Das etwas andere Praktikum
Die WHO in Genf
Dr. Karsten Lunze
Das etwas andere Praktikum
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Was erlebt man bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Mutter der internationalen Gesundheitsorganisationen? Wie sieht die Arbeit dort aus? Was lernt man bei einem Praktikum dort? Um Studenten und Absolventen einen Einblick in die Arbeitsweisen der internationalen Organisationen zu ermöglichen, unterhalten alle UN-Institutionen eigene Praktikantenprogramme – so auch die WHO.
Die WHO hat sich die weltweite Koordination der Bemühungen seiner über 190 Mitgliedsstaaten um die globalen Gesundheitsprobleme auf die Fahne geschrieben. Im Hauptquartier in Genf arbeitet ständig ein Heer von 2.000 Fachleuten an den verschiedenen Zielen, die sich die WHO gesetzt hat. Dazu gehören die Bekämpfung von Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs und dem Tabakproblem genauso wie Programme gegen die drei weltweit größten Killer: HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria. Außerdem treffen sich im Hauptquartier regelmäßig Experten aus aller Welt, um Standards festzulegen, um Definitionen zu ringen, um Programme zu konzipieren.
Dazu ist die WHO-Zentrale übergeordnet in Cluster aufgeteilt. Ich war dem Cluster „Evidence and Information for Policy“ zugeteilt. Hier wiederum war ich im Programm „Epidemiology and Burden of Disease“ tätig, und in meiner Arbeit ging es um die Studie „Global Burden of Disease“. Aktuellen politischen Bedürfnissen folgend, sind diese Organisationsformen jedoch ständig im Fluss. Die gängige Arbeitssprache bei der WHO ist Englisch. Offiziell wird alles auch auf Französisch übersetzt. Das spricht man aber eher, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt, in der Kantine oder in der Cafeteria – und natürlich zuhause.
Epidemiologisches Modell
Meine Aufgabe während dieser etwas anderen „Famulatur“ war die Antwort auf ein zunächst banal erscheinende Frage: wie viel an Malaria Erkrankte gibt es eigentlich auf der Welt und welche Bürde macht ihre Krankheit für ihr Leben aus? Die Beantwortung bestand in der Errichtung eines dynamischen epidemiologischen Modells zur Abschätzung der jeweils regionalen und zusammen gesehen globalen Bürde dieser Krankheit. Dazu arbeitete ich an der Einrichtung einer Datenbank mit relevanten und wissenschaftlich fundierten Daten aus der Literatur. Und die musste man erst mal finden und bewerten. Für viele Länder – gerade die am meisten betroffenen – gibt es jedoch keine guten Studien: aus Kostengründen. Hier helfen dann epidemiologische Werkzeuge weiter, zu einer sinnvollen Schätzung zu kommen. Mein Praktikum war entscheidend durch meine Betreuerin geprägt. Claudia Stein ist eine Ärztin und Epidemiologin mit zahlreichen Qualifikationen: sie ist zweifache Doktorin, zweifache Fachärztin und hat zudem noch einen Master.Außerdem hat sie einen Pilotenschein! Sie hat eine tolle Art, mit Menschen umzugehen, und obwohl ihr Arbeitspensum überwältigend ist, lässt sie das im Umgang mit anderen nie eine Rolle spielen.
Schon im Vorfeld war ich beeindruckt von der professionellen Vorgehensweise: stets erhielt ich prompte Antworten, sowohl wenn es um die Arbeitsbeschreibung der Gruppe als auch wenn es um Gutachten für eine Unterstützung durch den DAAD ging oder andere organisatorische Dinge. Dr. Claudia Stein hat immer von sich aus auch meine Seite des Praktikums betrachtet, bis zum letzten Tag. Das Praktikum begann mit einem Lernvertrag, in dem alle ihre Kompetenzen und meine Aufgaben und Lernziele festgelegt wurden. Meine Tätigkeit war durchweg strukturiert geplant und enthielt eine großzügige Einarbeitungsphase: wohl kaum ein deutscher Medizinstudent beherrscht das Handwerkszeug, das man für einen sinnvollen Aufenthalt in der Public-Health-Welt braucht.
Daher begann ich zunächst damit, mich mit den Grundlagen der Epidemiologie und Evidence Based Medicine im allgemeinen und der Studie „Global Burden of Disease“ im besonderen vertraut zu machen. In regelmäßigen Treffen besprachen wir alle meine Angelegenheiten, und stets bekam ich Feedback und, wenn es mal nötig war, Ansporn oder Trost.
Statistik und Evidence Based Medicine
Ich konnte zahlreiche Fortbildungen wahrnehmen, die von IT-Fähigkeiten über projektverwandte Themen wie Malariaprogramme oder Interventionsstrategien z.B. für Anämien bis hin zu Menschenrechtsthemen reichten.
Zusätzlich zu unseren regelmässigen Konsultationen und ihrer mannigfaltigen Inanspruchnahme von den verschiedensten Seiten veranstaltete Dr. Claudia Stein eigens für ihre Praktikanten einen Unterricht zu Statistik und Evidence Based Medicine, der von höchstem Lerneffekt war. Diesen Unterricht schloss sie mit einer schriftlichen Prüfung ab, auch hier wieder mit ausführlichem Feedback. Alles in allem war ihr Unterricht eine einmalige, exklusive Lernerfahrung. Ihren Praktikanten hat sie in der Kompetenz, wissenschaftliche Arbeiten adäquat zu bewerten, entscheidend vorangebracht. Eine besonders nachhaltige und außergewöhnliche Erfahrung war es, die anderen Praktikanten zunächst der WHO, später dann auch anderer internationaler Organisationen kennen zu lernen. Es fing damit an, dass wir uns – über eine E-Mail-Liste organisiert – sehr oft trafen, anfangs meist zum Mittagessen, später dann auch oft abends und an den Wochenenden. Wir haben viel Spaß miteinander gehabt, viel miteinander und übereinander gelacht, in gemeinsamen Ausflügen die Umgebung erkundet und so manche Auseinandersetzung gehabt.
Dabei ging es häufig um Themen, die das Praktikum anbetrafen (Die Methodologie der Studie „Global Burden of Disease“ ist nicht ganz unumstritten, und Einwände und Fragen dazu haben in meinen Augen sehr interessante Aspekte aufgeworfen). Der Wunsch, die eigene Tätigkeit in einen weiteren Zusammenhang zu stellen, gipfelte schließlich in einem Treffen der Praktikanten mit der Generalsekretärin der WHO, das einer der Praktikanten, der damalige Medizinstudent Sven Volkmuth, in eigener Initiative engagiert organisiert hatte. Für internationale Begegnungen aller Art bietet die Stadt Genf den passenden Rahmen: eine wunderschöne Uferpromenade, eine geschichtsbeladene, reizvolle Altstadt – und auf den zweiten Blick weit mehr als dies. Wer sich auf seinen Aufenthalt in Genf vorbereitet, findet wenig mehr über die Stadt selbst als Angaben über die Internationalen Organisationen. In der Tat sind mehr als 60 Prozent der Genfer Nichtschweizer. Genf ist eine internationale Stadt, die exotische wie benachbarte Einflüsse vermischt. Die Stadt ist aber eben nicht französisch, nicht typisch schweizerisch, obwohl sie es jedem überlässt, sich benachbarte Lebenselemente wie französische, italienische oder deutschschweizerische herauszuwählen. Genf hat auch eine große portugiesische Gemeinde.Der Berg ruft!
Das Nahverkehrssystem ist gut ausgebaut und erlaubt, nicht nur die Stadt bequem zu erkunden, sondern auch den gesamten Kanton mit der sehr anziehenden Umgebung Genfs. Ein ausgedehnter Spaziergang führt einen recht bald von einer städtischen in eine ländliche Umgebung. Von meinem Zimmerfenster aus konnte ich auf das Juragebirge blicken, und an klaren Tagen, wenn auch nicht allzu häufig, kann man bis in die Alpen und auf den imposanten Mont Blanc sehen. Man versteht dann, was es heißt: Der Berg ruft!
Allerdings ist Genf, dessen Banken einen nicht unbeträchtlichen Teil des globalen Kapitals verwalten, mehr als teuer. Weltweit gibt es nur wenige kostspieligere Städte. Viele pendeln daher zum Einkaufen über die nahe Grenze ins benachbarte Frankreich, wo es wesentlich weniger teuer ist. Ob Konzert, Oper, Theater oder einfach mal Kino – Kultur ist, in Form von Studentenkarten oder über das Kulturbüro der Uni (4, Rue De-Candolle; hier kommt man auch an Sportmöglichkeiten), sehr zugänglich und hochkarätig. Die übersichtliche und sehenswerte Gemäldesammlung (Musée des Beaux-Arts) ist bei freiem Eintritt zu besichtigen, und auch unbezahlbare Vergnügen wie Stadtbummel, Promenadenspaziergänge, der Blick auf die Berge oder über den See sind kostenlos.
Mein persönlicher Eindruck von der WHO lässt sich kaum in wenige Worte fassen. Ich fand ein großes intellektuelles Potential, das an einem Ort zusammenkommt, an dem hochqualifizierte Wissenschaftler eine Vision vorantreiben. Ich hatte die außergewöhnliche Chance, direkt mit den Machern von Konzepten und Programmen zu sprechen und auch persönliche Kontakte zu knüpfen. Natürlich bringt eine derart große Organisation bei allem guten Willen auch erschwerte Verständigungsbedingungen mit sich. Es war ein entscheidender Gewinn dieses Praktikums, einen ersten Einblick in die Prinzipien der Funktionsweise einer Internationalen Organisation zu bekommen. Auch wenn das nicht gerade bescheiden klingt: In Genf hat man die Gelegenheit, Tätigkeiten in einem globalen Kontext zu sehen.
Dass Nachhaltigkeit kein Fremdwort unter den Praktikumsabsolventen darstellt, haben unsere informellen Nachtreffen gezeigt: bisher trafen wir uns in London, Amsterdam, Berlin – und auch noch mal in Genf.