Freud und Leid…

8. Februar 2010 geschrieben von josephine

Das Leid – der Chef ist krank! Und wenn das der Fall ist, steppt sowas von der Bär im Haus, ihr macht euch keine Vorstellung von…. :(

Wir sind nämlich just am selben Punkt angelangt, wie ungefähr vor einem Jahr um dieselbe Zeit: von 8 angestellten (Medizin)Menschen arbeiten ziemlich genau 2,5 – der Rest versucht seine Zeit mit Nichts-Tun und Arbeits-Vermeidungs-Taktik bis zum Klingeln der Stechuhr tot zu schlagen. Alternativ auch bekannt als “Gemütliches Kaffee trinken während der Arbeit”-, “Ohne Funk und Telefon in unendlichen, nie zuvor gesehenen Welten verschwinden”- und “Ich mache nur, wozu ich gerade auch Lust habe”-Verhalten. ES KOTZT MICH AN!!!

Problem ist – Chef ist irgendwie Alt-68er. Will heißen – der Kerl kann dir freihändig Jimi-Hendrix auf der Luft-Gitarre und “Peter, Paul & Mary” a capella darbieten, Weltfrieden ist eh klar – aber mal so richtig Chef-mäßig auf den Tisch kloppen – nee, geht gar nicht! Und genau aus diesem Grund trampelt ihm auch binnen kürzester Zeit jeder Depp auf der Nase herum. Womit mal wieder bewiesen ist: Der Mensch will Krieg! Ich meine – gibt es etwas schöneres, als einen Vorgesetzten, der nichts anderes will, als dein Bestes? Das du gut Geld verdienst, schön Medizin lernst und dich nicht tot arbeitest? GIBT ES DAS??? NEIN! Gibbet nich’!!! Und – dankt es ihm irgendjemand? Nope. Nada! NIENTE!!! Verar***t wird er von vorne nach hinten, und sein Volk lacht sich ins Kaffeetassen-angewärmte Fäustchen. Ich weiß schon, warum an Universitätskliniken nur Ar…mleuchter Chef werden – alle anderen fahren den Karren binnen kürzester Zeit vor die Wand! So ist das! Antiautoritäre Erziehung bei Medizinern klappt ungefähr so gut, wie bei Kindern, nämlich GAR NICHT! Die Spezies Arzt will getrietzt, ausgebeutet und kurz gehalten werden. Ich geh mich dann mal erschießen….

Leid Nummero zwei: Ich habe eine Patientin verloren. Nein, ich hab sie nicht umgebracht oder so, aber ich komme mir fast so schäbig vor, als HÄTTE ich es getan.

Vorgeschichte: Ende letzten Jahres ist ein sehr süßes, sehr altes Pärchen bei uns aufgelaufen, zwei ganz entzückende Leute mit schlohweissem Haar und zwei Millionen Lachfalten überall. Er hat hat sie angehimmelt, als wär er ihr gestern erstmals begegnet, dabei sind die beiden schon über 50(!!!) Jahre verheiratet – und sie hat Brustkrebs. T4-Tumor, wie so oft in diesem Alter. Die Mädels gehen nunmal nicht gern zum Frauenarzt, und erst, wenn ihnen der Krebs schon fast in die Nase beißt, raffen sie sich doch noch auf. Dann sitzen sie da vor dir, und du mußt ihnen all die schlimmen Dinge erzählen, die du so mit ihnen vorhast: Latissimus-Schwenklappen (weil die Haut über dem Tumorgebiet zum Decken nicht ausreicht), und Chemo und wahrscheinlich auch noch Bestrahlung…

Und er streichelt immerzu ihre Hand, und der Optimismus sprudelt wie Kohlensäure in einer geschüttelten Flasche Mineralwasser aus ihm heraus.

Später erzählt er mir dann von seinem Prostata-Krebs und der chronischen Leukämie. Aber er stirbt nicht, nein, ER NICHT! Das kann er seinem Mädchen nicht antun, und sie ihm gefälligst auch nicht.

Und dann operiert der Chef in stundenlanger Fitzelarbeit einen wirklich sagenhaften Latissimus, der so wunderbar rosig und gut durchblutet ist, daß man fast ein wenig weinen muß vor Freude. Und die alten Leutchen freuen sich und drücken mir die Hand (nicht, weil ICH sie so schön operiert hätte, sondern weil ich sie in meinem Sonntagsdienst aufgenommen und ganz lange mit ihnen gequatscht habe. Haben mich an meine Großeltern erinnert, die Beiden…). Und jeden Tag, den es bergauf geht, freu ich mich ein bisschen mehr, und der alte Mann kommt jeden Tag ein bisschen frischer und rosiger daher, ganz neuen Schwung bringt er von draußen mit, denn bald ist es soweit, bald nimmt er sie wieder mit Heim, sein Mädchen…

“Am Brustkrebs sterben sie ganz sicher nicht, daß glauben sie mir mal!”

Hab ich ihr gesagt! Im Brustton der Überzeugung! Und es sogar selbst geglaubt.

Und ich habe doch tatsächlich Recht behalten….

Am Schlaganfall ist sie gestorben. Vergangene Woche! Hat mich heute morgen fast aus den Schuhen gehauen, als ich es gehört habe. ALLES umsonst. Umsonst gehofft, umsonst gekämpft. Manchmal kann man noch nicht mal mehr wütend werden…

Zum Schluß dann aber trotzdem noch die Freude – wie oben versprochen: Gestern haben wir eine Frau entbunden – von ihrem 17. Kind!!! Alles Spontangeburten, keine Kaiserschnittchen, keine Fehlgeburten. UNGLAUBLICH!!! Als ich die “junge Mutter” ;) heute morgen zum Abschlußgespräch vor mir sitzen hatte, konnte ich nur ehrfürchtig staunen:

“Sorry, Frau M. - ich werde ihnen wohl nichts mehr erzählen können – aber vielleicht wollen sie MIR noch etwas beibringen???”

Erst war ich fort, jetzt bin ich gebildet…

4. Februar 2010 geschrieben von josephine

Heiho, liebe Gemeinde,

da bin ich wieder. Nach drei Tagen fleißigen fortbildens bin ich nun – bis zur Halskrause vollgestopft mit Neuigkeiten und Altbewährtem – zurück in der Heimat. Es war eine rein pränatal-geburtshilflich orientierte Geschichte, toll aufgemacht mit knapp gehaltenen – und deshalb auch aufs Wichtigste reduzierten – 30-Min-Vorträgen, und Referenten, bei denen man (oder besser gesagt: FRAU, nämlich ich) schon fast hätten niederknien wollen: Der alte Saling zum Beispiel, medizinisches Urgestein und Altvater der MBU (= Mikroblutuntersuchung; hierbei wird Blut am kindlichen Köpfchen entnommen, während selbiges noch IN der Mutter steckt. Praktiziert bei fraglich schlechten CTGs um anhand der Sauerstoffsättigung des fetalen Blutes beurteilen zu können, ob und wenn ja wieviel Reserve das Kind noch hat). Oder Michael Stark – der Mann, der den sogenannten “sanften Kaiserschnitt” (Misgav-Ladach-Sectio) etabliert hat! Seine Durchschnitts-Schnitt-Naht-Zeit liegt bei 12,5 (in Worten: ZWÖLFKOMMAFÜNF!!!) Minuten – die hat mein alter Uni-Oberarzt allein für den Hautschnitt und die Blutstillung bis zur Faszie gebraucht….

Aber auch sonst gab es viel Spannendes mitzunehmen, z.B. die Tatsache, daß die Hessinnen im Kreis Marburg wohl tatsächlich immer noch großen Wert auf spontanes Entbinden legen, oder das der leitende Geburtshelfer der Uni Frankfurt wirklich Stolz darauf ist, daß lediglich 10 % der spontan entbindenden Frauen seiner Abteilung ihre Kinder in Rückenlage zur Welt bringen. Da können wir uns mal noch eine ganz gehörige Scheibe abschneiden!!!

Die Schattenseite solch eines Aufgebotes hochdekorierter Koryphäen (und solcher, die es gerne wären…) ist dann wiederum die gerne und weitläufig praktizierte Selbstbeweihräucherung, eben solche Kerle, die sich selbst für Gottes Geschenk an die Menschheit halten. Und die den Blick dafür verloren haben, daß (gute) Medizin nicht nur in großen Häusern (und von doppelt promovierten und zumindest einfach habilitierten Menschen) gemacht wird, sondern das auch kleine Abteilungen mit wenig Personal ihre Daseinsberechtigung haben. Nur scheitert es hier oft an den überzogenen Forderungen eben dieser “Großunternehmen”. Beispiel gefällig? Gerne:

Vortrag über die spontane Zwillingsgeburt – höchst löblich, werden doch immerhin rund 80% aller Gemini in Deutschland per Kaiserschnitt entbunden.

Dafür aufzubringendes Personal (und diese Aufführung ist jetzt wortwörtlich mitgeschrieben – ich konnte nicht anders, ich MUSSTE sie einfach festhalten):

- Der Chef des Krankenhauses bzw. sein Stellvertreter (vor der Tür des betreffenden Kreißsaales – klar… – DEN KlinikChef will ich sehen, der mit dem gemeinen Fußvolk VOR der Tür stehen bleibt… *pfff*)

- Der Oberarzt und ggf. ein anzulernender zweiter Oberarzt (DIE dürfen sich IM Kreißsaal befinden!)

- Zwei Assistenzärzte (vor der Tür wartend – ggf. könnte einer von beiden nach Absprache mit Cheffe, den beiden Oberen und der Patientin doch partizipieren…)

- Zwei Hebammen (eine bis zur Geburt des ersten Geminus, die zweiten dann hinzustoßend – solange also VOR der Tür wartend!)

- der Anästhesist nebst Anästhesie-Pfleger (selbstverständlich VOR der Tür, wenn schon der Chef draußen wartet)

- zwei Kinderärzte nebst Pflegepersonal.

Macht Summa Summarum *durchzähl* 13 Personen!!! Das Überschreitet klar die komplette ärztliche Belegschaft UNSERER Abteilung. Kein Wunder, daß solche Geburten nur noch in Hochversorgungszentren laufen sollen – der Rest hat schlicht zu wenig Personal!

Über die genaue Anzahl der Menschen in diesem Fall läßt sich bestimmt lang und ausgiebig streiten (ich halte sie verwegenerweise für absolut überzogen – aber ich bin ja auch nur ein kleines Licht im Leuchter) – aber tolldreist fand ich dann doch die Abschlußaussage des referierenden Kollegen: “Ich schare einfach gerne Leute um mich. Die müssen dann noch nicht mal alle mit in den Kreißsaal kommen, es reicht, wenn sie vor der Tür stehen, und warten. Oftmals brauch ich sie dann auch gar nicht. Aber es ist schön, daß sie da sind!”

Ja, großartig ist das. Und zu Zeiten der Ärzteschwemme (nur noch wenige Lebewesen können sich an diesen gelobten Abschnitt medizinischer Geschichte überhaupt erinnern…), als vor allem MANN gerne noch 48h rund um die Uhr und für kein Geld gearbeitet hat und seinem Chef quasi in untertäniger Anhänglichkeit ergeben war, DA war es garantiert noch denkbar, daß unzählige Menschen däumchendrehend warteten, bis der Chef die Versammlung abzublasen gedachte. Aber heute ist man doch froh, wenn die paar Männekens, die einem gemeinhin so unterstehen, der Arbeit im Laufe des Tages zumindest einigermaßen Herr werden. Und die sollen nun stundenlang in der Gegend herum stehen, weil der Oberste gerne “Leute um sich versammlt”?! Nee – is´ klar…

Auch lustig – die Vorgabe, bei jeder Risiko-Entbindung möge ein Facharzt anwesend sein. *HUST* Hier kann ich nun mit Fug und Recht behaupten, daß das noch nicht mal an den großen Häusern und Unikliniken der Fall ist. Denn streng genommen kann man heute jeder zweiten Schwangeren das Prädikat “Besonders risikoreich” auf die Stirn drücken. Weil: die Frauen sind

- zu dick

- zu alt

- zu jung

- haben Diabetes

- oder Bluthochdruck

- familiäre Prädispositionen, Allergien, Vor- und Nacherkrankungen,

- sind über Termin oder

- haben einen vorzeitigen Blasensprung.

Aber auf alle Fälle tragen sie ganz oft ganz schön dicke Kinder mit sich herum. Und genau darauf lief die Diskussion ja hinaus – ein Referent sagt, das Steckenbleiben der Schulter sei eben DESHALB ein Notfall, weil es eben in den MEISTEN Fällen bei normal großen Kindern statt fände, woraufhin der nächste lamentiert, bei jeder Risikogeburt (s.o.) müsse ein Facharzt da sein, um gegebenenfalls eine solche Situation cool und effizient zu handeln. Ja, wie jetzt eigentlich…?!

Aber nee, sonst war es wirklich toll.

Obwohl – ein Problem hab ich noch: Es ist ungefähr 12 Jahre alt (sieht zumindest keinen Tag älter aus), und nach jedem Vortrag fliegen sofort beide Arme in die Luft (fehlt nur noch das Schnippsen mit den Fingern, wie in der Grundschule… *Kopf ->Tischkante*): Das Schleimchen!!! Schleimchen ist meist weiblich, oft klein, dünn, mit Brille und Fisselhaar, und Schleimchen hat IMMER EINE FRAGE!!! Egal welches Gebiet, egal welche Fachrichtung, irgendwo sitzt immer ein Schleimchen und muß dann noch schnell ganz weltbewegende Dinge wissen:

Also erstens – wie spät ist es und

Zweitens – wie spät ist es in fünf Minuten und

Drittens – wie spät war es gestern um dieselbe Zeit????

Versteht ihr das Prinzip? Es geht nicht darum, bei der Problemlösung eines wirklich schwerwiegenden Sachverhaltes geholfen zu bekommen – nein, man möchte nur mal generell gefragt haben!

Ein konkretes Beispiel: Thematik war die Entbindung NACH Kaiserschnitt, der Dozent berichtet, er habe bei einer Frau einmal den fünften Kaiserschnitt (also Re-Re-Re-Re-Sectio – “Rudel-Sectio”) durchgeführt, und zeigt sehr beeindruckende Bilder vom OP-Situs, wo einen die Rückseite der Plazenta, nur von minimal Peritoneum gedeckt, direkt durch die stumm rupturierte Gebärmutterwand hindurch anlächelt – und was fragt Schleimchen?

“Würden sie einer Frau generell zum fünften Kaiserschnitt raten?!”

*Headshot*

Noch Fragen? Nein, euer Ehren…

Junge oder Mädchen? Egal – Hauptsache Mädchen!…

28. Januar 2010 geschrieben von josephine

Vorgeschichte: Hab ich kürzlich eine Schwangere in der Ambulanz sitzen, 23. Schwangerschaftswochen, wegen akutem Magen-Darm-Infekt drei Tage stationär, anstehend zur Entlassung, und soll jetzt noch einmal durchgeschallt werden. Eine wirklich sympathische Person, Mitte Zwanzig, Akademikerin, gut aussehend, netter Kerl Zuhause. Alles bestens. Wir quatschen ein bisschen hin und her, während ich Kopf, Bauch und Bein des Kindes vermesse, nach Fruchtwasser und Mutterkuchen schaue, und wie immer, wenn ich meinen Schallkopf Richtung kindlicher Blase bewege, frage ich kurz nach, ob das Geschlecht bekannt ist, und wenn nein, ob die Mütter (falls sichtbar) wissen wollen, was es wird.

“Ja, ich weiß es schon – es wird ein Mädchen!” *glücksstrahl* “Aber mein Gynäkologe war sich nicht ganz sicher – vielleicht könnten sie ja nochmal…?!”

Klar kann ich – wenn das Baby brav mitspielt, schau ich gerne nach. Und es spielt mit. Besser gesagt ER spielt mit. Und was sich jetzt abspielt, macht mich wirklich fast sprachlos:

“Also, Frau G., ihr Frauenarzt hat sich ein wenig vertan – das hier ist eindeutig ein kleiner Junge!”

Ich lächel die Frau freundlich an, und starre dann fasziniert auf das, was mit ihr (bzw. ihren Gesichtszügen passiert): absolut schockiertes Entgleisen! Zurst denke ich, ihr sei wieder übel, denn ihr Gesicht wechselt die Farbe von rosig-gesund über krank-grün zu arztkittel-weiß, die Augen laufen voll Tränen – und unter wirklich erschütterndem Schluchzen bricht es lautstark aus ihr heraus:

“NEEEEEEEIIIIIIIIIIN, das kann doch gar nicht sein!!! Er hat doch gesagt, es wird ein Mädchen, ALLE haben gesagt, es wird ein Mädchen, ich wußte doch schon immer, es wird ein Mädchen, ich hab doch auch schon alles vorbereitet für ein Mädchen……..!!!!!!!”

Die Tür wird aufgerissen, und der Chef stürmt herein, das komplette Ambulanzteam im Schlepptau – kein Wunder, die müssen gedacht haben, ich hätte irgendetwas ganz furchtbares im Ultraschall gefunden. Nachdem ich lakonisch berichte, das Schlimmste, was ich gesehen hätte, sei ein männliches Geschlechtsorgan, ziehen alle wieder erleichtert ab..

Aber Frau G. greint weiter. Und ich bin dezent genervt. Denn das ist nicht das erste Mal, das eine Frau sich offensichtlich enttäuscht zeigt, Mutter eines Jungen zu werden. Tatsächlich gibt es wohl Studien, die belegen, das sich über 70% aller deutschen Frauen eine Tochter wünschen. Und zwar nicht nur einmal, sondern gerne öfter. Und genau so viele (Frauen) regen sich darüber auf, wenn der Mann einen “Stammhalter” möchte. Frag ich mich doch, wo da der Unterschied ist?

Mal ganz abgesehen davon, das man sich VOR Einsetzen der Schwangerschaft darüber im Klaren sein sollte, daß dies ein Fifty-Fifty-Spiel ist, bei welchem es weder Auswahl- noch Umtauschrecht gibt, frage ich mich (selbst Mutter zweier Jungs – UND einer Tochter) was so schlimm an einem Sohn sein soll??? Okay, da kommt das gern und häufig zitierte Totschlagargument “Ein Mädchen ist mir so viel ähnlicher…!” Neeeeee, is´ klar. Ich kenne Dutzende Frauen, die ihren Müttern so ähnlich sind, wie der Fisch dem Lama (mich eingeschlossen), die weder dieselbe Lebenseinstellung teilen, noch großen Wert auf gemeinsame Freizeitgestaltung legen.

Eine Freundin meinte kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, sie sei “so froh, nicht ständig auf Fußballplätzen herum hängen zu müssen!” – muß ich es sagen? Ihre Kleine spielt nun schon seit Jahren BEGEISTERT Fußball… *hust*

Als ich mit dem zweiten Jungen schwanger war, bekam ich ständig mitleidige Blicke und Phrasen wie “Na, jetzt müßt ihr aber noch eins bekommen, damit wenigstens EIN Mädchen dabei ist…!” – Bittäää? Und wenn es dann wieder ein Junge ist, probier ich es so lange weiter, bis endlich mal zwei X-Chromosome zusammen gefunden haben? Oder soll ich ihn dann umtauschen? Zur Adoption freigeben? Und als Nummer drei dann tatsächlich das gesellschaftlich gewünschte Geschlecht (= weiblich) mitbekommen hatte, durften wir (offiziell) “endlich aufhören mit dem Kinder kriegen” Bitte-Danke! *indietischkantebeiss*

Auf der anderen Seite ist es mittlerweile gesellschaftlich völlig indiskutabel, wenn ein Mann sich offen dazu bekennt, einen “Stammhalter” bekommen zu wollen . UND – wo ist da der Unterschied? Das Wort ist blöd, sicher – aber so ist es nunmal. Das männliche Kind hat halt einen Namen – das weibliche wird es vielleicht auch irgendwann bekommen? “Quotenprinzessin”? “Most Wanted Daughter”? “Erfüllerin meiner nie angegangenen Kindheitsträume”? Echt jetzt – ich versteh es einfach nicht! Was genau bringt es mir als Mutter, meine Tochter all das machen zu lassen, was ich selbst nie durfte, konnte, mußte…? ICH werde nie Konzertpianistin werden, am russischen Staatstheater tanzen, Germany´s Next Top Model oder Deutschlands gesuchter Superstar. Ich bin ich und sie ist sie. Versteht mich irgendeiner?

Mädchen sind toll. Keine Frage. Aber Jungs sind es AUCH! Meine zum Beispiel sind absolut hinreißend (klar, oder? ;) ), höflich, aufgeschlossen, hilfsbereit, sensibel, intelligent, sie kochen und helfen im Haushalt, sie können (im Vergleich zu meiner 28kg-Leichtgewicht-Tochter) auch schonmal mit dem verfressenen Übergewichts-Labrador spazieren gehen, und mein Großer hat mir kürzlich souverän und ohne ins Schwitzen zu kommen, den schweren Einkaufskorb ins Haus getragen. Sie sind der Traum jeder potentiellen Schwiegermutter, und wer die Zwei eines Tages zum Manne bekommt, und sich dann keine Söhne wünscht – der kriegt aber sowas von Ärger mit mir. Echt jetzt…!!!

Bald sind sie so groß wie ich, demnächst gar viel größer, und ich freu mich schon darauf, in 10, 15 Jahren mit zwei gut gebauten, gut aussehenden Kerlen durch die Stadt zu laufen (wenn sie sich denn mit mir alter Schachtel überhaupt noch vor die Tür trauen… *ggg*).

Nicht falsch verstehen – ich liebe meine Kinder! ALLE!  Aber es war mir auch von Anfang an egal, WIEVIELE ich von WELCHER Sorte bekommen. Hauptsache Kinder. Hauptsache glücklich.

Und sicher, ich weiss, daß schlußendlich fast jede Mutter ihr Kind irgendwann liebt und als das annimmt, was es ist – egal ob Männlein oder Weiblein. Aber es tut mir nun einmal in meinem Jungenmutterherz weh, wenn da eine Frau laut wehklagend ob des Geschlechts vor mir liegt, während eine andere genau so laut und herzzerreissend weint, weil ihr Kind nicht mehr lebt. Oder nicht gesund ist. Oder, oder, oder…

Gebt diesen Jungs doch eine Chance, die besten Kerle zu werden, die die Welt je gesehen hat!

…und mein ganz persönliches UG!!!

27. Januar 2010 geschrieben von josephine

Nee, UG steht hier und heute keineswegs für “Untergeschoss” sondern für: Unnötig Geärgert! Und Grund dafür ist – auch keine Seltenheit – meine Mutter… *augenverdreh*

Was sie angestellt hat? Nun *aushol* es ist völlig legitim, mal den Geburtstag der Nachbarin zu vergessen! Oder des Großvaters Couisine Tante vierten Grades. Ich lasse es auch gerade nochmal durchgehen, im größten Lebenschaos das Geburtsdatum der besten Freundin oder der vierzehnjährigen Hauskatze kurzfristig aus den Augen zu verlieren – geschenkt!

Aber was niemals nicht und nimmer geht ist den Geburtstag des eigenen Kindes zu vergessen! Oder? ODER????

Nein, sie hat ihn nicht wirklich vergessen – sie hat mir nur einen angegammelten Discounter-1,99 Euro-Billig-Osterglocken-Im-Plastik-Topf hingestellt mit den Worten “Hier, ich bin noch nicht dazu gekommen, was anderes zu besorgen!”

BITTE? Ist das jetzt wie Weihnachten – alle Jahre wieder steht der Heilige Abend vor der Tür, und keiner hat damit gerechnet? Ich meine – NEIN, es geht nicht um Geschenk oder nicht oder die Frage, wie teuer selbiges gewesen ist, sondern allein die Tatsache, daß sie nicht einfach ehrlich sagen kann: es war nicht wichtig genug! Ich mußte noch Spargel stechen oder Staub wischen, den Wasserkocher entkalken… whatever!!! Darum hab ich nicht dran gedacht. Und darum habe ich auch kein Geschenk. Hier haste 50 Euro – kauf dir was schönes. HA!!! Von wegen!!! 1,99 Euro reichen, um bis in alle Ewigkeiten “aber du hast ja wenigstens die Blumen bekommen” zu sagen – und den Rest dann stillschweigend unter den Teppich des Vergessens zu kehren. So wie letztes Jahr. Und das Jahr davor. Und so wie nächstes Jahr… *seufz*

Sollte ICH es jedoch wagen, mit nichts als einer (schönen, mit Liebe ausgesuchten, im ordentlichen Blumenladen des Floristen ihres Vertrauens erstandenen, schweineteuren) PFLANZE zu IHREM Geburtstag aufzutauchen – DANN ist Holland aber in Not, DAS sag ich euch mal.

Aber so ist sie. Und so war sie schon immer. Und wenn ich meine chronische Gastritis schon nicht vom adrenalingeladenen Kinder bekommen habe, dann auf alle Fälle von ihr: MEINER Mutter! Somit mein ganz persönliches UG des Tages….

P.S.: Der Geburtstag ist schon ein paar Tage her (aber nur eine wirklich überschaubare Anzahl an Tagen ;) ) – und die Tatsache, daß es mich gerade heute nervt, liegt wohl darin begründet, daß die Discounter-1,99Euro-Billig-Osterglocken-Im-Plastiktopf gerade ihre ohnehin schon angegammelten Köpfe vollends hängen lassen, und so gar nichts mit meinem Hawaii-assoziierten Palmen-Hibiskusblüten-Tick zu tun haben.

Aber nichts desto Trotz VIELEN DANK für die sehr netten, nachgereichten Glückwünsche von euch :) Und ich werde natürlich schon 29 Jahre…. jung……….. *HUUUUUST*…. *gggg*

Meine ganz persönliche Arbeitsinsel…

27. Januar 2010 geschrieben von josephine

Echt jetzt – ich habe es allein in diesem Blog bestimmt schon an die hundert Mal erwähnt: ICH LIEBE MEINEN JOB!! Und ich möchte nicht tauschen – mit gar niemandem! Obwohl – das weiße Haus hätte mich persönlich ja auch gereizt, allein das Oval Office… – TRAUMHAFT! Aber noch nicht einmal Mr. Yes-We-Can-Barack-Obama hat, was ich habe, wenn morgens um 3 der Tag noch nicht vorbei ist: Babys in rauhen Mengen!!! Ja, ich weiß, das fällt garantiert unter Vollmeise, und zumindest ein Großteil der männlichen Leser meines Blogs wird sich jetzt verstohlen ans Haupt fassen – aber ich finde das GROSSARTIG: sich nachts so ein schreiendes, quietschendes, grunzendes Bündel Mensch schnappen und damit kreuz und quer durchs Kinderzimmer schaukeln, bisschen summen, bisschen Babyluft atmen – da kann ich abschalten. Und runter kommen. So wie heute Nacht… – aber von vorne:

Dienstag morgen, ein wirklich, wirklich schöner Tag: operieren mit dem Chef – macht einfach am meisten Spaß! Zuerst eine vaginale Hysterektomie mit vorderer Plastik, beides in Rekordzeit, anschließend eine abdominale HE bei Uterus myomatosus und Adnexrevision – auch sehr schön! Der Lieblingschef hat Musik auf dem iPhone mitgebracht, und so swingen wir uns zu Maria Mena und dem Buena Vista Social Club einmal quer durch das heutige OP-Programm. Anschließend noch ein bisschen Stationsarbeit, bergeweise Papierkram erledigt, Briefe angelegt und Berichte diktiert, gerade mal die Füße zum Abendessen hoch gelegt, als das Telefon klingelt:

“Josephine – wer stört???” (ich hab es ja schon auf dem Display gesehen – der Kreißsaal ist´s)

“ICH”

*AAAARRGHHLL* (= NEIN, die Frau von Sinnen……..!!!)

“Okay – was gibt es?!”

“Schwangere mit Wehentätigkeit, 10 Tage über Termin…?!”

“Ist klar – ich komme….!”

Im Kreißsaal treffe ich auf eine Frau, 1,65 m groß, RIIIIIIIIIIEEEEEEESEN Bauch!!!! Zauberhaft. Eine richtige Frau-Von-Sinnen-Schwangere! Die Durchsicht des Mutterpasses ergiebt ein durch die Bank weg normal groß geschätztes Kind, die letzte Messung vor zwei Tagen bei meiner Kollegin Blondie belief sich auf ungefähr 3600 g, reichlich Fruchtwasser! Ich staune. Der Bauch der Frau ist so monströs, daß ich mich frage, ob da nicht irgendwo noch ein zweites Kind versteckt sein könnte…?! Aber gut – Blondie ist beinahe Fachärztin und nicht wirklich schlecht im Schallen, der niedergelassene Kollege hat seine Praxis auch nicht erst seit gestern – ich muß mich also irren. Trotzdem taste ich vorsichtig die straff gespannte Bauchdecke ab (ja, ich hab Leopold (=Handgriffe zur Abschätzung von Lage und Größe des Kindes – Anm. d. Red.)  noch gelernt, geübt und kann ihn einigermaßen gut anwenden!) – und bin ehrlich gesagt verwirrt. DAS DA DRIN tastet sich nicht wirklich nach kleinem Mensch…?! Frau von Sinnen – die schon das erste Kind der Patientin entbunden hat, schwört bei allen Heiligen, daß der Bauch der Frau W. in deren erster Schwangerschaft exakt dieselben Dimensionen gehabt hätte, und heraus gekommen sei schlußendlich ein Ozean voller Fruchtwasser – und ein 2800g Kind. Ich versuche vorsichtigen Optimismus zu zeigen…

Sei es wie es ist – Frau W. hat nun also ein normal groß geschätztes Kind, einen riesen Bauch, und beginnende Wehentätigkeit. Es ist 17.30 Uhr – der Countdown läuft.

Kaum hab ich es mir wieder mit meinem Belegten und Füße-hoch bequem gemacht, bimmelt der Kasten erneut – selber Kreißsaal, andere Hebamme: oSoleMia kräht unter Umgehung der üblichen Höflichkeitsfloskeln ein fröhliches “Ich habe hier eine Sectio!!!” in den Apparat, und ich bin kurzfristig irritiert. Wie – OP-Aufklärung um diese Uhrzeit? Wer hat sich denn den Mist ausgedacht???

“Soli – es ist 18 Uhr – wieso muß ich denn mitten in der Nacht OP-Vorbereitungen treffen?”

“Josie, weil die Frau ein Kind in Querlage samt vorzeitigem Blasensprung hat!!!”

Adieu, ihr Gurken und Tomätchen, belegte Brote und gekochten Eier – das war es mit dem Abendessen…

Frau C. hat eigentlich für nächste Woche einen Termin zum geplanten Kaiserschnitt, da ihr Sohn bereits seit mehreren Wochen unverändert in Schräglage verharrt. Nun – der Kindergeburtstag wird auf heute vorgezogen, es wird also nichts aus dem 02.02. …

Frau C. ist eine kleine, zierliche Frau mit kaum wahrnehmbaren Schwangerschaftsbauch – die Sectio ist dann auch ein Traum: binnen kürzester Zeit habe ich mich durch nahezu fettfreie Gewebsschichten zu dem kleinen, zarten Uterus vorgearbeitet und entwickle dann, fast bilderbuchmäßig, einen wirklich mickrigen Jungen aus erster Schräglage. Allein der Teil mit dem “Finger in den Mund und über den Nacken entwickeln” finde ich immer noch ein bisschen gruselig. Was das Kindelein wohl denkt, wenn es – kurz bevor man es aus dem warmen Uterus ins kalte OP-Licht reißt – einen gummiüberzogenen Finger in den Mund gestopft bekommt? Aber gut, anders läßt sich die kleine Rübe nunmal nicht aus derstraff gespannten Muskelhöhle befreien, und nach fast keiner Zeit liegt der kleine Bub wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen in Solis grünbetuchten Hebammenarmen. “Komisch” denke ich nur “der sah aber komisch aus…?!” Und komisch angefühlt hat er sich auch, ganz steif, den Kopf C-förmig nach hinten durchgebogen, ich hab ihn kaum anständig festhalten können…?! Aber gleich geschrien hat er schon, rosig war er auch…?!

Nachdem die Frau lege artis vernäht, verpflastert und versorgt ist, geh ich mir das Kind nochmal bei Kreißsaallicht anschauen. Aber das macht es auch nicht wirklich schöner…

Was mir eben im OP noch gar nicht richtig aufgefallen ist – der kleine Kerl hat quasi überhaupt kein Kinn!? Und keinen Hals?!?! Dafür den Kopf immer noch extrem überstreckt nach hinten gebeugt, und völlig deformiert… – okay, er lag jetzt aber auch ziemlich lange ziemlich blöd in diesem Uterus herum – da kann so ein kleines, weiches Skelett postpartal schonmal ein wenig zerknittert aussehen. Aber SO zerknittert???

Lange Überlegen ist nicht – Frau von Sinnen hat nur darauf gewartet, das ich wieder aus den Untiefen des OPs auftauche: Kaum im Kreißsaal angekommen werde ich auch schon zur Geburt zitiert – Frau W. bietet bei unglaublich schönen CTG-Werten (NICHT ironisch!!!!) ein Köpfchen auf Beckenausgang! Hurra – DAS ist ja einfach… :)

Ja, denkste! Der Kopf steigt, und steigt, und steigt, während die Schamlippen sich wie die Blüten einer frisch erwachenden Fleischpflanze langsam immer weiter entfalten, bis sie schließlich – wie ein paar zusätzlicher Ohren – seitlich des immer monströser werdenen Köpfchens kleben – und noch immer ist kein Ende dieses Schädels in Sicht!

Fast zeitgleich wandern meine Hand, und Frau von Sinnens Blick zum laufenden Oxithocin-Infusomaten, den ich augenblicklich abstelle, und noch bevor ich zu Ende überlegt habe, die Schere zur Epi anzusetzen, ploppt der dunkelbehaarte Mädchenkopf über den Damm der jungen Mutter. Eieieieiei – 3600 g…. NEVER EVER!!!

Diese Sekunden nach Erscheinen des Köfpchens und vor Entwicklung der Schultern sind der Grund für meine chronische Gastritis: soviel Adrenalinausstoss kann einfach nicht gesund sein!!!

Frau von Sinnen dippt zart an der Schläfe des kleinen Mopses, der sich noch nicht so wirklich entscheiden kann, wohin er will. Dann routiert sie vorsichtig ein bisschen nach links – die Schultern stehen offensichtlich quer im Beckenausgang und können sich ebenfalls noch nicht so recht entscheiden, wohin sie wollen…. Aber dann wird es der kleinen Frau doch zu blöd, weiterhin korkenmäßig auf Beckenausgang zu stehen – mit einem entschlossenen Ruck dreht sie sich einmal elegant von links nach rechts und nach zweimal kurz mitpressen flutscht sie in ihrer gesamten Schönheit und mit ordentlich Speck an Armen und Beinen auf einer Fruchtwasserwelle heraus!

To make a long story short: 4360 g Kampfgewicht, 38 cm Kopfumfang. Ich muß meinen Beruf doch nicht wechseln, auf Leopold ist manchmal eben mehr verlass, als auf alle Hochleistungstechnologie dieser Welt!

Nun noch kurz zurück zu meinem Blogintro und dem kleinen Jungen ohne Kinn – eine geschlagene Stunde sind wir zu viert (ich, zwei Kinderschwestern, eine Hebamme) um den Kleinen herumgestanden, der wie ein nacktes Geierjunge (man möge mir den Vergleich verzeihen, aber so sah er heute nacht WIRKLICH aus) in seinem Wärmebettchen lag, und, sich weiterhin bogenförmig nach hinten reckend, friedlich schlief. Und während wir da so standen und sinnierten über normal oder nicht, hatte ich mir eines dieser kleinen, wohlig gut riechenden, knarzenden, schmatzenden Häschen geangelt und eine Runde durch das Zimmer geschaukelt, und während ich noch versonnen durch das wirre Zottelhaar des kleinen Mädchen streiche, verfalle ich plötzlich wieder automatisch in diesen Jungmutterwiegeschritt (Hüfte links kippen, Hüfte rechts kippen – der hat mir wahrscheinlich auch meinen dauerhaften Hüftschaden beschert… ;) ) und ich bin plötzlich wieder Mitte Zwanzig, halte mein erstes Kind im Arm, und die Welt um uns herum ist völlig außen vor… Unglaublich, so ein kleines Wesen, gerade noch war es nichts anderes als geisterhaftes weißes Rauschen auf schwarzem Ultraschallmonitor, und jetzt hat es eine Gesicht, einen Persönlichkeit – und ein ganzes Leben vor sich!

Wie meinte der Anästhesist vorhin versonnen zur frisch-sectionierten Mutter: bei der heutigen Lebenserwartung könnte ihr Sohn fast das Jahr 2100 erreichen… WAAHNSINN!!!

Somewhere Over The Rainbow

19. Januar 2010 geschrieben von josephine

Manchmal frage ich mich, wie es sein wird, das Sterben? So wie Schlafen? Vollnarkose? Ohnmacht? Werde ich denn Engel singen hören oder mich gar Horrorszenarien begleiten, auf dem Weg gen Hölle? Was ist mit diesem Licht? Wird es da sein? Vielleicht am Ende eines Tunnels (hat man alles schon gehört…)? Oder ist es schlußendlich doch nur Halluzination –  das letzte, große Endorphin-Feuerwerk, körpergesteuert vor dem Gesamtausfall des Hauptmotors? Ein finales Aufbäumen der Synapsen, bevor das Hirn seine Arbeit einstellt?

Wenn ich denn schon sterben muß, dann aber bitte-danke Dr.-Marc-Greene-Emergency-Room-Like  auf einer kleinen, hawaiianischen Insel, in einer netten, sonnendurchfluteten Strandvilla, wo der Pazifikwind sacht durch die Vorhänge streicht und vor dem Fenster die Palmen rauschen (können Palmen rauschen???…). Dort möchte ich dann – in ein Meer von Hibiskusblüten gebettet und sanft untermalt durch Israel Kamakawiwo’Ole`s “Somewhere over the Rainbow” das machen, was man so macht, wenn man stirbt: hollywoodlike und ästhetisch Abschied nehmen, milde lächeln, beruhigende Worte mit auf den Weg geben – ohne all den unnützen Schnickschnack wie Schnappatmung, Stöhnen und letztes Aufbäumen. Die Filmfabriken wissen, wie das geht! SO soll sterben sein. Basta! Und wenn ich denn gestorben bin, können meine Menschen sich ein bisschen am Strand dieser schönen, kleinen Hawaii-Insel versammeln, Cocktails schlürfen, surfen, Sonnenuntergang bewundern. So was eben. Denn ganz ehrlich – WENN es einem schon schei**e geht, dann doch wenigstens an einem schönen Ort mit schönem Wetter und schönem Ozean.

Zynisch? Nein, ich bin nicht zynisch. Traurig. Denn SO sollte sterben nicht sein: Nacht und Nebel und Januar, ohne ein einziges Palmenrauschen weit und breit und kein bisschen Ozean – noch nicht mal ein klein wenig Musik… – SO NICHT!!!

Somewhere Over The Rainbow

Ich kann doch keine Männer weinen sehen…

18. Januar 2010 geschrieben von josephine

Okay, ich gestehe: einer der Gründe, warum ich mich in der Gyn doch ausnehmend wohl fühle ist folgender: ich kann keine Männer weinen sehen! Prinzipiell bin ich ja schon von je her recht nah am Wasser gebaut. Heulen im Kino klappt nach Jahr und Tag immer noch hervorragend, und ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mir das (wenn auch zum Ende hin nur verschämt in den Kittel geschnupfte) Heulen bei Entbindungen erst im 2. Jahr meiner Facharztausbildung endlich abgewöhnen konnte. Rückfälle in Ausnahmesituationen nicht ausgeschlossen! Aber was mich wirklich völlig fertig macht, sind weinende Männer. Und zwar proportional zunehmend mit dem Alter des entsprechenden männlichen Geschöpfes!

Es macht mich fertig, wenn ich sie da sitzen und leiden sehe – so wie dieses kleine, alte Männchen, dessen Frau auf Station 8b im Sterben liegt. Wie er da seit Wochen tägtäglich in die vorletzte Etage gewackelt kommt, den Stock in der linken, den Hut in der rechten Hand, kein Mann großer Worte. Schleicht leise zur  Tür herein und schiebt den Stuhl zum Bett, nachdem er ihr (durchscheinend, gebrechlich und vom nahen Krebstod gezeichnet) wie zufällig zart über die welke Hand gestreichelt hat.

Dann sitzt er da, Stunde um Stunde, wischt ihr mal hier über die heiße Stirn oder nestelt dort an der Decke herum, kleine Zeichen von Zuneigung und Vertrautheit. Mehr kann er nicht – und mehr braucht es auch nicht. Sie sind keine Menschen für großes Kino, diese Kriegsjahrgänge, sondern einfache, kleine Leute, die ihr Leben lang harter, ehrlicher Arbeit nachgegangen sind. Da wird nicht geknutscht und geknuddelt, keine innigen Zärtlichkeiten in der Öffentlich ausgetauscht – ein Händedruck das Höchste der Gefühle! Und doch liegt in jeder zitternden Berührung, in jedem sachten Streicheln ihrer Haare zum Abschied mehr Bedeutung, als viele Worte es je ausdrücken könnten. Und es bricht mir schier das Herz, wenn ich ihn die Träne aus dem Augenwinkel wischen sehe, heimlich und vermeindlich unbeobachtet von ihr und mir. Wenn er dann des Abends müd gen Ausgang wackelt, heim, wo´s eigentlich kein Heim mehr hat, denn das liegt hier und stirbt….

Heute hab ich Dienst, und er wird bleiben und sie wird sterben. Und wenn er weint, werde ich mitweinen müssen. Nicht gleich. Hinterher. So ist das nunmal bei mir…

Katastrophengebiet Haiti…

15. Januar 2010 geschrieben von josephine

Da haben sie wieder einmal zugeschlagen – die Katastrophen dieser Welt. Und ich frage mich, ob man nicht helfen könnte. Ich meine – ob ICH nicht helfen könnte…?! Sicher, Spenden, keine Frage – aber ich kann doch mehr. Ich bin doch ARZT, herrjeh noch eins…!!! Doch braucht man im größten Chaos tatsächlich eine Gynäkologin? Okay, ich kann nähen, ich kann auch operieren assistieren – und ambulanztechnisch: so den Anfänger-Chirurgen-Kram, den bekomm ich garantiert auch noch hin – aber mehr??? Und dann die Familie – die würden sich bedanken, wenn Muttern sich mir-nichts-dir-nichts in eines der momentan wahrscheinlich gefährlichsten Gebiete nördlich des Äquators absetzen würde. Klar, ich würde meinen Mann wahrscheinlich auch fragen, ob er noch alle Latten am Zaun hat, wenn ER auf solche Ideen käme…. Ich MACH es ja auch gar nicht. Aber dennoch – ich bin Arzt, mein Job ist, helfen zu wollen. Und ich WILL helfen. Ein ander Mal…

Denn eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche – die nächste Katastrophe kommt garantiert – irgendwo, irgendwann… :(

Ich glaub mein Schwein pfeifft…!!!

13. Januar 2010 geschrieben von josephine

Viel geredet über Beruf und Berufung heute, aber es gibt Tage, NEIN: Momente!!! – da verliere ich die Berufung doch tatsächlich kurzfristig aus den Augen! Nicht sehr oft. Nicht sehr lang. Aber passiert. So geschehen in meinem letzten Dienst, 1.15 Uhr in der Früh. Ich hatte einen mördermäßigen OP-Tag hinter mir (wir haben allein 4 1/2 Stunden an einem 2,5 kg-Uterus herumgebastelt, der mit so vielen fingerdicken Extra-Arterien ausgestattet war, das es einem ganz warm ums Herz wurde. Nicht vor Freude, sondern weil das Blut so weit gespritzt ist…), anschließend noch ausreichend Stationskram zu erledigen und war gottfroh, “schon” um 0.30 Uhr in meinem gemütlichen Dienstbett zu liegen, als unverhofft in REM-Phase 1 das verhasste DH (=Diensthandy) das Bimmeln anfängt, und die Schwester am anderen Ende der Leitung eine “Schwangere mit Blutungen” verkündet. Okay – raus aus dem Bett, rein in die Ambulanz. Dort sitzt ein sehr fiedel aussehendes, seeeeeeeeeehr junges Häschen und grinst mich tolldreist an. “Naaaaaaja” denk ich mir – “so doll kann es dann mit der Blutung wohl nicht sein…?!” Ein kurzer Blick in Nabelhöhe des Mädels zeigt KEINEN Bauch – also Frühschwangerschaft. Ein Blick in den Mutterpass der kleinen Frohnatur zeigt FrühESTschwangerschaft - und jetzt werde ich ächt sauer! Die Kleine befindet sich doch tatsächlich in der rechnerisch 4+2 Schwangerschaftswoche! Das heißt, sie ist gerade mal 2 Tage überfällig! In Worten: ZWEI!!! Das arme Ei ist wahrscheinlich noch nicht mal im Uterus angekommen…!!! Ich würde sehr gerne ein ganz klein bisschen von Chefs Schreibtischkante abbeißen. Oder zumindest meinen armen Schädel mal ordentlich auf die Platte des Mobiliars fallen lassen.

Aber schließlich bin ich ja schon erwachsen, obendrein gut erzogen und hab mich hervorragend unter Kontrolle, also frage ich freundlich und bemüht gelassen, warum sich Häschen zu nachtschlafender Zeit genötigt sieht, meine geheiligten Hallen anzufahren…?! Man hört, es hätte Blutungen gehabt????

NEEEEEEIIIIIN, also – geblutet hätte sie nicht….!!!!!

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Wie – NICHT??? Sondern????

Nun, sie hätte nach dem Toilettengang (Diarrhoe – geschildert in den blumigsten Farben. Es hat nur noch das Geruchsmoment gefehlt…) rosa Schleim am Papier gehabt!

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Ich schau mich einmal vorsichtig im Ambulanzzimmer um, werfe auch einen schnellen Blick unter Chefs geheiligte Schreibtischplatte – nee, keine versteckte Kamera…?!

All meine Selbstbeherrschung zusammennehmend frage ich erneut freundlich nach, was sie denn nun eigentlich JETZT, an Tag zwei nach Ausbleiben der Periode und mit nichts anderem als rosa Schleim beim Ka**en MITTEN IN DER NACHT in meiner verdammten Ambulanz zu suchen hat?????? (Nee, alle schön wieder hinsetzen, Kopf zwischen die Knie und Ruhe bewahren, SO hab ich selbstverständlich nicht gefragt!!!! ……*flüsteron* hätt ich aber gerne *flüsteroff*……..)!

Nun (meint Häschen) sie hätte ja einen Ultraschalltermin am Montag (also heute) bei ihrem Gyn gehabt, AAAAAABER – jetzt mußte der Arzt den Termin doch tatsächlich wegen was-weiß-ich auf Freitag (also in 4 Tagen) verlegen, und WEIL sie doch so gespannt sei und WEIL sie es doch gar nicht aushalten tät bis dahin und WEIL wir doch so ein schönes Ultraschallgerät hätten (hat sie sich gedacht) – IST sie einfach mal hierher gekommen “Gell, Schatzi!” (dem Kerl neben sich strahlend in die Seite boxend… – der sieht übrigens aus, als hätte sie ihn auch gerade ohne zwingenden Grund aus dem Bett geschmissen, und richtig glücklich ist der augenscheinlich auch nicht darüber….).

Was soll ich sagen – ich bin zu doof für diese Welt. Oder zu gutherzig. Gutmütig. Whatever! Denn statt Häschen stante pede wieder dorthin zu schicken, wo der Pfeffer wächst, hab ich brav Ultraschall von “hoch aufgebautem Endometrium ohne erkennbare Fruchtanlage” gemacht, dreimal freundlich und einmal energisch ein Ultraschallbild von eben jener Schleimhaut verweigert und Häschen samt Schlafmütze mit allen guten Wünschen aus meiner Ambulanz bugsiert. Der arme Kerl tut mir ja jetzt schon ein bisschen Leid – das werden verdammt lange 9 Monate für ihn…

HURRA!!! – ich heiß jetzt anders… :)

13. Januar 2010 geschrieben von josephine

Nachdem ich es doch ein wenig unspektakulär fand, als “Tagebuch eines Arztes II” mein Dasein zu fristen, hatte der Oberadministrator von Medi-Learn, J.P. ein Einsehen mit meinem nöligen Gejammer und wandelte meinen Blog-Namen stat in gewünschte Form. Danke J.P. :) )))

Somit Herzlich Willkommen in meinem ganz persönlichen Chaos! Treten sie ein und staunen sie… *ggg*