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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Notarzt als Radiologe/Strahlentherapeut/Nuklearmediziner?



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GelbeKlamotten
31.01.2021, 13:38
Die besten Notärzte sind dann logischerweise die Allgemeinmediziner. Die haben die breiteste Ausbildung und sind gewohnt Patienten schnell und zielgerichtet mit wenig Hilfsmitteln zu diagnostizieren und zu behandeln. Sie kennen auch das unausgelesene Patientengut und kennen sowohl kritische als auch nicht-kritische Patienten.

Also als Patientin habe ich da eher die Erfahrung gemacht, dass ein relativ großer Teil der hausärztlich tätigen Allgemeinmediziner eigentlich von fast nichts wirklich Ahnung hat.

Ist ja auch nachvollziehbar: wenn man mal ein Jahr Allgemeinchirurgie, dann ein Jahr Uro, usw macht dann lernt man nichts wirklich tiefgreifendes und von dem oberflächlichen Wissen verlernt man die Hälfte wieder. Auch nach einem Jahr Radiologie sind die meisten noch nicht so weit, dass sie ihr radiologisches Wissen zuverlässig eigenständig anweden können (auch wenn sie das zu diesem Zeitpunkt in Diensten schon machen). Wie es dann nach ein paar jahren Pause aussähe ist erst recht fraglich.

Soll jetzt wirklich kein Herumgehacke auf Hausärzten sein, ich respektiere es absolut, wenn das jemand gut und engagiert macht. Aber 3 von 4 Hausärzten, die ich aus Patientensicht kennen gelernt habe, waren fachlich absolut katastrophal und ganz sicher nicht als Notärzte geeignet. Der vierte und aktuelle hingegen ist sehr gut und verlässlich.

anignu
31.01.2021, 14:51
Aber es ist durchaus so, dass rein interventionell-radiologische Patienten radiologisch visitiert werden und auch der Radiologe dazugerufen wird, wenn es Probleme gibt.

Ist ja auch sinnvoll so. Der Stationsarzt kann ja auch meistens nicht wissen, was für Komplikationen bei der jeweiligen Intervention auftreten, wie viel Schmerz danach noch normal ist, usw.

Auch im Dienst wird durchaus der diensthabende Radiologe angerufen bei Problemen oder Unklarheiten.
Der Unterschied zwischen dem was du beschreibst und der bettenführenden Station ist dass die "rein interventionell-radiologischen" Patienten von den Radiologen visitiert werden oder auch nicht. Hängt vom Haus ab, hängt von der Lust des Radiologen ab usw. Es ist eine kann-Option, keine muss-Option. Die Verantwortung hat die bettenführende Station.
Sowohl bei postinterventionellem Schmerz als auch bei Problemen seid ihr damit die zweite Reihe. Es gibt den Vorfilter durch die bettenführende Abteilung und dann kommt irgendwann ihr. Oder auch nicht. Auch gut. Du willst ja mit den Patienten eh nichts zu tun haben.
Und die Entscheidung über das postinterventionelle Prozedere trifft dann eh die bettenführende Abteilung. Sie liest sich den Vorschlag der Radiologen durch und trifft dann die Entscheidungen.

anignu
31.01.2021, 15:03
Und ich wollte noch meinen Kommentar zu dem Thema "welche Fachrichtung stellt die besten Notärzte" abgeben bezogen auf die Häusern in denen ich bisher war: im Allgemeinen die Internisten und Anästhesisten. Aus einem sehr einfachen Grund. Das waren / sind in den Häusern in denen ich war die einzigen Fachrichtungen bei denen es unterstützt wird dass sie während des Dienstes Notarzt fahren. Sie können also "normal" zum Tagdienst kommen, arbeiten und haben nebenbei den Notarztpiepser. Als Anästhesist ist man dann halt in der Prämed eingeteilt und wenns piepst ist man weg. Insgesamt ist es damit für diese Fachabteilungen leichter öfter zu fahren und dann kommt man zur Binsenweisheit dass man in der Medizin durch Erfahrung lernt. Außerdem werden auch Nachtdienste einigermaßen unkompliziert unterstützt.
Bei chirurgischen Fächern ist es eher so gewesen dass es die Chefs entweder nicht unterstützen (es ihnen ansonsten aber egal ist) oder, in einem Fall, es der Chef sogar so entschieden abgelehnt hat dass eine notärztliche Tätigkeit nur gegen den ausdrücklichen Willen des Chefs stattfinden hätte können. Und dann viel Spaß... Aber selbst wenn es einfach nur nicht unterstützt wird ist es kompliziert genug wenn man regelmäßig mehr als einmal im Monat fahren will das noch sinnvoll im Dienstplan unter zu bringen.

daCapo
31.01.2021, 15:17
Also als Patientin habe ich da eher die Erfahrungsberichte gemacht, dass ein relativ großer Teil der hausärztlich tätigen Allgemeinmediziner eigentlich von fast nichts wirklich Ahnung hat.

Ist ja auch nachvollziehbar: wenn man mal ein Jahr Allgemeinchirurgie, dann ein Jahr Uro, usw macht dann lernt man nichts wirklich tiefgreifendes und von dem oberflächlichen Wissen verlernt man die Hälfte wieder. Auch nach einem Jahr Radiologie sind die meisten noch nicht so weit, dass sie ihr radiologisches Wissen zuverlässig eigenständig anweden können (auch wenn sie das zu diesem Zeitpunkt in Diensten schon machen). Wie es dann nach ein paar jahren Pause aussähe ist erst recht fraglich.



Ja das ist eine andere Diskussion. Zunächst sei gesagt, dass es auch sehr gute Allgemeinmediziner gibt. Die Allgemeinmediziner hat auch eine lotsenfunktion. Bei sehr speziellen Fragestellung, überweist er zum Spezialisten. Die Struktur der Ausbildung lässt leider zu wünschen übrig in DE , das wurde bereits mehrfach im forum gesagt und du sagst es nochmal . Auch, dass man sich alles selbst suchen muss, keine Zwischenprüfung oder ähnliches usw.

In anderen Ländern ist das strukturiert, man kriegt fest seine Rotationen, im Krankenhaus, in der Praxis, man hat seinen einen Vertrag. Erfolgskontrollen dazwischen. Es ist hier nicht so gewünscht.

davo
31.01.2021, 15:43
Das Hauptproblem: Die meisten Hausärzte haben nur wenig Erfahrung mit echten Notfällen. Deshalb ist die These von Wacken IMHO nicht haltbar.

Dass die Allgemeinmedizin sehr herausfordernd ist, und viele Hausärzte eine sehr gute Arbeit leisten, ist auch klar - aber bedeutet noch lange keine überdurchschnittliche Qualifikation für die Notfallmedizin. Im hausärztlichen Bereitschaftsdienst können Hausärzte ihre Stärken ausspielen, aber das ist halt was ganz anderes als Notarzt.

nie
31.01.2021, 15:54
Ich habe in meiner aktiven Rettungsdienstzeit nur mit Anästhesisten als Notärzten gearbeitet und natürlich auch teilweise ihre Arbeits- und Denkweise für mich angenommen. Jetzt sehe ich viele internistische Notfallpatienten, die von Chirurgen oder Internisten erstversorgt wurden und finde es schon spannend, die Unterschiedlichen Herangehensweisen zu sehen. Und das erstmal völlig wertfrei aber man sieht halt schon, welche Fachrichtung bei Patienten am Werk war weil eben jedes Fach eine andere Arbeitsweise hat und die Prioritäten anders legt. Und da haben alle Fachrichtungen ihre Vor- und Nachteile. Dazu kommt natürlich, dass es durch alle Fächer auch bessere und schlechtere Notärzte gibt. Aber so eine grundlegende Arbeitsweise zieht sich meist durch alles Vertreter des Fach.

DA1994
31.01.2021, 17:48
Warum denn nicht? Einer der besten Notärzte in unserer Gegend war Urologe. Ist halt so. Hat sich nebenbei stark für das Thema Notfallmedizin interessiert, wusste sehr viel und wenn er Patienten gebracht hat waren die im Vergleich zu anderen Notärzten oft besser versorgt.

Genauso wie Pathologen und Mikrobiologen...
Einzelfalldiskussionen zu führen ist müßig. Es ist in meinen Augen unstrittig, dass man dann die beste Notfallversorgung leistet, wenn man darin Routine hat und tagtäglich geübt ist. Das trifft nunmal eigentlich nur für Ärzte zu, die Regelhaft auf der Intensivstation arbeiten. Man kann gut beobachten, wie altgediente Anästhesisten fachlich und einsatztaktisch binnen weniger Jahre verfallen, sobald sie in die Niederlassung wechseln.
In meiner Wunschwelt setzt man realistische Standards, und das würde die allermeisten Fachrichtungen von der Teilnahme am Notarztdienst kategorisch ausschließen.


Zur Ausgangsfrage: Als was man irgendwann arbeitet, ist nicht ganz so bedeutend für die Notarztfahrerei.
Man sollte aber vorher genug klinische Erfahrung gesammelt haben-Anästhesie/Intensiv braucht man ja eh.Notaufnahme ist extrem sinnvoll.
Die Hauptkrankheitsbilder sind nun mal internistisch- da ist die entsprechende Erfahrung schon sinnvoll.

Auch wenn hier im Forum die Meinungen auseinandergehen- gerade für die Anfänger in Exotenfächern bieten die "Buchstabenkurse" zusätzliche Sicherheit und Skills.
Es sagt auch keiner, dass man nur genau die Mindestanahl an Einsätzen fahren darf- man kann auch mehr machen. Man merkt dann schon nach und nach, ob man in den verschiedenen Situationen klar kommt.

Man kann übirgens Hauptberuflich Nortarzt sein- aber nur im Angestelltenverhältnis und davon gibt es nicht viele Stellen. Und in manchen Städten darf man nur fahren, wenn man zur Anästhesie eines der Häuser der Stadt gehört (als Honorarkraft darf man dort auch nur mit mindestens 2 Jahren Anästhesie fahren)
Ich halte das für eine gefährliche Bagatellisierung des Notarztdienstes. Wer sich beruflich nie mit Katecholaminen, Beatmungstherapie oder Entscheidungen am Lebensende beschäftigt hat, der wird das kaum durch 20-stündige Buchstabenkurse oder 2 nette Wochen auf Sylt aufholen können. In 6 Monaten Intensivstation lernt man vielleicht, wie man nen ZVK legt. Eigenständige Bearbeitung von Notfällen oder gar kritische Entscheidungen treffen kommt da nicht vor. Und echte Notfälle sind nunmal auch so selten, dass man in 50 Fahrten mit Chance keinen einzigen zu sehen bekommt. Und dann steht man da alleine auf weiter Flur und murkst sich was zusammen.


Natürlich wäre es sinnvoll, wenn nur erfahrene Notfallmediziner Notärzte wären. Wenn ich die Wahl habe, möchte ich natürlich, wie wahrscheinlich fast jeder von euch, im Fall des Falles vom erfahrenen Notfallmediziner reanimiert werden, und nicht vom Gefäßchirurgen, Radiologen oder Rechtsmediziner.

Aber es gäbe dann halt viele Versorgungslücken, vor allem in weniger dicht bewohnten Gegenden. Die Weiterbildungsordnung muss also einen Kompromiss finden zwischen der Sicherstellung der fachlichen Qualität und der Sicherstellung der deutschlandweiten Versorgung. Ist in der Medizin ja oft der Fall.
Regelhaft dürfte in der Fläche ein Qualitätsstandard nur zu halten sein, wenn man mehr auf das Rettungsfachpersonal setzt und Notärzte selektiv und seltener einsetzt, und dann in der Regel aus der Luft oder mit einem Einsatzgebiet von 20+ Minuten. Die derzeitigen Minimalstandards, damit hautpsache ein Arzt vor Ort ist sind in meinen Augen weder zeit- noch patientengerecht. Und auch hier ist der stetige Niveauverfall durch Billigkräfte aus Drittländern in den letzten Jahren extrem.



Im Endeffekt ist die Fachrichtung zweitrangig. Die vorgegebenen Vorraussetzungen für die ZB sind schon sinvvol. Wenn Intensiv, ZNA und stationäre Patienenversorgung abgeleistet sind, kann man auch auf jeden Fall Notarzt fahren. Durch die regelmäßige NEF-Tätigkeit und regelmäßige Fortbildungen bekommt man dann genug Routine.
Auch hier würde ich scharf widersprechen. Es reichen 6 Monate ITS, das ist eine bessere Einarbeitungszeit. Wenn man davor und danach nie wieder mit Intensivpatienten zu tun hat halte ich es für geradezu fahrlässig ohne Rückendeckung im Einsatz sein Glück zu versuchen. Und selbst mit 4 Schichten im Monat, was schon neben einem Vollzeitjob enorm viel ist, kommt man realistischerweise auf unter 20 Einsätze im Monat. Damit hat man 1-2 präklinische Intubationen im Jahr (https://www.ai-online.info/images/ai-ausgabe/2010/04-2010/2010_4_202-210_Inzidenz%20der%20endotrachealen%20Intubation%2 0im%20Notarztdienst%20%20adaequate%20Erfahrung%20o hne%20kli.pdf) Vermutlich lässt man es dann einfach besser bleiben. Und wenn der Notarzt nichtmal intubieren kann, dann braucht man ihn auch nicht.


Ich finde es wirklich befremdlich, wie in der Ärzteschaft der Notarztdienst bagatellisiert wird und wie man ernsthaft der Meinung sein kann, ohne fundierte Ausbildung und ohne jegliche Erfahrung einen geeigneten Notarzt abzugeben.

Mano
31.01.2021, 19:17
Ich finde es wirklich befremdlich, wie in der Ärzteschaft der Notarztdienst bagatellisiert wird und wie man ernsthaft der Meinung sein kann, ohne fundierte Ausbildung und ohne jegliche Erfahrung einen geeigneten Notarzt abzugeben.

Sorry, aber ich glaube du überschätzt die Anforderungen an die präklinische Notfallmedizin enorm. Das ist größtenteils Kochbuchmedizin gewürzt mit ein wenig ethisch-sozialmedizinscher Abwägung. Als Beilage gibt es dann noch ein wenig manuelles Handanlegen... :-keks

Das ist jetzt natürlich ein wenig plakativ, aber die einzigen wirklich kniffligen Fälle an die ich mich spontan erinnern kann waren ethisch-sozialmedizinische Fragestellungen: Ist dieser Patient eigengefährdet? Ist der andere entscheidungsfähig? Hilft es ihm wenn ich ihn in die Klinik bringe?
Das sind die Fragen, für die man einen Notarzt wirklich braucht. Und das kann man prinzipiell in jeder Fachrichtung lernen; setzt aber eben vielmehr auch einen Blick über den medizinischen Tellerrand hinaus.

Die präklinische Behandlung von somatischen Erkrankungen ist dagegen doch meist das Abspulen von Leitlinien oder Algorithmen. Meist gibt es ja auch nur genau 1 Medikament für eine bestimmte Indikation auf dem Auto - da brauche ich jetzt keinen Anästhesisten, der abwägen kann, ob er die Narkose bei diesem Patienten mit Propofol, Ethomidate oder Dormicum einleitet....

Und die manuellen Fähigkeiten rücken durch die modernen Hilfsmittel (Videolaryngoskop, Knochenbohrer usw.) in den Hintergrund, bzw. sind deutlich einfacher geworden.

Natürlich braucht man eine gewisse Ausbildung, vor allem aber einen gewissen Lebenshorizont, um ein guter Notarzt zu werden. Aber es ist halt auch keine Raketenwissenschaft - dafür ist es ja eben zu Recht die einzige ZB die keinen Facharzt voraussetzt...

hebdo
31.01.2021, 21:02
Ich habe nochmal drüber nachgedacht und muss DA1994 voll zustimmen. Meine Aussage ist nicht richtig. Ich bin seit 1,5a weg von der ITS und fahre 3-4x/Monat neben der Praxistätigkeit. Zugegebenermaßen habe ich auch schon darüber nachgedacht, die Notarzttätigkeit aufzugeben. Es stimmt schon, dass die Standarts eigentlich nur von Anästhesisten, Intenisten und noch Chirurgen erfüllt werden können, die regelmäßig mit Airwaymanagement, Beatmung, Katecholaminen etc regelmäßig umgehen.

Die Gefahr liegt nämlich genau darin, dass 98% der Einsätze pillepalle sind und man die Patientin händchenhaltend in die Klinik fährt. Aber wenn es darauf ankommt....

Hatte auch schon mit dem Standortleiter und einigen NotSans gesprochen. Die haben mich von aufhören abgehalten. Wenn ich da an meine kritischen Einsätze denke, die würde ich heute trotz Buchstabenkurse nicht mehr so gut handeln.

anignu
01.02.2021, 00:57
Einzelfalldiskussionen zu führen ist müßig. Es ist in meinen Augen unstrittig, dass man dann die beste Notfallversorgung leistet, wenn man darin Routine hat und tagtäglich geübt ist. Das trifft nunmal eigentlich nur für Ärzte zu, die Regelhaft auf der Intensivstation arbeiten. Man kann gut beobachten, wie altgediente Anästhesisten fachlich und einsatztaktisch binnen weniger Jahre verfallen, sobald sie in die Niederlassung wechseln.
In meiner Wunschwelt setzt man realistische Standards, und das würde die allermeisten Fachrichtungen von der Teilnahme am Notarztdienst kategorisch ausschließen.
Wenn du schon meinen Post zitierst von https://www.medi-learn.de/foren/showthread.php?104825-Notarzt-als-Radiologe-Strahlentherapeut-Nuklearmediziner&p=2180233&viewfull=1#post2180233 in dem es darum geht dass ich der Meinung bin dass man auch als nicht-Internist/Anästhesist/Chirurg ein guter Notarzt sein KANN (!) einfach weil es Beispiele dafür gibt und wenn sich jemand dafür interessiert er das doch bitte trotzdem machen soll... dann zitiere doch bitte auch dazu den Post https://www.medi-learn.de/foren/showthread.php?104825-Notarzt-als-Radiologe-Strahlentherapeut-Nuklearmediziner&p=2180333&viewfull=1#post2180333 indem ungefähr das steht was du auch schreibst. Gut wird man durch Erfahrung. Und die meiste Erfahrung in Notarztsachen haben in den meisten Kliniken Internisten und Anästhesisten weil es einfach die Fachrichtungen sind die oft die Notärzte stellen. Und nebenbei machen die auch Intensivmedizin was einem auch helfen kann...

Ich finde es trotzdem nicht schlecht wenn sich Leute auch für Dinge begeistern können die nicht ausschließlich die eigene Fachdisziplin betreffen. Die gehen dann vielleicht mit mehr Interesse dran als Kliniker die einfach zwangseingeteilt werden in einen Dienstplan.

ehem-user-02-08-2021-1033
01.02.2021, 09:42
Interessant, dass du da für alle Radiologen sprechen kannst.

Weil man hoffentlich bessere Jobalternativen hat... als Notarzt...
Die Vergütung der Notarztdienste ist mancherorts eine absolute Frechheit.

ehem-user-02-08-2021-1033
01.02.2021, 16:39
Sorry, aber ich glaube du überschätzt die Anforderungen an die präklinische Notfallmedizin enorm. Das ist größtenteils Kochbuchmedizin gewürzt mit ein wenig ethisch-sozialmedizinscher Abwägung. Als Beilage gibt es dann noch ein wenig manuelles Handanlegen... :-keks

Das ist jetzt natürlich ein wenig plakativ, aber die einzigen wirklich kniffligen Fälle an die ich mich spontan erinnern kann waren ethisch-sozialmedizinische Fragestellungen: Ist dieser Patient eigengefährdet? Ist der andere entscheidungsfähig? Hilft es ihm wenn ich ihn in die Klinik bringe?
Das sind die Fragen, für die man einen Notarzt wirklich braucht. Und das kann man prinzipiell in jeder Fachrichtung lernen; setzt aber eben vielmehr auch einen Blick über den medizinischen Tellerrand hinaus.

Die präklinische Behandlung von somatischen Erkrankungen ist dagegen doch meist das Abspulen von Leitlinien oder Algorithmen. Meist gibt es ja auch nur genau 1 Medikament für eine bestimmte Indikation auf dem Auto - da brauche ich jetzt keinen Anästhesisten, der abwägen kann, ob er die Narkose bei diesem Patienten mit Propofol, Ethomidate oder Dormicum einleitet....

Und die manuellen Fähigkeiten rücken durch die modernen Hilfsmittel (Videolaryngoskop, Knochenbohrer usw.) in den Hintergrund, bzw. sind deutlich einfacher geworden.

Natürlich braucht man eine gewisse Ausbildung, vor allem aber einen gewissen Lebenshorizont, um ein guter Notarzt zu werden. Aber es ist halt auch keine Raketenwissenschaft - dafür ist es ja eben zu Recht die einzige ZB die keinen Facharzt voraussetzt...

Die Frage ist: wann brauche ich einen Notarzt und was muss er können?

Wenn mein Kleinkind ein schweres SHT erleidet, weil es vom einem Auto angefahren würde, dann wünsche ich mir jemanden, der mit aller Macht und Kenntnis den Tod meines Kindes verhindert.
Das inkludiert die Stabilisierung der Vitalparameter per Infusion und Katecholamine und auch die Intubation samt Narkoseführung. Gleichzeitig das Erkennen eines Spannungspneumothorax und die rasche Entlasstung des selbigen.

Ich behaupte, dass dies am ehesten Anästhesisten beherrschen.

Für den Rest (Sozialmedizin er al) brauche ich keinen Notarzt.

tarumo
01.02.2021, 18:52
Es gibt genug Kliniken, in denen die radiologischen Interventionspatienten auch stationär überwiegend radiologisch betreut werden. Das gilt insbesondere für onkologische Patienten, weniger für Gefäßpatienten. Da wird dann auch alles, was auf Station mit dem Patient passiert und über ein bisschen Novalgin hinausgeht, vom Stationsarzt mit dem Radiologen abgesprochen. Man könnte also sagen: Die bettenführende Abteilung ist in dem Fall Dienstleister für uns.


Neben diversen (Uni-)Kliniken (zum Beispiel München und Rhein-Neckar-Raum) wo die Radiologie in der Tat eine eigene (zugegebenermaßen kleine) bettenführende Abteilung betreibt, kenne ich auch mindestens eine Uniklinik, wo die Versorgung der Radioonkopatienten (!) nachts und am WE den Radiologen obliegt, und Kliniken, wo die stationäre Nuklearmedizin mitbetreut werden muß, gibt es sogar recht viele.
Natürlich werden die Patienten dort nicht umfassend abgeklärt und eingestellt, die Briefe fallen entsprechend aus, aber die Internisten schimpfen ja auch über Chirurgenbriefe und die Chirurgen über die Anästhesiebriefe.

Viel interessanter ist da die Frage, wie man es erreichen will, während der Arbeitszeit für die verlangte Intensivzeit freigestellt zu werden?

nomenklatur
01.02.2021, 19:14
Die Frage ist: wann brauche ich einen Notarzt und was muss er können?

Wenn mein Kleinkind ein schweres SHT erleidet, weil es vom einem Auto angefahren würde, dann wünsche ich mir jemanden, der mit aller Macht und Kenntnis den Tod meines Kindes verhindert.
Das inkludiert die Stabilisierung der Vitalparameter per Infusion und Katecholamine und auch die Intubation samt Narkoseführung. Gleichzeitig das Erkennen eines Spannungspneumothorax und die rasche Entlasstung des selbigen.

Ich behaupte, dass dies am ehesten Anästhesisten beherrschen.

Für den Rest (Sozialmedizin er al) brauche ich keinen Notarzt.

Das Gute an der Anästhesie ist, dass diese ein breites Spektrum an Fächern abdecken können. Die einzigen wirklichen Therapien in der Anästhesie sind allerdings fast rein symptomatisch - Narkosen, evtl. noch fein abgestimmte Intensivtherapie. Wie man oben schon sagte, man hat nur begrenzt medikamentöse Möglichkeiten im NAW... Irgendwann sind selbst die präklinisch anästhesiologischen Vorteile erschöpft und deinem Kind hilft dann nicht mehr die perfekte Narkose. Wenn dein Kind also ein schweres SHT erleidet, dann braucht es in diesem Fall so schnell wie möglich eine neurologisch/ neurochirurgische Therapie. Ähnlich die Thoraxdrainage beim Spannungspneumothorax - ich kenne es zumindest so, dass im Schockraum der Chirurg diese legt.

Bei Intensivtransporten sieht es meinetwegen anders aus - dort sind vor allem Intensivmediziner gefragt, sei es aus ANÄ, INN oder CHI.

Wir werden bei der Diskussion, wer der beste Notarzt ist, wahrscheinlich nie so richtig zu einem Ergebnis kommen. Die Frage, ob wir wirklich einen Notarzt brauchen, lässt sich auch nicht so einfach beantworten, zumal die Notfallsanitäter in D auch immer etablierter werden. In den USA übernehmen zB auch die paramedics die Notfallversorgung (Kennt hier jemand zufällig eine gute vergleichende Studie zwischen den reinen paramedics und dem Arztsystem?). In UK dagegen gibt es sogar den Facharzt emergency medicine.

Jede Fachrichtung hat halt Vor/Nachteile. Vielleicht hat der notärztlich tätige Radiologe ja auch Vorteile? IMHO ist es wichtig, dass man ein breites Wissen und ein spezifisch notfallmedizinisches Wissen mit gleichzeitig schnellen notärztlichen Tätigkeiten (zB die Pleuradrainage) drauf hat.

tarumo
01.02.2021, 19:29
Jede Fachrichtung hat halt Vor/Nachteile. Vielleicht hat der notärztlich tätige Radiologe ja auch Vorteile?

Der könnte auf jeden Fall korrekt den Fall bei seinen Kolleg*innen vormelden. Sonst fällt mir nicht viel ein....Da es in Summe an den meisten KH aber wahrscheinlich weniger (diensttaugliche) Radiologen gibt als Notärzte anderer Fachrichtungen, macht das relativ wenig Sinn. In einem grundversorgenden Haus gibt es alleine in Anästhesie vielleicht 8-10, die Notarzt fahren können oder wollen, wenn es von den drei oder vier Radiologen regelmäßig jemand macht, kollabiert deren Dienstsystem. Prozentual dürfte es auch in größeren Häusern nicht viel anders aussehen und deswegen wird es auch wenig Chefs geben, die einen bezahlt für die Intensivzeit freistellen würden. Ökonomisch ist es auch Unfug, die Vergütung wurde ja schon angesprochen.
Ansonsten kann man (bzw. muß man im Falle einer Niederlassung) sich auch an der ambulanten Notfallversorgung beteiligen, wenn einem der Sinn nach mehr oder weniger "Notfällen" oder gar "sozialmedizinischen" Fällen ist.

ehem-user-02-08-2021-1033
01.02.2021, 21:34
Das Gute an der Anästhesie ist, dass diese ein breites Spektrum an Fächern abdecken können. Die einzigen wirklichen Therapien in der Anästhesie sind allerdings fast rein symptomatisch - Narkosen, evtl. noch fein abgestimmte Intensivtherapie. Wie man oben schon sagte, man hat nur begrenzt medikamentöse Möglichkeiten im NAW... Irgendwann sind selbst die präklinisch anästhesiologischen Vorteile erschöpft und deinem Kind hilft dann nicht mehr die perfekte Narkose. Wenn dein Kind also ein schweres SHT erleidet, dann braucht es in diesem Fall so schnell wie möglich eine neurologisch/ neurochirurgische Therapie. Ähnlich die Thoraxdrainage beim Spannungspneumothorax - ich kenne es zumindest so, dass im Schockraum der Chirurg diese legt.



Man lernt/macht als Facharzt für Anästhesiologie:
-Kindernarkosen (samt Intubation und i.v. Zugang)
-legt Thoraxdrainagen
-stabilisiert den Kreislauf
-macht Tracheotomien
-intubiert
-lernt passagere Schrittmacher einschwemmen und bedienen
usw.

Am Ende muss der Patient so stabilisiert werden, dass er lebend die Klinik erreicht.

Außer es sind Einsätze bei denen ich eigentlich keinen Notarzt bräuchte.

Propofolio
07.03.2022, 00:45
Hallo,

ich bin Facharzt in einem der besagten Fächer und würde gerne die Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" erwerben
(Ich war mal Rettungssanitäter, Anästhesie hatte mich im PJ und als Fach alternativ auch interessiert, habe mich aber nach Abwägung aller Vor- und Nachteile dagegen entschieden)

Ich habe über 24 Monate Stationszeit (Vollzeit), bräuchte u.a. noch die 6 Monate Anästhesie/Intensiv/Notfallmedizin.

Geht das relativ einfach, dass man so eine Stelle für 6 Monate bekommt? - Die meisten Optionen hätte man dann wohl mit Anästhesie.

Hat damit jemand Erfahrung gemacht und kann berichten? Tipps?


PS: Der Nickname stammt noch aus der Studienzeit ;-)