft braucht, kann direkt in der Fakultät anfragen. Sie vermittelt Plätze in einem der Studentenwohnheime. Ein Zimmer in einer WG ist ebenfalls in der Fakultät am schwarzen Brett zu finden.
Jedoch sollte man immer bedenken, dass die Cote d’Azur und besonders Nizza eine der teuersten Regionen Frankreichs und auch Europas ist! Das spiegelt sich in den Preisen für ein Zimmer (zwischen 250 – 350 EUR), aber auch vielen anderen Dingen wieder!
Trotz der Preise bleibt die Gegend auch eine der schönsten in Europa und es lohnt sich, dort mal ein wenig Zeit zu verbringen!
Fazit
Das PJ Tertial in Nizza war für mich eine tolle und beeindruckende Zeit. Im Krankenhaus habe ich auf beiden Stationen einen guten Einblick in die Chirurgie bekommen. In allen Bereichen wurde mir viel erklärt und gezeigt.
Für alle die bezüglich der Sprache bzw. möglichen Sprachproblemen zweifeln, denen kann ich empfehlen, es trotz der kleinen Zweifel zu versuchen. Es lohnt sich auf jeden Fall und ihr könnt neben Medizin noch eine Weltsprache mit erlernen – eine fast einmalige Gelegenheit!