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Zahnärztliche Fluoridierung in Schwangerschaft ungefährlich

In einer kürzlich veröffentlichten Studie beschrieben kanadische Forscher den Zusammenhang zwischen der Fluoridaufnahme von Schwangeren und der Intelligenz ihrer Kinder. Demnach führe eine erhöhte Fluorid-Exposition in der Schwangerschaft zu einem niedrigeren IQ der Kinder.
Allerdings ist die Studie mit einigen Mängeln behaftet und hat daher keine Relevanz!

Durchgeführt wurde die Studie in Mexiko-Stadt. Um die Fluoridbealstung der Schwangeren abzuschätzen, wurden Urinproben, die während der Schwangerschaft genommen wurden, tiefgefroren. So konnten sie später bzgl. der Fluoridkonzentration analysiert werden. Die Kinder wurden Intelligenztests unterzogen. Im Alter von vier und im Zeitraum von sechs bis zwölf Jahren.

Bestimmt wurden der General Cognitive Index (GCI) imALter von vier Jahren und im späteren Alter noch der Intelligenzquotient nachWechsler (IQ). Es gelang, insgesamt 299 vollständige Mutter-Kind-Datensätze zu erheben, mit denen die Überprüfung eines statistischen Zusammenhangs zwischen dem Fluoridgehalt im mütterlichen Urin und der Intelligenz ihrer Kinder möglich wird. Hierbei handelt es sich um Daten für 287 vierjährige und 211 sechs- bis zwölfjährige Kinder.

Die statistische Analyse der Daten ergab einen signifikanten Zsammenhang zwischen Fluoridkonzentration im Urinder Schwängern und denkognitiven Leistungen der Kinder. So geht mit einer um ca. 0,5 mg/L höheren Fluoridkonzentration ein um 3,15 Punkte niedrigerer GCI bzw. Ein um 2,5 Punkte niedrigerer IQ einher.  Die Studie kommt zu dem Schluss, dass eine höhere Fluoridaufnahme in der Schwangerschaft zu niedrigeren kognitiven Funktionen der Kinder führt. Mit einem solchen Fazit verwundert es nicht, dass in der öffentlichen Interpretation umgehend eine Kausalität abgeleitet und augenblicklich der Bezug zum Zähneputzen mit fluoridierten Zahnpasten hergestellt wird.

Klarzustellen ist jedoch, dass eine derartige Interpretationder Studie nicht einmal im Ansatz gerechtfertigt ist. Die Verwendung von Fluorid zur Kariesprävention bleibt sowohl für Schwangere als auch für Kinder indiziert. Im Folgenden soll detailliert dargestellt werden, wieso die Studienergebnissefür die Maßnahmen der Kariesvorbeugung irrelevant sind,

Zugute gehalten werden muss der Studie, dass sie eine große Anzahl von Mutter-Kind-Paaren umfasst und dass in der Analyse mögliche Verzerrungen durch z.B. Elemente wie Blei und Quecksilber oder auch Störfaktoren, wie z.B. die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, berücksichtigt wurden.

Jedoch muss in erster Linie herausgestellt werden, dass die in Mexiko-Stadt durchgeführte Studie Bezüge aus der Fluoridausscheidung imUrin nach systemischer Fluoridaufnahme herstellt.
In Deutschland sind die, für Schwangere empfohlenen Fluoridierungsmaßnahmen, jedoch allesamt Maßnahmen der lokalenFluoridierung der Zahnoberflächen. Diese können inForm von Zahnpasten, Mundspüllösungenm Gelees oder Lacken vorliegen. Maßnahmen dieser Art können allenfalls kurzfristig eine erhöhte Fluoridkonzentration im Plasma oder imUrin hervorrufen, da die werdenden Mütter die Mittel ausspucken und die professionelle Verwendung von Fluoridlacken nur mit geringen Mengen beim Zahnarzt erfolgt. Schlussfolgerungen zu den gefunden Fluoridkonzentrationen bei den mexikanischen Frauen, die sich in Folge einer systemischer Fluoridierung einstellten, sind daher keinesfalls statthaft.

Aktuelle zahnmedizinische Betreuungskonzepte schwangerer Frauen sehen Kontrollen und besonderePräventionsmaßnahmen vor, die nicht nur der oralen Mundgesundheit der werdenden Mütter dienen, sondern auch die allgemeine Gesundheit des Kindes fördern. Als Maßnahmen sind Professionelle Zahnreinigungen, die mit einer lokalen Fluoridierung der Zähne abschließen, ebenso wie zusätzliche häusliche Fluoridierungsmaßnahmen indiziert. Lokal angewendete Fluoridierungen führen nur kurzfristig zu einer Erhöhung der Plasma- und Urinkonzentration. Auch nach Anwendung eines höher dosierten Fluoridlackes ist die ursprüngliche Plasmakonzentration bereits nach acht Stunden wieder erreicht.
Zudem stellen die Autoren heraus, dass die ermittelten erhöhten Plasmawerte weit von toxikologisch bedenklichen Konzentrationen entfernt sind. Systemische Fluoridierungsmaßnahmen, wie z.B. die Gabe von Fluoridtabletten, werden auch während der Schwangerschaft aus zahnmedizinischer Sicht als ineffektiv betrachtet und werden daher nicht durchgeführt.

Zudem weist die Mexiko-Studie methodische Schwächen auf. Die Fluoridkonzentration im Urin spiegelt die Aufnahme aus verschiedenen Quellen wieder. Über konkrete Quellen gibt es jedoch keine Aussagen. Insbesondere ist in keiner Weise eine Verbindung zu zahnmedizinisch initiierten Fluoridgaben gegeben. Anzunehmen ist, dass das ausgeschiedene Fluorid größtenteils aus demTrinkwasser stammt. Der Publikation von Bashash et al. ist zu entnehmen, dass der Fluoridgehalt in Mexiko-Stadt zwischen 0,15 ppm und 1,38 ppm betrage. Diese Werte sind mit den Gegebenheiten in Deutschland nicht zu vergleichen. In Deutschland enthalten über 90 Prozent der Trinkwässer nicht mehr als 0,3 ppm Fluorid.  Zudem wird die Vergleichbarkeit dadurch beeinträchtigt, dass die Fluoridkonzentrationen im Urin von der Höhenlage des Ortes abhängen, in dem die untersuchte Person lebt. Mexiko-Stadt liegt mit 2.250 Metern über NN deutlich höher als der Durchschnitt der deutschen Städte.

Wesentlich bedeutender ist jedoch die Tatsache, dass die Fluoridbestimmung in Urinproben der Schwangeren erfolgte, die jeweils nur zu einem Zeitpunkt des Abgabetages abgegeben wurden (=”Spoturin”). Die Elementbestimmung in diesem gilt als unzuverlässig, da zum Erhalt valider Daten zumindest die Untersuchung im gesammelten 24-Stunden-Urin gefordert ist. Die Autoren der vorliegenden Untersuchung räumen diesen Mangel ein, schätzen die Auswirkungen jedoch als gering ein. Jedoch besteht der Fakt, dass das Ausmaß der Abweichung zwischen Spoturin und 24-h-Urin in der vorgelegten Studie und damit die Auswirkungen auf das Ergebnis nicht bekannt sind.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass:
– in der Studie statistische Assoziationen, aber keine Kausalitäten beschrieben werden.
– der verwendete Urin zur Bestimmung einer Fluoridexposition ungeeignet ist.
– die, für die Schwangeren relevanten Quellen systemischer Natur sind. Lokale Fluoridierungsmaßnahmen bleiben davon unberührt.
– die aufgezeigten IQ-Unterschiede wenig relevant zu sein scheinen.
– die Studie im Widerspruch zu anderen Untersuchungen steht, die sich mit der gleichen Studienfrage befasst haben.

Abschließend kann man also sagen, dass der in der Studie gefundene statistische Zusammenhang zwischen Fluoridgehalt im Urin werdender Mütter in Mexiko-Stadt und den kognitiven Fähigkeiten der Kinder für unsere zahnmedizinisch begründeten Maßnahmen der Kariesprophylaxe bei Schwangeren, aber ebenso bei Kindern, keine Bedeutung hat. Die zahnmedizinischen Betreuungskonzepte für Schwangere und Kinder bleiben daher unverändert gültig und sicher.

Der originale Beitrag ist in „DIE ORALPROPHYLAXE“ 4/2017  zu lesen. Ein Nachdruck ist hier zu lesen.

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