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Vom Hörsaal ins Rundum Kino

Gastartikel Westfälisches Ärzteblatt

Klaus Dercks, Ärztekammer Westfalen Lippe

Allgemeinmedizin kann man nicht nur im Hörsaal vermitteln“, sagt Dr. Bernhard Marschall und schiebt einen schweren Vorhang zur Seite: Ein dunkler, halbrunder Raum mit weißer Wand, eine ganze Batterie von Beamern unter der Decke – ein Kinosaal? Nein: „Wir ermöglichen hier Lernen im situativen Kontext“, erläutert der Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Als Marschall eine Reihe von Computern hochgefahren hat, verwandelt sich die Rotunde dank Rundum-Projektion und Beschallung in eine belebte Straßenkreuzung im Münsteraner Universitätsviertel. Ein verblüffendes Raumgefühl, ganz wie auf dem Mittelstreifen der vierspurigen Ringstraße. Ein Rettungswagen rast mit Martinshorn heran - die Ausbildungssituation „Fahrradunfall“ kann beginnen.

Das neue „Mediziner-Kino“ ist ein bundesweit einmaliges Sahnehäubchen in der Ausstattung des „Studienhospitals“, mit dem die Münsteraner Universität neue Akzente in der allgemeinmedizinischen Ausbildung setzt. Seit Ende 2007 können Studierende in Klinik- Krankenzimmern, seit Ende 2008 auch in den Räumen einer Arztpraxis arbeiten. „Die Umgebung entscheidet über den Lernerfolg mit“, ist Dr. Marschall sicher. „Hier geht es besser als am Schreibtisch.“

Zuhören, zusehen mitlaufen – das reicht nicht im Studienhospital und in der Studienpraxis, erklärt Dr. Marschall: „Wir bringen die Studierenden in die Rolle des agierenden Allgemeinmediziners.“ Mit Schauspieler-Patienten üben die Studentinnen und Studenten das Arzt-Patienten-Gespräch. Beileibe keine schulmäßige Übung: „Famulanten können hunderte Gespräche führen, bevor es einmal wirklich kitzlig wird“, meint der Studiendekan. Im Münsteraner Studienhospital geht es hingegen Zuhören, zusehen mitlaufen – das reicht nicht im Studienhospital und in der Studienpraxis, erklärt Dr. Marschall: „Wir bringen die Studierenden in die Rolle des agierenden Allgemeinmediziners.“ Mit Schauspieler-Patienten üben die Studentinnen und Studenten das Arzt-Patienten-Gespräch. Beileibe keine schulmäßige Übung: „Famulanten können hunderte Gespräche führen, bevor es einmal wirklich kitzlig wird“, meint der Studiendekan. Im Münsteraner Studienhospital geht es hingegenschnell ans Eingemachte. Die Patienten hier, das erfahren die Studierenden schnell, können ziemlich schwierig sein: Viel Spürsinn und Hartnäckigkeit sind vonnöten, bis der Mann mit dem Leberproblem von seinem Alkoholkonsum und dem letzten Thailand-Urlaub berichtet... Die Simulationspatienten, die in Zusammenarbeit mit dem theaterpädagogischen Zentrum rekrutiert werden, machten ihre Sache sehr gut, berichtet Dr. Marschall anerkennend. „Mittlerweile werden hier auch hochkomplexe psychosomatische Störungen überzeugend wiedergegeben.“

Vom fast echten Patientengespräch profitiert nicht nur der Kommilitone, der den Part am Krankenbett übernimmt. Auch die anderen Mitglieder der Studentengruppe nehmen teil – als unsichtbare Beobachter und Zuhörer hinter einer halbverspiegelten Scheibe im Nebenraum. Feedback von Lehrenden, Patienten und Kommilitonen gibt es direkt im Anschluss im Gruppengespräch am Krankenbett. Wer mag, kann zudem gleich eine Videoaufzeichnung seines Patientengespräches zur Nachbereitung mit nach Hause nehmen.

Das Studienhospital der WWU ist mit einer Handvoll Betten Münsters kleinstes Krankenhaus, zugleich aber eines mit großen Besucherzahlen. Bis zu 160 Studierende kommen zusammen, wenn in Krankenzimmern und Seminarräumen gearbeitet wird. Und ganz wie im richtigen Leben gibt es auch in diesem Krankenhaus „Ärztemangel“ und offene Stellen. Aber unter anderen Vorzeichen als sonst: Ärzte-Nachwuchs gibt es genug – das Studienhospital sucht einen Allgemeinmediziner für Lehrtätigkeit, Kursorganisation und Schauspieler-Training.

Der Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Westfälischen Ärzteblattes veröffentlicht.