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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Derma Niederlassung in der Zukunft



Lucy92
30.03.2021, 11:37
Hi, ich steuere gerade auf das Ende meines Studiums zu und möchte mich auf jeden Fall selbstständig machen. Derma hat mir dabei immer viel Spaß gemacht, auch im PJ, aber die ganzen Entwicklungen rund um die Telemedizin und künstliche Intelligenz haben mich in letzter Zeit sehr verunsichert. Klar, im Moment wird einem ja suggeriert, dass es eine Entlastung für die Ärzte darstellt, was ja mit den aktuellen Formaten wie Videosprechstunden auch grundsätzlich stimmen kann. Aber was ist, wenn dann irgendwann die Patienten ausbleiben, weil viele die Online-Beratung bevorzugen? Und das Rezept dann auch von der App bekommen? Das alles birgt doch ein hohes Risiko, dass solche Beratungen komplett an den Praxen vorbei durchgeführt oder (Z. B. Bei der Beurteilung von Fotos) sogar outgesourced werden.
Und wenn dann der künstlichen Intelligenz immer mehr Rechte gegeben werden, und der Arztvorbehalt schrittweise gelockert wird???
Dann wäre ja fast das einzige, was noch bleibt, ambulante Ops, Lichttherapie o.ä. und Ästhetik, aber vor allem bei Letzterem kann man sich ja auch gar nicht mehr sicher sein, weil immer mehr „Beauty-Praxen“ aus dem Boden schießen, die nur der Form halber von einem Arzt betreut werden. Oder vielleicht noch Phlebologie, aber da steht man ja auch in Konkurrenz zu anderen Disziplinen...
Das alles jetzt nur mal ein Beispiel von Derma, weil es mich persönlich interessiert, aber trifft das nicht eigentlich auch auf viele andere Fachgebiete zu, bei denen man jetzt nicht unbedingt viel invasive oder aufwändige apparative Diagnostik in der Praxis betreiben kann, oder viel operativ tätig wird?
Ich weiß, es wird natürlich immer noch Patienten geben, die die persönliche Beratung bevorzugen, weil sie nicht mit der Technik zurecht kommen oder Angst um den Datenschutz haben, aber insgesamt wird der „Kuchen“ für uns dadurch doch kleiner werden, und wenn sich dadurch auch noch Kosten sparen lassen und Investoren mitreden, dann glaube ich nicht, dass dem Bestandsschutz an Praxen so viel Bedeutung beigemessen wird.

Was meint Ihr dazu?

Haffi
30.03.2021, 15:15
Hi Lucy,

deine Gedanken und Bedenken sind richtig und wichtig. Auch oder gerade vor der Medizin wird die Digitalisierung auch mit Hinblick auf den zunehmenden Kostendruck nicht Halt machen und viele der Entwicklungen, die du beschreibst, sind realistisch - auch wenn einige im Forum dagegen halten werden und in solchen Diskussionen gern das Verhalten der heutigen 60+ Patienten-Generation als Bewertungsgrundlage für die Bedürfnisse und Ansprüche der TikTok-Generation und ihrer Eltern zu Grunde legen.

Nichts desto trotz kann man nicht alles planen. Niemand wird sicher vorhersagen können, wie es in 10 oder 20 Jahren um die dermatologischen, allgemeinmedizinischen oder sonstigen Praxen bestellt sein wird. Du solltest zunächst einmal das machen, was dir Spaß macht - denn dort hast du das größte Potenzial erfolgreich zu werden. Wenn du dann noch weiterhin so aufmerksam die Entwicklungen beobachtest wie heute und offen für Veränderungen bist, wirst du auf die Veränderungen der Zukunft reagieren können und als dann bereits erfahrene Ärztin sicher viele alternative Optionen haben.

Knugs
31.03.2021, 09:43
Gestern mit einem Chefarzt in der Derma intensiv darüber gesprochen. Fakt ist, dass die Bettenanzahl sich in den Dermatologischen Kliniken stark reduziert hat (München z.B 50%). Systematisch nehmen die Behandlungen im ambulanten Bereich stärker zu.

Die WBO änderte sich so, dass man auch als Assistent schon gar nicht mal in die Klinik muss.

Es wird also hart in Richtung Praxen gespuscht. Dermatologie ist auch ein "praktisches" Fach. Die Telemedizin und KI wird nur deinen Alltag vereinfachen. Am Ende des Tages wirst du die Behandlung durchführen müssen. Exzision, Laser aber auch Abstriche usw.

Schon alleine weil es einen Verantworlichen für die ganze Diagnostik und Behandlungen geben muss.

Ich würde mir eher mehr Sorgen um die diagnostischen Fächer machen wie Radiologie und manche Bereiche in der Patho.

Der Allgemeinarzt ist eher durch den PA bedroht als durch Telemedizin oder KI.

Lucy92
01.04.2021, 10:08
Was mir halt auch Sorgen macht ist, dass langfristig auch z.B. das Therapiemonitoring bei chronischen Erkrankungen wie Psoriasis virtuell stattfinden wird.

Ich hab leider noch nicht wirklich eruieren können, wie viel von der Arbeit und vom Umsatz in einer modernen, breit aufgestellten Praxis durch die von dir angesprochenen Therapien gemacht wird, und welchen Anteil die Patienten ausmachen, die nur zur Diagnostik bzw. Verlaufskontrolle vorbeikommen.

Hat da jemand Erfahrungen?

Markian
01.04.2021, 19:23
Und was hindert dich daran, dann selber Videosprechstunden anzubieten?

Lucy92
01.04.2021, 19:42
Würde ich durchaus machen, wenn meine Patienten es wünschen. Problematisch wird es dann, wenn es denen egal wird, mit wem sie sprechen, und das ganze letztendlich zu einem unregulierten Markt mit Dumpinglöhnen wird. :/

Markian
01.04.2021, 19:53
Die Sorge halte ich für unbegründet. Wie soll es zum Lohndumping kommen, wenn ganz klar über die Krankenkasse geregelt ist mit wie viel Geld Leistung X vergütet wird?

Lucy92
01.04.2021, 20:01
Wer sagt, dass das so bleiben wird?

GelbeKlamotten
01.04.2021, 20:04
In Deutschland scheinen die Hautärzte ja relativ ausgelastet zu sein. Das wird sich mit zunehmendem Angebot von Videosprechstunden auch nicht ändern. Klar, die Arbeitsdichte lässt sich dadurch vielleicht noch ein kleines bisschen erhöhen, aber das wird dank demographischem Wandel durch steigende Patientenzahlen mehr als kompensiert.

Die Gefahr von dumping Löhnen würde ich nur dann sehen, wenn man zB mit Ärzten aus dem EU Ausland bei Videosprechstunden konkurriert. Das sehe ich eher nicht kommen. Zumal es jetzt auch nicht riesige Massen von Ärzten aus dem EU-Ausland gibt, die sehr gut deutsch sprechen. Die, die das können sind zu großen teilen eh schon zu uns eingewandert.

Ich sehe da für jetzige Ärztegenerationen kein Problem. In 30 Jahren vielleicht. Bis dahin hast du deine Finanzen längst in trockenen Tüchern.

Ich habe selbst ein mal einen Online Hautarzt-Service genutzt wegen einem Hautausschlag. Allerdings nicht als Videosprechstunde, sondern man konnte nur Fotos und einen Text schreiben. Die Antwort war dann: „Könnte x sein, vielleicht aber such y oder z. Sie können mal Salbe a probieren, aber für eine genauere Diagnose müsste ich sie persönlich sehen.“

Hat mich nicht überzeugt.

freak1
01.04.2021, 20:23
Ich würde mir eher mehr Sorgen um die diagnostischen Fächer machen wie Radiologie und manche Bereiche in der Patho.

Wenn du mal gesehen hast, was selbst riesen Firmen wie Siemens oder IBM in den letzten Jahren an Fortschritten im Bereich der KI im Einsatzgebiet Radiologie gemacht haben, würdest du dir da keine Sorgen machen.

Teilschritte werden vereinfacht (z.B. Rundherderkennung), aber die Vidierung und letztlich die Verantwortung wird immer noch auf den Radiologen abgewälzt. Bei weiter deutlicher Zunahme der Schnittbildgebung muss man sich da keine Sorgen machen...

GelbeKlamotten
01.04.2021, 20:40
Wenn du mal gesehen hast, was selbst riesen Firmen wie Siemens oder IBM in den letzten Jahren an Fortschritten im Bereich der KI im Einsatzgebiet Radiologie gemacht haben, würdest du dir da keine Sorgen machen.

Teilschritte werden vereinfacht (z.B. Rundherderkennung), aber die Vidierung und letztlich die Verantwortung wird immer noch auf den Radiologen abgewälzt. Bei weiter deutlicher Zunahme der Schnittbildgebung muss man sich da keine Sorgen machen...

Zumal auch die tollen KI-Systeme zur Rundherderkennung zB bei Covid-Lungen mit disseminierten umschriebenen Milchglasinfiltraten in jedem 2. Infiltrat einen suspekten Herd erkennen.

Sind halt alles noch Insellösungen. Funktioniert beim ansonsten völlig lungengesunden Patient, der außer Rundherden nichts weiteres hat. Sobald irgendeine themenübergreifende integrative Leistung erforderlich ist, wars das für die KI.

Und in dem Fall ists auch keine wahnsinnige Zeitersparnis, wenn wir rein von Detektion reden. Wenn ich die Lunge als 5 mm MIP zweimal durchscrolle sehe ich auch manuell fast alle relevanten Rundherde.

Wenn man Publikationen liest könnte man ja meinen als Radiologin ist man in spätestens 3 Jahren obsolet. Wenn man dann sieht, was in der Realität ankommt, sieht es dann doch etwas anders aus.

Ich mache mir da mittlerweile auch keine großen Sorgen mehr.

freak1
01.04.2021, 20:46
Ja genau, dieses KI-Lösungen funktionieren als Insellösungen bei ansonsten unauffälligem Patienten gut. Lung-CAD beim 25 jährigen Hodenkrebspatienten? Funktioniert gut, muss es aber trotzdem kontrollieren. 75jähriger COPD GOLD IV? Vergiss es gleich, das BC erkennt er nicht und stattdessen markiert er dir 3 Narbenstränge und zwei indurative Herde...

Haffi
01.04.2021, 22:37
Die Sorge halte ich für unbegründet. Wie soll es zum Lohndumping kommen, wenn ganz klar über die Krankenkasse geregelt ist mit wie viel Geld Leistung X vergütet wird?

Also liebe Threaderstellerin...wie du siehst: Abgesehen von kleineren Veränderungen bleibt alles so wie es ist. Technische Quantensprünge, wie es sie in der Vergangenheit durchaus regelmäßig gab, sind vorerst quasi ausgeschlossen, die Generation Smartphone freut sich auch künftig darüber, zu einer Praxis zu fahren und sich ins Wartezimmer zu setzen und schließlich gibt es ja auch noch die Videosprechstunde, die garantiert auch im Jahr 2030 von hunderten voneinander unabhängigen Praxen angeboten wird - da mischt sich auf Dauer definitiv kein Big Player ein, der die Löhne drücken könnte. Schließlich gibt es ja auch noch das Recht von heute und das ist vor dem Hintergrund steigender Kosten und Möglichkeiten sicher auch das Recht von morgen.

nie
02.04.2021, 16:24
Wer sagt, dass das so bleiben wird?

Bei der Einstellung würde ich grundsätzlich davon abraten, noch etwas mit seinem Leben anzufangen oder gar ein teures, langes Studium auf sich zu nehmen. Wir leben in einer Pandemie, wer kann schon wissen ob wir nicht in 5 Jahren in einer postapokalyptischen Welt weil Großteil Teile der Bevölkerung von COVID ausgerottet wurden und von den Überleben keiner mehr einen Hautarzt braucht?