Hitze- und Autobahnphilosophie

17. Juli 2010 geschrieben von Syringe

Trotz der Klausurenzeit und meinen daher tageszeitunabhängig schweren Augenlidern möchte ich mich kurz hier im Blog melden. Ein großer Batzen ist geschafft. Nach dem Frust der Augenprüfung (wir haben uns nun einvernehmlich getrennt, die Augen und ich) kam das Wochenende des Experiments: Wird ein weichgekochtes Gehirn trotzdem zum Bestehen der Neuro-Psycho-Dreierklausur beitragen? Zumindest meine kleine Welt bog sich vor Freude bei der Feststellung: Ja, es scheint, als könnte ein breiiges Hirn die Hand noch zum Setzen der richtigen Kreuze auffordern. In den jetzigen zwei Wochen komme ich mir klischeehaft medizinstudentisch vor. Frische Luft so richtig mit Rausgehen und Bewegen und so…. suspekt. Aber letztes Wochenende hätte sich ohnehin nicht viel frische Luft gefunden, da war mein Ventilator eine gute Ersatzbefriedigung.

Meine Texte werden wirscher, meine Laune schlechter, Zeit für was Neues. Hmm, lass uns doch mal auf die Autobahn gehen und uns ein wenig auf der Fahrbarhn aufhalten! Nein, jetzt bin ich nicht völlig durchgedreht (das weiß ich noch zu verbergen). Morgen startet nur eines der coolsten Projekte der Kulturhauptstadt: Stillleben auf der A40. Von Dortmund bis Duisburg steht der längste Tisch des Ruhrgebiets und die Fahrbahn wird wimmeln vor Skatern, Radfahrern und anderweitig Aktiven. Eine Million Leute werden unterzubringen sein, was angesichts der sonst auch eher unentspannten Lage auf dieser Autobahn sicher zu machen sein wird. Nimmt man an, dass anstelle eines Autos acht Menschen diese Fläche füllen und normalerweise ein Auto direkt am nächsten steht, kann bei einer Länge der gesperrten Autobahn von… naja, viel Spaß beim Rechnen! Ich werd morgen meinem Schreibtisch die kalte Schulter zeigen und probieren, ob ich denn zumindest mit meinen Skates auf die Fahrbahn passe. Glück auf!

Für die Obstfans habe ich übrigens bei einem Discounter meines Vertrauens noch folgende Köstlichkeit gefunden: Bon appétit!

Auge um Auge

5. Juli 2010 geschrieben von Syringe

Nach dem Hitzeausbruch des Wochenendes, für den ich mich in etwas kühlere Gefilde als eine Dachgeschosssauna zurückgezogen habe, warten diese Woche wieder zwei Prüfungen. Meistens leider freibadfern beschäftige ich mich mit dem Sammelfach Strahlen, versuche also, die Kursfolien zu verinnerlichen und mein Kurzzeitgedächtnis mit Studieninhalten zu aufregenden neuen Tumorbestrahlungen zu füttern und ein vorgetäuschtes Interesse für biologische Strahlenschäden zu entwickeln. Läuft.

Weitaus schwieriger gestaltet es sich mit der Vorbereitung auf die mündliche Augenprüfung… was mache ich nur, wenn ich, wie zu Schulzeiten beim Mathelernen, entweder entnervt abbreche oder einfach über meinem Buch einschlafe? Seit etwa 2 Wochen versuche ich meinen Willen zu brechen und das Fach wenigstens kurzzeitig zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, um mich nach der Prüfung einvernehmnlich von ihm zu trennen, aber wir sind leider in der Kennlernphase steckengeblieben. Wie soll ich das denn dem Prüfer beibringen? “Entschuldigung, aber es sollte nicht sein mit den Augen und mir.” Klingt zu biblisch. “Wissen Sie, wir können uns halt nicht so gut riechen.” Klingt nach HNO. Also auch keine Lösung.

Begeistert bin ich ja von den abgefahrenen Namen zu den Krankheiten. Jeder Lateiner (oder Latinogrieche?) jubelt wahrscheinlich bei Bezeichnungen wie Hypopyon, Buphtalmus oder dem Ulcus serpens corneale. Als bekennende Neusprachlerin sinkt mir das Herz eher in die Hose und die Augenlider tiefer.

Aber eigentlich ist dies die beste Jahreszeit zum Lernen, denn wann kann man sich sonst so prima ablenken? – Heiß? “Oh, ich muss was zu trinken/ ein Eis/ den Ventilator holen.” – Langweilig? “Hach, gleich fängt schon wieder ein Fußballspiel an. Fußball mag ich zwar eigentlich nicht, aber doch noch etwas mehr als Augen. Prima, olé!”

In diesem Sinne: Happy learning!

H und O

24. Juni 2010 geschrieben von Syringe

Was ein Kopfsemester sein will, kommt natürlich nicht ohne HNO aus. Und wer den Schein will, der kommt nicht ohne Praktikum aus. Alles Winden und Gruseln half nix, drei Mal musste der innere Ekel überwunden werden, doch nun ist es überstanden. Zuerst jedoch zurück zum Anfang.

Morgens um halb Acht traten wir in der Klinik an, um auf die verschiedenen Wirkungsorte aufgeteilt zu werden. Es gibt einen studentenbetreuenden Arzt, der sich um die Organisation von Vorlesung und Praktikum kümmert und immer noch ein paar nette Worte und ein offenes Ohr für die Studenten übrig hat. Also wurden wir in der Hinsicht schon mal geholfen, wie die Patienten hier zu sagen pflegen. Jedenfalls bin ich auf der Tumorstation gelandet. Neben Erbrechen und Schleimgeräuschen sind mir Tumoren schon das Drittliebste. Bei der Visite wurde schnell klar, wie sich das Klientel vor allem zusammensetzt. Dazu muss man vermutlich nur sagen, dass die allermeisten HNO-Tumoren mit übermäßigem Alkohol- und Tabakkonsum (am besten kombiniert) vergesellschaftet sind. Viele der zumeist männlichen Patienten kamen mir in der Hinsicht ganz “harmlos” vor, hatten aber fast alle eine Abhängigkeitsanamnese.

Im Untersuchungsraum wohnten wir erst ein paar Untersuchungen, Verbandswechseln und Tests von Sprechkanülen bei. Meine unbändige Freude durch Schleim- und Würgegeräusche entlud sich bei dem Wechsel einer Trachealkanüle, aber glücklicherweise hatte mein Kommilitone einen breiten Rücken, der für mich Feuerschutz bot. Weil die HNO-Untersuchung für uns noch relatives Neuland war, bis auf einen U-Kurs-Nachmittag im ersten klinischen Semester, haben wir an uns gegenseitig geübt, professionelle Blicke in Ohren, Nase und Mund zu werfen. Man merke: Das Nasenspekulum nur ganz geschlossen aus der Nase ziehen, wenn man den Untersuchten wirklich um ein paar Nasenhaare bringen will. Ansonsten einfach ein Stück offen lassen und weniger Ärger kriegen…

Der zweite Praktikumstag eine Woche später fand für mich in der Ambulanz bzw. Poliklinik statt. Sowohl Notfallpatienten als auch von ambulanten HNO-Ärzten überwiesene Patienten kommen dorthin zur Untersuchung. Von den in der Vorlesung angesprochenen Notfällen konnten wir direkt zwei sehen: Nasenbluten (einige Male) und ein Gesichtstrauma (sehr traurig, dass es tatsächlich diese frauenprügelnden Männer gibt, die ihre -nun Exfreundin bis zur Unkenntlichkeit ins Gesicht schlagen). Als Studenten wurden wir auch dort sehr positiv aufgenommen und von allen (ja, auch vom Oberarzt) mit in die Patientenversorgung eingebunden, haben also Anamnesen gemacht, untersucht und Patienten zu den logopädischen Untersuchungen begleitet. Trachealkanülen waren mir vorher schon suspekt, wurden mir dann aber noch etwas suspekter, als der Kanülenwechsel bei einer stark verschleimten Patientin darin gipfelte, dass die Granulationen um die Tracheotomie bluteten und ihr Husten alle Anwesenden rot sprenkelte. Meine Mitstreiterin hat´s leider erwischt, ich musste vorher schon mal frische Gangluft schnuppern. Lerneffekt: Bei solchen Aktionen Schutzkleidung tragen (Kittel, Brille, Handschuhe…), sich einen Erfahrenen zur Seite holen und den bilateralen Würgeeffekt (Patient würgt? Ich auch!) ignorieren.

Für den dritten Termin hatte ich mir nur noch den OP-Besuch aufgespart und freute mich auf blutige Nebenhöhlen-OPs oder anderweitige Höhlenforschung. Doch dann kam es ganz anders: Ein Oberarzt nahm sich unser an und beschloss, wir müssten was für´s Leben lernen. Zufällig an der letzte Woche blutenden Patientin, der es jetzt sehr gut ging, sollten wir gemeinsam den Ablauf eines Kanülenwechsels erarbeiten, da uns das immer mal notfallmäßig passieren könne. Im Sinne einer Konfrontationstherapie führte die letzte Woche bespritzte Kommilitonin den Wechsel durch. Natürlich haben wir noch keine Expertise, aber falls ich mal wieder einem tracheotomierten Patienten begegne, habe ich jetzt zumindest eine Grundahnung, was ich tun und lassen sollte. Im folgenden Gespräch in der Gruppe haben wir noch einige Notfälle der HNO besprochen und durften Feedback über das Praktikum abgeben. Es kommt echt gut an, wenn sich die Ärzte/Dozenten in der Klinik ernsthaft für Lehre interessieren.

Die folgende OP war die Anlage eines Cochleaimplantates, also kein Gematsche, sondern ganz zivilisiert mit Mikroskop und Feinstinstrumenten, sodass ich letztlich doch mit einem ganz guten Gefühl aus diesem Praktikum herausgehe. Wer keine Hemmungen in Sachen Schleim, Würgen usw. und Spaß an kleinen OP-Situs hat, für den ist es echt ein klasse Fach, man trifft Patienten aus allen Altersschichten, kann operieren und konservativ behandeln. Ich für meinen Teil bin froh, dort meiner Antipathie gegen dieses Fach einigermaßen standgehalten zu haben und auch fachlich was mitgenommen zu haben. Selbst wenn das Fach nichts ist, kann ein Einblick ja nicht schaden!

Sonntag, Montag, Fußtag

19. Juni 2010 geschrieben von Syringe

Die Frühjahrsstarre ist vorbei! Im Rahmen der Geriatrie-Vorlesung dürfen wir uns an einem klinischen Tag das Geschehen an der Basis ansehen und schwärmen aus, die geriatrischen Gefilde des Ruhrgebiets zu erkunden. Mich und meine Gruppe verschlug es am Dienstag nach Dortmund, genauer gesagt in den dunklen Norden der Stadt. Das Klinikum selbst erweckt einen neuen, modernen Eindruck, eingebettet in einen Park. Schon vor dem Haus konnten wir allerdings feststellen, dass wohl ein erheblicher Teil der Patienten nicht sehr angetan von Körper- und Zahnhygiene schien.

Unsere Station gehört zu den wenigen Diabetesstationen, die noch übrig sind, da die Versorgung von Diabeteskomplikationen immer weiter in den ambulanten Sektor verschoben wird. Streng genommen handelt es sich um keine geriatrische Station, da sich hier zwar eine Menge multimorbider Patienten mit psychopathologischen Auffälligkeiten befinden, der Fokus der Behandlung aber auf der Diabetesproblematik liegt. Und das heißt in diesem Fall: Füße, Füße und manchmal war auch ein Bein dabei. Bei der Anmeldung wussten wir nicht, dass in den verschiedenen Krankenhäusern nicht unbedingt der klassisch geriatrische Behandlungsablauf (geriatrisches Assessment usw.) zu sehen ist, was schade ist, denn so bleibt es trotz klinischem Tag Theorie.

Der Fußtag begann mit einer Einführung durch den Chefarzt, der sich bemühte, uns die Entscheidungskriterien nahezubringen, ob ein Patient geriatrisch zu behandeln ist (bzw. sie aus uns heraus zu kitzeln). Nicht nur die Fülle an Erkrankungen sei hierbei ausschlaggebend, auch die geistige Verfassung spiele eine wichtige Rolle. Fast alle stationären Patienten dort sind alt und erfüllen zumindest das Kriterium der Multimorbidität. Der HbA1c ist normalerweise als “Compliancemarker” bekannt, wird aber vom dortmunder Chef als psychologischer Marker gesehen im Sinne einer Selbstschädigungstendenz. Bekittelt und mit einigen Fragezeichen im Kopf zogen wir gemeinsam mit Ärzten, Pflegepersonal, Wundmanager, Orthopädietechniker und Podologen durch die Zimmer zur Wundvisite.

Diabetische Komplikationen können sich bekanntermaßen an beinahe allen Organen manifestieren. Die Füße werden durch ihre “abgelegene” Lage ohnehin gerne bei der Körperpflege vergessen, sodass kleine Wunden oder Blasen nicht bemerkt werden. Fehlende Schmerzwahrnehmung ist ein zweites Problem. Viele Patienten bemerken den Fußschaden erst, wenn das Blut aus der Socke quillt. Manche Menschen sind sogar so zurückhaltend mit einem Arztbesuch, dass die Zehen schon mal schwarz sein können, tut ja nicht weh. A propos schwarze Zehen: Die in den Lehrbüchern immer wieder zitierte Mikroangiopathie bei begleitender Atherosklerose sei ein Trugschluss, der sich hartnäckig hält. Wenn man in die diabetischen Läsionen schneide, seien diese immer gut vaskularisiert (auf gut deutsch: es blutet!!). Das nächste Fragezeichen also.

Als während der Visite eine heilende Wunde fragwürdig erschien, hat der Chef auch mal ganz beherzt zu Skalpell und scharfem Löffel gegriffen und wer hätte es geahnt, eine daumendicke Eiterstraße aus dem Fuß entlassen (währenddessen war ich sehr vertieft in meine Patientenliste, um mich von meiner Ganzkörpergänsehaut abzulenken…). Blut und Eiter liefen dann ganz ungeniert und alle waren froh, dass der Entzündungsherd eröffnet war. Nach Unmengen Füßen, wahlweise mit schwarzen, roten oder einfach unkenntlich arrodierten Wunden, bekamen wir jeder noch einen Patienten zugeteilt, den wir allgemein und geriatrisch evaluieren sollten. Meine Patientin bot das Vollbild von Diabetes und metabolischem Syndrom, vom Schlaganfall bis zur Niereninsuffizienz. Gerade an jenem Tag hat sie sich für die Amputation ihres zweiten Unterschenkels entschieden, da sie die Schmerzen der fuß- und beinbedeckenden eiternden Wunden nicht mehr aushielt.

Nach einem Abschlussgespräch war der Tag vorbei und wir haben vielleicht nicht die angenehmste, aber eine wichtige Fachdisziplin kennengelernt, die sicherlich im Laufe des demografischen Wandels noch Hochkonjunktur erfahren wird. Die Station war im Übrigen ein gutes Beispiel für wertschätzende interdisziplinäre Zusammenarbeit, was ich sehr schätze. Wenn Diabetes noch mehr Menschen betrifft, wird es noch mehr Bemühungen geben müssen, die Folgen der Erkrankung zu minimieren, denn abgesehen von der Morbidität der Patienten und deren Selbstständigkeitsverlust, der durch ein amputiertes Bein oder eine schmerzbedingt nicht einzusetztende Gliedmaße entsteht, bringt die Behandlung eines Fußes Kosten von über 100 000 Euro mit sich.

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Wo drückt denn der Schuh beim Diabetiker? Hier ein paar Prädilektionsstellen …

Steinchen im Schuh und wunde Ferse (durch Immobilität im Bett).

Auf den Knochenpunkten ist die Haut besonders dünn und reibt schnell auf.

An der Fußseite und der Zehenvorderseite quetschen Schuhe gern die im Alter etwas breiteren Füße .

Frühjahrsstarre

7. Juni 2010 geschrieben von Syringe

Nun ist es endlich wärmer, die Gesichter werden rot und eventuell später braun, Menschen fühlen Tatendrang, um Neues zu tun. Alles ist im Aufbruch, wie es scheint. Da wüsste ich doch gern: Wann geht es denn bei mir mal wieder los?

Mit Erschrecken blicke ich auf mein Blogeintragsverzeichnis und sehe, wie lange mein letzter Eintrag her ist. Dann überlege ich, warum und stelle fest: Es passiert einfach nichts studientechnisch. Dieses Semester bietet so viele Freizeitmöglichkeiten, dass man schon nicht mehr weiß, wohin mit sich. Kein Druck, kein nix. Aber da war doch was: Doktorarbeit. Hmm, meine Proben stehen seit Wochen, nennen wir es doch besser “seit Monaten”, im Kühlschrank und warten auf ihren großen, möglicherweise kommenden Einsatz. In diesem Sinne fühle ich mich mit ihnen verbunden, denn warten ist zur Zeit das Einzige, was zu tun ist. Die Menschen, die das Fortkommen der Versuche koordinieren, kommen leider nicht zusammen und auch Anruf um Anruf kann daran nichts ändern.

Nächster Versuch: Lernen. Immer gut, das ist was für´s Leben, nicht für die Uni. Was darf es denn sein? Fiese HNO-Erkrankungen oder doch lieber noch fiesere Augenmalessen? Wem es hier zu fies ist, der kann sich in der unüberschaubaren Welt der Geriatrie umsehen… Neuro wäre noch das am ehesten lernbare Fach, wenn es doch nicht so abschreckend viel wäre. Über Pharma und Strahlen gar nicht zu sprechen. Lernen kommt also auch nicht in die nähere Wahl bis auf weiteres.

Da auch mein Job stagniert bleibt das Unvermeidliche: Privatleben. Sonst ein Unwort, im Moment: Zeit genug! Da der Kulturpott mit dem nahenden Sommer richtig zum Leben erwacht, wurde dieses Wochenende im ganzen Revier gesungen. Am Samstag beispielsweise gab es den “Day of Song”. Vormittags waren in der ganzen essener Innenstadt kleine und große Chöre verteilt, die ihre Werke präsentierten. Ist schon eine tolle Atmosphäre, wenn in diesem sonst eher unbeseelten Stadtkern auf einmal überall Musik und Applaus zu hören ist. Nach 12 Uhr mittags sangen die Menschen in vielen Städten gemeinsam “Glück auf” und die halbgut singbare Hymne von Herbi “Komm zur Ruhr”. Von gewissen Unstimmigkeiten zwischen Präsentation, Liederheften und den Chören einmal abgesehen, ein sehr schöner Moment. Abends gab es das große Abschlusskonzert in der Arena auf Schalke (gestern abend im WDR zu sehen). Vielleicht wird durch diese Aktion ja eine ähnliche Singwelle wie in Frankreich entstehen?

Kulturgehacktes

28. Mai 2010 geschrieben von Syringe

In Sachen Kulturhausptstadt gibt es ja jetzt in der vermeintlich schönen Jahreszeit einiges an Neuigkeiten. Letzte Woche hat die Aktion der “Schachtzeichen” begonnen, bei der gelbe Ballons alte Schächte markieren. Übrigens ein wunderbares Spiel auf der Autobahn, nach möglichst vielen Ballons zu spähen… auch wenn der Fahrer zugegebenermaßen etwas im Nachteil ist. Heute und morgen abend soll es das Schachtzeichenglühen geben, bei dem die Ballons beleuchtet werden. Dem einen oder anderen mag diese Aktion etwas seltsam und verspielt vorkommen, aber ich persönlich finde die Idee interessant, ein Stück Wandel dieser Region so darzustellen. Gleichzeitig bietet sich auch die Möglichkeit für Ortsgruppen und Vereine, in der Nähe der Ballons Aktionen anzubieten. Da bin ich ja gespannt, ob zwischen all den Lichtern der Städte die leuchtenden Punkte zu sehen sein werden.

Essen rühmt sich aktuell damit, das “schönste Museum der Welt” zu haben. Im Folkwangmuseum wurde versucht, die Ausstellung zu rekonstruieren, wie sie vor der NS-Zeit vorhanden war. Während der Regime- und Kriegsjahre sind ca. 1500 Werke konfisziert worden, von denen einige zerstört und verschwunden sind, andere hingegen konnten zurückerworben oder temporär geliehen werden. Der noch frischweiße Neubau bietet eine für Essen ungewohnte Modernität und ist als Ausstellungsort sehr schön geworden. Die einzelnen, nach Themen gegliederten Räume sind zwar etwas beengt (besonders wenn sie mit Reisegruppen ausgefüllt werden), doch ist die Ausstellung sehenswert! Von Van Gogh bishin zu “halbkonvexen Kampfschilden” aus Java ist für jeden Kunstgeschmack etwas dabei, denke ich.

Das war erstmal in Kürze etwas zu meinen aktuellen Kulturerfahrungen… das nächste Mal wird´s wieder medizinischer!

Yogistories

13. Mai 2010 geschrieben von Syringe

Man glaubt es kaum, aber schon wieder steht etwas im Zusammenhang mit Yoga im Titel. Dieses Mal aber hat es gar nichts mit rhythmischen Turnübungen zu tun, sondern mit einer brandaktuellen Meldung in den Medien. Man konnte sich der Nachricht kaum entziehen: Über Prahlad Jani alias Mataji aus Indien, seines Zeichens Guru oder auch Yogi genannt, verbreitet sich weltweit das Gerücht, er scheine seit mehreren Jahrzehnten ohne Nahrung und Wasser und dementsprechend auch ohne Ausscheidungen auszukommen. Davon abgesehen, dass in den einzelnen Berichten bereits sein Alter um mehrere Jahre schwankt, genauso wie die Zahl der abstinenten Jahre, gleichen sich die Nachrichten. Mal mehr und mal weniger kritisch setzt man sich mit der medizinischen Erkenntnis der vollkommenen Askese auseinander.

In einem Artikel der Wiener Zeitung wird eine medizinische Erklärung abgegeben, die zu widerlegen scheint, dass eine derart lange Abstinenz überlebt werden kann. Ein Arzt erklärt, welche physiologischen Abläufe des Körpers dies verhindern. So weit nicht sehr überraschend, doch unterhalb des Artikels lese ich Erstaunliches. Etliche Leser kommentieren die kritische Ansicht als weltfremd (denn nur wer sich dem Übernatürlichen nicht versperrt, könne die Vielschichtigkeit der Welt begreifen) und fragen sogar rhetorisch:”Wieso sollte der Yogi lügen?”. Um sich mit dieser Frage ernsthaft auseinander zu setzen, braucht es vermutlich mehr als nur guten Willen, nämlich eine genaue Kenntnis der Untersuchungen an dem Mann sowie ein Verständnis für den Kultur- und Glaubenskreis, in dem er sich aufhält. Mit letzterem bin ich leider nicht sehr vertraut, aber anhand eines Vortrags, den ich heute hören durfte, will ich versuchen, die gesundheitliche Situation des Herrn Jani ein wenig zu entschlüsseln.

Zu dem Vortrag, den zufälligerweise ein Professor von mir hielt, kam ich über die GWUP Konferenz im Unperfekthaus in Essen. Die GWUP ist die “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften”, die über wissenschaftliche Mitglieder verfügt und als Verein agiert. Kurz auch “Die Skeptiker” genannt. Bei allen heute gehörten Vorträgen machten die Redner ihrem Credo alle Ehre und boten kritische Betrachtungen zu Themen wie Sinnestäuschungen (Auch wir Zuhörer wurden hinter´s Licht geführt!), Homöopathie bei Kindern und lebenslanger Askese.

Aus dem Vortrag von Professor Hermann möchte ich gerne einige Informationen zu dem Fall des Yogis wiedergeben. Gegenstand der Diskussion in den Medien ist die ärztliche Überwachung der Askese und der scheinbare Beweis der Nichtaufnahme von flüssiger/fester Nahrung. Weiterhin sollen bei dem Yogi keinerlei Ausscheidungen beobachtet worden sein. Bereits vor einigen Jahren war Jani Gegenstand der Forschung eines indischen Arztes, der für die Beobachtung ähnlicher Patienten und die Bestätigung ihrer Fähigkeiten bekannt ist. Aus diesen Untersuchungen sind scheinbar Labor- und Untersuchungsergebnisse sowie MRT- und Röntgenbilder veröffentlicht worden, die einige interessante Einblicke erlauben.

Zunächst zum MRT-Bild: Die von Jani benannte Öffnung des Gaumens, aus der ihm gottgegebener Saft in den Mund laufe, konnte nicht gefunden werden, dafür aber eine Hirnrindenatrophie. Das Röntgenbild zeigte Stuhl im Darm (auch beim Fasten physiologisch) sowie Darmgase. Im körperlichen Befund fiel auf, dass er an der Grenze zum Untergewicht war und sein Herz extrem langsam schlug, was auf einen verlangsamten Stoffwechsel hinwies. Die Laborwerte wie Blutzucker, Erys, Ketonkörper, Lactat, Harnstoff, Harnsäure etc. veränderten sich im Beobachtungszeitraum von 7 (oder 9) Tagen im Sinne einer Fastenzeit. Das Blut konzentrierte sich, säuerte an und der Blutzucker sank ab. Kurze Zeit nach Beobachtungsende wurde eine vergleichende Blutprobe entnommen, die normalisierte Werte zeigte. Nimmt man diese Ergebnisse tatsächlich als die von Jani an, sprechen sie für eine Wiederaufnahme der Ernährung nach Ende des Klinikaufenthaltes. Die Untersuchungsbedingungen enthielten weiterhin eine Videobeobachtung, wobei jedoch berichtet wird, der Yogi habe sich oft der Kamera abgewandt aufgehalten, sodass die Möglichkeit bestand, Urin zu entsorgen. Auch Waschen konnte er sich unbeobachtet, wobei sich der Gedanke der Flüssigkeitsaufnahme fast aufdrängt.

Längere Fastenperioden können unter beibehaltener Flüssigkeitsaufnahme durchaus überstanden werden, doch kann der menschliche Körper leider entgegen der Vorstellung einiger Glaubensformen keine Energie aus Sonnenlicht schöpfen, sondern braucht ganz irdische Energielieferanten. Eine körpertemperaturnahe Außentemperatur und wenig Bewegung können zwar zur Reduzierung des Energieverbrauchs führen, doch jahrelange Abstinenz kann wohl auch dadurch nicht beibehalten werden. Nun komme ich doch noch einmal zu der Frage zurück, warum der Yogi lügen sollte. Möglicherweise geht es gar nicht um Lügen, sondern um ein anderes Verständnis von Nahrung, Ernährung und Krankheitsgewinn. Zugegebenermaßen ohne Kenntnis der Riten und des Kultes, die Menschen wie Jani umgeben, könnte man beispielsweise annehmen, dass gesüßtes Weihwasser und Opfergaben nicht als Nahrung im eigentlichen Sinne gelten. Auch eingeflößte Nahrung/Flüssigkeit im fastenbedingten Delir könnten aus der Nahrungskategorie fallen.

Die Aufrechterhaltung seines Zustands ist nicht aus der Distanz zu klären, doch medizinisch ist festzustellen, dass letztlich die Biochemie im Körper die Heiligwerdung desselben verhindert. Ich für meinen Teil strebe übrigens keine Askese an und gehe jetzt erstmal zu Abend essen.

Relaxxx, entspann dich!

12. Mai 2010 geschrieben von Syringe

Während meines Costa Rica-Aufenthaltes haben meine Freundin und ich ein Experiment gestartet. Was passiert, wenn man mal drei Wochen lang fast jeden Tag Yoga macht? Um es vorweg zu nehmen: ´ne Menge! Erstmal eine kleine Situationsbeschreibung vorweg: Um fünf Uhr abends, wenn die Tageshitze nicht mehr so glüht, versammeln sich eine junge Yogalehrerin und 4 bis 14 Yogis in einem Baumhaus und breiten ihre Matten aus. Es riecht gut, denn alle sind bis in jede Ritze mit wohlduftendem Anti-Bugspray eingesprüht und die Räucherspiralen gegen die Mücken tun ihr Übriges. Nach und nach wird das Licht ganz von alleine immer schummriger, denn die Sonne geht unter und das Baumhaus gewährt freie Rundumsicht. Leise Musik und die Stimme der Lehrerin mischen sich mit dem metallisch klingenden Affengebrüll, Grillenzirpen liegt in der Luft. Die Übungen sind schweißtreibend, aber gut erklärt auch durchzuführen. Wer sich nicht so stark verrenken kann, kein Problem, “everyone´s different”. Nach vielen ineinander fließenden Übungen folgt die Tiefenentspannung, bei der man nur den Geräuschen der Natur ringsherum lauscht und sich von der Anstrengung der Übungen erholt. Mit einem entspannten und gleichzeitig angenehm schweren Gefühl macht man sich auf den Nachhauseweg.

Unglaublich, aber wahr: Selbst ich, als jahrelang erwiesene Nichtturnerin, schaffe nach einigen Malen einen Schulterstand sicher zu halten und gewinne mehr und mehr an Balance dazu. Meine Rückenschmerzen habe ich in der Zeit dort vergessen und wieder mehr Kontakt zu meinem Körper aufgenommen. Viele Empfindungen, die ich durch den fortwährenden Stress sonst nicht wahrnehme, waren auf einmal ganz normal und Verspannungen, die ich schon zu meinem festen Repertoire rechnete, waren weg. So esoterisch das vielleicht klingen mag und so sehr der gesamte Aufenthalt zu meinem Wohlbefinden beitrug, so hatte ich trotzdem den Eindruck, dass Yoga einen wichtigen Einfluss darauf genommen hat.

So entschlossen meine Freundin und ich uns also, zurück in Essen beim Unisport auch ein wenig Yoga&Co zu betreiben. Schnell waren noch zwei weitere Freundinnen animiert, sodass dem weiteren Training nichts im Wege stand.

Wie geht es also zu in den deutschen Yogagefilden?

Gerade dem nasskalten Wetter entflohen, stapfen wir turn- und entspannungwütig zum Ort des Geschehens. Kaum öffnet sich die Tür zur Yogaoase schlägt uns schon der liebliche Duft von Turnhallenboden und verschwitzten Körpern entgegen. Naja, daran gewöhnt man sich schnell. Vermutlich genauso schnell wie an die Eiseskälte, die die auf Sommer getrimmte Klimaanlage erzeugt. Kaum hat die akademische Viertelstunde geschlagen, haucht unsere elfengleiche alterslose Trainerin ihre Begrüßungsworte ins pfeifende Mikro und versucht, gegen die laut schmachtende Kuschelrock-CD anzukommen. Alles kein Problem, das gute Gefühl wird sich schon noch einstellen.

Sorgsam sind alle der gefühlten 60 Teilnehmer auf Matten aufgereiht und spielen mit dem imaginären Energieball vor ihrem Körper. Ich für meinen Teil spiele mit dem Gedanken, den Saal gleich wieder zu verlassen, aber übe mich doch noch in Geduld. Nachdem die Bälle imaginär wieder eingepackt sind, starten wir mit den Übungen. Aufgewärmt ist zwar niemand, doch das hindert die Trainerin nicht daran, die Posen in schneller Reihenfolge durchzuziehen, sodass mir mein Rücken am nächsten Tag noch seinen Unmut mitteilt. Nach 30 Minuten fragwürdiger Bewegungsabläufe haben wir uns schließlich unsere Tiefenentspannung verdient. Da ich direkt unter einem Kühlelement liege, entscheide ich mich, die Entspannungsphase mit dem Bewundern der freiliegenden Rohre an der Turnhallendecke zu überbrücken, um nicht in der Entspannung von meinem Erfrieren überrascht zu werden. Auch dass die Trainerin aufmunternd feucht ins Mikro atmet, kann mir leider keinen weiteren Motivationsschub geben. Nach einer Stunde ist auch die schönste Turnstunde vorbei und mein gutes Gefühl suche ich immernoch. A propos suchen: Nächste Woche suche ich mir für diese Zeit vielleicht eine sinnvollere Beschäftigung…

Paralysis agitans

3. Mai 2010 geschrieben von Syringe

Im heutigen Eintrag soll es, beeinflusst durch das aktuelle “Kopfsemester” und persönliche Umstände, um das Thema des Morbus Parkinson gehen.

In einem Großteil der Fälle beginnen die Symptome halbseitig und zwar als Tremor oder mit hypokinetischen Störungen, das heißt die Patienten haben das Gefühl, dass eine Körperhälfte bei Bewegungen immer etwas im Rückstand ist. Weitere Erstsymptome können Nackenschmerzen und -steifigkeit sein, sowie eine Sturzneigung. Zurück zum Tremor: Auf dem Weg zur Diagnosefindung muss er klassifiziert werden, um ihn vom Zittern bei anderen Erkrankungen abzugrenzen. Bei Parkinson tritt er besonders in Ruhe und deutlich sichtbar (also grobschlägig), vor allem an den Händen auf. Dabei können die Finger ein Eigenleben entwickeln, sodass sie “Pillen drehen” oder “Geld zählen”.

Im weiteren Verlauf sieht man den Patienten ihre Erkrankung immer mehr an: Der Gang wird kleinschrittig, die Arme schwingen nicht mehr mit, sie scheinen sehr gangunsicher und neigen zum Fallen nach hinten.Der Rigor (Steifigkeit) wird durch den Patienten als Muskelschmerz wahrgenommen und kann z.B. den Nacken regelrecht einmauern. Nachgewiesen wird dies über das “Zahnradphänomen” bei passiver Armbewegung. Sieht man dem Patienten ins Gesicht, fällt dessen Maskenhaftigkeit und ein salbigglänzender Taint auf. Was nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, sind depressive Verstimmungen, Blasenstörungen, chronische Verstopfung und Schlafstörungen.

In den meisten Fällen liegt das Manifestationsalter bei 40-60 Jahren, wobei die Prognose in etwa so ist, dass unter den Erwerbsfähigen nach 10 Jahren 80% nicht mehr arbeitsfähig sind, wobei viele Patienten bereits nach ungefähr 9 Jahren fremde Hilfe im täglichen Leben benötigen. Das weit fortgeschrittene Stadium führt zu einer Immobilisation der Patienten, da durch Steifigkeit und Gleichgewichtsstörungen bedingt keine normale Fortbewegung möglich ist. Begleitend kann eine demenzielle Denkstörung auftreten, was den Betroffenen im Endstadium die Wahrnehmung ihrer Erkrankung mindert. Meiner Erfahrung nach löst das Fortschreiten der Symptome Zukunftsangst und Hilflosigkeit bishin zu Wut aus, da das Bewegungssystem praktisch ohne die Erlaubnis des Kopfes aussetzt. Der Mensch erfährt die Zerbrechlichkeit seines Körpers bei intaktem Geist.

Mittlerweile gibt es verschiedene medikamentöse Behandlungsansätze, sodass das einstmals revolutionäre L-Dopa mit seinen starken Nebenwirkungen nicht allein eingesetzt werden muss. Das Ziel der Medikamente ist gleich: Der niedrige Dopaminspiegel muss angehoben werden. Dies kann entweder durch die Substitition von L-Dopa, durch dopaminrezeptorstimulierende Stoffe oder durch die Hemmung des Dopaminabbaus erfolgen. Da das Botenstoffsystem des Körpers normalerweise sehr ausgeklügelt ist, kann dieses Gleichgewicht nicht durch Pharmaka erreicht werden, woraus sich die vielfältigen Nebenwirkungen der Medikamente ableiten. Begleitet werden sollten die Medikamente von Krankengymnastik und einem angepassten Haushalt (Stolperfallen entfernen, Bad umbauen…). In einigen Fällen ist der Tremor nicht zu kontrollieren, sodass operativ ein “Hirnschrittmacher” implantiert wird.

Im Verlauf der Krankheit wird der Patient ein immer dichteres Versorgungsnetz um sich herum aufbauen, da viele Alltagsaufgaben nicht mehr alleine zu erledigen sind. Ein Bespiel sei das Bezahlen mit Münzen, die mit den zittrigen Fingern nicht zu sortieren sind oder Lebensmittelverpackungen, die nicht geöffnet werden können. Nicht zu vernachlässigen sind auch die psychischen Symptome oder Nebenwirkungen. Neben Depression, Antriebslosigkeit und verlangsamtem Denkvermögen können durch hohe Dopadosen Psychosen und Halluzinationen entstehen. Angehörige sehen oftmals schwankende Gemütszustände, was zu Frustrationen auf allen Seiten führen kann. Ein enges soziales Netzwerk mit vielen geduldigen Fürsorgenden kann dem Patienten eine lange Selbstständigkeit zu Hause ermöglichen, die sich so gut wie jeder wünscht.

Im Endstadium findet man die Patienten schwerst pflegebedürftig, mit Kontrakturen und Schluckstörungen vor. Begleitende demenzielle Veränderungen zusammen mit den psychischen Nebenwirkungen der Pharmaka trüben den Geisteszustand mehr und mehr ein.

Ich widme diesen Artikel mit einer medizinisch-persönlichen Sichtweise meinem Opa Kurt, dessen Verlust wir seit dem 01. Mai 2010 betrauern und der mich in Studium und allen Aktivitäten stets unterstützt hat. Sein Dasein war leider seit über einem Jahr nach einer überdurchschnittlich langen Selbstständigkeit trotz seiner Parkinsonerkrankung von psychischen Einschränkungen und körperlichem Verfall geprägt. Eine Arbeit in der Schule zu seiner Erkrankung und seiner Person brachte für mich den Durchbruch für die Entscheidung zum Medizinstudium, sodass das Thema Parkinson für mich immer ein besonderes bleiben wird.

Im Zweifel für den Angeklagten

28. April 2010 geschrieben von Syringe

Heute nachmittag hatte ich Gelegenheit, einem besonderen Seminar beizuwohnen. Ein Rechtsmediziner und ein Staatsanwalt stellten im Rahmen der Rechtsmedizinkurse einige Fälle vor. Nach einer kurzen theoretischen Einführung kamen mir schon die ersten juristischen Eingebungen, denn bereits an den Definitionen der verschiedenen zu bescheinigenden Todesarten scheitert ja jedes nicht juristische Hirn. Man merke: Bei Tod an ungewöhnlichen Orten (Beispiel vorhin: Bordell), ist eine ungeklärte Todesursache auf dem Totenschein anzukreuzen. Ein paar Geschichten und von einer kurzen Reise durch Kapitel der Rechtsmedizin werde ich hier erzählen.

Für Mord müssen niedere Beweggründe bestehen. Diese können beispielsweise Bereicherung oder Heimtücke sein. Nicht unbedingt ist dieser Tatbestand aber erfüllt, wenn jemand seine Freundin in einem Kampf niedersticht, weil sie möglicherweise einen anderen hat und dummerweise an den 20 bis 30 Messerstichen stirbt. In so einem Fall kann es passieren, dass die Strafe klassischerweise durch Schuldminderung im Rahmen einer Affekthandlung nicht annähernd so hoch ist, wie man es erwarten würde. Mit 5 Jahren JVA ist nicht zu rechnen, bei jungen arbeitsfähigen Menschen ist zudem ein großer Teil offener Vollzug möglich.

Wenn hingegen ein junger Mann einen Freund mit einem Messer angreift und dieser nach einigen Wochen an den sekundären Verletzungsfolgen stirbt, kann daraus eine lebenslange Haft werden. So dehnbar sind die Gesetze in diesen Konstellationen, auch wenn sie der Laie emotional anders bewerten würde. Dieser Vorfall bringt mich allerdings auf das Erwähnen der verzögerten Schuldfähigkeit. Wenn ein Täter beispielsweise einen Mann niederschlägt, dieser aber durch vorbestehende Herzinsuffizienz später an den Folgen der Schläge verstirbt, kann sich der Täter nicht darauf berufen, dass er nicht um den Gesundheitszustand des Opfers wusste. Der Staatsanwalt bemerkte dazu treffend: Der Täter habe nicht per se bei einer Prügelei ein gesundes Opfer verdient.

Wenn Messer mit im Spiel sind, wird aus der Zielrichtung eine Intention abgeleitet: Findet der Angriff auf den Oberkörper statt, geht man von einer Tötungsabsicht aus. Zielt der Täter auf die Extremitäten, ist eine Tötungsabsicht schwerer nachzuweisen, da nicht sofort alle lebenswichtigen Organe bedroht sind, obgleich man auch an diesen Verletzungen sterben kann. A propos Messer. In einem Fall von Tötung auf Verlangen konnte sich das Opfer recht glücklich schätzen, zum Tatzeitpunkt im alkoholisierten Tiefschlaf gewesen zu sein. Der Täter, von Haus aus Metzger, schaffte es nämlich trotz diverser Messerstiche in die Rippenzwischenräume nicht einmal, das Herz des Opfers zu treffen. Aus Reintegrationsgründen dachte man natürlich bereits an die Wiedereingliederung in den Beruf und stieß propmpt auf die Frage, ob der Täter nicht des Quälens von Wirbeltieren bezichtigt würde, wenn er gegebenenfalls bei der Schlachtung auch das Herz verpasste…

Wie in den einschlägigen Fernsehserien propagiert, sind manchmal auch die harmlos aussehenden Fälle verzwickt. Im Falle einer Seniorin wurden vom Totenscheinausfüller (Notarzt) leider die multiplen Misshandlungsmale übersehen. Aufmerksam wurde man erst kurz vor dem Krematorium bei der zweiten Leichenschau. Merkmale stumpfer Gewalt stellen sich an den Körperregionen unterschiedlich dar: Im Mund können Risse entstehen, das Stoffmuster der Kleidung drückt sich in die Haut und suspekt sind Prellmarken hinter den Ohren. Dass der Notarzt fand, sie läge doch so friedlich da, hat in diesem Fall leider auch nicht viel geholfen. Merke, die zweite: Auf dem Totenschein das Kreuz an die richtige Stelle machen und in der Praxis zum äußersten gehen und den Toten tatsächlich begutachten.

Plötzlich mit Bildern gewaltsam Verstorbener konfrontiert zu werden, ist auch nach vielen Studienjahren Gewöhnung an schlimme Erkrankungen und Befunde nicht ganz so einfach. Ich bewundere die Rechtsmediziner, die ihre tägliche Rolle zwischen all diesen Schicksalen und Geschichten mit Humor und Gelassenheit kommentieren. Andererseits kann man sich fragen, ob die Schicksale der Patienten im Stationsalltag einfacher zu ertragen sind. Im Laufe des Studiums habe ich festgestellt, dass mir die Lebenden wohl näher stehen als die Toten, sodass ich meine frühere Idee der Rechtsmedizin aufgegeben habe. Trotz alledem werde ich mir das nächste Seminar auch wieder anhören!