Vom Atlas bis zum Zwerchfell
Carolin Proske
Diese Worte, entnommen aus Antoine de Saint-Exupérys Roman „Terre des Hommes“, geistern in meinem Kopf herum, während ich mit Spannung dem Präparierkurs entgegen sehe, der mich gleich im ersten Semester des Medizinstudiums erwartet. Gleichzeitig beschäftigen mich vielerlei Fragen: Wie werde ich mit dem Anblick toter Menschen zurechtkommen? Wird mir übel werden? Wie viele Studenten arbeiten an einem Präpariertisch zusammen? Und wie ist die Betreuung durch Professoren und Assistenten?

Wissen für das Leben
Darüber hinaus überkommt mich jedoch auch die Neugier, wie der Mensch von innen aussieht, wie sich ein Herz anfasst und wie Darm, Niere und Leber angeordnet sind. All dies geht mir durch den Kopf und füllt meine Gedanken, sodass mich allein Saint Exupérys Sicht gelassen stimmt, wobei der Tod für uns Medizinstudenten auch in ganz praktikabler Hinsicht einen Sinn ergibt, nämlich um uns Wissen anzueignen, welches wir dann für das Leben anwenden können.
An einem der ersten Studientage im Oktober sitzen wir, 800 Münchner Erstsemester, nun im altehrwürdigen großen Hörsaal der Anatomie. Er verläuft oval, die Sitze steil nach unten angeordnet, einer Arena gleich auf einen kleinen freien und ebenfalls ovalen Platz zu, auf dem bald der Professor für makroskopische Anatomie seine Einführung für den Präparierkurs, offi ziell „Praktikum zum Kurs der Makroskopischen Anatomie“, geben wird. Immerhin so viel wissen wir schon: Neben dem Präparierkurs gibt es die kursbegleitende Vorlesung, in der die wichtigsten anatomischen Kenntnisse vermittelt werden, Präparierschritte gezeigt und erläutert und Klausurfragen besprochen werden.
Disziplin gefordert
Ganz in Grün gekleidet, denn das ist auch später im Präpkurs das Erkennungsmerkmal der Professoren und Assistenten, erscheint unser Professor schließlich. Er wirkt streng und ruft uns von Anfang an zur notwendigen Disziplin auf, an die er uns später immer wieder erinnern wird. Zugleich nimmt er uns mit seiner Gelassenheit und seinen bisweilen lustigen Bemerkungen etwas von der Sorge um die nächste Zeit.
Schließlich ist der Tag gekommen, an dem wir das erste Mal in den Präpariersaal gehen. Wir sind in zwei Gruppen zu je 400 aufgeteilt. In meinem nagelneuen weißen Kittel betrete ich nun erstmals den Saal. Um mich herum viele andere Studenten, wirres Treiben. Gleißendes Licht aus den Leuchten an der Decke zeichnet ein kühles, klares Bild von all dem, was um mich herum ist. Zum ersten Mal sehe ich die fünf großen, halbmondförmigen Apsiden, die sich in einen größeren ebenfalls halbrunden Raum ergeben, an dessen Längsseite ich nun stehe. In den Apsiden stehen Tische. Tische, auf denen später die Toten liegen werden, heute jedoch zum Glück nur einige Knochen aus Kunststoff. An Schnüren hängen an den Seitenwänden der Apsiden große Bilder des menschlichen Körpers, Muskeln, Adern, Abdomen und darauf viele Begriffe, die mir nichts sagen, von denen ich noch nie etwas gehört habe.
Ich suche meine Apsis auf und kurz darauf stehe ich auch schon am richtigen Platz und treffe zum ersten Mal die anderen sieben Studenten, mit denen ich die nächsten drei Monate zusammenarbeiten werde. Während wir uns alle noch gegenseitig vorstellen und unsere ersten Erfahrungen austauschen, treffen die Präp-Assis ein, Studenten aus höheren Semestern, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Das erste Testat
Dann geht es los: Wir drehen und wenden die Knochen und lernen Begriffe zu den verschiedenen Strukturen, betrachten Röntgenbilder und füllen Fragen in einem Skript aus, das speziell auf den Präparierkurs abgestimmt ist. So wird unser Arbeiten bald zur Gewohnheit. Doch nach zwei Wochen gibt es bereits die erste der insgesamt fünf Anatomieprüfungen, das Knochentestat. Dazu werden alle 800 Studenten nacheinander in den Präpariersaal gelotst und müssen dort einen Parcours mit insgesamt 15 Tischen passieren. An jedem Tisch gibt es eine Frage zu einer Struktur oder eine Frage, die im Zusammenhang mit dem Stoffgebiet steht. Teilaufgabe A erfordert fast immer das bloße Erkennen, was aber auch nicht immer leicht ist, Teilaufgabe B verlangt das Einordnen in einen Zusammenhang und erfragt Details.
Ich bin dran. Mit einem Klemmbrett im Arm, auf dem die Prüfungsbögen sind, durchlaufe ich den Prüfungsparcours. „Denken" schreit das Gehirn und ich nehme nichts mehr um mich wahr. Frage um Frage geht es die Tische entlang, und nach 15 Minuten ist endlich alles vorbei. Geschafft verlasse ich die Uni, und „geschafft!“ rufe ich, als abends die Ergebnisse im Internet stehen: bestanden!
Arme und Beine
Erstmal bekommen wir Studenten nun Arme und Beine zum Präparieren. Zugegeben, ganz wohl ist es uns nicht, als wir die roten Planen abdecken. Aber wir ahnen, was wir gleich zu Gesicht bekommen werden und so trifft uns der Anblick nicht ganz unvorbereitet. Einzig der Geruch nach Formalin ist vor allem am Anfang nicht leicht zu ertragen, denn er ist sehr intensiv und reizt die Augen. Doch auch hier werden wir bald Routiniers und lernen nun eifrig für das Muskeltestat. Als letztes großes Novum erfolgt nach dem Muskeltestat der Austausch der Extremitäten durch komplette Leichen. Respektvoll stehen wir Studenten um den Tisch herum. Irgendwie kommt jedem für einen Moment die Sprache abhanden. Während wir noch unsere Gedanken sortieren, kommt einer der Apsisleiter an unseren Tisch, nimmt uns bei der Hand und zeigt uns ruhig und besonnen die ersten Schritte. So gehen dann auch wir beherzt an die Sache und jeder von uns präpariert mit seinem Skalpell ein Stück Mensch, der vor ihm liegt. So vergehen Tage und Wochen, und stetig machen wir uns die Anatomiekenntnisse zu Eigen.
Nach Weihnachten dauert es gerade noch einen Monat bis der Präparierkurs vorbei ist. In den letzten zwei Testaten werden neben Kopf und Hals auch vor allem die inneren Organe geprüft.
Gedenkfeier für die Toten
Und dann ist er endgültig rum, unser Präpkurs. Am letzten Tag treffen sich viele Kursteilnehmer in der Ludwigskirche in München. Gemeinsam mit den Angehörigen und den Professoren gedenken wir den Toten, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt und uns so die Möglichkeit gegeben haben, tiefe Einblicke in den menschlichen Körper zu erhalten. Es ist eine schweigende Gemeinschaft. Kerzen und Blumen werden von den Studenten nach vorne getragen – für jeden Toten eine Kerze und eine Blume. Das Orchester spielt eine sanfte Melodie, dann sprechen einige Studenten über die vergangen Wochen und Monate. Eine Studentin erzählt, dass wir uns Gedanken gemacht haben, wie die Menschen, die ihren Körper der Anatomischen Anstalt überlassen haben, zu Lebzeiten waren. Ob man etwa feststellen könne, wenn einem Menschen eine Laus über die Leber gelaufen sei. Ob die gezackte Narbe am Fuße eines Mannes eine alte Kriegsverletzung sei, ein Mensch mit einem großen Herz in seinem Leben auch großherzig gewesen sein mag?
Zuletzt singt ein Chor, und nachdem die letzten Stimmen verklungen sind, trete ich gemeinsam mit den anderen Studenten, Angehörigen und Lehrkräften nach draußen. Es ist dämmrig. Kühle, trockene Februarluft schlägt uns entgegen. Ich blicke in den grauen Himmel. Dankbarkeit umfängt mich.
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