Freud und Leid…
8. Februar 2010 geschrieben von josephineDas Leid – der Chef ist krank! Und wenn das der Fall ist, steppt sowas von der Bär im Haus, ihr macht euch keine Vorstellung von….
Wir sind nämlich just am selben Punkt angelangt, wie ungefähr vor einem Jahr um dieselbe Zeit: von 8 angestellten (Medizin)Menschen arbeiten ziemlich genau 2,5 – der Rest versucht seine Zeit mit Nichts-Tun und Arbeits-Vermeidungs-Taktik bis zum Klingeln der Stechuhr tot zu schlagen. Alternativ auch bekannt als “Gemütliches Kaffee trinken während der Arbeit”-, “Ohne Funk und Telefon in unendlichen, nie zuvor gesehenen Welten verschwinden”- und “Ich mache nur, wozu ich gerade auch Lust habe”-Verhalten. ES KOTZT MICH AN!!!
Problem ist – Chef ist irgendwie Alt-68er. Will heißen – der Kerl kann dir freihändig Jimi-Hendrix auf der Luft-Gitarre und “Peter, Paul & Mary” a capella darbieten, Weltfrieden ist eh klar – aber mal so richtig Chef-mäßig auf den Tisch kloppen – nee, geht gar nicht! Und genau aus diesem Grund trampelt ihm auch binnen kürzester Zeit jeder Depp auf der Nase herum. Womit mal wieder bewiesen ist: Der Mensch will Krieg! Ich meine – gibt es etwas schöneres, als einen Vorgesetzten, der nichts anderes will, als dein Bestes? Das du gut Geld verdienst, schön Medizin lernst und dich nicht tot arbeitest? GIBT ES DAS??? NEIN! Gibbet nich’!!! Und – dankt es ihm irgendjemand? Nope. Nada! NIENTE!!! Verar***t wird er von vorne nach hinten, und sein Volk lacht sich ins Kaffeetassen-angewärmte Fäustchen. Ich weiß schon, warum an Universitätskliniken nur Ar…mleuchter Chef werden – alle anderen fahren den Karren binnen kürzester Zeit vor die Wand! So ist das! Antiautoritäre Erziehung bei Medizinern klappt ungefähr so gut, wie bei Kindern, nämlich GAR NICHT! Die Spezies Arzt will getrietzt, ausgebeutet und kurz gehalten werden. Ich geh mich dann mal erschießen….
Leid Nummero zwei: Ich habe eine Patientin verloren. Nein, ich hab sie nicht umgebracht oder so, aber ich komme mir fast so schäbig vor, als HÄTTE ich es getan.
Vorgeschichte: Ende letzten Jahres ist ein sehr süßes, sehr altes Pärchen bei uns aufgelaufen, zwei ganz entzückende Leute mit schlohweissem Haar und zwei Millionen Lachfalten überall. Er hat hat sie angehimmelt, als wär er ihr gestern erstmals begegnet, dabei sind die beiden schon über 50(!!!) Jahre verheiratet – und sie hat Brustkrebs. T4-Tumor, wie so oft in diesem Alter. Die Mädels gehen nunmal nicht gern zum Frauenarzt, und erst, wenn ihnen der Krebs schon fast in die Nase beißt, raffen sie sich doch noch auf. Dann sitzen sie da vor dir, und du mußt ihnen all die schlimmen Dinge erzählen, die du so mit ihnen vorhast: Latissimus-Schwenklappen (weil die Haut über dem Tumorgebiet zum Decken nicht ausreicht), und Chemo und wahrscheinlich auch noch Bestrahlung…
Und er streichelt immerzu ihre Hand, und der Optimismus sprudelt wie Kohlensäure in einer geschüttelten Flasche Mineralwasser aus ihm heraus.
Später erzählt er mir dann von seinem Prostata-Krebs und der chronischen Leukämie. Aber er stirbt nicht, nein, ER NICHT! Das kann er seinem Mädchen nicht antun, und sie ihm gefälligst auch nicht.
Und dann operiert der Chef in stundenlanger Fitzelarbeit einen wirklich sagenhaften Latissimus, der so wunderbar rosig und gut durchblutet ist, daß man fast ein wenig weinen muß vor Freude. Und die alten Leutchen freuen sich und drücken mir die Hand (nicht, weil ICH sie so schön operiert hätte, sondern weil ich sie in meinem Sonntagsdienst aufgenommen und ganz lange mit ihnen gequatscht habe. Haben mich an meine Großeltern erinnert, die Beiden…). Und jeden Tag, den es bergauf geht, freu ich mich ein bisschen mehr, und der alte Mann kommt jeden Tag ein bisschen frischer und rosiger daher, ganz neuen Schwung bringt er von draußen mit, denn bald ist es soweit, bald nimmt er sie wieder mit Heim, sein Mädchen…
“Am Brustkrebs sterben sie ganz sicher nicht, daß glauben sie mir mal!”
Hab ich ihr gesagt! Im Brustton der Überzeugung! Und es sogar selbst geglaubt.
Und ich habe doch tatsächlich Recht behalten….
Am Schlaganfall ist sie gestorben. Vergangene Woche! Hat mich heute morgen fast aus den Schuhen gehauen, als ich es gehört habe. ALLES umsonst. Umsonst gehofft, umsonst gekämpft. Manchmal kann man noch nicht mal mehr wütend werden…
Zum Schluß dann aber trotzdem noch die Freude – wie oben versprochen: Gestern haben wir eine Frau entbunden – von ihrem 17. Kind!!! Alles Spontangeburten, keine Kaiserschnittchen, keine Fehlgeburten. UNGLAUBLICH!!! Als ich die “junge Mutter”
heute morgen zum Abschlußgespräch vor mir sitzen hatte, konnte ich nur ehrfürchtig staunen:
“Sorry, Frau M. - ich werde ihnen wohl nichts mehr erzählen können – aber vielleicht wollen sie MIR noch etwas beibringen???”
