Maritime Famulatur
Klinikimpressionen von der Ostsee
Jennifer
Alles begann im 2. klinischen Semester: Gleich zu Beginn der ersten Vorlesung wurden uns die Neuerungen für den Kurs der Orthopädie nach neuer AO vorgestellt. Auf der projizierten Folie fiel uns besonders ein Punkt auf: Vier Wochen orthopädische Famulatur in Damp im September 2004 auf, die von der orthopädischen Klinik Essen für alle Studenten der Medizin für 180 Euro (Bungalow und Mittagessen) angeboten wurde.
Maritime Famulatur in Damp an der Ostsee
Zur Ankunft wusste niemand etwas von Famulanten. Wir erkundigten uns im Anschluss an diese Vorlesung näher, recherchierten über Damp und meldeten uns schließlich mit einer Gruppe von fünf Leuten für die Zeit vom 06.09.-04.10.2004 an. Wir kamen am Sonntag, den 06.09. nach fast achtstündiger Zugfahrt im Ostseebad Damp an. Leider mussten wir feststellen, dass in der Klinik keiner auf uns wartete oder mit irgendwelchen Famulanten aus Essen rechnete. Man schickte uns von Reha-Klinik I, zur Rehaklinik II, zurück in die orthopädische Klinik, an der Rezeption des Ostsee-Hotels erhielten wir endlich die Schlüssel für unsere Bungalows. Mit einigen Kilo Gepäck glich das einem Martyrium, vor allem für die Jungs, die unsere Koffer tragen durften… Endlich angekommen richteten wir uns schnell häuslich ein, um noch ein wenig den Strand genißen können. An der Strandpromenade aßen wir bei Seemannsgesang Pommes rot-weiß (nicht empfehlenswert) und planten unsere nächsten vier Wochen.
Der erste Arbeitstag
Am ersten „Arbeitstag“ erhielten wir unsere Arbeitskleidung und wurden nach einem Frühstück in zwei Dreiergruppen auf zwei orthopädische Stationen aufgeteilt. Dort lernten wir in der ersten Woche die Anamneseerhebung, Untersuchungen des Hüft- und Kniegelenks sowie der Wirbelsäule, die wir nach einigen Übungsdurchgängen selbstständig durchführen konnten. Wir lernten die Patientenvorstellung, Blutabnahmen, das Braunülenlegen, bekamen durch die morgendliche Röntgenbesprechung einen Einblick in die Befundung von Röntgenbildern und auf Wunsch durften wir in anderen Fachabteilungen (Neurochirurgie, Neurologie, Anästhesie, Rheumatologie, Innere) rotieren. In den kommenden Wochen wurde das Erlernte vertieft, wir besuchten Vorträge, bekamen in Gesprächen mit dem Oberarzt die Vor- und Nachteile verschiedener Bandscheiben-Ops erläutert, besuchten ein Knie-Symposium, erhielten eine Führung in die Physikalische Therapie (die wir auch am Nachmittag am eigenen Leib ausprobieren durften- ich sag nur Aromabad…) und die Zeit im OP nahm stetig zu. Teilweise war ich als einzige neben dem Oberarzt bei Knieprothesen und zervikalen Bandscheiben-OPs dabei, was teilweise sehr anstrengend war. Jeder Operationsschritt wurde erklärt, zwischendurch Wissensfragen gestellt, bei denen ich eher selten glänzen konnte und am Ende durfte ich knoten, was ich bis dahin noch nie gemacht hatte. Bei allem gab man sich Mühe uns sehr viel bei zu bringen. Jeder von uns war am Ende in der Lage, wenigstens einen Innenmeniskusschaden zu erkennen.
Strandentspannung am Abend und Segeltouren
In den ersten beiden Wochen ging unser Arbeitstag von 7.30 Uhr bis etwa 14 Uhr, womit uns genug Zeit für Entspannung blieb. Da wir noch sehr gutes Wetter hatten, mit Temperaturen teilweise bis 25°C, haben wir die Nachmittage am Strand gelegen. Für den Abend haben wir uns mit diversen Getränken eingedeckt und manchmal bis tief in die Nacht am Strand gesessen und gefeiert. Als die Abende kühler wurden, haben wir unser abendliches Lager spontan auf die Terrassen der Bungalows verlegt, haben auf unserem Rasen gesessen, gegrillt und im Hintergrund Radio Nora (der einzige Radiosender, den wir empfangen konnten, mit Hits der Siebziger, Achtziger und dem Besten von heute!) laufen lassen. Wir nutzten unsere Damp-Ausweise, um im Aqua Tropicana kostenlos schwimmen zu gehen, konnten die Sonnenbank und Sauna (gegen Gebühr) benutzen, haben bei schlechtem Wetter im Sportcenter verschiedene Sportarten (Badminton, Squash, Kletterwand, Tischtennis,…)ausprobiert, sind oft am Strand spazierengegangen und haben Schleswig und Flensburg besucht. Zu unseren Stationsärzten hatten wir auch privat Kontakt. Mit diesen sind wir in den letzten Wochen häufiger segeln gegangen, woran auch wir Ruhrpott-Studis Gefallen gefunden haben.
Mein Fazit: Selten so viel Spaß gehabt und so viel gelernt
Die Kliniken lagen alle direkt an der Ostsee. Alle Zimmer, die zur Seeseite lagen, hatten freie Sicht auf die Ostsee. Die beste Aussicht hatte man aus den obersten Stockwerken. Da hier auch der OP-Bereich ansässig war, konnte man beim Hakenhalten die schöne Aussicht auf die Weite des Meeres genießen und abschweifen, während unten gesägt und gemeißelt wurde. Die vier Wochen an der Ostsee vergingen wie im Fluge. Jetzt im Nachhinein muss ich sagen, dass diese Famulatur die beste von allen vieren war. Ich hatte im Studium selten so viel Spaß wie in Damp und würde immer wieder eine Famulatur dort machen. Was kann man besseres machen, als einen Pflichtteil des Studiums als Kururlaub zu verbringen und nebenbei noch viel über Theorie und Praxis eines Fachgebiets zu erlernen?
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