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EndlichFacharzt
09.02.2020, 13:50
Im Rahmen eines Arbeitsplatzwechsels und auch bald Umzug beschäftigt mich folgender Themenkomplex:

Gibt es irgendwelche Grundlagen, in denen die Anfahrtszeiten für den Hintergrunddienst bzw auch AA Rufbereitschaftsdienst geregelt sind (wenn nicht im Arbeitsvertrag?)? Oder hangelt man sich da an bislang gefällten Urteilen entlang?

Oder auch allgemeine Umfrage, wie sind eure Erfahrungen in den verschiedenen Fachdisziplinen? Ist das dann eher homogen im Team oder gibts relevante Unterschiede?

Gersig
09.02.2020, 14:06
Hallo und willkommen im Forum :-)

Wichtig ist erstmal, was im Arbeitsvertrag steht in Bezug auf Arbeit- und Wohnort. Wenn nichts drin steht, kannst du theoretisch auch 200 km entfernt wohnen.

Die zweite Frage ist: wie ist der Hintergrunddienst definiert? Rufdienste sind dadurch gekennzeichnet, dass eine Dienstaufnahme eine Ausnahme ist und der Freizeit- und Erholungsaspekt hoch ist. Die Zeit bis zur Aufnahme der Arbeit ist in der Rechtsprechung konkretisiert und liegt irgendwo zwischen 30 und 60 Minuten. Wenn der AG zeitliche Vorgaben zur Aufnahme der Arbeit im Rufdienst macht, ist es vermutlich keiner und ich würde das durch einen Anwalt mal prüfen lassen.

EndlichFacharzt
09.02.2020, 16:11
Danke Gersig.

Okay, ist ja alles mega fallabhängig, deshalb mal ein paar durchgegangen:
1) geht man mal von einem Chirurgen aus, wie sieht es dann mit dem klassischen Hintergrunddienst aus? In nem Maximalversorger dürfte da Bereitschaftsdienst vorliegen und damit Hintergrund im Haus weil Arbeitseinsatz ja eher Regel als Ausnahme ist oder?
2) das ganze aber in einem kleineren bis mittleren Haus: da ists es ja dann eher gemischt von der Arbeitbelastung her, bestenfalls telefonisch zu regeln bis zu auch einem oder mehreren Einsätzen im Haus, davon auch gemischt zeitkritisch und wenig zeitkritisch. Wenn es so in meiner Vorstellung Tage gibt wo nix zum reinkommen ist, aber Einsätze jetzt auch keine Rarität sind? Was zählt dann?
3) um nochmal auf die Zeit zu kommen, sind 30-60 min nicht relativ üppig bemessen für zum Teil zeitkritische Sachen, oder geht man dann eh von Bereitschaftsdienst aus?

Kandra
09.02.2020, 16:23
Bei uns gibt es einen Haus-Hintergrund und den Intensiv-Hintergrund. Beide sind nicht im Haus anwesend, kommen aber bei Bedarf rein (passiert den Intensiv-Hintergründen regelmäßig, dem Haushintergrund eher selten). Die Haus-OÄ wohnen teilweisein der Stadt, teilweise aber auch bis zu 40 Minuten entfernt. Der Intensivhintergrund muss innerhalb von 10 Minuten vor Ort sein, unser leitender OA wohnt nicht in der Stadt und schläft dann im Haus.
Wie deren Dienste genau bezeichnet werden, kann ich nicht sagen.

WackenDoc
09.02.2020, 16:25
Lass es dir am besten in den Arbeitsvertrag schreiben, wann du da sein sollst.

EndlichFacharzt
09.02.2020, 16:37
Ja, das wäre wahrscheinlich das Beste.
Danke Kandra! Würde mich über noch mehr solcher Angaben freuen um mal so ein breiteres Meinungsbild zu haben wie es läuft, ganz unabhängig von der Bewertung davon...
Gibt es eigentlich so Interventionalisten für z.B. Herzkathether oder Schlaganfälle, die tatsächlich nicht im Haus sind, womöglich erst in über 30 min da sind? Hab bisher nur in nem kleineren Haus gearbeitet und von da ging es für die Pat dann meist an die Uni nachts, wo dann jemand vor Ort war...

FirebirdUSA
09.02.2020, 16:44
Ja, das wäre wahrscheinlich das Beste.
Danke Kandra! Würde mich über noch mehr solcher Angaben freuen um mal so ein breiteres Meinungsbild zu haben wie es läuft, ganz unabhängig von der Bewertung davon...
Gibt es eigentlich so Interventionalisten für z.B. Herzkathether oder Schlaganfälle, die tatsächlich nicht im Haus sind, womöglich erst in über 30 min da sind? Hab bisher nur in nem kleineren Haus gearbeitet und von da ging es für die Pat dann meist an die Uni nachts, wo dann jemand vor Ort war...

Interventionen: Hab 30min Anfahrt... las mich deshalb bei passender Klinik (schwere Aphasie, Neglect, hochgradige Hemi,...) noch vor CT informieren und fahr los. Wenn es Blutung ist drehe ich halt 10min später wieder um... Ziel sollte sein 20min nach Entscheidung zur Intervention im Haus zu sein bei uns

John Silver
09.02.2020, 17:13
Grundsätzlich ist eine Rufbereitschaft nicht mit einer Einschränkung vereinbar. Anfahrtszeiten bis zu einer Stunde muss der Arbeitgeber akzeptieren. Verlangt der Arbeitgeber eine kürzere Zeit, muss entsprechend Bereitschaftsdienst angeordnet werden; dann darf der Arbeitgeber die Reaktionszeit festlegen, muss halt aber auch die gesamte Zeit als Arbeitszeit werten, mit entsprechenden Konsequenzen bei der Bezahlung und dem Freizeitausgleich.

Shizr
09.02.2020, 17:29
Eine Frist zwischen 30 und 45 Minuten darf der Arbeitgeber anscheinend festlegen, ohne dass es dadurch von Rufbereitschaft zu Bereitschaftsdienst wird.

https://www.arbeitszeitberatung.de/fileadmin/rechtstipps/Rechtstipps_Rufbereitschaft_1.pdf

WackenDoc
09.02.2020, 17:34
Es kommt halt sehr auf die Art der Dienste an. Also wer ist vor Ort, was muss in welcher Zeit gemacht werden. Brauchts nur die telefonishce Entscheidung oder die Anwesenheit vor Ort?

Moorhühnchen
09.02.2020, 17:43
Bei mir im Haus haben die gynäkologischen OÄ mit Kreißsaal und knapp 1500 Geburten/Jahr eine Rufbereitschaft, vermutlich mit der Vorgabe innerhalb von 10 Minuten im Haus zu sein!
Die meisten können diese Zeit sogar einhalten, aber eine OA-Kollegin wohnt wesentlich weiter weg und bleibt daher nachts im Haus. Leider hat sie aber keinen Bereitschaftsdienst durchgesetzt, sondern wird zu Rufdienstkonditionen bezahlt und arbeitet in der Regel auch am Folgetag weiter. Meiner Meinung nach würden bei der Arbeitsbelastung nachts auch alle näher wohnenden Kollegen von der Einführung eines BD profitieren.

Ist nicht mein Bier, das zu ändern. :-))
Aber sollte die Geschäftsführung auf die Idee kommen, einen zusätzlichen Rufdienst Anästhesie für den KRS einzuführen, wird sie auf wesentlich mehr Widerstand treffen, da meine eigenen Kollegen alle weiter weg wohnen und teils erst nach 45min bis zu 1h im Haus sein können (je nach Verkehrslage).

freak1
09.02.2020, 18:53
Wenn das Gewerbeaufsichtsamt das spitzkriegt und kontrolliert gibt's unter Garantie richtig Streß. Gerade Notsectios sind kaum mit einer richtigen Rufbereitschaft zu vereinbaren.

Moorhühnchen
09.02.2020, 18:59
Wenn das Gewerbeaufsichtsamt das spitzkriegt und kontrolliert gibt's unter Garantie richtig Streß. Gerade Notsectios sind kaum mit einer richtigen Rufbereitschaft zu vereinbaren.
Richtig. Ich gehe immer gern auf Konfrontation, aber da es (noch) nicht um meine eigene Abteilung geht, werde ich da nix unternehmen.

Gersig
09.02.2020, 19:02
Wenn das Gewerbeaufsichtsamt das spitzkriegt und kontrolliert gibt's unter Garantie richtig Streß. Gerade Notsectios sind kaum mit einer richtigen Rufbereitschaft zu vereinbaren.

Die Kolleginnen und Kollegen, die die kurze Zeit nicht einhalten können, bleiben in diesen Fällen eigentlich immer im Haus. Da achten die Chefs schon drauf. Wenn die vors Arbeitsgericht ziehen würden, dann würden sie in den meisten Fällen individuell Recht bekommen. Macht aber keiner. Die meisten OÄ haben eine AT-Vergütung und lassen sich dieses "Entgegenkommen" bezahlen. Und fahren damit finanziell (fast immer) besser als die Kolleginnen und Kollegen, die tariflich entlohnt werden, sich aber die Arbeitszeiten so aufschreiben wie geleistet.

Mano
09.02.2020, 19:07
Soll nicht das Kind nach 10 Minuten da sein statt des Operateurs!?

Moorhühnchen
09.02.2020, 19:14
Soll nicht das Kind nach 10 Minuten da sein statt des Operateurs!?
Wie auch immer, zumindest hier haben wir diese Zeit meist deutlich unterschritten und haben sehr schnelle E-E-Zeiten. Vermutlich sind die OÄ so gut wie immer schon vor der Entscheidung involviert.

Aber die Notsectio ist halt einer der wenigen Fälle, wo die 10 Minuten unverhandelbar stehen!

anignu
09.02.2020, 19:17
Die 10 Minuten Vorgabe ist aber auch tatsächlich so ziemlich die einzige Zeitempfehlung die es für Notsectios gibt. Daher bei den Gynäkologen. (edit: Moorhühnchen war schneller)

Gefäßchirurgie: gibt keine Zeitvorgaben und man wird sowieso ständig angerufen. Das geht los mit "es ist ein Patient in die Notaufnahme gekommen, was soll ich tun?" - "Wie wärs mit Anamnese, Blutabnahme, Untersuchung usw.!", geht dann über dringende OP bei Nachblutungen... bis der Patient von der IMC auf dem OP-Tisch liegt sind eh 45 Minuten vergangen, in der Zeit bin ich auch da... über noch weitere Grausamkeiten. Und wenn es heißt "v.a. rupturiertes BAA" dann fahr ich auch gleich los. Umdrehen und heimfahren kann ich immer noch. Und die Zeit ab erstem Anruf schreib ich auch auf bis ich wieder daheim bin. Das wird dann (auf die volle Stunde aufgerundet) bezahlt.

Zum Thema 45min: scheint ja die zwei Urteile zu geben. Auf der anderen Seite gelten die 45min ja auch erst wenn sie angeordnet sind. Also wenn man der Klinik gegenüber anzeigt dass man 60 Minuten braucht um in die Arbeit zu kommen bei Rufbereitschaft und die Klinik sagt nichts dagegen, dann ist das soweit ok. Ob man das "seinen" Patienten antun will ist ein anderes Thema.

daCapo
09.02.2020, 19:39
Eine Frist zwischen 30 und 45 Minuten darf der Arbeitgeber anscheinend festlegen, ohne dass es dadurch von Rufbereitschaft zu Bereitschaftsdienst wird.

https://www.arbeitszeitberatung.de/fileadmin/rechtstipps/Rechtstipps_Rufbereitschaft_1.pdf

https://www.haufe.de/oeffentlicher-dienst/tvoed-office-professional/bereitschaft-32-anordnung-der-rufbereitschaft_idesk_PI13994_HI1422464.html

Yup, dieser Artikel unterstützt die Angabe, dass man nicht innerhalb von 20 Min da sein muss. Man muss sich jedoch in der Stadt/in der Nähe der Stadt (z.B. Ruhrgebiet Agglomeration von Städten) aufhalten und kann kein Wochenende in den Alpen verbringen.
30-45 Min sollten ausreichen um von einem Ort seiner Wahl in der Nähe ins KH zu fahren.

Wir haben das auch, da zeitweise wenig auf der Station zu tun ist. Ich schaffe es innerhalb von 10-20 Min. meist zu kommen. Bei Sepsis/instabile Vitalwerte/Blutung ist es grenzwertig. Wenn dann Kollegen von anderen Fachrichtungen mit Bereitschaftsdienst vorher kommen (da sie den Pat. wegen vorheriger Komplikationen kennen/oder Rea-Team des Hauses) gibt es immer wieder Diskussionen.

Fände es konsequenter einen Bereitschaftsdienst zu haben, der dann ggfs. weitere Stationen im Hause mitbetreut/Unterstützung für Internisten. Oder alternativ alles an die Internisten für einen Obulus abzugeben, allerdings sind hier aus Erfahrung auch Diskussionen wegen unvollständiger/unklarer Übergaben usw. zu erwarten.

anignu
09.02.2020, 19:50
Man muss sich jedoch in der Stadt/in der Nähe der Stadt (z.B. Ruhrgebiet Agglomeration von Städten) aufhalten und kann kein Wochenende in den Alpen verbringen.
Du nicht ;-) Wenn man im falschen Bundesland lebt geht das halt nicht.

Fände es konsequenter einen Bereitschaftsdienst zu haben
Problem beim Bereitschaftsdienst ist, dass der am nächsten Tag heim geht, dass man sehr schnell auf zu hohe Stundenzahlen kommt usw... kurz: Bereitschaftsdienst ist viel teurer als Rufbereitschaft. Stell dir da nur mal ein Wochenende vor. Rufbereitschaft Sa+So kostet irgendwo um die 8h Arbeitszeit (so lange es keinen Einsatz gibt), Bereitschaftsdienst in der niedrigsten Stufe mit 0,6*48h = 28,8h. Und wenn ich Bereitschaftsdienst der niedrigsten Stufe hätte, dann glaub mir, ich würde nur das wirklich Allernötigste machen. Denn ich darf maximal 25% der Zeit arbeiten. Also nix mit den Einen unterstützen und den Anderen. Nix da. Nur das Nötigste.

daCapo
09.02.2020, 19:59
Hmm, also wenn ich ein Wochenende in London oder Rom verbringe, schaffe ich das mit 45 Min leider nicht.


Du nicht ;-) Wenn man im falschen Bundesland lebt geht das halt nicht.

Problem beim Bereitschaftsdienst ist, dass der am nächsten Tag heim geht, dass man sehr schnell auf zu hohe Stundenzahlen kommt usw... kurz: Bereitschaftsdienst ist viel teurer als Rufbereitschaft. Stell dir da nur mal ein Wochenende vor. Rufbereitschaft Sa+So kostet irgendwo um die 8h Arbeitszeit (so lange es keinen Einsatz gibt), Bereitschaftsdienst in der niedrigsten Stufe mit 0,6*48h = 28,8h. Und wenn ich Bereitschaftsdienst der niedrigsten Stufe hätte, dann glaub mir, ich würde nur das wirklich Allernötigste machen. Denn ich darf maximal 25% der Zeit arbeiten. Also nix mit den Einen unterstützen und den Anderen. Nix da. Nur das Nötigste.

Ich habe vorher imselben Fach mit Bereischaftsdiensten gearbeitet, nur der stationäre Sektor war etwa doppelt so groß. Es gab mehr Entlassungen/Aufnahmen/Übernahmen Samstag/Sonntags (sprich geplante Arbeit). Die Dienste waren besser bezahlt als die niedrigste Stufe (100% oder 95%). Effektiv hatten man einen höheren Verdienst, dafür ist das nix für jeden mit dauerhaft gestörten Tag-Nacht Rhythmus/morgens ein paar Stunden schlafen im "Frei". Ist bei mir nach 2 Jahren gekommen. Effektiv war man auch deutlich mehr Zeit im KH/weniger Freizeit.