Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Aktueller Stand Orthopädie
Guten Tag an alle,
ich würde gerne meinen Facharzt in der Schweiz machen.
Meine erste Wahl wäre Orthopädie, zweite Anästhesie.
Ich habe versucht, über die Forumsuche ein paar Infos zu ergattern, aber leider sind die meisten Threads mittlerweile etwas veraltert. Deshalb frage ich nochmal nach in der Hoffnung, dass mir jemand aktuellere Informationen liefern kann:
1) Wie sieht es aktuell mit den Bedarf an Orthopäden aus?
2) Ich habe in ein paar Threads gelesen, dass es vor allem in den chirurgischen Abteilungen sehr schwer sein soll, eine Stelle in einem A Haus zu finden um die Ausbildung zu beenden. Ist dies immer noch so?
3) Was passiert wenn man keine Stelle in einem A Haus bekommt? Muss man dann "abwarten" bis eine Stelle frei wird und verliert so wertvolle Zeit?
4) Wie lange muss man in der Regel einplanen bis man seinen Facharzt hat? Ist es in 7 Jahren machbar?
5) Ich habe 0 Erfahrung in der Orthopädie. Wie viel wird einem abverlangt am Anfang? Kann man etwas auch mal "nicht wissen"?
6) Wie viel ist effektiv dran an der "Ausländerfeindlichkeit" der Schweizer? Werden schweizer Kandidaten bevorzugt?
Falls mir jemand ein paar Einblicke geben könnte, wäre ich ihm sehr dankbar.
Vielen herzlichen Dank :-)
ProximaCentauri
26.06.2021, 15:01
(Nicht Orthopädin)
1. Es ist immer noch Ärztemangel, aber vermutlich in der Ortho weniger als in anderen Fächern - wir haben in meiner Stadt extrem viele Orthopäden und dadurch einen hohen Anteil an "unnötigen" Operationen - kann auch sein, dass in der Zukunft da die Regulationsbehörden mal mehr eingreifen (was sehr gut wäre).
2. Was ich von den Orthos bei uns (Ortho-A-Haus) mitbekommen habe ist das tatsächlich so - die A-Häuser können sich dadurch die Leute etwas aussuchen, bzw. man hat kaum eine Handhabe um gegen die Kack-Arbeitszeiten anzukommen weil man die Stelle halt braucht.
3. Man muss halt früh genug planen, sonst kanns gut sein, dass man abwarten muss und sich die Zeit bis zum Facharzt verlängert. Viele planen hier ihre Jobs einige Jahre im Voraus, ich habe meinen Job für 2022 in 2019 unterschrieben (Anästhesie), Arbeitskollegen von mir haben teilweise Jobs für in 5 Jahren für eine Subspezialisierung.
4. Hängt von der Planung ab und wie viel man zum operieren kommt, die Mindestdauer ist ja festgelegt, der Rest hängt dann von der Karriereplanung ab.
5. Keiner, der das Medizinstudium abgeschlossen hat, hat klinisch irgendeine Ahnung oder ist zu irgendetwas fähig - in jedem Fachgebiet. Lernt man alles on-the-job.
6. Hängt ganz davon ab, was die Leute in die Schweiz zieht, und wie sehr sie sich integrieren wollen. Wenn mir einer ständig von "aber in Deutschland" vorjammert oder nach 4 Jahren hier keinen Dialekt versteht, dann ist der natürlich nicht besonders beliebt. Die Anderen haben eher wenig Probleme, was ich so von meinen ausländischen Arbeitskollegen mitkriege. Ist halt eine Sprachsache häufig, wir haben bei uns z.B. auch etwa 1/3 französisch sprechende Patienten, wenn man hier arbeiten will, sollte man sich das vorher überlegen, weil "ich kann kein Französisch" nützt dann im Dienst halt einfach nix.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast mir so ausfürlich zu antworten.
Da du in der Anästhesie bist und dies meine zweite Wahl wäre, frag ich doch gleich mal nach =D
Wie sieht es mit Mangel an Anästhesisten aus?
Bist du mit deiner Entscheidung zufrieden?
Ist der Facharzt in Anästhesie etwas "ruhiger" bzw. zeitlich weniger anspruchsvoll als ein chirurgischer?
ProximaCentauri
26.06.2021, 19:34
Ich bin nicht in der Anästhesie, ich werde noch Anästhesie machen für meine Weiterbildung, aber vermutlich nicht den Facharzt.
Facharztmangel ist riesig, einfach weil es viele Privatkliniken gibt die Anästhesisten brauchen und selbst keine ausbilden - daher ist die Stellensuche als Assistentin ziemlich Kacke in meiner Region - gibt nur wenige ausbildende Kliniken, und die wollen alle am Liebsten gleich eine Verpflichtung bis zur Rente. Ich habe mich relativ ausgiebig beworben und... eben, eine Stelle in 2019 für 2022 gekriegt, in einer anderen Stadt etc., weil es einfach sehr, sehr schwierig ist.
Was man bedenken muss bezüglich Anästhesie in der Schweiz: Die Intensivmedizin ist ein separater Facharzttitel, und die (klinische) Notfallmedizin liegt auch in den Händen von anderen Fachärzten, genauso wie die Palliativmedizin. D.h. Anästhesie ist in der Schweiz tatsächlich v.A. das perioperative - das muss einem dann schon liegen, und man hat halt deutlich weniger Variabilität als beim FA Anästhesie in D.
Dogs4Life
28.06.2021, 18:20
Wie ist es denn eigentlich in der Schweiz bezüglich Ausländerfeindlichkeit bei Leuten, die zwar komplett Deutsch groß geworden sind, aber doch einen deutlichen Migrationshintergrund haben? Höre immer wie ausländerfeindlich die Schweizer in Bezug zu Deutschen sind, aber nie wirklich bezüglich nicht-europäisch Aussehenden
ProximaCentauri
29.06.2021, 08:21
Man muss dazu sagen, dass mittlerweile >50% der Bevölkerung in der Schweiz einen Migrationshintergrund hat, 25% der Bevölkerung sind "Ausländer".
Aber natürlich ist es sicher so, dass man möglicherweise mehr Probleme hat wenn man "fremd" aussieht - wobei ich das schon differenzieren würde, ein "dunkler" Tamile ist besser angesehen als ein "heller" Mensch aus dem Balkan, etc., während "dunkle" Afrikaner wohl noch einmal schlechter angesehen sind als die Osteuropäer bzw. vom Balkan stammenden.
Generell ist es aber so, dass - wie überall - der Grossteil der Menschen anständig sind.
teletubs
01.07.2021, 21:59
Hallo,
Also die momentane Lage in der Schweiz war und ist, dass zu wenig Mediziner einen Abschluss machen und sie daher auf ausländische Ärzte angewiesen sind. Du solltest dir einen Plan machen, was deine Karriere angeht. Letztendlich wird empfohlen an kleinen Spitälern anzufangen. Die Stellen werden in aller Regel 1-2Jahre im Voraus vergeben…da sollte man gut planen.
Ausländerfeindlichkeit…ja also ich hab es nur einmal erlebt, wo ein Patient auf dem Notfall explizit keine Behandlung von einem Deutschen wollte…hatte leider Pech, da der damals chirurgische Assistenzarzt auch deutscher war. Wie schon erwähnt gibt es viele mit Migrationshintergrund…ich habe bis dato keine Ausländerfeindlichkeit erlebt. Die Schweizer sind halt ein besonderes Völkchen…man muss durchaus damit leben, dass sie sehr freundlich sind, aber trotzdem nicht deine Freunde werden.
Letztendlich gibt es Leute, die nach Jahren wieder nach Deutschland zurückgegangen sind.
swissknife
19.02.2022, 08:41
Hi, ich wollte das Thema hier mal aufgreifen, anstatt einen neuen Thread zu starten. Hätte für nächstes Jahr eine AA-Stelle in der Ortho in Aussicht, jetzt beschleicht mich aber irgendwie das Gefühl dass viel zu viel Assistenten ausgebildet werden, wenn man sich die Weiterbildungszahlen beim siwf-Register anschaut. Und ich habe auch gehört dass die OA-Stellen auch sehr häufig auf ein Jahr befristet sind. Ich weiß ja, dass man für den FA die Weiterbildungsstelle auch mal wechseln muss, aber langfristig würde ich halt schon ganz gerne irgendwo (am liebsten in der Nordwestschweiz) sesshaft werden. Kann es sein, dass da Angebot und Nachfrage in den Spitälern nicht mehr zusammenpassen? Für Oberärzt*innen sind das doch gefühlt prekäre Arbeitsverhältnisse. Was sind eure Meinungen/Erfahrungen?
ProximaCentauri
24.02.2022, 14:00
Realistischerweise: Es wird wohl schwierig werden in die Praxis zu gehen irgendwann (je nach Ort). Wir haben hier, wo ich wohne, jetzt schon ein Überangebot an Orthopäden (zeigt sich in massiv erhöhten KTP und HTP-Zahlen). Es ist nun per 2022 ein neues Steuerungselement für Praxen eingeführt worden, so dass die Möglichkeit besteht, neue Praxen in bestimmten Fachgebieten zu verhindern. Das ist sicher für die Zukunft die Berufsaussichten in der Orthopädie einschränken. Was ich so mitbekomme sind bei uns die Orthopäden ständig unter Druck, und die Arbeitsbedingungen katastrophal - da man sich aber die Assistenten aussuchen kann, weil zu viel Nachfrage, ändert sich daran nicht wirklich etwas.
swissknife
26.02.2022, 10:30
Hmm, dann trügt mich mein Eindruck doch nicht so ganz. Hast du denn den Eindruck, dass sich das mit den Arbeitsbedingungen auch auf Oberarztebene so fortsetzt?
swissknife
26.02.2022, 11:11
Finde es ja eh schade, dass sich alle inklusive der Medien immer so auf die Orthopäden einschiessen, auch wenn ich mich selbst nicht unbedingt auf Knie oder Hüfte spezialisieren möchte. Mann, da will man ja nur seine Arbeit machen und kommt sich vor wie ein Verbrecher.
Mir würde es ja langen (natürlich mit der obligatorischen Rotation) einfach nur an dem Haus zu bleiben wo ich jetzt bin, unser GAV reicht für ein gutes Leben... :seufz
ProximaCentauri
02.03.2022, 20:06
Ehrlich, das weiss ich nicht so genau, wir haben meistens nur die Assis gesehen... Aber das "der ist kurz duschen gegangen weil er die ganze Nacht operiert hat und hat nun wieder Tagdienst" fand ich nicht sehr verlockend. Aber eben - kaum je Ortho-OA gesehen im Alltag. Es geht ja dabei ja auch nicht um einzelne Ärzte und absichtliches zu-viel-operieren. Aber dass es da halt auch Fehlanreize gibt, bzw. wenn man dann eben in die Privatklinik geht, muss man seine Tage auch irgendwie füllen können, und die Zahlen hier lokal sprechen da auch ziemlich für sich (neben den ganzen Failed-Back-Surgery-Patienten, natürlich). In vielen anderen Bereichen gibts halt dieses Überangebot wie bei den Orthopäden hier schlicht nicht.
swissknife
24.03.2022, 23:04
Nun, das kam dann ja auch nicht überraschend oder...
https://www.srf.ch/news/schweiz/steigende-gesundheitskosten-als-erste-kantone-setzen-beide-basel-einen-riegel-fuer-neue-aerzte#:~:text=Diese%20Fachbereiche%20bekommen%20e inen%20Zulassungstopp&text=Betroffen%20sind%20die%20acht%20Fachbereiche, Laryngologie%2C%20Radiologie%20und%20sowie%20Urolo gie
Wahnsinn, 7 Millionen sollen so eingespart werden. Mal abgesehen davon dass das nicht mal annähernd erreicht werden wird, auf die Idee dass man auch mal beim völlig aufgeblähten Verwaltungsapparat im Homeoffice den Rotstift ansetzen könnte, anstatt die zu verunsichern die von 7 bis gut und gerne 20 Uhr für alle erreichbar sind und die Verantwortung tragen, kommt keiner.
Jetzt mal ganz losgelöst von der Fachrichtung, was haltet ihr von dieser Entwicklung?
ProximaCentauri
28.03.2022, 12:48
Es ist halt so, dass es in gewissen Gebieten ein Überangebot gibt, und dass dann mehr operiert wird als nötig (hier eben z.B. massiv bei der Orthopädie). Dass man da als Staat auch mal die Zulassung reguliert finde ich nicht grundsätzlich falsch. Dass es natürlich auch noch viele andere optimierungsbedürftige Situationen gibt im Gesundheitswesen ist eh klar, schliesst aber halt einen Handlungsbedarf in diesem Gebiet nicht aus.
Powered by vBulletin® Version 4.2.3 Copyright ©2026 Adduco Digital e.K. und vBulletin Solutions, Inc. Alle Rechte vorbehalten.