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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Werdegang in der Chirurgie



Melli1992
19.07.2018, 13:17
Hallo ihr Lieben,

ich bin aktuell im fast Endspurt des klinischen Studienabschnittes in Köln und mache mich so langsam Gedanken wo es später für mich hin gehen soll :-???

Seit einigen Semestern ist für mich eigentlich klar: in der Chirurgie liegt meine Liebe
Besonders die Herz/Thoraxchirurgie hat es mir dabei angetan.
Natürlich versuche ich möglichst viele Famulaturen dort zu machen, würde aber dennoch gerne eure realen Erfahrungswerte dazu hören.

Vor allem in Bezug auf die Unterschiede / Vorzüge der einzelnen Kliniken die Ihr vielleicht so kennt im Rahen der Weiterbildungszeit. :-stud

Würde mich sehr über eure Erfahrungen freuen.

John Silver
19.07.2018, 15:34
Dann Herz oder Thorax? Cardiothorathic gibt‘s in D nicht.

Fr.Pelz
19.07.2018, 20:13
Ja, erstmal musst du dich zwischen Herz und Thorax entscheiden. Herzchirurgie ist ein deutlich beliebteres, umkämpfteres Fach. Thoraxchirurgen gibts nicht so viele, damit bist du am Ende recht gefragt. Hier in Brandenburg gibts insgesamt nur 3 mit Weiterbildungsermächtigung, was ganz praktisch ist, dann bildet dich einer aus und die beiden anderen prüfen :-D

Ich mache Allgemeinchirurgie (kann das auch echt empfehlen!) und gerade in der Rotation in der Thoraxchirurgie. Das ist schon spannend. Leider sind es halt im Vergleich zur Viszeralchrurgie relativ wenige Patienten, die du in kurativer Intention operieren kannst. Dafür dann halt mehr, die palliative Eingriffe bekommen (Pleurodesen, Anlagen von dauerhaften Pleurakathetern...) Du kannst als Thoraxchirurg natürlich auch Ports und Herzschrittmacher operieren, das ist aber in den Kliniken sehr unterschiedlich geregelt, wer das macht. Da ist man dann eher Dienstleister der Internisten.

Es hindert dich allerdings auch keiner dran, beide Spezialisierungen (und/oder Gefäßchirurgie) zu machen. Das ist natürlich ein langer Weg, aber man verdient ja schon gut Geld und dann ist man ziemlich gefragt. In die Niederlassung wirst du damit kaum können, aber das wird dir ja klar sein. (Deswegen finde ich auch den Weg über Allgemeinchirurgie gut. Man kann nämlich während der Rotationen überall reinschnuppern, kann sich dann immer noch spezialisieren, hat aber die Hintertür zur Niederlassung/Anstellung in einem MVZ noch offen).

davo
19.07.2018, 20:29
Vielleicht findest du in Bezug auf Herzchirurgie diesen Artikel hier interessant:

http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Herzchirurgische-Klinik-und-Poliklinik/download/de/Publikationen-2014/Nachwuchsumfrage2013.pdf

John Silver
19.07.2018, 21:36
Herzchirurgie und Thoraxchirurgie zu machen, ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Herzchirurgen überschneiden sich so gut wie nie mit anderen Subfachrichtungen. Die sitzen in ihren abgesonderten Kliniken, und kloppen Bypässe, Klappen und Transplantationen, und die Spezialisten machen noch die Kinderherzen. Ich kenne einige Herzchirurgen, die auf die Gefäßchirurgie umgesattelt haben; mit Thoraxchirurgie haben sie jedoch wenig zu tun. Thoraxchirurgie läßt sich gut mit Viszeralchirurgie kombinieren, weil man damit eine komplette chirurgische Behandlungspalette für onkologische Patienten anbieten kann.

Die Thoraxchirurgie ist aktuell auf dem Vormarsch, und gewinnt immer mehr an Bedeutung. Es gibt nur wenige Fachärzte, und diese sind aktuell sehr gefragt. Wie sich die Stellensituation entwickeln wird, ist schwer zu sagen, in den nächsten 10 Jahren dürfte der Bedarf aber weiter steigen, was sich auf die Stellenauswahl, Gehälter und Arbeitsbedingungen positiv auswirken dürfte. Wenn man diese Fachrichtung mag, ist es sicher eine gute Wahl. Der Hauptnachteil wurde bereits erwähnt: Man ist hauptsächlich an größeren Kliniken gefragt, und eine Niederlassung ist kaum möglich, allenfalls im MVZ einer Klinik, dann aber als ambulanter Hampelmann für die stationäre Abteilung.

Die Herzchirurgie ist keineswegs „beliebt“; der relativ starke Wettbewerb um die Stellen erklärt sich lediglich durch die sehr geringe Anzahl derselben bundesweit. Man braucht halt relativ wenig Herzchirurgen, und aktuell ist die Fachrichtung eher auf dem absteigenden Ast, weil immer mehr endovaskuläre Verfahren aufkommen, die jedoch fest in internistischer und radiologischer Hand sind. Den Herzchirurgen bleiben nur die kränksten Herzen, deren letzte Chance in einer Bypassorgie besteht, mit entsprechender postoperativer M&M; und dann dürfen sie noch die Komplikationen der Internisten ausbaden, wenn mal ein Gefäß vom Katheter perforiert wird, oder eine TAVI hängen bleibt. Die einzigen echten Hausnummern sind noch die Transplantationen und die Eingriffe an angeborenen Herzmißbildungen; doch erstens werden davon nicht so dramatisch viele gemacht, und zweitens dauert es Jahrhunderte, bis man diese Eingriffe mal machen darf, wenn überhaupt. Um jedoch mal dahin zu kommen, muss man sich viele Jahre lang die ganze Palette der universitären Attitüde antun, und zwar in voller Härte, denn schließlich ist man bei den richtig geilen Superärzten mit Sonnenscheingarantie in der Glutealgegend, nicht bei irgendwelchen Hygienemuschis.

jinkxed
19.07.2018, 21:46
An Unikliniken (Düsseldorf, Jena) dauert es bis zu 11(!) Jahre, bis man den Facharzt in Herzchirurgie schafft. Und nein, das liegt nicht an mangelndem Fleiß der Assistenten, ganz im Gegenteil.

anignu
19.07.2018, 22:16
Das gibts auch anders! Es gibt auch Kliniken in denen man den Facharzt für Herzchirurgie in 6-7 Jahren schafft.

Ansonsten sollte einem klar sein: es gibt nicht viele herzchirurgische Kliniken. Daher hat man, will man in der Herzchirurgie bleiben, auch in Zukunft nicht viele Kliniken in denen man arbeiten kann. Also entweder umziehen oder arrangieren mit der Situation. Versteht man sich mit dem Chef nicht, ist aber örtlich gebunden -> Problem. Das muss einem nur klar sein. Fachlich muss man es halt mögen. Einer unserer Oberärzte ist selbst Herzchirurg macht nun aber Gefäßchirurgie und sagt halt, dass die Eingriffe sehr standardisiert sind. Man macht also ständig das Gleiche. Das hat ihm nicht so gefallen...

Thoraxchirurgie ist in unserem Haus so, dass es von den Viszeralchirurgen mitgemacht wird. Deren Chef ist selbst auch Thoraxchirurg, die Oberärzte können die Eingriffe halt weil sie sie schon öfter gemacht haben. Sind aber offiziell keine Thoraxchirurgen weil keine Weiterbildungsbefugnis besteht.
Bei uns wäre es daher so, dass du deine Weiterbildung zur Viszeralchirurgie machst und dabei halt thoraxchirurgische Eingriffe lernst, so nebenbei. Ein offizieller Thoraxchirurg würdest du nicht werden. In größeren Kliniken ist das manchmal wiederum möglich. Reine thoraxchirurgische Abteilungen hab ich noch nicht so viele gesehen. Musst dir halt überlegen ob du reiner Thoraxchirurg werden willst, oder Viszeralchirurg mit thoraxchirurgischen Fähigkeiten...

Seit einigen Semestern ist für mich eigentlich klar: in der Chirurgie liegt meine Liebe
Wo auch sonst!

John Silver
19.07.2018, 22:45
Och, es gibt schon eine Menge abgetrennter Thoraxchirurgien. Allein im Großraum Frankfurt: Uniklinik Frankfurt, Uniklinik Mainz, Nordwest Frankfurt, Markus-Krankenhaus Frankfurt, HSK Wiesbaden, Katholisches Klinikum Mainz, Klinikum Offenbach etc. In Frankfurt-Höchst gibt es eine integrierte Abteilung mit voller Weiterbildungsermächtigung (da rotiert man als Assistenzarzt aber durch alle Bereiche, und relevante OP-Zahlen sammelt man erst als Oberarzt). Wenn man es also speziell auf Thoraxchirurgie anlegt, hat man genug Möglichkeiten. Die Frage ist nur, ob man sich wirklich von Anfang an auf ein so kleines Fachgebiet spezialisieren will.

anignu
20.07.2018, 01:55
In München: die Unikliniken und Bogenhausen. Fertig. Dann noch außerhalb Gauting. Und zack, ist der Großraum München abgedeckt. Also München incl. der ganzen Nachbarlandkreise etc...

Schaut man sich die Weiterbildungsbefugnisse für ganz Bayern an kommt man auf 12 Weiterbildungsstätten. Davon haben aber nur 6 Stück die volle Befugnis für Thoraxchirurgie. Also eher bissl wenig.
In der Herzchirurgie gibt es dagegen 11 Weiterbildungsstätten mit voller Befugnis.