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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Allgemeinmedizin vs. Innere, Mittelmaß vs. Exzellenzzentrum



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maehex
30.06.2018, 14:06
Hallo!

Ich studiere in Österreich und bin aktuell im (K)PJ. Die Phase, in der ich mich für ein Fachgebiet und einen Standort entscheiden muss, rückt näher.
Leider gibt es nirgends in meinem Umfeld einen Rahmen, in dem man strukturiert Informationen einholen könnte, was Optionen diesbezüglich angeht. In meinem privaten Umfeld sind keine Ärzte und die Präferenzen der näheren Studienkollegen überlappen sich nicht mit meinen eigenen. Die da wären: Ich will ein medizinisch hochrelevantes Fach machen. Hochrelevant definiere ich folgendermaßen:
* Therapie von ernsten, potentiell lebensbedrohlichen Erkrankungen bedeutsamer Organe (z.B. keine Augenheilkunde)
* Man hilft in einem Ausmaß, dass es den Patienten später maßgeblich besser gehen kann (z.B. keine Palliativmedizin)
* Breites Patientengut (nicht ausschließlich seltene genetische Erkrankungen)

Fächer die daher in Frage kommen wären meiner Einschätzung nach Innere Medizin (am liebsten mit Spezialisierung), Allgemeinmedizin, und vielleicht noch Notfallmedizin (ohne Anästhesie).

Ich habe im Laufe der letzten Monate und Jahre noch so einige weitere Vorstellungen/Vorurteile entwickelt, von denen ich nicht immer ganz weiß, ob ich damit richtig liege.
* Als Allgemeinmediziner ist man nur der Überweiser, der quasi nur zusieht, wie andere die wahre Arbeit tun
* Als Allgemeinmediziner kann man sich nicht daran erfreuen, Experte für etwas zu sein
* Als Allgemeinmediziner im Krankenhaus (Stationsarzt) ist man der ungeliebte Trottel für die Standardaufgaben und ist den Fachärzten ständig unterlegen, was deren Fachgebiet angeht
* Als Internist im Krankenhaus sieht man die Patienten zu stationären Aufenthalten, päppelt sie ein wenig auf, und hat entweder keine Ahnung was danach mit ihnen passiert, oder sie sind Dauergäste und man hat das Gefühl gegen Windmühlen anzukämpfen
* Von Internisten mit Praxis habe ich am wenigsten Vorstellung, kenne bisher nur zwei Typen; die Variante OP-Freigaben-Aussteller, und die Variante Professor mit Privatpraxis, beides keine schönen bzw. mittelfristig erreichbaren Ziele

Und als wäre das noch nicht bedrückend genug:
* Wer nicht im Top-Uni-Klinikum seinen Facharzt macht, wird diesen Fachärzten immer etwas unterlegen sein
* Sobald man ein Top-Uni-Klinikum verlässt, war's das mit State-Of-The-Art-Medizin, die kleinen Spitäler hinken stets etwas hinterher; der "Spirit" ist dort ein anderer
* Wer in einem kleineren Krankenhaus arbeitet und die schwierigeren Fälle an die Kompetenzzentren transferiert, muss doch das Gefühl haben, versagt zu haben (was haben die, was wir/ich nicht habe/kann? Späße wie 7-Tesla mal ausgenommen, dafür kann ich ja wirklich nichts).

Mein Zukunftstraum wäre: Hausarzt-Internist, sprich: umfassende Betreuung eines Patienten mit umfangreichen Wissen über die interne Medizin, eigene Praxis. Nebenbei (bzw. Vollzeit bis zur Praxisgründung) Arbeit auf einer Inneren in einem Nicht-Uni-Klinikum, in dem trotzdem dezidiert Spitzenmedizin betrieben wird, Leitlinien druckfrisch umgesetzt werden, Fortbildungen regelmäßig stattfinden, Spezialambulanzen durch motivierte Kollegen betreut werden. Die Patienten, die ich im Krankenhaus stationär sehe, landen vor oder nach diesem Aufenthalt in meiner Praxis, sodass ich sie in allen Phasen sehe und betreue.

So, und nun würde ich mich wahnsinnig darüber freuen, dieses Gebilde an Fantasien und Vorurteilen von euch mit konkreten Erfahrungen und Wissen über die Realität zerschmettert bzw. ummodeliert zu bekommen, damit ich im Endeffekt schlauer bin und besser weiß, was ich später tun soll...

WackenDoc
30.06.2018, 14:13
So wie du dir das vorstellst, funktioniert das nicht.

Nach deinen Vorstellungen wäre Chirurgie an einem Maximalversorger/Uniklinikum das Richtige für dich. Am besten nen Haus mit Spezialruf- UKE, Charite oder so. Alles andere ist nur Schmalspurmedizin.

Solara
30.06.2018, 14:29
Du bist im KPJ und hängst diesen Fantasien nach? Ernsthaft?

Mal abgesehen von allem anderen: eigene Praxis und gleichzeitig am superaktuellen Maximalversorger tätig sein - wie stellst du dir das allein zeitlich vor? Und selbst wenn du beim maximalversorger mit spezialambulanzen bist: du wirst nicht überall gleichzeitig sein können.

Wie gesagt, ich finde deine Überlegung unrealistisch und für einen Studenten am Ende des Studiums sehr irritierend. So praxisfern ist das Studium in Österreich doch gar nicht.

med_in_1
30.06.2018, 14:39
Also ich finde es auch ein bißchen arg überzeichnet und schwarz-weiß gemalt.

Bleibt man bei deiner straffen Struktur, dann geht es meiner Meinung nach nur, wenn man sich entscheidet ob man entweder der Spezialist für die breite Masse sein möchte - oder eber jemand der ein umgrenztes Fachgebiet möglichst genau beherrscht.

Mir fehlt ein wenig der private Aspekt bei deinen Überlegungen ... Das Bedürfnis nach Privatleben merke ich gerade imsens - habe ich früher soviele Dienste wie möglich gemacht, fehlt mir aktuell dazu schlicht jede Motiviation trotz üppiger Bezahlung.

Zum Thema Grundversorger als Überweiser: Einseits klar, man kann nicht alles können - muss bei den Befunden aber den Überblick behalten, oft auch steuernd eingreifen. Spätestens aber wenn dein Patient nicht in die Klinik will und der ortsansässige Spezialist nicht zeitnah kann bist du gefordert....Auf der anderen Seite: Zumindest mich hindert hier niemand bspw. auch Ultraschall (inkl. Herz- und Gefäße) in der Praxis anzubieten und mir so schon einen gewissen Schwerpunkt zu erarbeiten. Wenn ich mir meine basis-versorgenden Kollegen so anschaue - der eine hat den Titel "Chirotherapie" und macht entsprechend viel auch sportmedizinisch (was mir nun gar nicht liegt). Besonders aber die Tatsache sich breit auszukennen macht es einen bei den fächerübergreifenden Erkrankungen im differentialdiagnostischen Denken deutlich einfacher.

maehex
30.06.2018, 14:48
So wie du dir das vorstellst, funktioniert das nicht.

Nach deinen Vorstellungen wäre Chirurgie an einem Maximalversorger/Uniklinikum das Richtige für dich. Am besten nen Haus mit Spezialruf- UKE, Charite oder so. Alles andere ist nur Schmalspurmedizin.
Chirurgie interessiert mich nicht. Davon abgesehen: Gibt es einen Grund warum du Chirurgie als das Optimum empfiehlst, im Gegensatz zu Innere?


Du bist im KPJ und hängst diesen Fantasien nach? Ernsthaft?

ich finde deine Überlegung unrealistisch
Dass die Vorstellungen überspitzt sind und die Fantasie vom Zukunftstraum unrealistisch ist, ist mir natürlich klar. Ich wollte aber möglichst eindeutig klar stellen, was ich aus welchen Gründen (nicht) ideal finde, um dann Rückmeldungen zu allen Facetten zu bekommen.


eigene Praxis und gleichzeitig am superaktuellen Maximalversorger tätig sein - wie stellst du dir das allein zeitlich vor?
Zumindest schonmal schwierig. Aber ich benötige Erfahrungswerte von Leuten, die das so gemacht, versucht oder die Idee verworfen haben, um auszuloten, was dann tatsächlich in Frage kommt.

maehex
30.06.2018, 15:01
Danke med_in_1 für deine Antwort! Du machst Allgemeinmedizin in eigener Praxis?
Wie kann ich mir das mit dem Herzecho vorstellen... was sagen da kardiologische Kollegen dazu, wenn der Patient einen Herzechobefund vom Hausarzt mitnimmt? In welchen Fällen kann ich das rechtfertigen, selbst zu schallen anstatt gleich zu überweisen?

Wie hast du für dich das Thema der Abwägung Spezialisierung vs. breites Wissen abgehandelt oder war es nie ein Thema für dich?
Wie sieht/sah der Alltag als Allgemeinmediziner für dich im Krankenhaus aus; befriedigend was die eigenen klinischen Entfaltungsmöglichkeiten angeht?

WackenDoc
30.06.2018, 15:17
Ganz einfach: Weil es genau das abbilden würde, was du dir wünscht. Breites Fach, du kannst heroisch Leben retten. Kannst Top-Universitätsmedizin in einem großen Zentrum betreiben. Und du kannst da richtig gut dein Elite-Ego pflegen.


Innere bedeutet früher oder später eigentlich immer eine Spezialisierung. Und es ist eigentlich ein ziemlich frustranes Fachgebiet, weil man den Menschen langfristig eben nicht wirklich helfen kann. Dazu ist es ein Fachgebiet der alten Patienten (bis auf bestimmte Spezialisierungen).

Ein bisschen Hausarztpraxis und dann nebenher Maximalmedizin in einem Krankenhaus betreiben ist eine völlig wirklichkeitsfremde Vorstellung vor allem wenn du noch was von "Top-Universitätsklinikum" schreibst. So eine Art der Medizin macht man nicht mal eben nebenher.

Kackbratze
30.06.2018, 15:38
Hochrelevant Leben retten und total wichtig sein....und dann willst Du Internist werden?

Egal an welchem Exzellenzzentrum Du deinen Facharzt machst, Du wirst immer dem Chirurgen unterlegen sein.

Mano
30.06.2018, 18:59
Denke auch, wenn, dann passt deine Beschreibung auf Chirurgie und dann wohl am ehesten Unfallchirurgie ohne Alterstraumatologie...

Was mich an deinen Ausführungen irritiert (hier aber schon häufiger auch von anderen vorgetragen wurde) ist die propagierte Überlegenheit des universitären Maximalversorgers. Natürlich findet man dort das breiteste Spektrum und die meisten Spezialisierungen. Aber das heißt noch lange nicht, dass dort auch die generell bessere Medizin gemacht wird. Ich kenne einige Abteilungen in kleinen Kliniken (und selbst niedergelassene Ärzte) die in ihrem Bereich exzellente Medizin betreiben und von bestimmten Erkrankungen deutlich mehr sehen als der hochgelobte Maximalversorger. Und ich kenne universitäre Abteilungen die vielen wissentschaftlichen Erkenntnissen um Jahre hinterher laufen und es mit Müh und Not schaffen den schönen Schein zu wahren. Und gerade durch die Breite und die Größe geht häufig viel an Effizienz und Routine verloren: Was nützt es dem Patienten, wenn sein neuer Herzschrittmacher zwar von Prof. Super in der international renomierten Uniklinik Mega eingesetzt wird, sein OP-Termin dafür aber dreimal verschoben (wg. der superwichtigen Notfalloperation oder weil der Operateuer gerade noch zum Kongress muss oder die Kommunikation schief läuft und er versehentlich in den falschen OP-Trakt gefahren wird) wird und er sich im fünftägigen Aufenthalt einen MRSA einfängt. Dann doch lieber im kleinen Grund- und Regelversorger mit optimierten Abläufen wo er nach sechs Stunden schon wieder zu Hause ist...

arbeiter79
30.06.2018, 19:05
Bei diesen ganzen Allmachtsfantasien kann einem echt Angst und Bange werden...

davo
30.06.2018, 19:23
@Solara: Die Kombination Krankenhaus/Praxis ist in Österreich gang und gebe, auch an Maximalversorgern. Ist für jemanden aus Österreich also kein besonders ungewöhnliches Ziel.

@maehex:

Dein "Hausarzt-Internist" ist (leider!) in dieser Form nur im kleinstädtischen Nordamerika (v.a. im kleinstädtischen Kanada) zu finden. Dort ist das, was du erwähnst, genau in dieser Form der Regelfall. In Europa gibts das meines Wissens leider nicht. (Vielleicht mal erkundigen wie es in Schweden oder Norwegen aussieht?)

Meines Erachtens realistische Optionen in Österreich, die deinem Ziel relativ nahe kommen, wären:

1. Sonderfach Allgemeinchirurgie und Viszeralchirurgie (Vorteile: Kombination mit Praxis gut möglich, abwechslungsreich)
2. Sonderfach Innere Medizin (Vorteil: an kleinen Krankenhäusern sehr abwechslungsreich; Nachteile: Kombination mit Praxis nicht so einfach, man muss damit leben können dass man schwerere Fälle schnell abgibt)
3. Sonderfach Innere Medizin und Intensivmedizin (Vorteil: viel Leben retten; Nachteil: Praxis nur dann möglich wenn du auch noch den AfA machst)
4. Sonderfach Innere Medizin und Kardiologie (Vorteil: Kombination mit Praxis gut möglich; Nachteil: extrem spezialisiert).

Die Bedeutung des AfA in den österreichischen Akutkrankenhäusern hat meiner Wahrnehmung nach in den letzten Jahren stark abgenommen und wird wahrscheinlich noch weiter abnehmen - wird man in Zukunft wahrscheinlich hauptsächlich in Rehakliniken oder in kleineren Notaufnahmen finden. Ich würde deshalb eher zu Chirurgie oder Innere tendieren.

][truba][
30.06.2018, 19:31
* Therapie von ernsten, potentiell lebensbedrohlichen Erkrankungen bedeutsamer Organe (z.B. keine Augenheilkunde)
* Man hilft in einem Ausmaß, dass es den Patienten später maßgeblich besser gehen kann (z.B. keine Palliativmedizin)
* Breites Patientengut (nicht ausschließlich seltene genetische Erkrankungen)

Und als wäre das noch nicht bedrückend genug:
* Wer nicht im Top-Uni-Klinikum seinen Facharzt macht, wird diesen Fachärzten immer etwas unterlegen sein
* Sobald man ein Top-Uni-Klinikum verlässt, war's das mit State-Of-The-Art-Medizin, die kleinen Spitäler hinken stets etwas hinterher; der "Spirit" ist dort ein anderer
* Wer in einem kleineren Krankenhaus arbeitet und die schwierigeren Fälle an die Kompetenzzentren transferiert, muss doch das Gefühl haben, versagt zu haben (was haben die, was wir/ich nicht habe/kann? Späße wie 7-Tesla mal ausgenommen, dafür kann ich ja wirklich nichts).


Wer die Beschreibung liest, muss nur an Chirurgie denken.
Alles andere ist schon gar keine richtige Medizin. Von "helfen" ganz zu schweigen.

Sorry, ich muss da Bratze in allen Punkten zustimmen!

Glaube du passt auch gut in sone Kaderschmiede an ner Chirurgie einer Top Uni! :-top

_calendula_
30.06.2018, 19:43
Danke davo, ich wollte auch gerade ein gutes Wort für den TE einlegen.
Die Strukturen in Ö und auch wie man sie aus dem Studium kennenlernt sind anders. In die Sicht eines Ö KPJler hineinversetzt kann ich die Gedanken des TE nachvollziehen.

Meahex, hast du schon mal über Päd nachgedacht? Bei dem Mangel kann ich mir Niederlassung + Klinik gut möglich vorstellen (wenn auch anstrengend).
Hast du vor in Österreich zu bleiben? -> Das Basisjahr würde dir noch Zeit geben zum Nachdenken.

hebdo
30.06.2018, 20:17
Als erstes glaube ich, dass auf deine Beschreibung a.e. Unfallchirurgie zutrifft. Ein großes Traumazentrum mit RTH Standort.

Zweitens frage ich mich allerdings auch, wie du nach 5 Jahren Studium, Famulaturen und jetzt im PJ auf solche Vorstellungen kommst. Hast du noch nie in den Alltag einer internistischen Abteilung an einer Uniklinik kennengelernt, desillusionierte und auf dem Zahnfleisch gehende Assistenten gesehen mit 80-90h Wochenarbeitszeit? Unikliniken haben wirklich ein breites Spektrum an Krankheiten, aber die Ärzte sind selbst in den einzelnen Subdisziplinen sehr spezialisiert. Die Unikliniken kochen aber auch nur mit Wasser. Ich kenne zwei und die Ausbildung ist auf keinen Fall das Non Plus Ultra.
Ich arbeite gerade bei einem Maximalversorger und wir haben im Umkreis von 100km 5 Unikliniken. Für elektive Interventionen in Gastro und Kardio bekommen wir Patienten teilweise von 250 km Entfernung zugewiesen und letzte Woche hat der Ltd. Oberarzt einer Uni Kardio bei uns hospitiert. In allen 3 Häusern ist die Ausbildung aber nicht wirklich gut bzw. schaffen es nur ca 10-15% in die Funktionen innerhalb der Regelweiterbildungszeit, der Rest schrubbt die Station.

Zur Allgemeinmedizin: Es ist kein Fach für die hochspezialisierten Interventionen mit denen man ins Fernsehen kommt. Es geht zum einen um jeden Patienten selbst aber viel wichtiger ist die Ebene drüber - die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Es werden gerade überall Lehrstühle aufgebaut und ich wage mal zu behaupten, dass man mit der präventiven Medizin mehr Leben retten kann als in allen anderen Inneren Disziplinen zusammen.

anignu
30.06.2018, 20:24
So, und nun würde ich mich wahnsinnig darüber freuen, dieses Gebilde an Fantasien und Vorurteilen von euch mit konkreten Erfahrungen und Wissen über die Realität zerschmettert bzw. ummodeliert zu bekommen, damit ich im Endeffekt schlauer bin und besser weiß, was ich später tun soll...
Du hast so geil viele Vorurteile, das macht echt Spaß deine Sachen zu lesen.

Und als wäre das noch nicht bedrückend genug:
* Wer nicht im Top-Uni-Klinikum seinen Facharzt macht, wird diesen Fachärzten immer etwas unterlegen sein
* Sobald man ein Top-Uni-Klinikum verlässt, war's das mit State-Of-The-Art-Medizin, die kleinen Spitäler hinken stets etwas hinterher; der "Spirit" ist dort ein anderer
* Wer in einem kleineren Krankenhaus arbeitet und die schwierigeren Fälle an die Kompetenzzentren transferiert, muss doch das Gefühl haben, versagt zu haben (was haben die, was wir/ich nicht habe/kann? Späße wie 7-Tesla mal ausgenommen, dafür kann ich ja wirklich nichts).
Wie hat mal einer vor kurzem geschrieben: Auch an der Uniklinik ist nicht alles Gold was glänzt, aber sie sind besser im polieren...
Plötzlich gehen mal wieder ein/zwei Oberärzte die aber auch nie ihr Wissen weitergegeben haben und es wird ein Assistenzarzt im vierten Monat eingeteilt eine Spezialambulanz alleine zu machen. Sowas sind ja auch nicht Sachen die man sich ausdenkt, sowas passiert tatsächlich!

Uni-Kliniken in Österreich und Deutschland sind übrigens auch anders. Wir haben uns als Chirurgen mal in Innsbruck das Stationsarztmodell in einer Abteilung angeschaut in der der Stationsarzt für Orthopädiepatienten und Gefäßchirurgiepatienten zuständig war. In der Gefäßchiurgie wurde mir erklärt, dass die so an die 300 Carotis-Operationen pro Jahr machen (das ist viel!), weil alle Krankenhäuser in der Umgebung alle Patienten mit Carotisstenosen an die Uniklinik schicken. Die scheinen das nicht zu dürfen oder zumindest nicht zu machen. Klar, dann ist natürlich die Weiterbildung/Ausbildung eingeschränkt, bzw. man kann einfach nur einen Teil. In Deutschland wiederum werden auch sehr viele der größeren Operationen (Ausnahme Transplantationen) auch an städtischen, kommunalen und privaten Häusern durchgeführt. Carotis-Operationen sowieso, aber ich denke da auch an die großen viszeralchirurgischen Eingriffe oder unfallchirurgische Eingriffe.
Beispiel Deutsches Herzzentrum München (mein Stand ist da 5 Jahre alt): Das DHZ nannte sich damals "größtes öffentliches Herzzentrum Bayerns". So weit so richtig. Aber das "größte Herzzentrum Bayerns", war das in Bad Neustadt an der Saale. (aktuell laut Homepage 3000 OPs/Jahr in Bad Neustadt, 2600 OPs/Jahr in München). Die Neustädter brauchen sich da also garantiert nicht vor irgendwelchen Uni-Kliniken verstecken.

Chirurgie interessiert mich nicht. Davon abgesehen: Gibt es einen Grund warum du Chirurgie als das Optimum empfiehlst, im Gegensatz zu Innere?
Chirurgie IST das Optimum. Wer dazu noch Fragen stellen muss hat die Chirurgie nicht verstanden und kann getrost was anderes werden ;-)

* Als Allgemeinmediziner im Krankenhaus (Stationsarzt) ist man der ungeliebte Trottel für die Standardaufgaben und ist den Fachärzten ständig unterlegen, was deren Fachgebiet angeht
Das was du hier beschreibst ist das Stationsarztmodell das ich tatsächlich so nur aus Österreich kenne. Wir waren wie beschrieben mal in einer Kommission drüben in der Uniklinik Innsbruck und haben uns das Modell angesehen, die Klinik wollte das einführen nach dem Motto: wir sparen uns die vielen Assistenzärzte, wir machen Stationsärzte (=Fachärzte für Allgemeinmedizin) die können die Stationen schneller und sicherer versorgen und haben immer eine klare Anzahl an Betten. Und die Fachärzte werden quasi nur konsiliarisch für die OP oder bei Problemen hinzugezogen. Funktioniert nur in Deutschland nicht, weil man keinen Deppen findet der als Facharzt für Allgemeinmedizin noch Stationsarbeit macht.


Ein paar grundsätzliche Dinge scheinst du noch nicht verstanden zu haben:
- willst du Spitzenmedizin auf höchstem Niveau machen, wirst du dich irgendwie spezialisieren müssen. Es gibt nicht den absoluten Allround-Spezialisten. Nicht in dieser Welt.
- Das Niveau von Allgemeinmedizin hängt extrem von einem selbst ab. Wenn man selbst viel kann, braucht man Patienten nicht so oft weiterschicken. Mein Hausarzt macht chirurgische Wundversorgungen da schlackert man mit den Ohren. Super Sache. Der kann das aber auch. Andere Hausärzte machen andere Sachen, da gibts echt viele die sich auch persönliche Spezialgebiete gesucht haben. Und was man auf jeden Fall hat: die persönliche Beziehung zu Patienten und Angehörigen. Ich bin meinem Hausarzt immer noch dankbar wie er meine Oma am Schluß begleitet hat. Die namenlosen wechselnden Krankenhausärzte, die eh ständig gestresst waren, weiß ich nicht mehr.
- Pädiatrie wurde eben grad erst genannt, das ist mal abwechslungsreich. Von winzig klein bis erwachsen alles dabei. Chirurgische Sachen, internistische Sachen, Infektionskrankheiten, Verletzungen usw... alles dabei. Große Dramatik, große Emotionen, große Selbstheilungskräfte... alles dabei. Gibts von Praxis bis zur Universitätsmedizin. Alles möglich. Muss man halt mögen. Für mich wärs nix.

hebdo
30.06.2018, 20:25
Ich kenne übrigens habilitierte Allgemeinmediziner die eine große Praxis mit mehreren Angestellten haben, Sprechstunden machen und gleichzeitig an der Uni im Bereich Public Health/ und Gesundheitsversorgung forschen. Es gibt auch Master Studiengänge m Bereich Public Health

Kackbratze
30.06.2018, 20:27
Für Chirurgie muss man geboren sein, wer überlegt, ist schon falsch.

Relaxometrie
30.06.2018, 20:30
* Therapie von ernsten, potentiell lebensbedrohlichen Erkrankungen bedeutsamer Organe (z.B. keine Augenheilkunde)
Joa....Augen sind echt nicht bedeutsam. Jetzt, wo Du es sagst, merke ich es auch. Wäre mir echt egal, wenn ich blind wäre. Augen........wer braucht die schon.

davo
30.06.2018, 20:38
In Österreich hat früher halt fast jeder den AfA gemacht. Deshalb gibt es in Österreich sehr viele Allgemeinmediziner, und nicht wenige davon findet man an Rehakliniken, in Notaufnahmen, oder eben als Stationsärzte. Ist dem kanadischen/amerikanischen Modell gar nicht so unähnlich (denn dort fehlen ja außerhalb der Lehrkrankenhäuser die Assistenzärzte).

Die Frage ist halt, wie sich das ändern wird, jetzt wo der AfA nicht mehr so stark wie bisher der Normalfall sein wird. Ist noch schwer abzusehen, aber meine Wahrnehmung ist, wie schon weiter oben geschrieben, dass der AfA schon heute in den Akutkrankenhäusern weniger präsent ist als z.B. vor zehn Jahren.

Gleichzeitig ist meine Wahrnehmung auch, dass die Innere Medizin und die Chirurgie, außerhalb Wiens, in Österreich deutlich weniger stressig als in Deutschland sind. Keine Zeit zum Mittagessen würde sich in den österreichischen Häusern, die ich kenne, kein einziger Turnusarzt oder Assi gefallen lassen :-))

Wenn man in Österreich in einem kleinen Haus Internist ist, kann man sicher einen großen Teil der Inneren Medizin selbst abdecken, und nebenbei noch in der Privatpraxis arbeiten, vor allem wenn man irgendwelche gut verwertbaren skills hat (z.B. Echo oder Gastro/Kolo - oder natürlich AfA). Das hat sicher viele Vorteile (ungefiltertes Patientengut, viel Abwechslung, kein reines Fachidiotentum, Weiterbetreuung der stationären Patienten in der Praxis, usw.), aber funktioniert halt nur dann wenn man sich damit abfindet, dass wirklich akute Patienten oft schon vorab, oder innerhalb von ein paar Stunden, an ein größeres Krankenhaus abgeschoben werden. Trotzdem kommt das der Idealvorstellung des TE wahrscheinlich schon recht nahe.

Solara
30.06.2018, 21:55
In einem kleinen Haus Internist plus Praxis ist aber nicht die Vorstellung des TE, davo. Spitzenmedizin beim Macimalversorger plus Praxis. Klar, kann man für die interventionnellen Sachen einen Tag in der Klinik tätig sein, mitbekommen tut man von der Spitzenmedizin dann aber wenig. Die eigene Praxis muss auch laufen.

Zumindest die Kollegen, die ich in Österreich kenne sind mit einem Bereich schon völlig ausgelastet (und das außerhalb Wiens) und wollen auch noch Zeit zum Leben haben, so dass keiner ne Praxis nebenbei betreibt.