Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : 1.Stelle Psychiatrie kündigen? Bitte um Rat
Martidoc
14.04.2020, 17:29
Muss leider ehrlicherweise zugeben, dass es wohl eher an meiner Wahrnehmnung liegt und nicht am Haus selber. Denke dass das Haus ganz in Ordnung ist und es mir einfach nicht zusagt.
Vielen Dank auf jeden Fall für die Antworten. Ich werde mir das durch den Kopf gehen lassen.
Wie kann ich hier PN verschicken?
Martidoc
14.04.2020, 17:30
Bei Fragen wegen KJP - schreib mir eine PN, ich gurke dort herum. :-) Erwachsenenpsy könnte ich nicht machen, allein schon wegen der ganzen chronischen Fälle und der vielen Drehtüren.
Sehr gerne....weiß nur gerade nicht wie ich das anstellen kann.
AryaStark
14.04.2020, 17:51
Ich hatte die damalige Famulatur insgesamt in meinem Gedächtnis als positiv verbucht. KJP ebenfalls. Zudem fand ich beim Lernen für das Examen die psychiatrischen Fälle immer am interessantesten zu lesen. Hatte mir auch ein Lehrbuch Psychiatrie zugelegt das ich teilweise durchgearbeitet hatte.
Hallo Martidoc, das was du schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. Ich fand Psychiatrie und KJP auch extrem spannend im Studium, eigentlich sogar schon vor dem Studium, hatte sogar überlegt, statt Medizin Psychologie zu studieren. Also ich war (und bin es auch immer noch) sehr interessiert an dem Thema generell. Weil ich gerne mit Kindern arbeite, hab ich zwischen Päd und KJP geschwankt, beides hat mir in Famulaturen gut gefallen.
Hab dann nach einem Jahr Pädiatrie (was mir sehr gut gefallen hat) in der KJP angefangen, weil ich es doch auch nochmal probieren wollte. Aber schon nach ein paar Wochen hab ich gemerkt, dass es leider gar nicht mein Fach ist. Die Klinik und die Kollegen waren alle super nett, das war nicht das Problem.
Ich hab daraus für mich gelernt: nur weil man ein Thema (in der Theorie) sehr interessant findet, heißt es nicht, dass man damit 8-10 h / Tag tatsächlich arbeiten möchte bzw. kann, bzw. sein Leben damit verbringen möchte. Gerade die Fächer Psychiatrie, Psychosomatik und KJP sind denke ich im Bereich der medizinischen Fächer schon sehr speziell (im guten wie im schlechten), es ist oft eine ganz andere Herangehensweise und ganz andere Arbeitsweise als in den somatischen Fächern.
Ich persönlich finde, man muss in diesen Fächern besonders viel Geduld mitbringen, besonders viel Freude an interdisziplinärer Arbeit, Teamarbeit und Teamsitzungen haben, und mit sich und seiner eigenen Psyche "im reinen sein" oder aktiv daran arbeiten (dafür gibt es ja auch die Supervision). Dazu muss man noch mehr als in den meisten anderen Fächern akzeptieren, dass man viele Fälle nicht "lösen" kann, dass man oft die Ursachen kaum angehen kann (z.B. familiäre Probleme, in der KJP), und noch vieles mehr. Ich persönlich fand das schwierig und kam mir oft "hilflos" vor, im Sinne, dass es halt oft keine direkte Lösung gibt (kein Alghoritmus, keine direkt anwendbare Leitlinie, o.ä.). Und man muss akzeptieren, dass man mit der Somatik halt nicht mehr viel zu tun hat, und vieles, was man im Studium gelernt hat, hier nicht anwenden kann, sondern quasi "bei null" anfängt und die Psychologen oft eine bessere Basis haben durch ihr Studium (das war zumindest mein Eindruck).
Ich denke, diese Fächer "liegen" einem entweder wirklich, oder eben nicht; und das kann man letztendlich nur durchs "probieren" herausfinden.
Daher denke ich, bei dir kommt es drauf an: sind es nur die Umstände speziell an deinem jetzigen Arbeitsplatz, die dir nicht gefallen, oder ist das Fach an sich einfach nicht das richtige für dich? Was wäre für dich die Alternative? Gibt es auch somatische Fächer, die dich interessieren bzw. wo du dir das Arbeiten vorstellen könntest?
Das klingt erstmal ziemlich überfordernd. Mit der Zeit lernt man das besser einzuordnen und abzuschätzen. Ich würde da dran bleiben. Am Ende wird akut genau dein Ding. Es sind schon merkwürdigere Dinge geschehen.
Elena1989
14.04.2020, 18:16
Zum Thema Unterschiede KJP / Psychiatrie kann ich vielleicht auch noch meinen Senf dazu geben, aber Vorsicht, ich bin leidenschaftlicher KJPler, es könnte subjektiv gefärbt sein :-))
Also, zu deiner Frage, auch wenn es Vanilleeis schon beantwortet hat:
- der KJP Akutbereich ist nicht vergleichbar mit dem Akutbereich in der Erwachsenenpsychiatrie
- trotzdem gibt es natürlich auch dort Krisen, Selbstverletzungen, Suizidversuche, Fixierungen etc, aber das hängt auch sehr von den aktuellen Patienten ab und passiert keinesfalls täglich!
- Psychosen sind im KJP Bereich sehr, sehr selten! Chronifizierte Psychosen gibt es eigentlich nicht und auch akute Psychosen sind selten. Klar kommen regelmäßig vor, aber im Regelfall gibt es dann halt ein oder zwei akut psychotische Patienten auf Station und nicht zwanzig
- es gibt einen viel größeren Betreuungsschlüssel in der KJP (sowohl ärztlich als auch pflegerisch), der einzelne hat deutlich weniger Patienten zu versorgen (ok, dafür fallen andere Aufgaben an, die es im Erwachsenenbereich so nicht gibt), dennoch kann man sich so denke ich besser auf den einzelnen Patienten einstellen.
Allgemeine Unterschiede:
- Erwachsenenpsychiatrie ist sicher viel, viel ärztlicher, zumindest was man sich klassisch unter einem Arzt vorstellt. Man hat deutlich mehr Somatik, da viele Patienten ja schon älter oder multipel vorerkrankt sind. Die Kinder in der KJP sind im Regelfall körperlich gesund.
- Psychotherapie ist anders als bei Erwachsenen, ja. Aber ich empfinde unser Setting in der KJP als viel therapeutischer als das Setting, dass ich in der Erwachsenenpsychiatrie im Fremdjahr erlebt habe und ich arbeite persönlich auch viel mehr psychotherapeutisch mit meinen Patienten, als es in der Erwachsenenpsychiatrie der Fall war. Aber sicherlich ist der psychotherapeutische Anteil in der Psychosomatik noch mal deutlich größer und sicher auch in den Psychiatrien unterschiedlich gewichtet. Und Kinder / Jugendliche haben meistens keinen Bock auf Therapie :-))
- Pharmakotherapie ist deutlich seltener in der KJP. Es gibt nur ne Handvoll Medikamente die zugelassen sind und selbst bei nicht zugelassenen nehmen wir immer die selben. Man kriegt also natürlich nicht die Pharmakologische Vielfalt aus der Erwachsenenpsychiatrie mit.
- die Eltern. Jaja, die Eltern. Man arbeitet sehr viel mit ihnen, Familiengespräche, sie müssen in alles einwilligen, das muss man mögen.
- ach ja, Lautstärke: Auf Kinderstationen ist es sehr laut, Kinder sind einfach laut, vor allem, wenn sie nicht still sitzen können und Energie loswerden müssen :D Auf den Jugendstationen ist es aber meistens deutlich leiser...
Ich persönlich finde KJP aufgrund des Altersspektrums sehr, sehr vielseitig, auch da kann man sich seine Nische suchen. Manche machen lieber die Kleinen, andere lieber die Großen. Aber in der Assistenzarztzeit muss / sollte man sich alle Bereiche ansehen.
Zusammengefasst: KJP ist schon ein spezielles Fach, aber wenn man sich dafür interessiert, sollte man es sich schon anschauen. Aber es ist keineswegs die "leichtete Variante von Psychiatrie", ich denke man muss da individuell herausfinden, was einem liegt, gefällt, belastet etc.
Und als allgemeiner Rat: ich würde mir das Fach auch etwas länger als vier Wochen ansehen, vielleicht ist es in einer anderen Klinik ja besser?
Bei detallierteren Fragen zu KJP kannst du mich auch gerne noch anschreiben.
Liebe Grüße
Elena
EDIT: AryaStark hat was sehr wichtiges gesagt.
Es gibt meist keinen Algorithmus, keine klare Lösung, kein: wenn A, dann B, dann C. Leitlinien gibt es, aber man muss trotzdem oft anpassen und individualisieren und es gibt oft keine klare Lösung.
Martidoc
14.04.2020, 18:23
Hallo Martidoc, das was du schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. Ich fand Psychiatrie und KJP auch extrem spannend im Studium, eigentlich sogar schon vor dem Studium, hatte sogar überlegt, statt Medizin Psychologie zu studieren. Also ich war (und bin es auch immer noch) sehr interessiert an dem Thema generell. Weil ich gerne mit Kindern arbeite, hab ich zwischen Päd und KJP geschwankt, beides hat mir in Famulaturen gut gefallen.
Hab dann nach einem Jahr Pädiatrie (was mir sehr gut gefallen hat) in der KJP angefangen, weil ich es doch auch nochmal probieren wollte. Aber schon nach ein paar Wochen hab ich gemerkt, dass es leider gar nicht mein Fach ist. Die Klinik und die Kollegen waren alle super nett, das war nicht das Problem.
Ich hab daraus für mich gelernt: nur weil man ein Thema (in der Theorie) sehr interessant findet, heißt es nicht, dass man damit 8-10 h / Tag tatsächlich arbeiten möchte bzw. kann, bzw. sein Leben damit verbringen möchte. Gerade die Fächer Psychiatrie, Psychosomatik und KJP sind denke ich im Bereich der medizinischen Fächer schon sehr speziell (im guten wie im schlechten), es ist oft eine ganz andere Herangehensweise und ganz andere Arbeitsweise als in den somatischen Fächern.
Ich persönlich finde, man muss in diesen Fächern besonders viel Geduld mitbringen, besonders viel Freude an interdisziplinärer Arbeit, Teamarbeit und Teamsitzungen haben, und mit sich und seiner eigenen Psyche "im reinen sein" oder aktiv daran arbeiten (dafür gibt es ja auch die Supervision). Dazu muss man noch mehr als in den meisten anderen Fächern akzeptieren, dass man viele Fälle nicht "lösen" kann, dass man oft die Ursachen kaum angehen kann (z.B. familiäre Probleme, in der KJP), und noch vieles mehr. Ich persönlich fand das schwierig und kam mir oft "hilflos" vor, im Sinne, dass es halt oft keine direkte Lösung gibt (kein Alghoritmus, keine direkt anwendbare Leitlinie, o.ä.). Und man muss akzeptieren, dass man mit der Somatik halt nicht mehr viel zu tun hat, und vieles, was man im Studium gelernt hat, hier nicht anwenden kann, sondern quasi "bei null" anfängt und die Psychologen oft eine bessere Basis haben durch ihr Studium (das war zumindest mein Eindruck).
Ich denke, diese Fächer "liegen" einem entweder wirklich, oder eben nicht; und das kann man letztendlich nur durchs "probieren" herausfinden.
Daher denke ich, bei dir kommt es drauf an: sind es nur die Umstände speziell an deinem jetzigen Arbeitsplatz, die dir nicht gefallen, oder ist das Fach an sich einfach nicht das richtige für dich? Was wäre für dich die Alternative? Gibt es auch somatische Fächer, die dich interessieren bzw. wo du dir das Arbeiten vorstellen könntest?
Ich denke leider, dass es eher das Fach (zumindest der Bereich Akut) ist. Kollegen und Haus sind meiner Einschätzung nach total in Ordnung. Ich komme einfach mit dem Patientenspektrum in der Praxis nun deutlich weniger zurecht als ich angenommen hatte. Zudem sind auch einige der Dinge die Du geschildert hast für mich ebenfalls frustrierend. Behandlungserfolg ist eher gering (wobei man hier fairerweise sagen muss, dass wohl auch eher die ganz schwierigen Fälle in der geschlossenen Station landen; vielleicht ist der Behandlungserfolg auf anderen Station besser sichtbar).
Ich fühle mich generell nicht überfordert oder so. Ich denke, dass gerade in somatischen Fächern (Innere etc.) der Workload nochmal viel höher ist---es ist eher dass das Patientenspektrum, gepaart mit den Behandlungsmöglichkeiten (viele Patienten im Gespräch oft nicht erreichbar; Psychopharmaka zumindest bei meiner limitierten Erfahrung auch eher mit höchstens mittelmäßiger Wirkung+ Fachärzte/Oberärzte bei Patienten und zu ergreifenden Maßnahmen deutlich unterschiedlicher Meinung) eher irgendwie demotivierend wirkt.
Martidoc
14.04.2020, 18:26
Dazu halt eben der Faktor Gewalt: Entweder von Patientenseite ausgehend bzgl. Aggressionen etc. oder halt , dass man zu Zwangsmaßnahmen (Separierung, Fixierung, ZwangsMedikation etc.) greifen muss.
Dazu halt eben der Faktor Gewalt: Entweder von Patientenseite ausgehend bzgl. Aggressionen etc. oder halt , dass man zu Zwangsmaßnahmen (Separierung, Fixierung, ZwangsMedikation etc.) greifen muss.
Ich befinde mich aktuell auch in der Facharztweiterbildung für Psychiatrie und zunächst nur sagen, dass ich sehr den Hut vor dir ziehe. Es ist nicht selbstverständlich, dass man sich trotz unwohlem Gefühl täglich zur Arbeit schleppt. Ich finde, so etwas zeugt von einem gutem Durchhaltevermögen und auch von einer prinzipiellen Bereitschaft, sich den teils immensen Herausforderungen als frischgebackener Arzt zu stellen.
Hinsichtlich der Psychiatrie möchte ich dir nur anraten, auch den Umgang mit Patienten als Fertigkeit anzusehen, die man im Laufe der Jahre verbessert. Und diese kann immensen Einfluss auf die Rate an Zwangsmaßnahmen und das Klima insgesamt auf der Station haben. Und nicht zuletzt ist diese "Fertigkeit" auch etwas, das dich in sämtlichen anderen Fachrichtungen und anderen Berufslaufbahnen weiterbringen wird.
Die Akutpsychiatrie ist von Abteilung zu Abteilung sehr unterschiedlich, und von Haus zu Haus noch mehr. Ich würde dir sehr empfehlen, den Kontakt zu deinem Oberarzt zu suchen und deine Bedenken mitzuteilen. Vielleicht besteht ja doch die Möglichkeit, eine andere akutpsychiatrische Station kennen zu lernen? Ansonsten bleibt natürlich auch die Möglichkeit, ein anderes Haus anzuschauen oder eben (insbesondere, wenn Dir eher psychotherapeutische Interventionen gefallen) auch in eine Praxis oder ein Rehaklinik zu wechseln. Dort wird auch Psychiatrie gelehrt, aber eben ohne Akutbereich. Es gibt, falls du vom Wohnort flexibel bist, auch psychiatrische Krankenhäuser ganz ohne Akutbereich oder mit alternativen Konzepten. Letztlich gibt es auch in der Schweiz Akutpsychiatrien, deren Akutstation "offen" oder nur fakultativ geschlossen sind.
Die Tatsache, dass Dir Zwangsmaßnahmen so zusetzen ist meines Erachtens nach kein Argument, dass aus Dir kein Psychiater werden soll - sondern vielmehr, dass Du ein sehr guter Psychiater werden kannst.
Es gibt meist keinen Algorithmus, keine klare Lösung, kein: wenn A, dann B, dann C. Leitlinien gibt es, aber man muss trotzdem oft anpassen und individualisieren und es gibt oft keine klare Lösung.
Dem möchte ich deutlich widersprechen. Die Studienlage zeigt eindeutig, dass die Arbeit mit Algorithmen die Aufenthaltsdauer deutlich reduziert. Gerade in der Pharmakotherapie ist es ein leichtes entsprechende Leitliniengerechte Algorithmen zu erstellen.
Wir arbeiten mit Algorithmen für Depression, Psychosen, Bipolar affektive Störung und aggressivem Verhalten.
Das gibt gerade am Anfang Sicherheit.
Ob in anderen Fachbereichen mehr Heilung erreicht werden kann, ist mir unklar.
Eine Psychose, eine Manie oder eine schwere Depression die verschwindet ist schon eindrücklich.
BoBWheeler
14.04.2020, 18:59
Ich hab daraus für mich gelernt: nur weil man ein Thema (in der Theorie) sehr interessant findet, heißt es nicht, dass man damit 8-10 h / Tag tatsächlich arbeiten möchte bzw. kann, bzw. sein Leben damit verbringen möchte. Gerade die Fächer Psychiatrie, Psychosomatik und KJP sind denke ich im Bereich der medizinischen Fächer schon sehr speziell (im guten wie im schlechten), es ist oft eine ganz andere Herangehensweise und ganz andere Arbeitsweise als in den somatischen Fächern.
Das kann ich nur unterstreichen, wir (KJP) machen hier auch teilweise Hausbesuche um uns das "Milieu" und Lebensumfeld der Kinder/Jugendlichen anzusehen und ggf. Therapiehinweise zu erhalten, das ist manchmal schon etwas Detektivarbeit. Die Menschen sieht nur der Hausarzt so, wenn er einen Hausbesuch macht. Haben Kontakt mit Sozialarbeit, Lehrern, Jugendamt, Gerichten. Es gibt also viel Abwechslung und viele andere Player, die mit am Tisch sitzen und mitreden. Dafür kann man zB. mit der Pädagogik Projekte durchführen, neue Methoden und Herangehensweisen in der Therapie versuchen. Das Fach ist jung und Guidelines eine Richtschnur.
Ich denke, diese Fächer "liegen" einem entweder wirklich, oder eben nicht; und das kann man letztendlich nur durchs "probieren" herausfinden.
So isset! Die Zeiten sind heute nicht mehr so, dass man eine Wahl trifft und, sollte die nicht passen, dann bis zur Rente darin feststeckt; das bringt auch Vor- und Nachteile mit sich. Aber in vielen Fächern gibt es Eigenheiten und die jeweiligen Häuser und Versorgungsstufen bringen nochmal eine Adjustierung dazu. Die Zeiten sind einfach nicht mehr so stabil, und wenn man nach ein paar Jahren merkt, dass das Fach in keinem Aspekt akzeptabel erscheint, dann könnte man noch wechseln, wenn man das für sich als passend erlebt.
Mir ging es wie AryaStark, Psychiatrie interessiert mich total von den Zusammenhängen dahinter, ich würde da jederzeit alles drüber lesen, hab in der Richtung auch experimentell aufwändig promoviert. Aber ich fürchte, ich wäre zu ungeduldig, das zu arbeiten. ;-)
Aber eigentlich wollte ich eine Weisheit weitergeben, die mir zum ersten Job gesagt wurde: Man sollte jedem neuen Job 100 Tage Zeit geben. (ich wollte nämlich am liebsten nach ca. 2 Stunden schon kündigen... es wurde nicht besser, hab dann nach der Probezeit gekündigt) und danach wollte ich auch die anderen beiden Stellen, die ich angetreten habe, am liebsten in den ersten Wochen hinschmeißen und dann war ich hinterher an beiden doch irgendwie zufrieden :-))
Martidoc
14.04.2020, 19:38
Ganz herzlichen Dank an alle die sich die Mühe gemacht haben mir zu antworten und mir Mut zugesprochen haben. Ich werde zunächst mal weiter dranbleiben (solange es mir nicht zu dreckig geht) und schauen wie es sich weiter zuträgt Ich werde demnächst mal updaten!
Danke nochmals an alle!
Elena1989
14.04.2020, 20:27
Dem möchte ich deutlich widersprechen. Die Studienlage zeigt eindeutig, dass die Arbeit mit Algorithmen die Aufenthaltsdauer deutlich reduziert. Gerade in der Pharmakotherapie ist es ein leichtes entsprechende Leitliniengerechte Algorithmen zu erstellen.
Wir arbeiten mit Algorithmen für Depression, Psychosen, Bipolar affektive Störung und aggressivem Verhalten.
Das gibt gerade am Anfang Sicherheit.
Ob in anderen Fachbereichen mehr Heilung erreicht werden kann, ist mir unklar.
Eine Psychose, eine Manie oder eine schwere Depression die verschwindet ist schon eindrücklich.
Ich hab mein Statement gerade nochmal gelesen, es liest sich tatsächlich absoluter, als ich es meinte.
Selbstverständlich braucht es Algorithmen, standardisierte Vorgehensweisen und leitliniengerechte Behandlungen. Das ist gut erwiesen und wollte ich keinesfalls in Abrede stellen!
Aber wir haben in der KJP schon auch viele Patienten (und ich sprach tatsächlich explizit von der KJP), die stark durch äußere Umstände, Erfahrungen, Familiensysteme etc. beeinträchtigt sind, multiple Beeinträchtigungen im Alltag haben und man ganz individuelle Konzepte stricken muss. Und auch wenn Vorgehen A bei Patient X mit der Bindungsstörung funktioniert hat, funktioniert es halt bei Patient B mit der gleichen Diagnose leider nicht.
Ich meine hier tatsächlich hauptsächlich therapeutisches Vorgehen, Pharmakotherapie spielt bei uns eher eine untergeordnete Rolle und ist dann meistens ja auch Off-Label.
Und auch wenn es Algorithmen und Vorgehen gibt, sind diese nicht so starr, wie ich es aus der Somatik kenne. Eitrigen Tonsillitis -- Antibiotikum X --> wenn resistent Antibiotikum Y, dann sollte es geheilt sein. (Mir ist bewusst, dass es in der Somatik auch nicht immer so einfach ist, keine Sorge)
Solche Wege funktionieren bei den stationären Patienten bei uns selten. Therapeutisch kann ich mich auch nur selten vollständig an Manualen orientieren (Und ich mag Therapiemanuale echt gerne!), weil unsere stationären Patienten eben einfach meistens "mehr" haben und viele Umstände, die die Behandlung erschweren, so dass man nicht einfach Algorithmus A abarbeiten kann und dann ist es besser.
Das wollte ich damit sagen und nicht, dass man nicht standardisiert und leitlinienggerecht arbeiten kann, das sollte nicht so rüber kommen!
AryaStark
14.04.2020, 20:42
Mir ging es wie AryaStark, Psychiatrie interessiert mich total von den Zusammenhängen dahinter, ich würde da jederzeit alles drüber lesen, hab in der Richtung auch experimentell aufwändig promoviert. Aber ich fürchte, ich wäre zu ungeduldig, das zu arbeiten. ;-)
Interessant, dass es mehreren so ging! Für mich war das am Anfang total verwirrend: wie kann es sein, dass mir das Fach keine Freude macht bei der Arbeit, und mich sogar belastet, obwohl ich es eigentlich schon so lange so interessant finde?
Klingt vielleicht komisch :-blush aber mir hat es dann ein bisschen geholfen, es mit Rechtsmedizin zu vergleichen :-blush
Das ist auch ein Fach, was ich in der Theorie interessant finde, fürs Studium gut lernen konnte, usw. Und ich schau gern Crime-Dokus und Autopsie und so :-)) aber gleichzeitig ist es ein Fach, was ich in der Praxis aus verschiedensten Gründen niemals machen könnte oder wollte. Da hab ich dann eingesehen, dass es bei KJP einfach vermutlich so ähnlich ist. In der Theorie sehr interessant, als Beruf fürs Leben aber einfach nicht passend bzw. nicht das richtige.
AryaStark
14.04.2020, 21:01
Aber wir haben in der KJP schon auch viele Patienten (und ich sprach tatsächlich explizit von der KJP), die stark durch äußere Umstände, Erfahrungen, Familiensysteme etc. beeinträchtigt sind, multiple Beeinträchtigungen im Alltag haben und man ganz individuelle Konzepte stricken muss. Und auch wenn Vorgehen A bei Patient X mit der Bindungsstörung funktioniert hat, funktioniert es halt bei Patient B mit der gleichen Diagnose leider nicht.
Ich meine hier tatsächlich hauptsächlich therapeutisches Vorgehen, Pharmakotherapie spielt bei uns eher eine untergeordnete Rolle und ist dann meistens ja auch Off-Label.
Und auch wenn es Algorithmen und Vorgehen gibt, sind diese nicht so starr, wie ich es aus der Somatik kenne. Eitrigen Tonsillitis -- Antibiotikum X --> wenn resistent Antibiotikum Y, dann sollte es geheilt sein. (Mir ist bewusst, dass es in der Somatik auch nicht immer so einfach ist, keine Sorge)
Solche Wege funktionieren bei den stationären Patienten bei uns selten. Therapeutisch kann ich mich auch nur selten vollständig an Manualen orientieren (Und ich mag Therapiemanuale echt gerne!), weil unsere stationären Patienten eben einfach meistens "mehr" haben und viele Umstände, die die Behandlung erschweren, so dass man nicht einfach Algorithmus A abarbeiten kann und dann ist es besser.
Das wollte ich damit sagen und nicht, dass man nicht standardisiert und leitlinienggerecht arbeiten kann, das sollte nicht so rüber kommen!
So habe ich es auch erlebt. Als drastisches Beispiel, in der Chirurgie reden sie ja häufig von "der Hüfte im Zimmer 202". Da funktioniert es (meiner limitierten PJ-Erfahrung nach) oft sehr "mechanisch", die Patienten ganz klar in Fälle / Kategorien einzuteilen. Natürlich kann es im OP dann auch mal komplett außerplanmäßig laufen und man muss stark improvisieren, das ist klar. Aber im Prinzip ist eine Oberschenkelhals ein Oberschenkelhals, und je nach Röntgen kommt dafür Schraube X oder Nagel Y in Frage (mal ganz verallgemeinernd gesagt).
In der Päd. ist es (wieder, meiner Erfahrung nach) schon sehr viel persönlicher, aber vieles hat halt doch ein recht klares Rezept, was dann nur ein bisschen individuell angepasst werden muss. Natürlich brauchen die Kinder viel Zeit und individuelle Aufmerksamkeit, aber eine Impfung ist eine Impfung, eine Strep-Angina ist eine Strep-Angina, ein Asthmaanfall ist ein Asthmaanfall, usw. Zumindest so vom ersten Ansatz her, individuelle Faktoren und Komplikationen usw. kann es natürlich immer geben. Man untersucht den Patient und hat dann eine "Kategorie", mit der man arbeiten kann, und richtet sich wo es geht nach Leitlinien und Empfehlungen.
Aber in der KJP hatte ich das Gefühl, jeder Patient benötigt von mir, dass ich mich komplett individuell auf ihn einlasse. Der eine Autist ist so, der andere Autist ist aber ganz anders und muss / möchte ganz anders angegangen werden. Die eine Borderlinerin kann XY überhaupt nicht ab, bei der anderen ist XY ein guter Ansatz. Ich fand das sehr anspruchsvoll, mich bei jedem Patient immer nochmal ganz individuell an alle Faktoren, Traumata, usw. zu erinnern. Bei einem somatischen Patient schaut man die aktuellen Blutwerte, Vitalparameter, evtl. Allergien an und den klinischen Zustand, und weiß grob, wie man damit umzugehen hat.
Ein KJP Patient kann von einem Tag auf den anderen ganz anders drauf sein, irgendwas privat hat sich geändert (ganz "banal": die Freundin hat Schluss gemacht und jetzt ist der Patient suizidal). Wenn man sich nicht mehr an ein Detail erinnert, was einem vor 3 Tagen im persönlichen Gespräch erzählt wurde, kann das die Vertrauensbasis schädigen. Von den Eltern ganz zu schweigen :grins:
Martidoc
15.04.2020, 09:46
Sagt mal Leute, ist es eigentlich normal bzw. im Rahmen, dass man als Berufseinsteiger , entgegen seines eigenen Willen bei einer Patientin (die meiner Einschätzung nach weder akut eigengefährdet noch fremdgefährdet ist) ein Attest zur Zwangsmedikation schreiben soll?
Hab diese Aufgabe vom Oberarzt aufgetragen bekommen letzte Woche und ihm signalisiert, dass ich bei der Patientin das anders als er sehe. Hab das letzte Woche liegen lassen und einfach nicht gemacht , wurde aber heute früh zum dritten Mal darauf angesprochen "voran" zu machen. Ich tue mich schwer damit, entgegen meiner eigenen Überzeugung, einen so massiven Eingriff an der Patientin zu beantragen. Ich hab jetzt ein paar Zeilen zusammengeschrieben und ihm gesagt, dass ich weder meinen Namen drunter setzen werde, noch daran interessiert bin da weiter dran zu schreiben und dass er das selbst machen soll.
Ich glaube die 6 Monate werden doch eher utopisch sein. :D
roxolana
15.04.2020, 10:45
Bist du sicher, dass die Klinik nicht das Problem ist? Das hört sich ja gruselig an.
ProximaCentauri
15.04.2020, 11:58
Ich bin zwar auf der Medizin, aber wenn wir Massnahmen, die in eine ähnliche Richtung gehen umsetzen sollen/müssen, wird immer sehr gut drauf geschaut dass alle mit "an Bord" sind, und eventuelle Bedenken werden sehr ernst genommen. Das klingt bei dir schon nach einem sehr flapsigen Umgang mit schweren Eingriffen, und da hätte ich vermutlich auch grosse Mühe damit. Kann also gut sein, dass es eben doch an der Klinik liegt.
Ich habe einmal eine Weile lang Notfallpsychiatrie gemacht, und selbst da kam es in den seltensten Fällen zu wirklicher Zwangsanwendung, es erschreckt mich schon, dass das bei euch sehr verbreitet zu sein scheint. Gibt ja auch Kliniken die Konzepte mit offenen Akutstationen etc. haben, da solltest du durchaus ein anderes Krankenhaus finden wo das besser geht. So wie ich es hier sehe sind Stellen auf der Psychiatrie ja sehr leicht zu bekommen, da würde ich im Zweifelsfall schauen ob ich was anderes finde, das mir besser zusagt (je nach dem wie lange die Anrechenbarkeits-Dauern sind schauen ob man das mitnehmen kann).
Bei einer Zwangsmedikation geht es nicht immer um akute Gefährdungsaspekte, nämlich wenn es sich um eine bürgerlich-rechtliche Unterbringung handelt. Die Hürden dafür sind sehr hoch und die Entscheidung darüber trifft ein Richter. Ob du mit 4 Wochen Psychiatrieerfahrung schon einschätzen kannst, ob so ein Antrag medizinisch gerechtfertigt ist oder nicht, ist sehr stark zu bezweifeln. Allerdings sollte so einen Antrag der Oberarzt mindestens mit dir gemeinsam schreiben. Also nein, es ist nicht normal, so etwas als Berufsanfänger schreiben zu müssen. Und es ist schon klar, dass in der Psychiatrie leider noch immer fragwürdige Vorgänge passieren, aber so wie du auftrittst, dürfte es schwer sein, dort Fuß zu fassen.
Relaxometrie
15.04.2020, 13:12
aber so wie du auftrittst, dürfte es schwer sein, dort Fuß zu fassen.
Machst Du mit dieser Aussage nicht das Opfer zum Täter?
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