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Muriel
24.02.2020, 16:33
Wir haben keinerlei Unterschied bemerkt damals, als sie wegfiel. Wäre sie bei 30€ gewesen und jedes Mal zu entrichten gewesen sofern keine explizite Kontrolle angeordnet worden wäre, dann vielleicht. So war sie nur nervig und alle froh, als es wegfiel.

s4oksama
24.02.2020, 19:10
Naja, zusätzlich ist wohl nicht zu bestreiten, dass man als Arzt in D für zu viele organisatorische Maßnahmen gezwungen wird. Schon alleine das Abschreiben der Diagnosen aus einem alten Brief oder dieses elendige hin und her mit dem Sozialdienst aufgrund von Versorgungsproblemen laugt die Ressource "Arzt" aus. Verstehe ehrlich gesagt nicht, warum sie hierzulande keine Paramedics für Stationen einführen. Diese könnten dann beispielsweise zumindest die BA, Viggos etc. übernehmen. Auch das Anlegen von Briefen o.Ä. ist kein Hexenwerk...

Heerestorte
24.02.2020, 19:32
Diese könnten dann beispielsweise zumindest die BA, Viggos etc. übernehmen. Auch das Anlegen von Briefen o.Ä. ist kein Hexenwerk...

Dafür gibt es doch Famulanten und PJler. Die machen das noch günstiger als zusätzlich eingestelltes Personal.

s4oksama
24.02.2020, 19:55
Stimmt. Insbesondere PJler. Wieso verlängert man das PJ nicht auf 10 - 20 Jahre?

freak1
24.02.2020, 19:58
Dauerhaftes PJ. Bis zu 5 PJler pro Jahrgang und Uniklinik werden von einem Komitee aus Chefärzten ausgewählt und dürfen die WB anfangen (natürlich unbezahlt).

FuchsiBuchsi
24.02.2020, 20:43
Stimmt. Insbesondere PJler. Wieso verlängert man das PJ nicht auf 10 - 20 Jahre?

Gab es ja lange.
Nannte sich Arzt im Praktikum, 1 1/2 AiP Jahre + PJ :-keks
Zu den goldenen Zeiten der Ärzteschwemme. Als noch schön erstarrt wurde beim Anblick des Chefarztes der alten Schule.

WackenDoc
24.02.2020, 20:53
Es gibt auch Chefärzte die der Meinung sind, dass man erstmal 1-3 Jahre (je nach Chefarzt) als Hilfspfleger Demut zu lernen hätte,bevor man überhaupt Student werden darf. DAss man dann nach dem Studium erstmal wieder Hilfsarbeiten machen sollte ist nur ein logisches Fortschreiben dieser Idee.

Christoph_A
25.02.2020, 07:21
Wir haben keinerlei Unterschied bemerkt damals, als sie wegfiel. Wäre sie bei 30€ gewesen und jedes Mal zu entrichten gewesen sofern keine explizite Kontrolle angeordnet worden wäre, dann vielleicht. So war sie nur nervig und alle froh, als es wegfiel.

War hier etwas anders. Wurde auch erst letztens in unserem Niedergelassenenzirkel besprochen. Wäre allerdings, ebenso wie Du, für eine Erhöhung auf 20 bis 30 Euro, müsste man dann halt soziale Härtefallregelungen einbauen. Und hilfreich für die Kliniker wäre natürlich eine Notaufnahmegebühr bei dezidiert nicht notaufnahmepflichtigen Erkrankungen, was allerdings sicher wieder zu einer Mehrbelastung der NA Ärzte aufgrund der dann fälligen Dokumentationen führen würde.

tarumo
25.02.2020, 07:39
Aus Niedergelassenensicht war die Abschaffung der Praxisgebühr ein Riesenfehler. Damit hat man erst Recht die Schleusen geöffnet.

Die Sprachregelung "Praxisgebühr" ist klassischer newspeak, von der Gegenseite geschaffen, und suggerierte den Patienten, daß das Geld abends bündelweise bei der Bank aufs Arztkonto eingezahlt wurde. In Wahrheit hat man sich praxisseitig ohne jegliche Gegenleistung das Inkasso für die Krankenkassen aufs Auge drücken lassen, selbstverständlich verbunden mit der Schaffung der Infrastruktur (Kasse und Botengänge), persönlichen Haftung für Fehlbeträge und dem seinerzeit deutlich gestiegenen Risiko für Raubüberfälle. Man sollte also korrekterweise von der Kassengebühr sprechen.
Daß die 10 EUR zu niedrig angesetzt waren und dann bei den Pat. die "jetzt-erst-recht-Haltung" auslösten, brauchen wir nicht zu diskutieren.


Wir haben keinerlei Unterschied bemerkt damals, als sie wegfiel. Wäre sie bei 30€ gewesen und jedes Mal zu entrichten

30 EUR hätte auch nicht funktioniert, weil das RLV für die Augenheilkunde in einigen KVen da schon runter liegt- und eine Zuzahlung, die den Leistungs/Auszahlungsanspruch an den Arzt übersteigt, wäre früher oder später von einem Sozialgericht gekippt worden. Deswegen wird es auch niemals mehr so eine Gebühr geben, selbst wenn die Politik sich einig wäre. Das Pauschalsystem wird es immer vereiteln..

Neben der fehlenden Steuerungswirkung und dem Verwaltungsaufwand war ein weiterer Aspekt für die Abschaffung, daß die Ordinationspauschale in einigen Fächern (Derma z.B.) schon unter die 10 EUR gefallen war.

Christoph_A
25.02.2020, 09:00
Nun, lieber Tarumo, denke, eine Steuerungswirkung ist durchaus erzielbar, man müsste halt nur die Regelsätze der betreffenden Kollegen angleichen oder eine Entkopplung der Pauschale, ich nenne sie weiter Praxisgebühr (nebenbei Danke für den netten Belehrungsversuch, aber bin, glaube ich, lange genug im Geschäft, um da für mich selber sprechen zu können), von irgendwelchen GOÄs, um eine relevante Steuerungswirkung erzielen zu können. Da muß man gar nicht das Pauschalsystem, wie Du es ja so sehr liebst, in Frage stellen, sondern nur an einigen Stellschrauben drehen.
P.s.: Wer ist eigentlich die "Gegenseite"? Die Illuminaten, die rote Weltverschwörung oder alle, die nicht einer Neoliberalisierung des Gesundheitsmarktes im angloamerikanischen Stile harren?
P.s.: Gestiegenes Risiko für Raubüberfälle=> das wird jetzt aber schon etwas abenteuerlich, ne?

tarumo
25.02.2020, 09:18
P.s.: Wer ist eigentlich die "Gegenseite"? Die Illuminaten, die rote Weltverschwörung oder alle, die nicht einer Neoliberalisierung des Gesundheitsmarktes im angloamerikanischen Stile harren?
P.s.: Gestiegenes Risiko für Raubüberfälle=> das wird jetzt aber schon etwas abenteuerlich, ne?

Die "Gegenseite" sind diejenigen, die diese, wie auch soviele andere, weltweit einzigartige Regelung implementiert haben, nämlich Gesundheitsministerium, KV und Krankenkassen.
Versuch mal eine Bargeldeinzahlung bei einer Bank auf ein Fremdkonto (manchmal auch Eigenkonto) vorzunehmen und schau mal, was da für Verwaltungs-Gebühren berechnet werden.

Und da das Geld zu 100% den Kassen zugute kam und nicht den Praxen, ist es gerechtfertigt, von der Kassengebühr zu sprechen. Oder zahlt hier jemand monatlich "Praxisbeiträge"?

Daß sich seinerzeit durchaus Überfälle gehäuft haben, ist auch mehrfach von entsprechender Seite thematisiert worden. Mit ein wenig Recherche lassen sich durchaus Meldungen und Statistiken noch finden...im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem ein Raubmord in Ludwigshafen (?) kurz vor Weihnachten, wo sowohl die MFA als auch der hinzukommende Arzt umgebracht wurde, um die Kasse an sich zu nehmen.
Bei 70 Patienten am Tag (in der FA-Praxis sind ja nicht ganz so viele Mehrfachbesucher) und 1,2 Bankgängen pro Woche kam da schon ein hübsches Sümmchen zusammen. Dazu kein Schalter, keine gesicherte Kasse, keine Kameras, kein Alarmknopf...und vielleicht noch nicht mal ein Tresor...jede Tankstelle ist da besser gesichert.
Eine normale Arztpraxis hatte vorher i.d.R. nur eine kleine Handkasse und war somit ziemlich unattraktiv für Raubüberfälle.

tarumo
25.02.2020, 09:45
Zur Vertiefung:
Lenkungswirkung komplett gescheitert
https://www.krankenkassenzentrale.de/wiki/praxisgebuehr#

Ärzte befüchten Raubüberfälle (2004):

https://www.spiegel.de/wirtschaft/praxisgebuehr-aerzte-fuerchten-raubueberfaelle-a-280917.html

Die freundliche KV rät, das Geld zweimal täglich auf die Bank zu tragen...man hat ja sonst nichts mehr zu tun.

Zumnehmende Raubüberfälle auf Arztpraxen (ab 2005):

https://www.merkur.de/lokales/muenchen-lk/das-wird-einige-aerzte-kragen-kosten-161139.html
https://www.welt.de/print-welt/article286515/Einbrecher-haben-es-auf-die-Praxisgebuehr-abgesehen.html
https://www.diqm.de/article/143130
https://www.bz-berlin.de/artikel-archiv/aus-angst-vor-ueberfaellen

Zusammenfassung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Praxisgeb%C3%BChr

Ich bin immer wieder verblüfft, daß selbst von erfahrenen Kollegen der allergrößte Blödsinn, der einem aufgezwungen wird, noch irgendwie gerechfertigt wird. So eine Art Stockholm-Syndrom bei manchen? Und Kritiker sich dann in die "Aluhut" Ecke stellen lassen müssen. Hier: Inkasso für die Krankenkasse zum Nulltarif unter Inkaufnahme erheblichen administrativen Zusatzaufwandes und einer keineswegs abstrakten Gefahr für Leib und Leben durch die Gefahr von Überfällen. Now back to topic.

Christoph_A
25.02.2020, 11:11
Unter Gefahren für Leib und Leben machst es jetzt nicht, oder.
Interessant ist auch, daß in dem von Dir verlinkten Wikipediaartikel eine signifikante Senkung der Arztbesuche erwähnt wird und, aus dem Jahr 2013, zwar bei Zahnärzten, aber immerhin, ein Fallzahlenanstieg vermeldet wurde, beisst sich also etwas mit Deiner Grundintention. Süß auch, daß sich der Merkurartikel imho gar nicht auf Raubüberfälle bezieht, sondern eher dem Verarmungsgejammer einzelner Ärzte Raum gibt. Danach hab ich die weiteren Links gar nicht mehr gelesen, überzeugend ist anders....
Nochmal, die alte Praxisgebühr war sicher nicht perfekt, aber eine Gebühr ab dem 2. Termin pro Quartal hat meiner Meinung nach schon eine deutliche Steuerungswirkung, wenn man halt die vielen Ausnahmeregelungen, die es damals gab, strafft.

h3nni
25.02.2020, 19:50
Wenn die Leute mal großflächig wüssten, welches Geld der Arzt für ihre Betreuung im Quartal kriegt, hätten die wahrscheinlich öfters Schuldgefühle oder große Irritation. Ich hatte das schon mal bei nem Heizungsbauer, dem ich das mit den Quartalspauschalen erzählt habe.

Oder wenn man mal eine "Rechnung" schreibt nach GOÄ (von mir aus auch nur einfach gesteigert) und dagegen die EBMs aufschreibt. Das würden aber die GKVen vermutlich nicht zulassen...