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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Assistenzarzt Psychiatrie/Psychosomatik: Vorbereitung?



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WackenDoc
20.10.2018, 17:40
Man kann keine Arztbriefe üben. Einfach weil das in jedem Krankenhaus und auf jeder Station anders ist.
Sinnigerweise nimmt man die Vorlagen der Kollegen. Davon kann man auch die üblichen Standardfloskeln übernehmen.

Hol dir halt den üblichen Klinikleitfaden. Damit macht man meist nix verkehrt. Dazu noch ein Notizbuch anschaffen- da alles wichtige reinschreiben. Von "wie heisst mein Oberarzt" bis "wie alarmiere ich das Reateam", aber auch "wie komm ich in das KIS rein".

Und dann ziehst dir halt noch die fachtypischen Leitlinien rein.

Pflaume
20.10.2018, 20:35
Ich glaube, dass du dir einfach viel zu viele Gedanken machst und dass jegliche Vorbereitung, die du jetzt machst, dir nicht viel bringt. Du hast über 6 Jahre Medizin studiert inkl. PJ. Davon ist normalerweise mehr hängen geblieben als du denkst. Jetzt nochmal 4 Wochen aus Büchern lernen oder irgendwelche Praktika machen bringt dir im Verhältnis zu dem, was du bisher gelernt hast, wenig. Sobald du anfängst zu arbeiten, wirst du eine steile Lernkurve haben.

Wie Wackendoc schreibt, würde ich mich danach richten, was deine Kollegen so benutzen. Das ist meistens für die jeweilige Abteilung das Sinnvollste. Aktuell bist du ja noch nicht mal sicher, in welcher Fachrichtung du landest (Innere, Psychiatrie oder Psychosomatik)! Die Klinikleitfäden finde ich grundsätzlich auch eine gute Anschaffung dahingehend, dass da wichtige Dinge drin stehen und man nachschauen kann. Tatsächlich habe ich aber meine Klinikleitfäden wenig im Dienst benutzt: Notarztleitfaden 2x, Klinikleitfaden Intensivmedizin 1x, Klinikleitfaden Kardiologie 0x. Alle davon habe ich zuhause gelegentlich mal durchgeblättert und mir hin und wieder auch gedacht "ah, gut zu wissen". Aber man kommt auch ohne aus.

Ich finde, die Reanimationsleitlinien sollte man im Kopf haben, egal welche Fachrichtung, denn davon keine Ahnung zu haben, fände ich für jeden Arzt peinlich. In der Psychiatrie / Psychosomatik wäre es evtl. auch nützlich, zu wissen, dass man Narcanti gegen eine Opiat-Intox und Flumazenil gegen eine Benzodiazepin-Intox spritzen kann. Wobei mindestens bei Narcanti die Antagonisierung "tröpfchenweise" ratsamer ist als drauflos zu spritzen, solange (notfalls mit Stimulation) noch Atmung da ist, weil die Kunden, die aus ihrem Rausch direkt in eine Entzugssituation geholt werden, sonst sehr ungemütlich werden können. Das sind aber alles Dinge, die dir in den Wochen vor deinem ersten Dienst beigebracht werden sollten bzw. die dir im Notfall der Hintergrund-Arzt sagt. Mein Anspruch, dass man das als Dienstarzt wissen sollte, ist andererseits relativ hoch gehängt. In der Realität besteht dieser Anspruch an die eigene Notfallkompetenz meiner notärztlichen Erfahrung nach beim Dienstpersonal in psychiatrischen Kliniken oft nicht.

Ganz allgemein Leitlinien zu lesen finde ich im vorhinein ebenfalls etwas übertrieben - die wichtigen Punkte darin werden dir vielfach nicht auffallen und nicht im Gedächtnis bleiben, solange du nicht selbst praktische Erfahrungen damit verknüpfst. Leitlinien sind doch recht trockene Kost. Diese Lektüre kann man problembezogen dann nachholen, wenn man weiß, wo man wirklich arbeitet und was da so an Krankheiten hauptsächlich auftaucht.

Wenn du unbedingt was lesen willst, könnte ich persönlich mich als Trockenübung mit dem Buch "Nachtdienst-Einsatz" anfreunden. Das ist eine "Spielebuch", das relativ realitätsnah diverse Probleme aufzeigt, die einem im Dienst so begegnen. Es werden recht plastisch typische Fälle präsentiert und Handlungsalternativen gegeben, aus denen man auswählen muss. Je nachdem, wie man handelt, entwickelt das Szenario sich unterschiedlich weiter. Bezüglich der aufgezeigten und schließlich als richtig bewerteten Diagnostik- und Therapie-Strategien kann man teilweise anderer Meinung sein als das Buch, aber es ist ganz lustig durchzuarbeiten, man bekommt tatsächlich einige typische Fälle und typische (Anfänger-)Fehler vorgesetzt, und wenn man sich das richtig zu Gemüte führt, bleibt glaube ich schon was hängen. Beispielsweise wird einem aufgezeigt, dass es, wenn man nachts um 3 telefonisch von der diensthabenden Schwester geweckt wird, weil ein Patient mit bekannter KHK Thoraxschmerz angibt, sinnvoll sein kann, ihr zu sagen, dass sie schon mal Blutdruck und Puls messen und ein 12-Kanal-EKG schreiben soll, weil man sich nämlich nicht überall darauf verlassen kann, dass das von alleine passiert. Wenn man es nicht anordnet, dann quält man sich aus dem Bett, hetzt auf Station und stellt dort fest, dass noch gar nix gemacht worden ist. Man steht dann erst mal 10 Minuten rat- und nutzlos rum bzw. sucht die ebenfalls nicht griffbereite Patientenakte, bis die Schwester ein EKG-Gerät von der Nachbarstation geholt hat. Also solche Dinge werden in dem Buch behandelt. Mit deutlich internistischem Schwerpunkt, aber teils auch fachübergreifenden Problemen. Wichtig ist, sich beim Durcharbeiten des Buches durchgehend Notizen zu machen, von welcher Frage zu welcher Frage / Nummer man geschickt wird. Sonst verliert man mit der Zeit den Überblick, besonders, wenn man zurückgehen will und noch nachlesen will, welche alternativen Wege die anderen Handlungsoptionen eröffnet hätten. Ich finde das Buch besser als das in der gleichen Reihe erschienene Buch "Notarzt-Einsatz".

Ich habe es schon mal gesagt: Dein Hauptproblem als Anfänger werden Dinge wie Stations-Organisation und evtl. der Umgang mit Kollegen, Schwestern und Patienten und deren Angehörigen sein. Lauter Dinge, die du nicht im Vorhinein lernen kannst. Das ergibt sich mit der Zeit. Freu dich auf eine steile Lernkurve. Ätzend und mindestens situativ überfordernd wird der Anfang auf jeden Fall. Aber da muss man halt durch. Und keine Scheu haben, bei Zweifeln den Hintergrund anzurufen. Dazu sind die da. Und die meisten wissen das auch und sehen das auch so. Du bist nicht der erste Anfänger mit "dummen" Fragen, den die erleben.

Mano
20.10.2018, 20:48
Was mir speziell für die Psychiatrie noch einfällt: Das PschKG sollte man mal überflogen haben. Und in der Inneren (oder sonst überall) mit dem Thema Leichenschau mal auseinandergesetzt und die relevanten Kapitel aus der Querschnittsleitlinie Hämotherapie. Das sind nämlich die Dinge, die dir am Ende rechtlich wirklich auf die Füße fallen können - und die, die leider auch oft falsch erklärt werden oder wo man zu falschen Handlungen gedrängt wird. Also nicht eben auf Zuruf der Pflege/ Nachbarabteilung/ sonstwem mal eben eine Blutkonserve unterschreiben oder den Totenschein ausstellen ohne genau zu wissen, was man da eigentlich gerade unterschreibt.

Pflaume
20.10.2018, 20:53
Ja, Mano, das sind sehr gute Punkte! Leichenschau, Bestattungsgesetz des jeweiligen Bundeslandes, PsychKG, eventuell auch Infektionsschutzgesetz (Meldepflcihten) und Transfusionsrichtlinien. Da steht mehr Nützliches / Wichtiges drin als man denkt, und zumindest die genannten Gesetze sind recht übersichtlich und gut zu erfassen. Das ist eine sinnvolle Idee!

WackenDoc
20.10.2018, 21:23
einen guten erste Hilfe Kurs kann ich noch empfehlen. Alleine sowas wie einen ordentlichen Druckverband zu können, kann bei psychiatrischen Patienten Gold wert sein.

Borisdiekatze
20.10.2018, 21:53
Vielen Dank für die ausführlichen Antworten! "Nachtdienst-" und "Notdiensteinsatz" habe ich schon, das hat mir die Examensvorbereitung versüßt :D Das kann ich tatsächlich noch einmal mit Notizen durchgehen. Erste-Hilfe-Kurs ist der letzte auch schon etwas her. Und ich bin einfach dankbar für alles, was ich noch machen kann, damit ich zumindest gefühlt nicht völlig unvorbereitet dort aufschlage. Das ist doch schonmal etwas :)

morgoth
21.10.2018, 08:03
Wenn eine Frage erlaubt ist: Sind die meisten Beiträge hier, insbesondere der hier von mir zitierte eher der Satire zuzuordnen oder braucht man heutzutage als Arzt wirklich fast gar nichts zu können, um anzufangen und das gute gehalt abzugreifen? Deutsch braucht man nicht zu können, Blut abnehmen auch nicht, weiter unten wird geschrieben, dass man lediglich auf einem Stuhl sitzen können muss etc. Klingt alles nicht so sehr anspruchsvoll...

Ich bin Oberarzt und FA für Psychiatrie. Für den Berufseinstieg reicht die o.g. Fähigkeit, auf einem Stuhl sitzen zu können. Impliziert war, dass man sich während des Sitzens auch einem Menschen in Not/Patienten in Not empathisch annehmen/zuhören kann. Den Rest lernt man, indem man beispielsweise in Reichweite des Stuhles ein Buch, ein PC mit Internetzugang, eine psychiatrische Fachschwester oder die Nummer vom Oberarzt hat. (Die Reihenfolge variiert bestimmt von Klinik zu Klinik ... :D )
Den Rest kann man, muss man aber nicht kennen.

Snappy01
22.10.2018, 09:08
Ich bin Oberarzt und FA für Psychiatrie. Für den Berufseinstieg reicht die o.g. Fähigkeit, auf einem Stuhl sitzen zu können. Impliziert war, dass man sich während des Sitzens auch einem Menschen in Not/Patienten in Not empathisch annehmen/zuhören kann. Den Rest lernt man, indem man beispielsweise in Reichweite des Stuhles ein Buch, ein PC mit Internetzugang, eine psychiatrische Fachschwester oder die Nummer vom Oberarzt hat. (Die Reihenfolge variiert bestimmt von Klinik zu Klinik ... :D )
Den Rest kann man, muss man aber nicht kennen.

Ließt sich also insoweit nach einem sehr sehr gut bezahlten Job ohne Stress und ohne besonderen Anforderungen. Die Beschreibung klingt nach DEM idealen Job. Nichts anfassen müssen, nur zuhören, mal etwas aufschreiben, jemanden rufen, etwas nachschlagen. Einfach toll. Hätte man dies nur früher gewusst.

Borisdiekatze
22.10.2018, 09:52
Das bezieht sich nur auf den Berufseinstieg :D Also auf den ersten Tag oder die erste Woche. Wenn man sonst nichts kann, braucht man halt für Arztbriefe, Patientenaufnahmen usw. z.B. länger und arbeitet dann halt seine 14 Stunden am Tag, denke ich mal. Das dürfte abhängig vom Krankenhaus und wie unterbesetzt es da ist, beliebig stressig werden können. Blut abnehmen, Viggos legen (auf der Entzugsstation sicher nicht einfach), Patienten reanimieren, korrekte Diagnostik, die richtigen Medikamente verschreiben unter Beachtung von Wechselwirkungen und Monitoring usw. muss ja gemacht werden. Man hat wohl nur eine gewisse Lernphase.

Nasser Sandsack
29.10.2018, 13:37
Hallo auch ich fange demnächst meine Stelle als Assistent in der Psychiatrie (geschlossener Bereich) an und bin sehr aufgeregt (=

Und auch ich frage mich, was ich in der verbleibenden Zeit an Kenntnissen noch auffrischen sollte, also in Bezug auf die Routine-Aufgaben die mir auferlegt werden.

Ich habe diesen thread nun aufsaugend gelesen und es herrscht scheinbar die Meinung vor "Engagiert zeigen plus learning by doing".
Auch ich glaube dass eher die nicht direkt-fachlichen aufgaben zum Problem werden - ich habe im Rahmen des PJ den Durchblick durch die ganze Klinik/Stations/HA/Patienten/Versicherungs - Systematik leider nicht gewinnen können.

Ich bin fachlich (Psychiatrie) - wie ich denke - sehr fit für meinen Ausbildungsstand

Meine Frage ist: Welche Aspekte der somatischen Medizin werden mir in der Psychiatrie häufig begegnen? Welche Erkrankungen welche Untersuchungen?

PS: Psychiatrisch/Neurologisch bin ich relativ fit - Die innere Medizin wurde von mir in Famulatur/PJ eher stiefmütterlich gehandhabt...daher die Frage....was MUSS fluppen wenn ich da als Arzt anfange? ;)

rafiki
29.10.2018, 13:57
PS: Psychiatrisch/Neurologisch bin ich relativ fit - Die innere Medizin wurde von mir in Famulatur/PJ eher stiefmütterlich gehandhabt...daher die Frage....was MUSS fluppen wenn ich da als Arzt anfange? ;)

Z. B. Grundlagen der Reanimation. Hab Kollegen in der Psychiatrie erlebt, die standen mit dem Buch neben dem sterbenden Pat., um nachzulesen, was die jetzt zu machen sei.

Nasser Sandsack
29.10.2018, 15:00
Danke für die Antwort (=

Wie ist es denn beispielsweise mit Fertigkeiten wie der Differenzierung von Anämien aus dem Laborbefund oder dem spontanen Wissen welches Antibiotikum wann/wie/wieviel anzusetzen ist?

Sind das Dinge die als sichere Kenntnisse erwartet werden?

WackenDoc
29.10.2018, 15:04
Nein. Die Anämien solltest du grob drauf haben (z.B. halbwegs ne Eisenmangelanämie erkennen) und die Standardantibiotika wirst ratz fatz drauf haben- Leitlinie Harnwegsinfekt ist sicher interessant, da reicht aber ein Überblick, die 100 Seiten musst nicht im Detail kennen und die zu Pneumonien/Atemwegsinfekten.
Meist gibt es aber eh hausinterne Standards.

Pflaume
29.10.2018, 17:44
Für die Anämien gibt es in der Psychiatrie selbstverständlich ein internistisches Konsil!

Colourful
29.10.2018, 19:48
Nee. Also das mach ich nicht. Ich kann Leitlinien lesen.

morgoth
29.10.2018, 19:59
Das ist sehr lobenswert, also total ernst gemeint.
Die Leitlinien "(einfache) Depression", "Umgang mit weinenden Patienten" und "allgemeine Gesprächsführung" sind scheinbar noch nicht im Saarland erschienen, aber dann werden sich wahrscheinlich auch bald die Konsile in die Gegenrichtung reduzieren.

(bisschen Bashing darf man hin und wieder :D )

Colourful
29.10.2018, 20:04
Nee, das kenne ich auch. :-) Besonders gut ist auch immer - wir brauchen einen Psychiater, der Mensch ist komisch. Danke.

Borisdiekatze
29.10.2018, 22:02
@ Nasser Sandsack: Wann fängst Du denn an? Ich fände ja ganz toll, wenn Du von Deinen ersten Tagen dort und den Anfordernissen etwas berichten könntest :) Gerne auch per PN, die finde ich bei Dir nur nicht.

Jetzt wird es ja doch noch etwas inhaltsreicher :D (Anämien, Standardantibiotika bei Atemwegsinfekten, HWI). Konnte mir auch nicht vorstellen, dass die da gar nichts erwarten ... Und so etwas wie EKG befunden sicher auch.

Roadkiller
30.10.2018, 05:59
Also grundsätzlich aus eigener Erfahrung berichten kann ich, dass grundsätzlich alles möglich ist und dass ein waches ernstnehmendes und auch neutrales somatisches Auge notwendig ist. Von intracranieller Blutung bei einer dementen Dame (die ist seit heute Nacht so müde und schläfrig) bis akute nekrotisierende Pancreatitis und akuter Mykardinfarkt in der Ambulanzsizuation hatte ich schon mehrfach heikle Situationen. Wichtiger ist mMn weniger die volle Behandlung zu verstehen als zu wissen dass es jetzt heikel wird und es nicht als Banalität abzutun und dass man nun spezialisierte Kollegen dazuholen sollte.

Kaas
30.10.2018, 08:50
Was man sich auch klar machen wollte ist, dass psychiatrische Patienten in anderen Abteilungen nicht gerade beliebt sind und oft so schnell wie möglich in die Psychiatrie verlegt werden. Das passiert nicht selten, bevor die komplette Diagnostik gelaufen ist, die ein "angenehmer" Patient erfahren hätte.