Semesterrückblick: Endlich Ferien
14. Februar 2010 geschrieben von frank
Das erste Semester ist endlich vorbei. Wobei “endlich” gut gesagt ist – denn so lange hat es gar nicht gedauert. Ich weiß so ungefähr gar nicht, wo die Zeit geblieben ist. Ein Blick in den Spiegel verrät es: Seit fünf Monaten war ich nicht mehr beim Friseur. Zur besseren Orientierung deshalb jetzt ein Semesterrückblick. Vorweg: Ich habe alle Klausuren bestanden, einige sogar ziemlich gut. Dafür hab ich mir auch den Arsch aufgerissen wie ein Berserker. Ich glaube, ich bin ein bisschen stolz auf mich.
Terminologie
Das wohl langweiligste Gedöns überhaupt. Ich hab mich in die Schule zurückversetzt gefühlt. Die Dozentin hat alphabetisch die Studenten von einer Liste aufgerufen, damit auch jeder mal dran war beim Hausaufgabenaufsagen. Es wurde mitunter stressig, die Lückentexte auszufüllen, während andere schon beim Aufsagen waren. Für die Klausur durften wir ca. 1200 lateinische und altgriechische Vokabeln pauken und danach sofort wieder vergessen. Bulimielernen eben. Einige selbsterfundene Wortkombinationen sind erhalten geblieben: “Glandoskopie” zum Beispiel.
Allgemeine Anatomie
Das Fach, das uns daran erinnern sollte, dass wir Medizin studieren. Und nicht Physik, Bio, Chemie oder sonstwas. Zur Klausur durften wir alle Knochen mit “ein paar” Punkten lernen, wichtige Gefäße und Nerven, ein paar Begrifflichkeiten usw. Im Seminar sind wir das erste mal mit Echt-Präparaten in Berührung gekommen, was sich im Nachhinein als relativ nüchterne Angelegenheit herausgestellt hat. Man stellt sich das ganze spektakulärer vor, als es ist.
Chemie
War zu Beginn des Studiums mein Hassfach. Habe die Vorlesungen deshalb komplett geknickt und mich vertrauensvoll an chemiecrashkurs.de gewandt. Und siehe da: Es hat am Schluss sogar Spaß gemacht, habe die beiden Klausuren gut bestanden usw. Ich habe viel gelernt, das notwendige verstanden und dann auch Klausuraufgaben kreuzen können. Am Ende hab ich dann nur noch gekreuzt, was so ziemlich das beste war. Das Chemiepraktikum war relativ langweilig, weil man sowieso schon wusste was rauskommt. Dafür fünf Stunden im Labor abhängen war, finde ich, eher nicht so lohnenswert. Die Praktikumsklausur war dann auch drei Tage nach dem letzten Praktikumstag.
Histologie
In der Histologie hat Prof. Veh dem Wort “Druckbetankung” eine neue Seite abgewonnen. Nachdem wir das erste Skript über 50 Seiten in die Hand gedrückt bekommen haben, dachte ich, das Ende der Fahnenstange sei erreicht. Doch leider getäuscht: Weitere zwei Skripte folgten. Die Vorlesung war wohl eher für Doktoranden ausgelegt, hingegangen bin ich trotzdem. Kann ja nicht schaden. Vor der Klausur hat so ziemlich jeder Panik geschoben, bestanden haben sie trotzdem die meisten. Auch wenn verdammt viele “Bilder-Fragen” drankamen. Und zwar viel mehr als in den Semestern davor. Und jetzt ratet mal, was man von nem histologischen Schnitt erkennt, wenn ein Kopierer das Ding 5000 mal durchzieht?
Physik
Dazu will ich mich eigentlich nicht äußern, wurde stiefmütterlich behandelt. Das Praktikum hat kein Spaß gemacht, die Klausur war zu bestehen und haben auch die meisten bestanden.
Bio/Genetik
Für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Hab bis sechs Tage vor der Klausur noch nichtmal gewusst, was der Unterschied zwischen Meiose und Mitose ist. Dann nur noch gekreuzt und die Klausur im oberen Bereich abgeschlossen. Beim Praktikum haben sich die Lehrenden Mühe gegeben – und es war auch wirklich praktisch orientiert. Wir haben uns gegenseitig Blut abgenommen, das wurde dann genetisch Untersucht. Wir haben unsere Chromosomen zählen dürfen, unsere Blutgruppe bestimmt und einen bunten Zettel mit so DNA-Sequenzen bekommen. Eklig war der Praktikumstag, bei dem es um die Meiose ging. Dafür mussten wir die Hoden von Heuschrecken abschneiden, das “Innere” rausziehen und unterm Mikroskop anschauen. Also ich hab nix gegen Blut, Leichen und Kotze. Aber diese kleinen Viecher ekeln mich an. Das Schneiden usw. haben Kommillitonen für mich übernommen – das war mir zu bääh. Ich mein ja nur: So ne Heuschrecke besteht fast nur aus Hoden. Quasi: Ein großer Tank mit zwei Flügeln und nem Minikopf. Ein fliegender … – naja ihr wisst schon.

Es soll ja Länder und Städte geben, da bekommen die Studenten den größten Respekt, die sich ihre Tränensäcke am öftesten wie einen Schal um den Hals wickeln können. Ja, und es gibt Berlin. Hier ticken die Uhren etwas anders. Hier strebt man den Look des 08/15-Mitte-Elektro-Hippies an. Hier wird folgender “Normal-Typ” von Student respektiert: Er kommt, meistens jedenfalls, aus einem schwäbischen Kuhkaff. Entwickelte mit 16 Jahren ein Faible für die “Subkultur” in Berlin und wollte nach dem Abi nichts sehnlicheres als nach Berlin. Hier bezieht er eine Kreuzberger Altbauwohnung mit Dielen, Kohleofen und Paul Kalkbrenner-Poster am Scheißhaus. Auf seinem Messenger Bag kleben Billy Talent- und Che Guevara-Buttons.
Vor dem Studium spuckt man ja gerne mal große Töne. Jetzt kommt die Ernüchterung. In ca. zwei Wochen stehen die Semester-Abschluss-Klausuren an: Fünf Stück in einer Woche. Und schon jetzt kann ich ein erstes Fazit ziehen. Zuallererst ist da sie Sache mit dem Frust und Stress. Jeder sagt ja mal gerne, dass er gestresst ist, von irgendetwas oder irgendjemandem gefrustet ist. Aber wie sich Frust wirklich anfühlt, das wusste ich vor dem Studium nicht wirklich. Es fühlt sich in ungefähr so an: Man lernt viele Stunden am Stück, es geht mühsam voran. Und irgendwann nachts stellt man fest, dass man alles bisherig gelernte schon wieder vergessen hat. O.k., macht man halt ne kurze Pause und arbeitet danach mit dem Stoff eines anderen Fachs weiter. Man ist motiviert, möchte lernen und sich das Zeug reinfressen. Aber nach stundenlangem Pauken stellt man dann ernüchternd fest: Es geht nichts mehr in den Kopf rein. Man ist doch aber motiviert, also macht man weiter und weiter. Die Konzentration ist da schon auf einem Nullpunkt, die Motivation hoch. Verzweiflung. Und wenn Kommilitonen am nächsten Tag alles perfekt aufsagen können, nachdem sie es sich locker durchgelesen haben, dann ist das Frust.
Die Anatomieklausur über Allgemeine Anatomie ist geschafft, also bestanden. Ich hatte irgendwie viel zu viel gelernt und die Fragen waren relativ allgemein gehalten, aber irgendwie wird sich das überschüssige Wissen schon noch rentieren. Anstatt der makroskopischen Anatomie haben wir jetzt die Mikroskopische. Ganz tolle Sache: Da blick ich überhaupt nicht durch. Macht in etwa so viel Spaß wie einen Teelöffel Mehl zu essen. Aber damit fang ich sowieso erst am Wochenende an.
Ja nun, jetzt ist das erste Semester für mich losgegangen. Und zwar wie: In der ersten Woche hab ich jeden Tag ans Exmatrikulieren gedacht. Da ist wohl leichte Panik ausgebrochen. Viele Fächer, viel Stoff und eine Lernschwäche nach einem Jahr Lernpause nach dem Abi. Am ersten Tag hab ich eine halbe Stunde für fünf Vokabeln zum Auswendiglernen gebraucht. Mittlerweile bin ich wieder auf einem guten Niveau. Da merkt man schon, dass man sein Hirn trainieren kann.
So also jetzt ist die OE-Woche (Orientierungseinheit) an der Uni auch schon fast vorbei. Morgen noch durch die OE-Party trinken, dann darf das Studium beginnen. Was ist bis dahin passiert? Fächer wurden vorgestellt, ein Dutzend Pappkarten (für Plastikchipkarten ist Berlin zu arm, dafür aber sexy) ausgeteilt und Campustouren veranstaltet. Gestern fand dann noch das OE-Kabarett statt – einfach auf youtube nachschlagen, es war köstlich!
Schon das Polizisten-Arschloch in “
Also bis das Studium beginnt, sind noch ein paar Tage. Und weil ich eben Zeit hab und mir überlegt hatte, einen Job auch während des Studiums auszuprobieren, suche ich mir eben jetzt einen Nebenjob. Erste Station: Stinknormales Krankenhaus, Anstellung als Sonderwache. Ich darf erstmal drei Tage hospitieren – quasi Einarbeitung. Ich komme am ersten Tag an. Es schwirren rum: Drei Praktikanten, ein Zivi, zwei Pflegeschüler. Es gibt nichts zu tun. Nächster Tag: Eine Schwester soll mich endlich einarbeiten. Was macht sie? Sie zieht ihr Ding (ihren Dienst) so schnell wie möglich durch (möchte heute noch zum Abenteuerspielplatz!) und zeigt mir ungefähr nichts. Ich versuche sie zu fragen, was wie wo und bla zu dokumentieren ist, sie bleibt stur. Am nächsten Tag das gleiche. An diesen zwei Tagen hab ich soviel Ärsche gewischt wie noch nie in meinem Leben. Und dann das Resultat der Schwester: Ich wäre keine Entlastung, sorry. Such dir was anderes. Die kann mir auch mal den Damm lecken.
Vor ner Woche bin ich umgezogen: Ins harte Wedding, nach
Yeah, ab jetzt kann ich behaupten: Ich studiere Medizin. Und es stimmt sogar auch noch. Am Donnerstag hab ich mich immatrikuliert. Und weil ich zur gleichen Zeit eigentlich Segelkurs hatte, stand ich schon eine halbe Stunde vor Immabeginn vor dem Hörsaal. Kurz noch mit der scharfen Kantes eines Prospekts gelangweilt die bröckelnde Farbschicht von der Wand gepult. Dann: Unterlagen abgeben, damit ich so schnell wie möglich zum Segelkurs aufschließen konnte. Die waren natürlich schon auf dem Wasser, sodass ich das Ufer entlang gelaufwandert bin, bis mich das Motorboot aufgegabelt hat.