Nach jüngsten Berichten lebt in Deutschland etwa jedes fünfte Kind in oder am Rande der Armut. Nahezu 800.000 Kinder gelten in Nordrhein-Westfalen als armutsgefährdet oder in Armut lebend. In vielen Fällen führt Kinderarmut zu eingeschränkten Entwicklungs- und Bildungschancen. Zudem stellt Armut ein erhöhtes Krankheitsrisiko dar.
Kinder, die in Armut aufwachsen, erfahren häufig eine soziale Ausgrenzung und werden in vielen Lebensbereichen benachteiligt. Die Ärztekammer Westfalen-Lippe greift daher für das 3. Forum Kinderschutz das Thema der Kinderarmut auf und will beleuchten, welche Strategien es gibt, in Armut lebenden Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Zudem soll gemeinsam darüber diskutiert werden, inwieweit die Gewalt der Kinder untereinander – möglicherweise auch als Resultat der eigenen sozioökonomischen Situation – in den letzten Jahren zugenommen hat und wie ihr begegnet werden kann. Kinderarmut gilt auch in Industrieländern als Ursache der Unterversorgung in wichtigen Lebensbereichen wie Wohnen oder Ernährung. Kinder, die in Armut aufwachsen, erbringen schlechtere schulische Leistungen als andere Kinder, besuchen in Ländern mit gegliedertem Schulsystem seltener höhere Schulformen, kommen im Erwachsenenalter weniger häufig an Hochschulen, werden häufiger schon im minderjährigen Alter Eltern, rauchen häufiger, benutzen öfter illegale Drogen und sind als Erwachsene häufiger arbeitslos. Kinderarmut geht oft auch mit schlechter Gesundheit und verzögerter emotionaler und kognitiver Entwicklung einher. Kinder armer Mütter kommen häufiger zu früh zur Welt als Kinder wirtschaftlich besser gestellter Mütter, was im späteren Leben zu Lernstörungen, Verhaltensauffälligkeiten und Intelligenzentwicklungsstörungen führen kann. In der unteren sozialen Schicht rauchen auch mehr Mütter während der Schwangerschaft. Die Teilnahme an Kinderfrüherkennungsuntersuchungen ist in Familien mit niedrigem ökonomischen Status deutlich geringer.
Unterschiedliche Risiken
Ob Kinderarmut Konsequenzen hat, hängt allerdings von einer Reihe weiterer Faktoren ab. Nicht jedes Kind in Armut muss mit den gleichen Risiken für Gesundheit und Entwicklung rechnen. Mitentscheidend sind die individuellen und familiären Umstände, wie zum Beispiel die Unterstützung bzw. die soziale Integration, die das betroffene Kind in der Familie, im Freundeskreis oder in der Schule erfährt.
Da existenzgefährdende, absolute Armut in industrialisierten Gesellschaften selten ist, wird Kinderarmut in den Industrieländern als materielle, relative Armut gemessen: Kinder gelten als arm, wenn sie in Haushalten leben, deren Einkommen unterhalb einer relativen Armutsgrenze liegt. Diese Grenze wird unterschiedlich definiert – oft wird sie bei 50 bis 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens des jeweiligen Landes angesetzt. Eine UNICEFStudie aus dem Jahr 2007 kommt zu dem Schluss, dass Deutschland in den meisten Bereichen zur Lage der Kinder in OECD-Ländern, wie etwa materiellem Wohlstand, Gesundheit, Sicherheit und Erziehung, nur durchschnittliche Werte erreicht.
Es ist daher eine der vordringlichsten gesamtgesellschaftlichen Aufgaben, sicherzustellen, dass auch Kinder aus ökonomisch und sozial schwierigen Verhältnissen die Chance auf eine gesunde Entwicklung haben. Kinderschutz heißt auch, dafür zu sorgen, dass Kinder in materiell gesicherten Verhältnissen aufwachsen. Durch die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern wird letztlich auch die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft verbessert.
Bild: Welche Strategien gibt es, in Armut lebenden Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen? Das 3. Forum Kinderschutz der Ärztekammer Westfalen-Lippe sucht nach Antworten. Foto: Fotolia.de/lu-photo