Man glaubt es kaum, aber schon wieder steht etwas im Zusammenhang mit Yoga im Titel. Dieses Mal aber hat es gar nichts mit rhythmischen Turnübungen zu tun, sondern mit einer brandaktuellen Meldung in den Medien. Man konnte sich der Nachricht kaum entziehen: Über Prahlad Jani alias Mataji aus Indien, seines Zeichens Guru oder auch Yogi genannt, verbreitet sich weltweit das Gerücht, er scheine seit mehreren Jahrzehnten ohne Nahrung und Wasser und dementsprechend auch ohne Ausscheidungen auszukommen. Davon abgesehen, dass in den einzelnen Berichten bereits sein Alter um mehrere Jahre schwankt, genauso wie die Zahl der abstinenten Jahre, gleichen sich die Nachrichten. Mal mehr und mal weniger kritisch setzt man sich mit der medizinischen Erkenntnis der vollkommenen Askese auseinander.
In einem Artikel der Wiener Zeitung wird eine medizinische Erklärung abgegeben, die zu widerlegen scheint, dass eine derart lange Abstinenz überlebt werden kann. Ein Arzt erklärt, welche physiologischen Abläufe des Körpers dies verhindern. So weit nicht sehr überraschend, doch unterhalb des Artikels lese ich Erstaunliches. Etliche Leser kommentieren die kritische Ansicht als weltfremd (denn nur wer sich dem Übernatürlichen nicht versperrt, könne die Vielschichtigkeit der Welt begreifen) und fragen sogar rhetorisch:”Wieso sollte der Yogi lügen?”. Um sich mit dieser Frage ernsthaft auseinander zu setzen, braucht es vermutlich mehr als nur guten Willen, nämlich eine genaue Kenntnis der Untersuchungen an dem Mann sowie ein Verständnis für den Kultur- und Glaubenskreis, in dem er sich aufhält. Mit letzterem bin ich leider nicht sehr vertraut, aber anhand eines Vortrags, den ich heute hören durfte, will ich versuchen, die gesundheitliche Situation des Herrn Jani ein wenig zu entschlüsseln.
Zu dem Vortrag, den zufälligerweise ein Professor von mir hielt, kam ich über die GWUP Konferenz im Unperfekthaus in Essen. Die GWUP ist die “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften”, die über wissenschaftliche Mitglieder verfügt und als Verein agiert. Kurz auch “Die Skeptiker” genannt. Bei allen heute gehörten Vorträgen machten die Redner ihrem Credo alle Ehre und boten kritische Betrachtungen zu Themen wie Sinnestäuschungen (Auch wir Zuhörer wurden hinter´s Licht geführt!), Homöopathie bei Kindern und lebenslanger Askese.
Aus dem Vortrag von Professor Hermann möchte ich gerne einige Informationen zu dem Fall des Yogis wiedergeben. Gegenstand der Diskussion in den Medien ist die ärztliche Überwachung der Askese und der scheinbare Beweis der Nichtaufnahme von flüssiger/fester Nahrung. Weiterhin sollen bei dem Yogi keinerlei Ausscheidungen beobachtet worden sein. Bereits vor einigen Jahren war Jani Gegenstand der Forschung eines indischen Arztes, der für die Beobachtung ähnlicher Patienten und die Bestätigung ihrer Fähigkeiten bekannt ist. Aus diesen Untersuchungen sind scheinbar Labor- und Untersuchungsergebnisse sowie MRT- und Röntgenbilder veröffentlicht worden, die einige interessante Einblicke erlauben.
Zunächst zum MRT-Bild: Die von Jani benannte Öffnung des Gaumens, aus der ihm gottgegebener Saft in den Mund laufe, konnte nicht gefunden werden, dafür aber eine Hirnrindenatrophie. Das Röntgenbild zeigte Stuhl im Darm (auch beim Fasten physiologisch) sowie Darmgase. Im körperlichen Befund fiel auf, dass er an der Grenze zum Untergewicht war und sein Herz extrem langsam schlug, was auf einen verlangsamten Stoffwechsel hinwies. Die Laborwerte wie Blutzucker, Erys, Ketonkörper, Lactat, Harnstoff, Harnsäure etc. veränderten sich im Beobachtungszeitraum von 7 (oder 9) Tagen im Sinne einer Fastenzeit. Das Blut konzentrierte sich, säuerte an und der Blutzucker sank ab. Kurze Zeit nach Beobachtungsende wurde eine vergleichende Blutprobe entnommen, die normalisierte Werte zeigte. Nimmt man diese Ergebnisse tatsächlich als die von Jani an, sprechen sie für eine Wiederaufnahme der Ernährung nach Ende des Klinikaufenthaltes. Die Untersuchungsbedingungen enthielten weiterhin eine Videobeobachtung, wobei jedoch berichtet wird, der Yogi habe sich oft der Kamera abgewandt aufgehalten, sodass die Möglichkeit bestand, Urin zu entsorgen. Auch Waschen konnte er sich unbeobachtet, wobei sich der Gedanke der Flüssigkeitsaufnahme fast aufdrängt.
Längere Fastenperioden können unter beibehaltener Flüssigkeitsaufnahme durchaus überstanden werden, doch kann der menschliche Körper leider entgegen der Vorstellung einiger Glaubensformen keine Energie aus Sonnenlicht schöpfen, sondern braucht ganz irdische Energielieferanten. Eine körpertemperaturnahe Außentemperatur und wenig Bewegung können zwar zur Reduzierung des Energieverbrauchs führen, doch jahrelange Abstinenz kann wohl auch dadurch nicht beibehalten werden. Nun komme ich doch noch einmal zu der Frage zurück, warum der Yogi lügen sollte. Möglicherweise geht es gar nicht um Lügen, sondern um ein anderes Verständnis von Nahrung, Ernährung und Krankheitsgewinn. Zugegebenermaßen ohne Kenntnis der Riten und des Kultes, die Menschen wie Jani umgeben, könnte man beispielsweise annehmen, dass gesüßtes Weihwasser und Opfergaben nicht als Nahrung im eigentlichen Sinne gelten. Auch eingeflößte Nahrung/Flüssigkeit im fastenbedingten Delir könnten aus der Nahrungskategorie fallen.
Die Aufrechterhaltung seines Zustands ist nicht aus der Distanz zu klären, doch medizinisch ist festzustellen, dass letztlich die Biochemie im Körper die Heiligwerdung desselben verhindert. Ich für meinen Teil strebe übrigens keine Askese an und gehe jetzt erstmal zu Abend essen.