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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Drohende Geburt im Rettungsdienst



DocEmmetBrown
25.07.2018, 18:07
Auch wenn die drohende Geburt kein häufiger Einsatz ist, so kommt sie wohl doch immer mal wieder vor. Als Notarzt macht mir diese Einsatzmeldung durchaus einiges an Sorgen, weil mir die praktische Erfahrung völlig fehlt. Im Blockpraktikum während dem Studium wurden die männlichen Studenten meist von den Hebammen in den OP weggeschickt und in meinem aktuellen Haus gibt es keine Gynäkologie (in der man vielleicht mal mitlaufen könnte).

Darf ich die Erfahrenen unter Euch mal fragen, wie ihr bei einem solchen Einsatz über Transport vs. Geburt vor Ort entscheidet (Wehenabstand? Vaginaler Tastbefund? SSW? Kindslage?) Wann greift ihr zur Tokolyse? Welche Tipps habt ihr sonst noch für die Geburt im Rettungsdienst?

Rhiannon
25.07.2018, 18:25
Keine Rettungsdiensterfahrung, aber als diejenige, die die Frauen dann in der Klinik entgegennimmt: solang die Frau nicht schon pressend mit in der Scheide sichtbarem Köpfchen in eurem RTW ist, dann fahrt. Kindslage beurteilen, geschweige denn nen korrekten Muttermundsbefund zu erheben, trau ich persönlich niemandem zu, der das nicht regelmäßig macht. Trau ich als Assistentin mir auch selber ohne Rücksprache mit den Hebammen nicht immer korrekt zu.
Wir hatten kürzlich auch nen heroischen Unfallchirurgen-Notarzt, der die Frau natürlich vaginal untersucht hat und sie uns mit Muttermund fast komplett geöffnet übergeben hat. Am Ende war da ein Hauch von nix und die Frau gerade mal fidu und die ganze Aufregung umsonst.

Sebastian1
25.07.2018, 18:36
Ich finde 'drohende' Geburt ja eine seltsame Formulierung, wenn wir nicht von einer Frühgeburt sprechen. Habe ich im RD allerdings noch nicht gehabt, da würde ich dann an Tokolyse denken.
Die meisten Einsätze sind beginnende Wehen, Blasensprung etc. Einsteigen und in den Kreissaal begleiten, mehr ist da in der Regel nicht notwendig.
Wenn Kind kommt... Was im RTW nicht so oft der Fall ist... Dann kommt es halt. Solange es eine regelrechte Geburt ist, passiert sie so oder so, egal, was du tust. Da muss man dann hinterher halt logistische Probleme lösen, wie zum Beispiel die Frage, wie du ein Neugeborenes sicher transportierst.
Und wenn du einen geburtshilflichen Notfall hast... Du machst da präklinisch nicht wirklich viel. Symptomatische Therapie und vor allem zügig in die Klinik fahren.

Vaginale Untersuchung im Rettungsdienst mache ich eigentlich nur, wenn Pressdrang vorhanden oder wenn der Verdacht aufkommt, das irgendwas nicht okay ist. Aber auch da muss sich aus der Untersuchung ja eine potentielle Konsequenz ergeben.

Ich hatte in den letzten Jahren mit sehr viel Notarztdiensten sehr viele Meldungen mit Geburt, bei den meisten hätte es auch ein Taxi getan. Manchmal war bei Eintreffen das Kind bereits geboren. Wirklich vollendete Geburten im Rettungsdienst bisher sehr selten. Und auch da wäre das Kind im Zweifel ganz ohne mich zur Welt gekommen, ohne dass was passiert wäre.

nie
25.07.2018, 18:49
solang die Frau nicht schon pressend mit in der Scheide sichtbarem Köpfchen in eurem RTW ist, dann fahrt.

So wurde es uns im Prinzip auch in der Rettungsdienstausbildung beigebracht und so machen wir es in der Regel auch. Notärzte werden bei "beginnender Geburt" hier aber auch primär nicht mitalarmiert und wir fordern nur nach wenn wirklich der Fall "Presswehen und Kind guckt raus" eintritt. Da man hier nie länger als 5-10 Minuten in den nächsten Kreissaal fährt, wird eigentlich transportiert solange es nur irgendwie geht. Ohne irgendwas zu untersuchen. Wichtigste Eckdaten erfragen (SSW? Irgendwelche Auffälligkeiten? Potentielle Geburtsprobleme? Mutterpass?) und dann los! Und die beiden Male, die ich bisher die Situation einer bereits fortgeschrittenen Geburt hatte, war das Kind vor dem Notarzt da. Wir als RTW-Personal haben da primär den Dingen ihren Lauf gelassen und gar nichts groß rummanipuliert sondern eher mental unterstützt. Waren aber halt auch gesunde, reifgeborene Kindern. Nach vollendener Geburt dann halt abnabeln, einpacken, Kreissaal.

Hier hat man im Falle von problematischeren Geburten, die sich nicht mehr aufhalten lassen (zu früh, Zwillinge o.ä.) noch die Möglichkeit, Pädiater und Inkubator holen zu lassen. Da würde ich mich mal schlau machen, ob das bei euch möglich ist.

Sebastian1
25.07.2018, 19:01
Inkubator ist übrigens auch eine gute Lösung für den Transport bei vollendeter Geburt. Nicht, weil das Kind es als reif geborenes bräuchte, sondern als Sicherung. Es sei denn, es ist eine andere, schneller verfügbare und sichere Lösung da. Aber ich habe auch erlebt, das man mit "Kind auf Arm und los" anfangen wollte...

Evil
25.07.2018, 20:00
wir fordern nur nach wenn wirklich der Fall "Presswehen und Kind guckt raus" eintritt.
Damit noch zusätzlich jemand hilflos herumsteht und guckt, bis das Kind da ist? ;-)

nie
25.07.2018, 20:07
Damit noch zusätzlich jemand hilflos herumsteht und guckt, bis das Kind da ist? ;-)

So ungefähr ;-)
Seelischer Beistand und so.

Private Pyle
25.07.2018, 20:12
Präklinisch habe ich nur eine Geburt mitbekommen. Bei der war ich aber sehr froh, dass da eine Notärztin dabei war. Wir wollten gerade anfangen zu drücken (beim Neugeborenen) und hatten den Baby-NAW schon auf Anfahrt. Da war es irgendwie beruhigend, dass die NÄ dabei war.

WackenDoc
25.07.2018, 20:15
Wir hatten im Notarztkurs und dann aufm Refresher ne gute Gynäkologin, die das alles sehr unterhaltsam erklärt hat. Eben dass man als Notarzt eigentlich nicht viel machen kann und muss. Hab aber schon wieder einiges davon vergessen- ich glaub, es ist Zeit für ne Fortbildung.

In real hatte ich bisher 2 Geburten- einmal reifes Kind (zweites der Familie) und alles gut. Und einmal Frühgeburt, aber zum Glück alles gut. Beides Mal war das Kind schon da.

agouti_lilac
30.07.2018, 16:00
Kann man eigentlich das Kind *im* Inkubator irgendwie sichern? Oder rutscht es da rum während der Fahrt?

nie
30.07.2018, 16:32
In unserem Inkubator kann man die Kinder nicht wirklich „anschnallen“. In der Regel wird einfach alles drumherum so mit Mullwindeln gepolstert, dass das Kind nirgends hinrutschen kann. Wenn mann vernünftig fährt (und zumindest unsere Pädiater sind da seeehr streng, was die Fahrweise angeht), rutsch das Kind auch nicht.

THawk
30.07.2018, 18:27
Bei uns gibt es Klettbänder, die quer (kreuzförmig) über das Kind gespannt werden. Befestigt sind die in der Seitenleiste des Transportinkubators, direkt neben der Matratze auf der das Kind liegt. Damit ist das Kind recht gut gesichert. Außerdem steht der Transportinkubator im Neonat quer zur Fahrtrichtung, d.h. das Kind bewegt sich bei Vollbremsung seitwärts und nicht Kopf-/Fuß-wärts. Das vermindert die Gefahren nochmal (den Vorteil haben wir natürlich nicht mehr wenn wir mal mit dem Regel-RTW Vorlieb nehmen müssen).

Hijadelaluna
22.08.2018, 23:50
Im letzten Jahr hatten wir drei (!) Hausgeburten, wo der Pädiater mitsamt Inkubator nachgefordert wurde.

1. Kind war reif, Mutter wusste nicht, dass sie schwanger war. Da war das Kind schon da, als der Rettungsdienst eintraf.
2. Kind war ein bisschen zu früh, ich meine 34./35. SSW, Beckenendlage, 2. Kind. Als der Notarzt vor Ort war, hatte dir Frau schon Presswehen und das Kind ist raugeflutscht. Die nächste Klinik wäre zwar auch max. 10 Minuten weg gewesen, aber die wollte das Kind nicht mehr warten.
3. Kind war 36. SSW, Multipara und noch mehr Gravida, da hat das Kind auch alles selber gemacht.

Die Geburt war also nie das Problem. Was ein Problem war: alle Kinder waren verdammt kalt als sie in der Klinik eingetroffen sind. Unsere Oberärzte haben unter den krassesten Bedingungen Zugänge gelegt (sodass ab sofort eine Stirnlampe zum Equipment gehört). Und in Fall 1 hat das Nachfordern des 2. RTW mit Inku, der erst noch aus der Klinik geholt werden muss mitsamt Personal die Sache extrem verzögert/ >60min (Geburt im Winter in Hintertupfingen). Der hat dann auch ne Transfusion gebraucht (es war auch nicht rauszufinden, wer überhaupt abgenabelt hat).
Die Kinder haben es jedenfalls alle gut überstanden.

Achso: vor 2 Jahren hatten wir mal ein FG von 29 SSW, das beim Umlagern der Mutter auf die Transportliege auf die Welt kam. Da war auch die Geburt an sich nicht das Problem.

Espressa
23.08.2018, 09:17
Ich persönlich bin sowieso der Meinung, dass es für Geburten im Normalfall weder Arzt noch Krankenhaus braucht. Und dass es auch normal ist, dass Frau und Kind das „alleine machen können“.
Vielleicht sollte man bereits bei Alarmierung am Telefon darauf hinweisen, dass die Kinder warm gehalten werden sollen, ist in unvorbereiteten Fällen scheinbar nicht so bekannt.
Wieso müssen reife Neugeborene überhaupt einen Zugang kriegen? Oder samt Inkubator in die Klinik?
Gerade bei Fall 1 hätte ich „ins warme Bett legen und stillen“ vorgeschlagen.

Muriel
23.08.2018, 09:36
Gerade bei Fall eins wäre das wahrscheinlich das Schlechteste gewesen, was man hätte machen können. Die Frau wusste nicht, dass sie schwanger war, hört sich nach erstem Kind an. Und dann willst du der wahrscheinlich völlig überforderten Frau, die natürlich auch keine Hebamme hat, sagen "legen Sie sich mal ins Bett und stillen"?

Miss_H
23.08.2018, 09:47
Espressa, du bist nicht nur Befürworterin der Hausgeburt, sondern auch Ärztin. Und ich finde fahrlässig von dir hier zu empfehlen einfach zu Hause zu bleiben.
Für oder gegen Krankenhaus kann man sich nur entscheiden wenn man informiert ist und die Konsequenzen der Entscheidung trägt.

Hijadelaluna
23.08.2018, 11:05
Dieses Kind war sehr kalt, hatte Kreislaufprobleme, wahrscheinlich recht viel Blut verloren gehabt und brauchte folglich Volumen. Und wenn so ein Neugeborenes mal ordentlich kalt ist, bekommt es auch recht schnell Probleme mit dem Blutzucker.
In diesem Fall war es eine komplett unüberwachte Schwangerschaft, die Frau hat bis zum Entbindungstag gearbeitet. Also keinerlei Vorsorge. Und daheim waren sie natürlich auch nicht auf ein Kind vorbereitet. Außerdem musste die Mutter selber ins Krankenhaus, die Plazenta hat auf sich warten lassen.

Das waren jetzt alles ungeplante Hausgeburten. Aber auch wenn mein Bruder damals eine war: ich halte das für keine gute Idee. Wir haben auch schon Katastrophen gesehen, die nur passiert sind, weil kein Gyn/ OP/ VE/ Pädiater in der Nähe war. Es gibt ja auch noch hebammengeführte Kreißsäle... eine Geburt ist und bleibt verdammt gefährlich. Wenn wir dank "Alleingeburt" wieder zu den Sterblichkeitsraten von früher zurückwollen- dann bitte. Gibt ja tatsächlich Frauen, die nicht mal einen Ultraschall bei der Vorsorge wollen. Dann verbluten halt beide bei Geburt an der Plazenta praevia...

Espressa
23.08.2018, 11:10
Achso, sorry das mit „wusste nicht dass sie schwanger war“ hab ich überlesen. Dann funktioniert das wohl wirklich nicht, Asche auf mein Haupt...
Bei einer Frau in Erwartung der Geburt wäre es dennoch nicht das schlechteste, erstmal anzukommen und das Kind dann einfach im maxicosi zu transportieren. Oder natürlich noch besser eine Hebamme und ggf Kinderarzt kommen zu lassen.
Aber vermutlich hab ich auch leicht reden, weil mir die Vorstellung „Frau kurz vor/ während/ nach Geburt“ jetzt nicht unbedingt den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Und ich nicht sofort an alle potenziellen Dramen denke, sondern an sich an genau das, was in den Beispielen passiert ist, nämlich dass die Kinder da eben „einfach“ rausgekommen sind, und man sie erstmal warmhalten muss.

nie
23.08.2018, 11:31
Leute, für die eine Hausgeburt kein Drama oder gar gewünscht ist, rufen aber auch in einem solchen Fall keine Rettungswagen. Bei den Hausgeburten, die ich bisher im Rettungsdienst erlebt habe, war es der ausdrückliche Wunsch der Familie, ins Krankenhaus zu fahren. Hätten sie Leute zuhause bleiben wollen und das auch so kommuniziert, hätte sie auch keiner ins KH gefahren.
Man kann hier übrigens auch im RTW einen Maxi Cosi transportieren, was hier auch gemacht wird. Inkubator inkl. Pädiater wird hier nur angefordert, wenn das medizinisch notwendig ist.

Die einzige komplette Geburt, die ich miterlebt habe (und zu der ich nicht erst nach Vollendung dazugekommen bin) fand übrigens auf halber Strecke zum Kreissaal statt. Die fahr ich ja nach der Geburt nicht einfach nach Hause zurück und sag, sie sollen sich ins Bett legen und stillen. Die waren ohnehin schon am Rande einer Panikattacke. Die Mutter hat mich damals gefragt, ob ich nicht ihr Kind auf dem Arm behalten kann weil sie nicht weiß, was sie damit machen soll...