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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Führt das alles vielleicht nirgendwo hin?



Kimal
15.03.2021, 23:38
Hallo liebes Forum

Vielleicht hat ja auch schon einer von euch diese Erfahrung gemacht.
Ich bin seit fast drei Jahren Facharzt in einem chirurgischen Fach und bis zum Facharzt war auch immer alles klar. Ich woltle operieren, ich liebe es immer noch. Ich habe dauernd geningelt und mich reingehängt und und und, viel gelesen, viel gefragt, mein Chef hat mir für nach dem Facharzt ne oberarztstelle angeboten...
Naja. die hab ich ausgeschlagen, weil ich "weiterkommen" wollte. Aber eigentlich wusste ich gar nicht genau was das heißen soll. Und dann hatte ich nach der Prüfung einen kleinen Zusammenbruch. Will ich irgendwie nicht mehr wusste was denn jetzt "als nächstes" kommt. Habe mich dann aufgerappelt, neue Stelle, viel eigenständig operiert, indiziert, Sprechstunde usw. (war einziger Facharzt fort für MEIN Fach, deshalb eigentlich auch mehr gemacht als woanders mancher Oberarzt)
Dann durch headhunter seit 4 Monaten an neuem Haus als Oberarzt. Und wieder denke ich: und jetzt? Ich operiere immer noch gerne, aber irgendwie geht mir das drumrum immer mehr auf die Ketten.
Früher war ich irgendwie bereit das mitzutragen, den Verwaltungskram, die Absicherungsmentalität, den Kostendruck.
Aber ich habe irgendwie jetzt so eine Depristimmung und denke immer öfter "wofür?" Ich muss mich weiter (jetzt halt mit anderen Oberärzten um andere OPs) um die tollen OPs kloppen, Dienste ohne Ende, OP-Schwestern rollen mit den Augen wenn ich die PJler nähen lasse...
Ich habe immer gedacht das Tolle an Medizin ist dass man immer noch was lernt, aber jetzt motiviert mich nicht mal das. Ich mache noch eine Zusatzbezeichnung und habe jettz schon Angst wenn dieses Ziel erreicht ist dass das nächste schwarze Loch kommt.
Manchmal fürchte ich dass die ganze Zeit und die ganze Arbeit für etwas war wofür ich gar nicht wirklich brenne. Und dann ja baer alles umsonst war wenn ich jetzt anfange zu töpfern (oder freiberuflich Notarzt zu fahren, um mal klein anzufangen). Aber ich denke immer öfter daran "ganz was anderes" zu machen.
Geht oder ging es euch ähnlich? Also so eine Krise obwohl man ja eigentlich das Schlimmste geschafft hat?

John Silver
16.03.2021, 08:28
Wenn Du gern und gut operierst, dann brauchst Du eine Stelle, an der Du genau dafür geschätzt wirst. Die gibt es. Ich hab so eine.

Kaas
16.03.2021, 08:42
Klingt für mich nicht so, als ob die Stellen selbst oder die fehlende Wertschätzung die Probleme seien. Offenbar hat der Threadsteller ja einen Job, der ihm inhaltlich prinzipiell Spaß macht. Wie sieht es denn abseits des Jobs aus im Privatleben?

MissGarfield83
16.03.2021, 10:27
gelöscht

Thomas24
16.03.2021, 10:45
Wenn das Hirn Futter aka. Stimulation braucht, ist "more of the same" in der Praxis im Rahmen der GKV Versorgung vielleicht nicht das richtige. Am Anfang alles neu und spannend- nach ein paar Jahren einfach Routine, die man mehr oder weniger engagiert aus dem ff runterspult - und je nach Ausmaß der Kreditverpflichtungen gegenüber der Bank hängt man noch mehr in einem beruflichen Hamsterrad fest.

Stattdessen würde ich anregen, auch mal außerberuflich einige Interessen zu verfolgen. Generell solltest du für dich einmal festlegen, welchen Stellenwert der Beruf in deinem Leben überhaupt spielen soll. Bist du Arzt mit Leib und Seele? Bist du "berufen" und beziehst einen großen Teil deines Selbstwertes aus der Arbeit? Gibt es neben der Arbeit noch anderes?

Oder ist der Job einfach nur ein Mittel zum Zweck, der dir deinen Lebensunterhalt sichert- und bei genügend finanziellen Spielräumen auch Freiräume, um dich selbst zu entfalten? Welchen Raum gibt´s du Hobbies und Interessen? Wenn dich deine beruflichen Inhalte nicht mehr so herausfordern, was kannst du deinem Hirn als Alternative anbieten? Möchtest du neue Fertigkeiten erlernen- z.B. ein paar neue Sprachen, oder einen neuen Sport (ja, auch das Muscle Memory braucht ein bisschen Zeit- positiver Nebeneffekt auf deine Gesundheit nicht ausgeschlossen), oder tritt doch Mensa bei, dort findet man sicher etwas was dich interessiert und auch stimuliert. Auch ausgedehnte Reisen- und damit meine ich nicht durchorganisierte Pauschalreisen in 5 Sterne Anlagen- bieten einem auch eine andere Perspektive auf die Welt. Das Leben ist zu kurz, um seinen Fokus auf die Arbeit zu verengen. Die Welt hat einem neugierigen Geist viel zu bieten - vor allem, wenn dir dein Brotjob als Klinik OA das nötige Kleingeld ermöglicht, alles zu sehen, vieles zu probieren und neues zu lernen, ohne zu viel deiner begrenzten Lebenszeit für den Erwerb deines Lebensunterhalts aufwenden zu müssen :-D

daCapo
16.03.2021, 10:54
Klingt für mich nicht so, als ob die Stellen selbst oder die fehlende Wertschätzung die Probleme seien. Offenbar hat der Threadsteller ja einen Job, der ihm inhaltlich prinzipiell Spaß macht. Wie sieht es denn abseits des Jobs aus im Privatleben?

So habe ich auch gedacht.
Oder über eine Stelle mit weniger Ellebogenmentalität, weniger/keine Dienste, professionelles OP-Personal (Op-Schwester mit rollenden Augen).
Letztendlich muss er für sich entscheiden, was er in seinem Leben möchte/welche Ziele er sich setzt.

Wenn es so weiter ginge wie bisher (immer neue Ziele), wäre doch das Ziel Chefarzt an einer Uniklinik oder einem großen Haus. Und dann steht er wieder vor derselben Frage.

hebdo
16.03.2021, 11:10
gelöscht

GelbeKlamotten
16.03.2021, 11:54
Nicht so viel philosophieren. Schau wie du in deiner Nische das meiste Geld verdienen kannst, mach dich damit finanziell unabhängig und wenn du dann keine Lust mehr auf den Kliniksumpf hast, dann hör auf und mach was, das dir mehr Spaß macht.

daCapo
16.03.2021, 13:20
Hört sich schon danach an, dass er Spaß an der Chirurgie hat.
Ich würde nicht in einem Job arbeiten, der mir überhaupt nicht zusagt und nur Geld bringt. Die verlorene Zeit im Frust mit einer langweiligen Tätigkeit wird einem niemals ersetzt und ist unbezahlbar.
Es gibt interessante Jobs vllt mit ein paar Kompromissen, die ein gutes Auskommen+X bieten.

LasseReinböng
16.03.2021, 14:34
Das scheinbar paradoxe Phänomen, in ein Loch zu fallen, nachdem man lange auf ein Ziel hingearbeitet und es dann schließlich erreicht hat ist ja jetzt nicht so ungewöhnlich bzw. hängt auch davon ab, was man für Erwartungen an das Ziel hat.

Wie Thomas24 würde ich auch dazu anraten sich Ziele außerhalb der Medizin zu setzen bzw. andere Quellen der Befriedigung zu suchen. Ich finde in deutschen Krankenhäusern schlurfen viele blaß-anämische Gestalten über die Kliniksflure bei denen außerhalb Medizin und Familie kaum noch Interessen zu erkennen sind... so möchte man nicht werden.

Thomas24
16.03.2021, 15:51
Ich habe immer gedacht das Tolle an Medizin ist dass man immer noch was lernt, aber jetzt motiviert mich nicht mal das. Ich mache noch eine Zusatzbezeichnung und habe jettz schon Angst wenn dieses Ziel erreicht ist dass das nächste schwarze Loch kommt.
Manchmal fürchte ich dass die ganze Zeit und die ganze Arbeit für etwas war wofür ich gar nicht wirklich brenne. Und dann ja baer alles umsonst war wenn ich jetzt anfange zu töpfern (oder freiberuflich Notarzt zu fahren, um mal klein anzufangen). Aber ich denke immer öfter daran "ganz was anderes" zu machen.
Geht oder ging es euch ähnlich? Also so eine Krise obwohl man ja eigentlich das Schlimmste geschafft hat?

All Work and no play make Kimal a numb Doc...

Der Job ist nur für den Cash Flow da. Bei deinem Einkommen, smart investiert (und minimalistisch -also unter deinen Möglichkeiten konsumiert), kannst du mit Anfang/Mitte 40 tatsächlich den "F*ck you money" Status erreicht haben -und dein Job im sozialistischen Gesundheitssystem mit allen negativen Begleiterscheinungen (inkl. Augenrollender Op Schwestern, dich um interessante Ops streiten müssen etc.) ist nur noch optional. Du könntest jetzt schon genügend Freizeit und Ressourcen aufbauen, um dich an der eigentlichen Herausforderung zu messen: das erfüllendste und interessanteste Leben zu haben, das Du leben kannst. Just my take.

DrSkywalker
16.03.2021, 17:22
Spannender Thread. Ich finde mich wieder, wenn auch anders.

Meine Ziele waren immer: Eigene, große, gut gehende Praxis, ein schönes Haus, ein sehr guter Verdienst und das alles mit der 80/20 Methode. Habe ich seit ein paar Jahren und ich war wirklich auch in einem Loch.

Plötzlich hatte ich die Praxis mit mehreren angestellten Kolleginnen und Kollegen und sie lief sehr gut. Plötzlich hatte ich das Haus, das ich immer haben wollte und es ging nicht mehr viel nach oben. Wobei das wichtigste immer schon die Familie war, das wird immer so bleiben...

Was hier in anderen Posts schon angeklungen ist: Man darf und sollte mal inne halten und das ganze genießen, weil man sehr viel Arbeit und engagement reingesteckt hat. Und dann: Am besten auf zu neuen Ufern. Bei mir sind das eher private Dinge. Job mäßig will ich den Status quo erhalten bzw. den Praxisumsatz langsam weier steigern, aber ich würde hier keine weitere Extr-energie mehr investieren. Man könnte jetzt auch versuchen ein großes Zentrum zu gründen und weitere 10 Jahre vollgas geben, aber mir persönlich fehlt da der Sinn.

Ich denke, man muss selbst sehen, wo man seine Prioritäten hin verlagert. Familie, nachwuchs, Beziehung zu den Eltern pflegen so lange es noch geht, Reisen, Auslandsaufenthalte, Charity, Sport, Natur, es gibt so vieles.

Das Thema Job habe ich mit Mitte Ende 30 abgehakt, hier habe ich alles was ich will (Ok, die 4 Stunden Woche habe ich noch immer im Kopf, aber das ist vielleicht etwas übertrieben https://www.amazon.de/Die-4-Stunden-Woche-Mehr-Zeit-Leben/dp/3548375960 ;) )

daCapo
16.03.2021, 17:38
All Work and no play make Kimal a numb Doc...

Der Job ist nur für den Cash Flow da. Bei deinem Einkommen, smart investiert (und minimalistisch -also unter deinen Möglichkeiten konsumiert), kannst du mit Anfang/Mitte 40 tatsächlich den "F*ck you money" Status erreicht haben.

Das wollte ein Bekannter von mir auch mit 50, es kam Familie, ein teures Haus und 3 Kinder mit Studium dazwischen.



Ich denke, man muss selbst sehen, wo man seine Prioritäten hin verlagert. Familie, nachwuchs, Beziehung zu den Eltern pflegen so lange es noch geht, Reisen, Auslandsaufenthalte, Charity, Sport, Natur, es gibt so vieles.

Das Thema Job habe ich mit Mitte Ende 30 abgehakt, hier habe ich alles was ich will (Ok, die 4 Stunden Woche habe ich noch immer im Kopf, aber das ist vielleicht etwas übertrieben https://www.amazon.de/Die-4-Stunden-Woche-Mehr-Zeit-Leben/dp/3548375960 ;) )


*gefaelltmir*

Kimal
16.03.2021, 18:22
Vielen Dank für die vielen und ausführlichen Antworten.
Ja, alles an den Nagel hängen will ich eben nicht, dazu mache ich es fachlich/handwerklich zu gerne.
Und man würde ja gerne sagen „scheiss auf Geld und Status „, aber gleichzeitig vergleicht man sich dauernd mit anderen. Ich habe lange auch gedacht, alle werden Oberarzt, ich muss jetzt auch.
Am Ende muss man sich bestimmt von den Erwartungen anderer freimachen, ist nicht so leicht....
Wie habt ihr denn „euren Weg“ gefunden? Brauchte es eine richtige Auszeit? Oder reichten ein paar Sonntagnachmittage?