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Horror Pflegepraktikum?

Sechs Wochen in der Gynäkologie

Julia Zimmermann

 

Wer hat sie nicht gehört, die Horrorgeschichten über das „Pflegepraktikum“? Gutgemeinte Ratschläge wie „Sieh zu, dass du nicht in die Innere kommst!“, oder „Bloß nicht in die Chirurgie!“ machten bei mir im Bekanntenkreis ebenso die Runde wie die obligatorischen Gerüchte. Alle hatten in etwa denselben Tenor: Praktikanten sind für die Schwestern billige Sklaven und dürfen daher von 6.00 bis 15.00 Uhr nur Betten beziehen und Bettpfannen spülen, also alle weniger angenehmen Aufgaben erledigen.

„Wenn man überhaupt mal einem Patienten näher kommt, dann nur um ihn zu waschen oder sein Bett zu machen!“, wurde mir glaubwürdig versichert. Insgesamt waren die Erlebnisberichte meiner Kommilitonen also eher negativ, und ich, die es nicht besser wusste, dachte mir, dass nicht alle maßlos übertreiben könnten und glaubte daher die wilden Storys von drachenhaften Oberschwestern und dauernder Beseitigung von Körperausscheidungen.

Doch es sollte alles ganz anders kommen... Zuerst kann ich jedem, der sich um einen Pflegepraktikumplatz bewirbt, nur zwei Ratschläge geben:

1. Bewerbt euch frühzeitig! Kaum ein Krankenhaus (vor allem kein Uniklinikum) wird sich eure kostenlose Hilfe entgehen lassen, aber „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“. Wenn ihr Pech habt, ist nämlich kurz vor Praktikumbeginn eure „Wunschstation“ schon mit einem anderen Praktikanten belegt!
Und daraus folgt:

Wunschstation Gynäkologie

2.Gebt in eurer Bewerbung unbedingt einige Stationen an, die euch besonders interessieren (oder die ihr euch am wenigsten schlimm vorstellt), und begründet euren Wusch mit starkem Interesse im Hinblick auf euren späteren Arztberuf. Ihr werdet im Regelfall auf einer eurer Wunschstationen eingesetzt werden. Ich habe es auch so gemacht und bin daher in der Gynäkologie gelandet.

Schon als ich zum Vorstellungsgespräch auf die Station ging, wurde ich angenehm überrascht: Die Schwestern waren alle sehr nett und kamen mir nicht wie Drachen vor. Neben den examinierten Krankenschwestern gab es noch vier Krankenpflegeschülerinnen und eine andere Praktikantin. Mein Frühdienst sollte erst um 7.00 Uhr beginnen, eine Stunde später als eigentlicher Dienstbeginn, und an den Wochenenden musste ich gar nicht arbeiten. Das klang doch alles sehr angenehm...
Am Tag meines ersten Dienstes kam ich also auf die Station und wurde sofort von einer Krankenpflegeschülerin in Empfang genommen, die mir die Station zeigte und alles erklärte. Ich bekam Unterricht im Bettenmachen, Medikamente verräumen, Blut stellen und allen Dingen, die täglich auf einer Station anfallen. Von Anfang an kümmerte man sich sehr engagiert um mich; ich durfte mit zur Visite und bei verschiedensten Untersuchungen zusehen (und später auch assistieren). Nach und nach lernte ich durch die hilfsbereiten Schwestern und Schülerinnen auch so elementare Dinge wie Blutdruck messen, Patienten aufnehmen, Blutzucker messen und Thrombosestrümpfe anpassen, was dazu führte, dass ich mich sehr schnell eingewöhnte und immer etwas zu tun fand.
 

 

Nachfragen und Interesse zeigen sind wichtig

Und wenn ausnahmsweise gerade einmal nichts zu tun war, so fand sich immer jemand, der mir die verschiedenen Krankheitsbilder und die dazugehörige Therapie erklärte.

Über mangelnden Kontakt zu den Patientinnen kann ich mich auch nicht beklagen, da ich von Anfang an Verantwortung übertragen bekam und auch eigenständig arbeiten durfte, was natürlich auch Arbeit am und mit dem Patienten einschließt. So habe ich unter anderem frisch operierte Patientinnen mobilisiert, Verbände angelegt und gewechselt oder Sitzbäder durchgeführt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sehr viel lernt und auch sehr viel tun darf, wenn man wirklich interessiert ist und auch mal nachfragt.
Das gilt auch für die Stationsärzte. Einige Highlights meines Praktikums waren z. B. das Ziehen einer Wunddrainage und der zugehörigen Fäden und die Teilnahme an einer mehrstündigen Operation, deren einzelne Schritte mir so gut und anschaulich erklärt wurden, dass ich danach das Gefühl hatte, so eine OP fast selbst durchführen zu können.

Zu meiner Erleichterung hatte ich auf dieser Station auch sehr wenig mit diversen Körperflüssigkeiten zu tun, da die Patientinnen zum größten Teil selbstständig waren.

 

Aus vier mach sechs Wochen

Fällig wurde höchstes einmal das Leeren eines Dauerkatheterbeutels oder das Aufziehen von Urinproben in die Probenröhrchen. Das Praktikum hat mir so gut gefallen, dass ich aus den ursprünglich geplanten vier Wochen spontan sechs gemacht habe. Das lag einerseits an dem guten Arbeitsklima, dass durch gemeinsame Pizzaessen und ein großes Grillfest noch besser wurde, und andererseits an der Tatsache, dass ich unglaublich viel gelernt habe und einen detaillierten Einblick in den Krankenhausalltag bekommen habe. Meine Entscheidung, später vielleicht meinen Facharzt in der Gynäkologie zu machen, wurde durch dieses Praktikum gefestigt.
Abschließend kann ich nur sagen, dass das Praktikum eine Chance ist, auch in der Vorklinik etwas vom Klinikalltag und von Patienten mitzubekommen und einige praktische Erfahrungen zu sammeln, die später vielleicht von Nutzen sein können. Lasst euch nicht einreden, dass man beim Pflegepraktikum nur ein billiger Sklave ist. Natürlich kann man extremes Pech mit „seiner“ Station haben, aber in den meisten Fällen kann man doch etwas rausholen.
Ich wünsche allen, die das Praktikum noch vor sich haben, genau so viel Glück und Spaß, wie ich hatte!