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Momentaufnahmen aus einem Präparationskurs

Dem Tod mit Respekt begegnen - Teil 2

Olga Kogan

Dem Tod mit Respekt begegnen - Teil 2

Meine Knie wurden weich und fingen an zu zittern. Ich schaute umher, sah gewohnte Gesichter, die fast schon meine zweite Familie waren. Eng arbeiteten wir zusammen, uns aneinander reibend, wie Krähen oder Geier um einen Leichnam kämpfend, in einer schwarzen Wolke über dem Toten hängend. Niemand schien etwas zu merken. Ich schloss die Augen und würgte die aufsteigende Übelkeit mit dem Wunsch herunter, aus dem Raum zu gehen, zu laufen, zu fliegen. Die Maske der Gleichgültigkeit war wieder aufgesetzt, der Maskenball konnte weitergehen.

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Letzte Anzeichen des Lebens
Irgendwann kamen wir zu den Organen und diese weitere Dimension meiner neuen Welt war noch faszinierender als alles andere davor. Am meisten begeisterte mich das Herz, das solch eine riesige Arbeit verrichtet hatte. Es war größer, als ich es mir vorgestellt hatte, doch trotzdem viel z u klein, um als Pumpe für einen ganzen Körper zu fungieren. Wenn man auf die linke Kammer drückte, pulsierte die Aorta, als ob es doch noch ein Zurück gäbe, als hätte der Tod doch nicht gesiegt. Aber dann kamen die Reste des Lebens in Form von dunklem, geronnenem Blut in riesigen Klumpen aus den Gefäßen und dem Herzen zum Vorschein. Kamen zum Vorschein, wurden von uns herausgekratzt und entsorgt.
So war jede Hoffnung dahin. Manchmal rieselte sogar noch frisches Blut aus kleinen angeschnittenen Gefäßchen und wir verstummten alle und schauten uns mit Traurigkeit und Ehrfurcht diese allerletzten Anzeichen des Lebens an, die dieser Körper uns noch bieten konnte und die mit dem Rinnsal davon flossen.

Vom Mensch zum Präparat
Nach und nach hatte der Körperspender alles Menschliche verloren und wurde mehr und mehr zu einem Präparat. Nur noch das von uns verschonte Gesicht erinnerte daran, dass er mal so ausgesehen hatte wie wir. Im Laufe der Präparation entdeckten wir zahlreiche Anomalien an fast allen Organen: Herzvergrößerung, Koronarkrankheit, Nierenzysten, Hernien, eine fehlende Gallenblase, einen Port, einen großen Teil des Darms, der wegen des Krebses entfernt worden war, eine so verkalkte Aorta, dass es überhaupt unklar war, wie er gelebt hatte, und ein sehr ungewöhnliches Pankreas... welche Leiden dieser Mann hatte!
Die Unübersichtlichkeit seines Bauchraumes war auch der Grund für die Aussage unseres Professors, dieser Körperspender sei für unsere Prüfung nicht geeignet: „Wir werden ihn auseinandersägen müssen.“ Seine Anweisung an den Hausmeister: „Einmal die Hüfte abtrennen und dann bitte noch mal längs eine Teilung.“ Uns versicherte er: „Keine Angst, Sie werden es erst sehen, wenn Sie morgen wiederkommen.“ Der warme Arm meiner besten Freundin streifte meinen. Täuschte ich mich oder zitterte sie wirklich? Wie ungewohnt war ein Gefühl der Wärme, des Lebens in diesem Raum. Meine Augen begegneten den ihren. Noch blauer als sonst waren sie, noch riesiger. Die schwarzen Wimpern flogen ein paar Mal wie Schmetterlingsflügel auf und ab und zwischen ihnen blitzte ein winziger, glitzernder Tropfen auf.
Auseinandersägen? Die Frage blieb mir unausgesprochen im Halse stecken.

Wortlos, lautlos
Am folgenden Tag schien die Ankündigung vergessen zu sein. Doch die sauber abgetrennten Körperteile, die aus dem Bauchraum halt- und leblos heraushängenden Darmschlingen riefen alles wieder in Erinnerung. Keiner sagte ein Wort. Keiner erwähnte es. Ein Tabu mehr in unserem Leben. Ich präparierte lautlos, ich würgte genauso wortlos mein Essen herunter. Ich ging nach Hause und lernte weiter. Alles wie immer. Alles ohne ein einziges Wort.
Abstumpfung. Am nächsten Morgen wachte ich mit zusammengebissenen Zähnen auf. Meine Hände taten weh, ich konnte die Finger nicht auseinander kriegen – sie waren die ganze Nacht zu Fäusten geballt gewesen. Tiefe Abdrücke meiner Nägel prägten die Handflächen. Mein Bett war schweißnass, meine Augen waren geschwollen und brannten immer noch. In jener Nacht hatten mich zum ersten Mal seit Anfang des Präparationskurses Albträume heimgesucht.

Die Gefühle bewahren
Als wir schließlich den Totenschein bekamen, war ich entsetzt über die kühle Gleichgültigkeit, mit der die Pathologin über „unseren“ Mann schrieb: „Ein alter Mann mit Schlafanzugsjacke bekleidet...“, als sei er ein Objekt wäre, nur irgendwer, einer von vielen, ohne Identität, ohne Namen. Ich war wütend. Wütend auf diese ungerechte, gleichgültige Welt, auf die Pathologin und auf mich, dass ich diese ewige Maske trug und nichts sagte, obwohl doch so viel in mir drin war. Nur wenn ich dieses Mitgefühl für meine Mitmenschen bewahren konnte, würde ich eine gute Ärztin werden.
Und dies würde schwer sein, denn alles, was man sieht, tötet sie ab, diese Menschlichkeit, und man wird zu einem maskierten Roboter voller Gleichgültigkeit und Leere.

Dankbarkeit zeigen
Als wir am letzten Semestertag noch einmal wie am Anfang um unseren Körperspender herum standen, dieses Mal, um uns von ihm zu verabschieden, nahm ich bewusst meine Maske ab. Ich sah ihn wieder als Menschen und nicht als Präparat. Ich ließ bewusst das Gefühl der Trauer und des Schmerzes für ihn zu. Doch nicht nur diese Gefühle erfüllten mich beim Anblick dieses zerstückelten, zersägten Körpers, beim Blick der an die Ellenbogen angelegten Füße. Nein, auch ein Gefühl von großer Dankbarkeit. Ich dankte diesem Mann, der sich uns so vollkommen geöffnet hatte, für all das Wissen, das ich mit solcher Begeisterung erworben hatte, für jede Minute, in der ich Struktur für Struktur mehr benennen konnte und in der mir mein eigener Körper immer bekannter wurde.

Erwachsener geworden
Am Anfang des Semesters hatte ich einen Fremden begrüßt und am Ende dieser paar Monate stand ich vor dem Abschied von jemandem, der mir sehr nah gekommen war, der mir eine neue, faszinierende Welt eröffnet und mich zu einem anderen Menschen gemacht hatte – durch sein eigenes Leben, das ich zwar nicht kannte, dessen Spuren gleichwohl an seinem Körper und an seiner Entscheidung, sich uns zu spenden, zu verfolgen waren. Ich trat mit langsamen Schritten aus dem Raum und blickte mich noch mal an der Schwelle um. Ein letzter schweifender Abschiedsblick durch den leeren Präpsaal. Wie erwachsen ich geworden war. Als ob ein ganzes Leben in diesen wenigen Monaten gelebt worden wäre.

Das 3B Scientific-Anatomiespecial
Dieser Artikel ist Teil des redaktionellen Specials zum Thema Anatomie, das wir dir mit freundlicher Unterstützung von 3B Scientific, dem renommierten Hersteller anatomischer Modelle, präsentieren können.

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