Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zusatzbezeichnung Psychotherapie (fachgebunden) in der Allgemeinmedizin
Clancy88
23.01.2021, 11:13
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
bin beim Stöbern durch die Weiterbildungsordnung bereits seit längerem auf die Zusatzbezeichnung Psychotherapie gestoßen und bin gerade dabei zu überlegen, wie man die Weiterbildung strukturieren könnte. Hatte schon seit dem Studium ein großes Interesse an dem Fachbereich (Promotion und Hospitationen in der Psychiatrie), es dann allerdings als zu Einseitig empfunden. Ich bin Facharzt für Allgemeinmedizin mit den Zusatzbezeichnungen Notallmedizin, Palliativmedizin und werde dieses Jahr die Manuelle Medizin abschließen.
Das Interesse an der Psychiatrie und Psychotherapie besteht jedoch nach wie vor. Patienten mit Depression und Angststörungen begegen uns Allgemeinärzten nahezu täglich. Ich betrachte die Zusatzbzeichnung daher als sinnvolle Ergänzung: Die Inzidenz psychischer Erkrankungen zeigt eine steigende Tendenz. Gleichzeitig warten Patienten in der GKV trotz des neuen TSVG lange auf einen Termin. Meinen Vorteil als Allgemeinmediziner sehe ich darin, dass ich diese Patienten oft schon lange betreue.
Gibt es denn hier jemanden der die Zusatzbezeichnung bereits abgeschlossen hat und ebenfalls als Allgemeinmediziner tätig ist? Wie gut lässt sich diese in den Praxisalltag integrieren? Wie sieht es aus monetärer Sicht aus? Die Vergütung laut EBM wirkt auf den ersten Blick nicht ganz uninteressant, ist allerdings auch an strenge Zeitvorgaben gebunden.
Mit kollegialen Grüßen
C.
Anne1970
24.01.2021, 10:42
Hast du schon die „psychosomatische Grundversorgung“?
Clancy88
24.01.2021, 18:35
ohne diese ist kein FA für Allgemeinmedizin möglich...
ehem-user-25-04-2022-1131
17.02.2021, 13:08
@Clancy88
Hast du schon etwas herausgefunden?
Clancy88
20.11.2021, 09:29
Guten Morgen,
möchte die Gelegenheit nutzen ein kurzes Update zu geben: Habe kurzfristig eine Selbsterfahrungsgruppe gefunden, die im April gestartet ist (läuft zum Glück jetzt Online, hatte immer ne lange Anfahrtszeit). Parallel absolviere ich die Theorieeinheiten, mit denen ich Anfang nächstes Jahr fertig bin. Werde danach in die Supervision gehen und die Hospitation (insgesamt ein Monat) auf mehrere Blöcke aufteilen.
Insgesamt ist es bisher sehr zeitintensiv, aber es macht wirklich Spaß, seinen Horizont zu erweitern und den Blick etwas von der Somatik abzuwenden. Die Verhaltenstherapie bietet einige interessante Möglichkeiten und auch finanziell scheint es sich zu lohnen (obgleich es die mit Abstand teuerste Weiterbildung bisher ist).
Viele Grüße
C.
RussianAngel
20.11.2021, 10:28
Guten Morgen,
möchte die Gelegenheit nutzen ein kurzes Update zu geben: Habe kurzfristig eine Selbsterfahrungsgruppe gefunden, die im April gestartet ist (läuft zum Glück jetzt Online, hatte immer ne lange Anfahrtszeit). Parallel absolviere ich die Theorieeinheiten, mit denen ich Anfang nächstes Jahr fertig bin. Werde danach in die Supervision gehen und die Hospitation (insgesamt ein Monat) auf mehrere Blöcke aufteilen.
Insgesamt ist es bisher sehr zeitintensiv, aber es macht wirklich Spaß, seinen Horizont zu erweitern und den Blick etwas von der Somatik abzuwenden. Die Verhaltenstherapie bietet einige interessante Möglichkeiten und auch finanziell scheint es sich zu lohnen (obgleich es die mit Abstand teuerste Weiterbildung bisher ist).
Viele Grüße
C.
Super, viel Erfolg weiterhin, das klingt ja toll! Dieser Vorteil der Pandemie mit den online-Weiterbildungen kann man wirklich nicht abstreiten teilweise.
Könntest Du etwas ausführlicher erklären, warum Du denkst, dass sich dies finanziell lohnt? Kann man somit etwas zusätzliches abrechnen? Oder gibt es viele Privatpatienten, die eine Therapie suchen? Wäre für eine kurze Rückmeldung sehr dankbar :)
Die Ausbildung Fachgebundende Psychotherapie Zusatzbezeichnung funktioniert ja nur noch, wenn man schon angefangen hat - bin aber generell auch daran interessiert als FA Allgemeinmedizin die hoffentlich bald klare reguläre Zusatzbezeichnung Psychotherapie zu erlangen. Clancy könntest du grob errechnen, was dich die fachgebundende Zusatzbezeichnung gekostet hat? Danke
Clancy88
22.11.2021, 08:27
Könntest Du etwas ausführlicher erklären, warum Du denkst, dass sich dies finanziell lohnt? Kann man somit etwas zusätzliches abrechnen? Oder gibt es viele Privatpatienten, die eine Therapie suchen? Wäre für eine kurze Rückmeldung sehr dankbar :)
Aus dem Praxisalltag kann ich berichten: Die Nachfrage ist sehr hoch (auch bei Privatpatienten). Insb. bei männlichen Psychotherapeuten besteht ein Defizit. Bei der Leistungsabrechnung nach EBM wird nicht zwischen Allgemeinmedizinern mit Zusatzbezeichnung und übrigen Psychotherapeuten unterschieden. Es handelt sich auch um eine extrabudgetäre Vergütung. Nachteil ist aber, dass die Chronikerziffer nicht abgerechnet werden kann.
Die Ausbildungskosten liegen bei ca. 15.000 Euro würde ich bisher abschätzen (die man eigentlich selbst bezahlen muss). Ob es sich letztlich lohnt oder nicht - gute Frage...ohne Interesse am Fachgebiet würde ich aber definitiv davon abraten.
In welchem Bundesland bist du denn tätig Harvey? In Bayern ist der Erwerb nach wie vor für fachfremde möglich, sofern man die Voraussetzungen erfüllt: 2 Jahre klinische tätigkeit + 1 Jahr Psychiatrie oder entsprechender Kenntnisnachweis in einer Prüfung (plus einmonatige Hospitation oder Teilnahme an psychiatrischen Fallseminaren).
MissUmbrella
22.11.2021, 11:15
Das ist ja mal eine interessante Information..bin ja in der Ausbildung zur Psychiaterin, hatte mal gehört dass andere Fachärzte auch Psychotherapie machen dürfen, aber wie genau das abläuft ist mir nicht so klar: du bist dann niedergelassen in deinem Fach ( z.B. Allgemeinmedizin) und bietest Patienten von dir auch gleich eine Psychotherapiesitzung an?
Hab im Internet das mal gefunden:
"Die Zusatz-Weiterbildung fachgebundene Psychotherapie umfasst in Ergänzung zu einer Facharztkompetenz die Vorbeugung, Erkennung und psychotherapeutische indikationsbezogene Behandlung von Erkrankungen des jeweiligen Gebietes, die durch psychosoziale Faktoren und Belastungsreaktionen mit bedingt sind."
Ich verstehe das jetzt so, dass z.B. eine Gynäkologin ihre Patientin behandeln darf, wenn sie z.B. eine Depression hat, ausgelöst durch einen Abort..?
Ich verstehe das jetzt so, dass z.B. eine Gynäkologin ihre Patientin behandeln darf, wenn sie z.B. eine Depression hat, ausgelöst durch einen Abort..?
Die das aber weder einschätzen kann, woher die Depression kommt, noch, was der optimale Behandlungsansatz ist. Dazu braucht es einschlägige Facharztkenntnisse (oftmals eben nicht Psychotherapie!).
Ich verstehe das auch anders.
Es geht denke ich eher darum, dass ein Internist/Dermatologe/HNO-Arzt... auch gewisse Grunderkenntnisse erlangt, um Erkrankungen seines Fachgebietes, welche durch psychische Faktoren mitausgelöst oder aufrechterhalten werden, besser und umfassender betreuen zu können.
Also es geht um die Richtung Psyche -> nicht primär psychische Erkrankung/Symptom.
Die Gegenrichtung (ich vereinfache jetzt), d.h. nicht psychische Erkrankung -> psychiatrische Erkankung sollte nach wie vor besser von einem Facharzt für psychiatrische Erkrankungen behandelt werden.
MissUmbrella
22.11.2021, 17:39
@rafiki: ich sehe das auch kritisch...
Ich verstehe das auch anders.
Es geht denke ich eher darum, dass ein Internist/Dermatologe/HNO-Arzt... auch gewisse Grunderkenntnisse erlangt, um Erkrankungen seines Fachgebietes, welche durch psychische Faktoren mitausgelöst oder aufrechterhalten werden, besser und umfassender betreuen zu können.
Also es geht um die Richtung Psyche -> nicht primär psychische Erkrankung/Symptom.
Die Gegenrichtung (ich vereinfache jetzt), d.h. nicht psychische Erkrankung -> psychiatrische Erkankung sollte nach wie vor besser von einem Facharzt für psychiatrische Erkrankungen behandelt werden.
Also, mir ist das noch immer nicht richtig klar. Wie soll ein Gynäkologe denn z.B.eine psychische Erkrankung überhaupt richtig erkennen? ein Hausarzt sollte idealerweise ja auch, wenn er eine psychische Erkrankung vermutet, den Patienten bei einem Psychiater vorstellen...leider habe ich schon häufig erlebt, dass dann wirklich falsch therapiert worden ist vom HA ( z.B. Tavor mal dauerhaft zur Beruhigung oder Z-Substanzen bei Schlafstörungen als Symptom der Erkrankung etc.)
Clancy88
22.11.2021, 18:38
[QUOTE=MissUmbrella;2217776] Wie soll ein Gynäkologe denn z.B. eine psychische Erkrankung überhaupt richtig erkennen?
Indem der Gynäkologe die theoretischen und praktischen Weiterbildungsabschnitte absolviert und mit einer bestandenen Prüfung erfolgreich abgelegt hat. Sich somit das Wissen für seinen Fachbereich angeeignet hat.
Letztlich habe ich noch keine Definition gefunden was denn nun "fachgebunden" bedeutet. Laut einem niedergelassenen Kollegen der selbst psychotherapeutisch tätig ist wird das auch von Seiten der Krankenkassen nicht wirklich geprüft. Wichtig ist eben Selbstreflexion und sich auf das zu besinnen, das man beherrscht. Es geht nicht darum die Psychiater zu ersetzen oder zu kopieren.
Was mir bei den Beiträgen von MissUmbrella und Rafiki (wobei das in seinem Beitrag weitgehend substanzlose Standesdünkel und Stammtischparolen sind) auffällt: Hier scheint der Einblick in die ambulante Medizin nur unzureichend zu sein.
Man trifft in der Allgemeinmedizin regelmäßig auf Patienten mit Angststörungen oder die die Kriterien einer Depression erfüllen. Glücklicherweise oft mit leichter Ausprägung. Man beginnt mit dem Ausschluss somatischer Ursachen, empfiehlt Basismaßnahmen, regt je nach Schweregrad eine psychiatrische Anbindung an (die aber auch oft nicht gewünscht wird, da dies scheinbar noch immer ziemlich stigmatisierend ist), beginnt je nach Leidensdruck eine leitliniengerechte, medikamentöse Therapie.
Die Wartezeit für einen Termin beim Psychiater beträgt bei uns in der Stadt 3-6 Wochen (wobei das reine Sprechstundentermine sind und ich kaum einen kenne, der selbst Psychotherapie anbietet). Auf dem Land noch deutlich länger - und von einem Psychotherapieplatz oder (Teil)stationären Therapien ganz zu schweigen.
Diese Patienten kommen zwangsläufig (teilweise auch mehrmals pro Woche) in die Sprechstunde bis eben entsprechende Angebote verfügbar sind.
Dann gibt es noch den anderen Teil Patienten, die sich selbstständig einen Psychologen suchen. Diese kommen dann nach den probatorischen Sitzungen mit dem Konsiliarbericht und sowohl Psychologe als auch Patient wollen das "ok" um die Psychotherapie zu beginnen (auch hier stößt der Vorschlag auf eine psychiatrische Mitbehandlung oft auf Verständnislosigkeit). Der Patient verschwindet dann in der Psychotherapie, denn alle Anträgt reicht ab dann der Psychologe ein.
In der Kinik schlagen meist die Fälle auf, bei denen dann ambulant entweder etwas verpasst wurde, oder es auf Grund des Schweregrades ambulant nicht zu handhaben ist.
Nochmal (unter Verwendung des Zitates von MissUmbrella):
"Die Zusatz-Weiterbildung fachgebundene Psychotherapie umfasst in Ergänzung zu einer Facharztkompetenz die Vorbeugung, Erkennung und psychotherapeutische indikationsbezogene Behandlung von Erkrankungen des jeweiligen Gebietes, die durch psychosoziale Faktoren und Belastungsreaktionen mit bedingt sind."
Es geht hierbei um Erkrankungen des jeweiligen Gebietes, also beispielsweise der Gynäkologie.
Es geht (nach meinem Verständnis) nicht um Depressionen oder Angsterkrankungen, die ja Erkrankungen des psychiatrischen Gebietes sind.
Die psychosomatische Grundversorgung dient nicht dazu, schlechte Schmalspur-Psychiatrie zu betreiben, sondern bessere Gynäkologie (unter Berücksichtigung psychischer Faktoren).
Wenn ein Nicht-Psychiater eine Depression/Psychose/Zwangsstörung vermutet, soll er selbstverständlich an den Psychiater überweisen.
@morgoth: Absolut richtig, was die "psychosomatische Grundversorgung" betrifft.
Allerdings ging es hier ja um Psychotherapie-Zusatzbezeichnung durch Nicht-Fachärzte, was genauso ist, als würde ich nebenher noch ein bißchen Geburtshilfe betreiben oder z. B. Hernien-Op anbieten.
Nein, sinnvolle Indikationsstellung für Psychotherapie und eine richtige und nichtschädigende Anwendung derselben ist nur möglich für Absolventen der Psych-Fächer einschließlich Psychologischen Psychotherapeuten.
Das sehe ich anders. In der hessischen WBO 2005 (die ich gerade zur Hand habe) beträgt der Umfang der o.a. ZB z.B. 432 Stunden. Als FA für Psychiatrie und Psychotherapie macht man lt. derselben WBO 612 Stunden PT-Ausbildung.
Wer die ZB absolviert hat, hat also durchaus eine solide Grundlage.
Besagte WBO enthält übrigens auch eine klare Definition, was unter "Psychotherapie - fachgebunden -" zu verstehen ist:
"Die Zusatz-Weiterbildung fachgebundene Psychotherapie umfasst in Ergänzung zu einer Facharztkompetenz die Vorbeugung, Erkennung und psychotherapeutische indikationsbezogene Behandlung von Erkrankungen des jeweiligen Gebietes, die durch psycho-soziale Faktoren und Belastungsreaktionen mit bedingt sind."
Okay.
Die Anforderungen hinsichtlich der Stunden waren mir nicht bekannt, das ist ja schon mal ordentlich.
Ich denke, damit sollte dann der interessierte Nicht-Psychiater/Nicht-Psychosomatiker in der Lage sein, Erkrankungen seines Gebietes auch unter Berücksichtigung von psychischen Aspekten und Faktoren (besser) behandeln zu können. Also nicht nur Ultraschall und Medikament X nach einem Zwei-Minuten-Kontakt verordnen (das ist jetzt natürlich überspitzt ausgedrückt).
Und die Psychiater/Psychosomatiker bleiben die Ansprechpartner bei den "klassischen" F-Diagnosen, das sollte ja dann auch den Druck rausnehmen, dass ein Gynäkologe mit fachgebundener PT jetzt plötzlich auf Psychiater-Facharztniveau eine postpartale Depression erkennen und behandeln sollte.
vgl. auch diesen zusammenfassenden Artikel:
Dort wird laut Tabelle aus meiner Sicht witzigerweise im Bereich "Berücksichtigung von psychischen Aspekten bei körperlichen Erkrankungen" die Zuständigkeit nur im Ausnahmefall bei FA Psychiatrie/Psychosomatik gesehen. ;-) Das entlastet meine Berufsgruppe dann doch ein wenig...
https://www.aerzteblatt.de/archiv/60979/Fachgebundene-Psychotherapie-Mehr-Moeglichkeiten
Wobei diese ZB halt explizit nur Psychotherapie beinhaltet. Nichts in Sachen Psychiatrie. Somit wohl auch nichts in Sachen Psychopharmakotherapie.
Es geht überhaupt nicht um irgendwelche Zahlen, die man absolviert haben muss, um PT zu machen. Diese sind nämlich z. B. auch für den FA Psychiatrie und Psychotherapie bei Weitem zu gering (und bedürfen eigenständiger Zusatzweiterbildung). Sondern es geht um die Gesamteinbettung der PT in ein umfassendes Fachwissen mit psychiatrischem, psychosomatischem oder klinisch-psychologischem Hintergrund, da sie eben nur ein kleiner Teil der Behandlungsmöglichkeiten der Psyche ist.
Colourful
23.11.2021, 17:31
Ja, so ist es.
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