Herzensangelegenheiten - Tschechische Kardiologie
Eindrücke meiner Famulatur an der Universitätsklinik St. Anna
Peter Voss
Auch, wenn man es kaum glauben mag: Was den Versorgungsgrad von Herzinfarkt-Patienten betrifft, ist Tschechien im europäischen Vergleich weit vorne. In den Städten Prag, Brünn und Olmütz beispielsweise haben alle Herzkatheterlabors 24-Stunden-Akut-dienst, was zu einer Versorgung von 70 % der Patienten mit Akut-PTCAs führt. Vor diesem Hintergrund war ich besonders gespannt, wie der kardiologische Arbeitsalltag in Tschechien aussehen würde. Ich schildere euch meine fachlichen wie auch kulturellen Eindrücke während meiner Famulatur an der Universitätsklinik St. Anna (Fakultni nemocnice u. sv. Anny v Brné), Abteilung Kardioangiologie (Innere) in Brünn.
Kardio: eigenes Gebäude
Die Uniklinik St. Anna liegt am Fuße der Burg Spielberg nahe der Innenstadt. Die verschiedenen Abteilungen sind auf mehrere Gebäude aufgeteilt, wobei die Abteilung für Kardiologie über ein eigenes, zweistöckiges Gebäude verfügt. Lediglich die Schrittmacheroperationen finden in einem OP an der Allgemeinchirurgie statt. In Tschechien werden sie übrigens von Kardiologen, nicht von Chirurgen durchgeführt. Die Abteilung gliedert sich in vier Stationen: Intensivstation, Arrythmologie, Post-Transplant Care und eine allgemeine kardiologische Station. Daneben gibt es ein Katheterlabor, einen Eingriffraum für Endomyokardbiopsien und zwei Echokardiographieräume. Das Patientengut setzt sich zum größten Teil aus Herzinfarkt- und Herztransplantationspatienten zusammen, außerdem werden Patienten mit akutem Koronarsyndrom, Angina pectoris, Aortenaneurysmen, Herzinsuffizienz, Arrythmien und Herzschrittmachern behandelt.
Gute Einblicke in das Fach
In meinen vier Wochen vor Ort hatte ich die Möglichkeit, jede Station der Kardiologie kennen zu lernen. Ich sah bei Schrittmacherimplantationen, beim Einstellen von Schrittmachern in der Ambulanz und beim Herzultraschall zu, bei einer Myokardbiopsie durfte ich selbst den Vierkammerblick einstellen und während der Biopsie halten. Im Katheterlabor war ich bei Koronar-angiographien, Stentimplantationen, Ballondilatationen, Akutversorgungen von Herzinfarkten anwesend und musste nach der PTCA meist die Kanüle ziehen. Spannend waren auch die Einblicke in die Coronary-Unit: Hier lernte ich einiges über EKG-Interpretation, die Nachversorgung von Infarktpatienten sowie über das follow-up nach Herztransplantationen. Seit kurzer Zeit wird auf der Radiologie versuchsweise auch eine CT-Koronarangiographie durchgeführt, bei der ich einmal dabei sein konnte. Die Ärzte waren durch die Bank alle sehr freundlich und immer bemüht, mir Dinge zu zeigen und zu erklären. Alle Ärzte sprechen sehr gut Englisch und teilweise auch Deutsch, die Verständigung mit dem Pflegepersonal hingegen war oft etwas schwieriger.
Die Küche: deftig
Untergebracht wurden wir in einem Studentenheim bei der Masaryk-Universität. Die Zimmer waren größtenteils Zweibettzimmer mit kleinem Küchenblock, Bad und WC. Positiv: Balkon, kostenloser Internetanschluss sowie Waschmaschinen im Keller. Negativ: Die mangelhafte Reinlichkeit der Zimmer. Vor allem die sanitären Anlagen, aber man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Essen konnten wir in der nicht sehr abwechslungsreichen Kantine der Universität. Generell sind Speisen in Brünn sehr billig, da konnte man sich den einen oder anderen Restaurantbesuch als Kantinenalternative leisten. Zudem reichte es oft, nur eine Hauptmahlzeit am Tag zu sich zu nehmen: Die tschechische Küche ist sehr deftig – Schweine- und Rindfleisch, Knödel und Kartoffeln, Bratwürste, Spätzle und Sauerkraut machen satt!
Umfangreiches Sightseeing
Vor Ort wurden wir von drei tschechischen Studenten bestens betreut und am ersten Tag im Krankenhaus vorgestellt. Auch das Sozialprogramm war sehr umfangreich und beinhaltete eine Stadtrundfahrt, ein Wochenende in Prag, diverse Tagesausflüge zu Burgen, in eine Tropfsteinhöhle, in Weinkeller sowie Museumsbesuche. Toll! Obendrein wurden die Eintritte sowie die Fahrt- und Übernachtungskosten in Prag und sogar die 500 CZK Essensgeld für die Kantine von den 360 Euro bezahlt, die ich zuvor der AMSA (Austrian Medical Students Association) überwiesen hatte. Private Ausflüge zu einer Gokartbahn und zu einem Moto-Festival, nach Krakau, Bratislava, Budapest und Wien wurden von den Studenten selbst organisiert und in Kleingruppen durchgeführt. Für Abwechslung war bestens gesorgt!
Eindrücke für die Zukunft
Alles in allem kann ich sagen, dass mir Brünn sehr gut gefallen hat und ich viele nette Leute aus der ganzen Welt kennen gelernt hab. Und das, obwohl ich nur knapp zwei Stunden von der österreichischen Grenze entfernt war. In medizinischer Hinsicht habe ich hilfreiche Eindrücke für die Zukunft gewonnen und sehr nette und interessante Ärzte kennen gelernt.