Dem Tod mit Respekt begegnen - Teil 1
Olga Kogan
Mit einem Schlag kehrte Ruhe ein, als der Leiter des anatomischen Instituts uns zum Semesteranfang begrüßte und mit der Einführung in den Präparationskurs begann. Die Tatsache, dass es schon mein zweites Semester war, minderte die Aufregung kein Stück. Nicht nur ich, sondern wir alle taten so, als ob nichts wäre. Wir rutschten jedoch unruhig auf unseren Stühlen hin und her. „Vergessen Sie nie, Ihre Körperspender mit derselben Vorsicht und mit demselben Respekt zu behandeln wie Ihre künftigen Patienten. Der einzige Unterschied zwischen ihnen ist nur, dass die Körperspender geduldiger sind.“ Dieser Gedanke des Professors war mir bis dahin noch nicht bewusst gewesen, blieb jedoch als Dogma in meinem Bewusstsein hängen.

Dem Tod ins Auge blicken
Nach dem Kennenlernen des Tischbetreuers und der beiden Vorpräparanten versammelten sich die Gruppen um ihre Körperspender. Wir bildeten einen Kreis um den silbernen Stahltisch herum. Alle Augen richteten sich auf die Umrisse des Körpers unter dem formalindurchtränkten Tuch. Die Vorpräparanten, studentische Hilfskräfte höherer Semester, sahen uns prüfend an und schlugen das Tuch zur Seite. Wie lange hatte ich mir Gedanken über diesen Moment gemacht, wie viele verschiedene Bilder hatten sich vor meinem inneren Auge abgespielt! Nun stand ich vor ihm, vor diesem Mann, der etwas hinter sich gebracht hatte, woran sich die meisten Menschen noch nicht mal zu denken trauen – er hatte dem Tod ins Auge geblickt. Stille. Beklommenes Schweigen, verlegenes Starren auf den Boden, nervöses Lachen: Jeder reagierte auf seine eigene Art.
Der scharfe, ungewohnte Formalingeruch stieg mir in die Nase. Irgendwas ließ mich schwanken. Ich griff nach dem Tisch – eisige Kälte. Fühlte sich so der Tod an? In meinem Kopf drehte sich alles, als hätte ich zu viel getrunken. Ich hörte ein lautes Schlucken. War ich das? Mein Blick glitt über den Körper. Meine Erfahrung aus dem Krankenpflegepraktikum sagte mir, noch bevor ich das Stroma entdeckte: onkologischer Patient, wahrscheinlich Colon CA. Ich hatte diese Patienten zur Genüge gesehen. Diese riesigen, vor Schmerz und Hoffnungslosigkeit lautlos um Hilfe schreienden Augen in einem winzigen, zusammengeschrumpften, abgemagerten und wie eine trockene Pflaume dehydrierten Gesicht! Wie viel dieser Mann durchgemacht haben musste. Ich spürte, wie meine Augen anfingen zu brennen.
Wer war dieser Mensch?
Stille. Jeder verarbeitete diese Begegnung für sich. Ein Vakuum um jeden Einzelnen im großen, kahlen Saal ohne Fenster, ohne Wärme. Eine Schweigeminute folgte. Was mochten die anderen wohl denken? Wahrscheinlich Ähnliches wie ich: Wer war dieser Mensch? Wie hieß er? Welchen Beruf hatte er ausgeübt? Was war mit seiner Familie? Was hatte ihn dazu bewogen, sich der Wissenschaft zu vermachen, und wo war er jetzt? Ich hielt es für angebracht, für ihn zu beten. Diese Handlung brachte mir wenigstens etwas Wärme und minderte mein Gefühl der Einsamkeit und Isolation inmitten der vielen Menschen.
Dann wurde er wieder zugedeckt. Wir stürmten, einander überholend hinaus an die frische Luft, in die Sonne, ins Leben. Es schien alles nur ein Traum gewesen zu sein. Ich konnte mich noch nicht mal mehr an die Details seines Gesichts erinnern. Nur die buschigen Augenbrauen und die unter ihnen liegenden starren, blau-trüben Augen verfolgten mich noch bis tief in die Nacht und in meinen unruhigen Schlaf. Und irgendwie wurde ich das Bild eines verschleierten Spiegels nicht los, des Spiegels der Seele, die entwichen war und nur Leere hinterlassen hatte.
An die Arbeit
Am nächsten Tag – jeder hatte sein Präparationsgebiet und hielt ein Hautmesser in der Hand – hieß es: „Bitte den ersten Schnitt setzen.“ Wie? Wie sollte ich es tun? Etwas hinderte mich daran anzusetzen. Die Ehrfurcht vor dem Tod vielleicht, das Zittern meiner Hände oder einfach das Widerstreben, einem anderen Menschen körperliche Gewalt anzutun. Schließlich atmete ich tief durch und setzte den ersten Schnitt. Nichts geschah. Ich hatte wohl zu oberflächlich geschnitten. Noch ein Versuch. Die Messerklinge verschwand in der Tiefe und die Haut klaffte auseinander. Ein hässlicher, blutloser Abgrund. Während der nächsten Tage, als die Haut wie eine leere Hülle, wie ein Kleidungsstück nach und nach abgezogen und das gelbe, schaumige Fett entfernt wurden, war es so gut, dass der Mann auf dem Bauch lag und ich nicht in sein Gesicht sehen, nicht seinem getrübten, starren Blick begegnen musste.
Den Menschen entdecken
Im Laufe der Zeit lockerte sich die Stimmung. Man lachte, man redete, man tat so, als ob nichts wäre, als stünde man in der Küche und würde statt menschlichem Fleisch eine Hähnchenbrust auseinander schneiden. Wie gut wir es doch gelernt haben, die Wahrheit zu verdrängen! Wie undurchsichtig war doch der Vorhang, den wir uns vor die Augen gehängt hatten! Aber es war vielleicht die einzige Möglichkeit, sich selbst zu schützen und diese Situation überhaupt bewältigen zu können.
Die roten Muskelfasern durchzogen in verschiedenen Mustern den starren Körper. Voller naiver Verwunderung wurde mir bei jeder Bewegung bewusst, dass auch ich genau solche Muskeln unter meiner Haut habe. Ich erkannte ihre Umrisse und wiederholte mit Begeisterung die Termini. Ich suchte die durch meine Haut blau schimmernden Venen an der Oberfläche und tastete den Arterienpuls in der Tiefe ab. Die Krönung meiner freudigen Entdeckungstour war schließlich, als ich den Nervus ulnaris an meinem Ellenbogen entdeckte und ein in den vierten und fünften Finger ausstrahlendes Kribbeln verspürte. Wie unglaublich war dieses Entdecken! Nicht nur des Menschen an sich, sondern insbesondere des eigenen Körpers. Der namenlose Mann vor mir war auf einmal nicht mehr fremd, sondern vertraut und nah. Ich lief jedes Mal zu ihm hin wie zu einer Verabredung, wartete mit Ungeduld auf ein Stückchen mehr der neuen Welt, die er mir zu zeigen vermochte.
Die Komplexität des Körpers
Noch nie hatte ich mich so sehr mit dem Unterschied oder Zusammenhang zwischen Körper und Seele auseinandergesetzt. Erst dort am Tisch, inmitten der vielen Menschen, die um mich herum standen, wurde mir bewusst, wie kompliziert der menschliche Körper wirklich ist und wie sehr er an eine eigene Stadt mit Leitungsbahnen, Fabriken und Angestellten erinnert. Und in Anbetracht dieser Komplexität verschwanden auch die leisesten Zweifel an der Existenz eines Schöpfers, denn solch ein Wunder, solch eine Planung kann sich nicht selbst erschaffen. Oft dachte ich nach, was denn den Mensch an sich ausmachen würde, und kam zu dem Entschluss, dass der Körper ohne die Seele nicht leben könne. Also müsste es die Seele sein, die den Menschen ausmacht.
Diese Einsicht erleichterte mir meine Arbeit wesentlich, denn ich arbeitete mit dem Bewusstsein, den Körper, die leere Hülle, die Schlangenhaut zu präparieren und nicht mehr den Menschen, der er einst gewesen war. Das war aber kein Grund, ihn weniger zu respektieren, sondern nur eine Erleichterung, da ich wusste, ich tat ihm nicht mehr weh.
Wohin ist seine Seele gegangen? Irgendwann wurde der Körperspender schließlich umgedreht und ich konnte ihn mir genauer anschauen. Die spitzen Gesichtszüge, den leicht geöffneten Mund, die vielen Totenflecke, die abgemagerten, versteiften Finger. Bei der vorderseitigen Präparation hatte ich oft das Gefühl, der Mann würde mich aus seinen halbgeöffneten, trüben, blauen Augen bei meiner Arbeit beobachten. Vollkommen unbeweglich schauten mich diese Augen an, mit einem dichten Schleier über ihnen.
Der Ausdruck war weder vorwurfsvoll noch aufmunternd, sondern einfach nur müde, müde vom Leiden, müde vom Leben. Ich fragte mich, wo seine Seele wohl sein mochte. Ich stellte mir vor, sie würde neben uns schweben und sich alles mit ansehen, was wir ihren sterblichen Überresten antaten. Was dachte sie? Hatte der Mann sich so seinen Dienst für die Wissenschaft vorgestellt?
Horror-Realität
In solchen Momenten kam ich zu mir. Landete mitten in der Realität, knallte mit beiden Füßen hart auf dem kalten Boden des Präpsaals auf und mein Schutz, meine Wand war weg. Ich blickte mich um und hatte das Gefühl, als würde ich alles zum ersten Mal sehen. Entsetzen wie im schrecklichsten Horrorfilm schlich sich in meinen Kopf und lähmte meine Glieder. Vom Tisch tropfendes Fett, abgeschnittene Körperteile, eine komplett abgezogene Haut in der Luft, ein geöffneter Schädel, von überall her starre, kalte Augen und der Tod, der mich unbeweglich aus ihnen anstarrte. Das Geräusch der Knochensäge schnitt durch meine Ohren und meine Haare richteten sich auf. Scharf, grausam, ohne jegliches Mitleid schlugen sich die Zähne in den Knochen, zerbissen das scheinbar harte Material problemlos und spuckten die Reste aus. Der Formalingeruch und etwas anderes, Schreckliches, Süßlich-Saures kroch in meine Nase.
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