Praxisseminar Rettungs- und Notfallmedizin der AGN Würzburg
Carolin Redelberger
Auf dem Boden vor dem schwarzen Golf liegt ein Fahrradfahrer, Blut läuft aus einem Ohr und der Platzwunde auf der Stirn, er stöhnt leise vor sich hin. Um ihn herum stehen eine Menge Leute und schauen. Da kommt auch schon der Rettungswagen mit Blaulicht und Sondersignal,stoppt, die beiden Insassen springen heraus, bahnen sich mit ihrer Ausrüstung einen Weg durch die Menge und beginnen mit der Versorgung des Patienten. Irgendwann trifft auch der Notarzt ein und schließlich, einige Zeit später wird der Patient intubiert, beatmet und mit mehreren Zugängen versehen mit der Vakuummatratze in den Rettungswagen verbracht.
Doch anstatt ihren doch scheinbar schwerverletzten Patienten schnellstmöglich ins Krankenhaus zu fahren, steigen Notarzt und Assistenten wieder aus und nehmen den Beifall der umstehenden Leute entgegen. Und hinter ihnen aus dem Auto steigt -der Patient!
Dass es sich hierbei nicht um einen echten Verkehrsunfall gehandelt hat, dürfte mittlerweile jedem klar sein. Doch was soll das Ganze dann? Des Rätsels Lösung lautet: Wir befinden uns auf dem Hof der Malteserwache in Würzburg beim Praxisseminar Rettungs- und Notfallseminar der AGN Würzburg, und bei den umstehenden "Gaffern" handelt es sich um Medizinstudenten in klinischen Semestern, die das Angebot nutzen, ein Wochenende lang praktische Notfallmedizin zu lernen und vor allem auch zu üben.
Diese kleine Vorführung sollte den Studenten einmal exemplarisch die Versorgung eines polytraumatisierten Patienten unter präklinischen Bedingungen durch ein eingespieltes Rettungsdienstteam plus Notarzt zeigen, bevor es für die Studis dann heißt, selber Hand oder auch Verband anzulegen.

In kleinen Gruppen zu max. sechs Personen werden sechs verschiedene Stationen durchlaufen, an denen es zum Beispiel gilt, traumatologische und internistische Fallbeispiele sowie Fälle aus der Ersten Hilfe zu lösen, wobei den Studenten an der "Erste Hilfe"-Station lediglich ein Autoverbandskasten und ein Ambubeutel zur Verfügung stehen, um arterielle Blutungen zu stoppen, einen Drogenintox oder ein akutes Abdomen zu versorgen, während an der traumatologischen und internistischen Station das Equipement aus dem Rettungswagen verwendet werden kann, um in Zweierteams die realistisch geschminkten "Patienten" zu versorgen.
An einer weiteren Station besteht die Möglichkeit, seine Kenntnisse in der Baby- und Kinderreanimation aufzufrischen und natürlich zu üben. An zwei ACLS-Megacode-Puppen wird dann mit und ohne Notarzt intubiert, reanimiert und defibrilliert, wobei jeder die Möglichkeit hat, alles auszuprobieren, mal einen Defi in die Hand zu nehmen und zu "schießen" oder sich als Teamleader am Kopf der Puppe zu beweisen.
Dem Ganzen vorangegangen waren am Morgen zwei von ärztlicher Seite gehaltene Vorträge zu den Themen "Polytrauma" und "Schock", sowie am Samstagvormittag Vorträge zu den Themen "Bewußtlosigkeit", "Differentialdiagnose akuter Thoraxschmerz" und "Reanimation nach ACLS-Megacode".
Ziel dieser Vorträge ist, vor allem die Teilnehmer mit Leitsymptomen, Differentialdiagnosen und Algorithmen bekannt zu machen, die im Rettungsdienst und in der Notfallmedizin wichtig sind. Am Samstagnachmittag werden dann ebenfalls an sechs Stationen die Grundlagen vermittelt, die für die Fallbeispiele am Sonntag und somit natürlich auch für die Erstversorgung von Patienten im Notfall benötigt werden.So besteht ausgiebig die Möglichkeit, seine Künste am Intubationstrainer zu versuchen, Basic-Life-Support mit Hilfsmitteln wie z.B. Ambubeutel und Guedeltubus zu üben, mal eine Stiffneck anzulegen und eine Schaufeltrage zu bedienen oder sich noch einmal die stabile Seitenlage zu vergegenwärtigen. An einer anderen Station erfahren die Teilnehmer etwas über einige wichtige Notfallmedikamente und warum es z.B. im Rettungsdienst keine Tabletten gibt, bevor sie an der nächsten Station ihr Wissen bei einem EKG-Quiz testen können. Und last but not least besteht noch die Chance, einmal einen Rettungswagen von Innen zu sehen, anzufassen und vor allem auch erklärt zu bekommen.
Obwohl das Wochenende sowohl für die Teilnehmer wie auch für die Stationsleiter -bei denen es sich um rettungsdiensterfahrene Medizinstudenten handelt- doch ziemlich anstrengend ist, lautet der einhellige Tenor der Teilnehmer am Sonntag Abend eigentlich immer: "Es ist toll, dass sich Studenten bereiterklären, ihr Wochenende zu "opfern", um anderen Studenten etwas beizubringen, und v. a. ist es toll, endlich mal in aller Ruhe und Ausführlichkeit verschiedene Sachen praktisch üben zu können ohne befürchten zu müssen, dass man sich blamiert."
Emailadresse Autor: