Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Augenheilkunde - Start in Praxis?
Feuerblick
04.03.2020, 08:20
Ich war ja in einer ähnlichen Situation damals und habe nach zwei Monaten schlichtweg gekündigt. Wer Weiterbildungsassistenten einstellt, aber nicht weiterbildet, muss damit rechnen, dass die den Kram hinschmeissen. Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du dir was suchst, wo du weitergebildet wirst. Und selbst in der kleinsten Praxisklitsche, wo nur die einfachsten Fälle aufschlagen, ist kein Weiterbildungsassistent nach sechs Wochen und er Lage, selbständig eine adäquate Sprechstunde abzuhalten. Such dir zeitnah was anderes und mach, dass du da wegkommst. Vergiss die "verlorene Zeit" in Bezug auf die Weiterbildung. Gelernt hast du ja vermutlich sowieso nur wenig.
Für mich klingt das, als wärst du genau da angestellt, wo ich damals war. Ich hatte sogar nach zwei Wochen den ersten Nacht-Rufdienst. Ich hatte zwar noch nie einen Fremdkörper entfernt und hatte noch keinerlei Sicherheit im Unterscheiden von Konjunktivitis und Uveitis (um nur die üblichen Beispiele zu nennen), aber das interessierte niemanden. "Bestellste halt für den nächsten Tag nochmal ein". Ich wurde sogar noch angemeckert, weil ich gewagt habe, meine Zweifel zu artikulieren. "So ein Fremdkörper ist doch total einfach.. machste so und so und so..." Ja, ist es. Aber nicht nach sechs Wochen. Und ich hatte durch PJ und frühere Ausbildung Vorerfahrung. Angio-Gemecker gab es bei mir damals auch. Dabei sind Angios bzw. das Handling gar nicht so einfach, wie es aussieht. Hab Angios als FA später selbst gemacht und auch da erstmal Übung gebraucht.
Und so richtig untalentiert kann ich nicht gewesen sein, denn an meiner ersten Klinik hat man mich nach weniger als sechs Monaten schon zur Frühchen-Untersucherin (selbständig!) gemacht. Sprich: Ich muss ja beim Funduskopieren irgendwas richtig gemacht haben.
Nochmal: DU bist nicht das Problem!
Lalalabe
04.03.2020, 10:27
Danke, Feuerblick, das baut mich gerade tatsächlich auf. Das Gefühl, unfähig zu sein, ist schon belastend. Ich hab mich gestern voller Selbstzweifel mit Ben&jerrys ins Bett gehauen und erstmal geweint. Wenn jeder meint, es besser zu wissen, Anordnungen gibt als wäre es sehr einfach und für mich schon locker zu schaffen, dann fühle ich mich komplett überfordert,
Ich versuche jetzt mit allen Mitteln was anderes zu finden, und dann einfach zu kündigen, ich werde teilweise als Schreibkraft eingeteilt, weil zu wenig helferpersonal da ist.
Auf Dauer ist das definitiv keine Option für mich. Auf der belegstation ist man komplett alleine, man vereinsamt erstens und 2. ist es ein recht großes Haus, es kommen immer mal wieder Konsile, postop Kontrollen, notfälle, das ist mir wenn ich alleine bin einfach zu viel, und hinterrücks wird dann über die Assistenten geredet, dass sie ja mittlerweile schon wissen müssen was zu tun ist und sie zu oft was nachfragen....
Man man man, ehrlich
Feuerblick
04.03.2020, 10:33
Mhm, klingt sehr nach dem Haus, in dem ich auch mal war. Station fand ich noch einigermaßen machbar. Aber ich hatte halt auch PJ-Vorerfahrung und wurde im PJ auch tatsächlich als richtige Arbeitskraft eingesetzt. Daher konnte ich einiges ganz vernünftig und hatte schon mal ein gewisses Ablaufschema.
Ambulanz und Dienste waren aber einfach auch mit den Vorerfahrungen nicht machbar und gruselig.
Problembewusstsein seitens der Fachärzte war da aber auch NULL vorhanden.
Hau da ab. Das ist gefährdend auf allen Seiten. Selbst nach dreieinhalb Jahren Klinik (und dann einem Jahr Elternzeit) fand ich Praxis damals beim Einstieg echt nicht einfach, weil ja viel mehr Patienten da waren als in der Klinik und obwohl ich immer jederzeit meine Chefs (=Weiterbilder, die das auch tatsächlich waren) hinzuziehen konnte, empfand ich die Verantwortung des sehr viel selbständigeren Arbeitens doch nicht erheblich. Man wächst rein, klar. Aber dazu sollte man in der Lage sein, Befunde zu erheben. Auch mit PJ geht das nicht von Anfang an, aber ohne selbiges erst recht nicht. Man sieht doch schlicht und ergreifend nix am Anfang... Zellen, wo? Tyndall, was? Papille, ja wo ist sie denn? Geht gar nicht!
Feuerblick
04.03.2020, 14:31
Aber selbst wenn man das alles schon sieht, hat man dennoch nicht alle DD im Kopf, übersieht was, weil man nicht dran denkt... usw. Geht definitiv nicht!
Lalalabe
05.03.2020, 08:36
Genau! Man sieht was und weiß aber nicht genau, was ist daS? Ich kann das noch nicht einschätzen, man hat gesagt ja mach postop Kontrollen, das ist ganz einfach, zu 90% ja alles unauffällig, aber wenn ich dann mal was übersehe? Das kann ich mit meinem Gewissen einfach nicht vereinbaren und versuche jetzt schleunigst was anderes zu finden, danke dass ihr mich so aufbaut, ich dachte wirklich, auch wenn ich Löcher nicht sehe oder Zellen oder oder, dass ich fürs fundoskopieren zu untalentiert bin, das hat mich wirklich fertig gemacht, weil sie so viel Selbstständigkeit erwarten...
Feuerblick
05.03.2020, 08:48
Nein, das kann man einfach von einem Anfänger nicht erwarten. Es gibt Fachärzte, die Löcher übersehen... Es gibt Fachärzte, die dezente Veränderungen der Netzhaut übersehen. Und so vieles mehr. Nach zwei Monaten zu erwarten, dass jemand eigenständig die relevanten Befunde sieht und ggf. zuordnen kann, ist einfach utopisch. Daher sollte man solche Praxen schnellstmöglich verlassen, bevor man wirklich einen Fehler macht und man erfährt, ob der Weiterbilder noch hinter einem steht oder man es selbst ausbaden muss.
Franz.Schk
06.03.2020, 19:32
Hier ist nochmal der Threadersteller :)
Ich sehe das ganze mit der Praxis jetzt deutlich kritischer. Habe demnächst nochmal einen Hospitationstermin in der Praxis, die die Stelle angeboten hat und werde vielleicht mal etwas kritisch nachfragen.
Ich danke allen für die hilfreichen Anregungen!
Liebe Lalalabe,
man braucht ca. 6 Monate, um richtig gut die Optometrie zu verstehen anzufangen, und mit der Spaltlampe sicher untersuchen zu können. Sichere Ophthalmoskopie mit 90 dpt Lupe kommt sogar noch später...
Das was du beschriebst ist fürchtbar... Ich hoffe du hast zu dieser Zeit die echte Weiterbildungsstelle gefunden hast.
Gruß
Hello Guys,
welche Augenheilkunde-Bücher würdet ihr denn empfehlen, so ca. 1 Monat vor dem Start als Assistenzarzt?
Bisher habe ich das Studentenbuch von Lang gelesen und die Artikel auf Amboss. So richtig ready für den Start fühle ich mich allerdings noch nicht.
Wie steht ihr zu dem Buch "Augenheilkunde in Fragen und Antwort"?
Dank für eure Antworten!
Feuerblick
12.07.2020, 09:40
Bücher in der Augenheilkunde sind so eine Sache - insbesondere die in deutscher Sprache. Bis die rauskommen, sind viele Dinge schon wieder überholt...
Wenn du strukturiert Augenheilkunde für die Facharztreife irgendwann lernen willst, würde ich eher einen dickeren Wälzer nehmen (Augustin, Kanski). Die „In Frage und Antwort“-Bücher fand ich so semi-hilfreich, muss ich sagen. Viele Dinge wurden einfach nur gestreift, aber nicht strukturiert wiedergegeben.
Im Verlauf der Weiterbildung hatte ich den Kanski (der mir für die Facharzt-Lernerei aber zu knapp gehalten war, da bin ich auf den Augustin umgeschwenkt) und das Wills Eye Manual in der damals aktuellen englischsprachigen Ausgabe (das war großartig zum Nachlesen, wenn man mal akut nicht weiterwusste).
Okay super ! Ich danke recht herzlich.
beste grüße
Kanski für den Anfang, der wird aber schnell zu oberflächlich, aber anfangs top. Augustin ist dann auch mein Rat für später. Ansonsten einfach up to date bleiben, Fortbildungen besuchen etc.
Hallo skak,
ich stimme den Kollegen zu: Kanski + Wills Eye Manual sind ein muss. Aber! Eigentlich jeder guter Weiterbildender soll jetzt die zwei brillianten Bücher für residents von AAO haben:
1) Practical Ophthalmology: A Manual for Beginning Residents
2) Basic Principles of Ophthalmic Surgery
Mit denen bist du fit für den guten Start.
Gruß
Franz.Schk
17.08.2020, 06:33
Hallo zusammen, hier ist noch einmal nach längerer Zeit der Threadersteller,
Habe jetzt jedenfalls verstanden, dass der Beginn der WB in der Praxis keine gute Idee ist. Ich bin momentan immer noch in einem anderen Fach (und denke darüber nach, nach 6 Monaten oder einem Jahr den cut zu machen, d.h. Herbst oder Frühjahr 21), jetzt aber schon vermehrt auf der Suche. Ich bin derzeit leider nach wie vor relativ ortsgebunden zwischen Bodensee und Ulm. Nach meiner Recherche ist da wirklich nichts unmittelbar in der Nähe an Augenkliniken, das nächste wären Ulm (Uni und BWK), Feldkirch und St. Gallen (unglaublich - weder Friedrichshafen, noch Ravensburg oder Konstanz als alles drei schon 'richtige' Städte haben eine Augenklinik) :-?
Hat jemand Erfahrung mit Ulm, Feldkirch oder St. Gallen?
Thomas24
17.08.2020, 09:04
Funkel kennt den derzeitigen Chef in Feldkirch noch von früher. Schreib ihr mal eine PM. Von St. Gallen hab ich, über zwei Ecken, eher nichts Gutes gehört.
Feuerblick
17.08.2020, 09:25
Hat der TE schon getan, Thomas ;-)
Thomas24
17.08.2020, 09:27
Die Welt ist halt klein ;-)
Bertolli80
18.10.2020, 13:38
schönen Sonntag!
ich grabe diesen thread aus, bei mir ist es so:
ich war evtl einmal in einer ähnlichen Lage wie der TE, habe mich aber dazu entschlossen, in einem großen Praxisverbund meine WB zu beginnen (allerdings mehr aus der Not als aus der Wahl). Klar, ich habe wahrscheinlich viel weniger Erfahrung als andere hier und lebe vielleicht in einer Blase, aber so ganz katastrophal erscheint es mir nicht. Ich habe erst ne Woche zugeschaut, dann im Nebenzimmer voruntersucht und mitgegangen und die „Haupt“-Untersuchung angeschaut und nachbesprochen, dann immer weniger und immer mehr selbst. Gibt hier eine Notfallsprechstunde (klar, es wird nichts, dass einen stat. Aufenthalt erfordert, gemacht) und früh Laser. Gehe ab und zu zu Spezialsprechstunden in eins der anderen OP-Zentren.
Natürlich, Klinik am Anfang ist bestimmt nicht verkehrt aber wenn man ein bisschen Glück hat und langfristig in einer Praxis arbeiten möchte, würde ich es nicht kategorisch verdammen - zumal ich bei meinen Hospitationen in mehreren Krankenhäusern auch Negatives von den Assis gehört habe (Überstunden, OA-Mangel, sodass sich in der Ambulanz die Pat. stauen, kein OA auf Station sodass man mit der Visite alleine gelassen wird usw. usw.). Muss natürlich nicht so sein, aber kann…
Das sollte eigentlich nur ein kurzer Kommentar werden, denn meine eigentliche Frage ist Folgende:
Mit der neuen WBO 2020 gibt es ja keine festgeschriebenen Zeiten mehr (2006 hieß es: es können 36 Monate ambulant abgeleistet werden, jetzt nur noch: 60 Monate bei einem W-befugten), sondern NUR noch Kompetenzen. Lt. Info von der LÄK sollen ab jetzt perspektivisch Schritt für Schritt die Zeiten, die weitergebildet werden dürfen, sich aufweichen und Kompetenzen auch hier in den Vordergrund treten. Soll heißen: Es könnte irgendwann statt „Der Chef hat WB-Befugnis über 36 Monate“ heißen „Der Chef hat WB-Befugnis über TechnikA, UntersuchungB und TumorC“.
Meine Frage: Gibt es Kompetenzen, die für die FA-Reife lt. Logbuch zwingend erforderlich sind, die auf jeden Fall eine Klinik (also eine „richtige“ Bettenklinik, keine Belegbettenstation) erforderlich machen und wenn ja, welche sind das nach Eurem Urteil? Auf den ersten Blick etwa sowas wie diese hier?
https://www.aerztekammer-bw.de/10aerzte/30weiterbildung/archiv/wbo-2020.pdf (S.40-43)
- Mitbehandlung polytraumatisierter Patientinnen und Patienten im interdisziplinären Team
- Operative Eingriffe, z. B. plastisch-chirurgische Operationen des Entropiums, des Ektropiums, der Blepharochalasis, des Chalazions, Dehnung und Strikturspaltung der Tränenwege
- Erste Assistenz bei Enukleationen und komplexen plastisch-rekonstruktiven und ästhetischen Eingriffen an Lidern, Tränenwegen und Orbita
- Chirurgische Eingriffe an geraden Augenmuskeln
?
Feuerblick
18.10.2020, 13:49
Ich sehe da eher sowas wie:
- Betreuung stationärer Patienten mit schweren Augeninfektionen (schwerste Keratitis, Endophthalmitis etc)
- Betreuung stationärer Patienten nach Keratoplastik incl. kompletter Vorbereitung
- Betreuung stationärer Patienten nach Glaukomeingriffen incl. kompletter Nachsorge
sprich: Betreuung all der Patienten, die man aus der Praxis in die Klinik schickt. Um zu lernen, was man stationär mit solchen Patienten tut, warum man es tut und was man als Niedergelassener mit solchen Patienten nicht tun sollte.
Es besteht nämlich leider im ambulanten Bereich oftmals wenig Wissen darüber, was die schweren Fälle im stationären Rahmen bekommen und in der ambulanten Nachsorge brauchen. Da werden mal eben die Steroide abgesetzt, irgendwelche kontraproduktiven Augentropfen angesetzt... solche Dinge.
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