Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Stehe vor Zweitstudium. Wie stressig ist die Facharztausbildung?
Hi Sonic, ich schrieb ja, dass ich mich mit dem Studium und der Finanzierung bereits tiefgruendig befasst habe und mich eben nicht allzusehr mit der Facharztausbildung beschaeftigt habe.
Ich wollte nochmal das Thema Familienplanung ansprechen.
Ganz ehrlich: das Studium ist sowas von chillig und flexibel im Vergleich zur Facharztweiterbildung. Ja, es gibt Praktika und ja es gibt anwesenheitspflichtige Sachen. Aber man kann teilweise Sachen vorziehen, nachholen, alles auf ein Semester mehr verteilen etc. In der Facharztweiterbildung ist man meist Vollzeit gebunden und Vollzeit heißt nicht 40h/Woche. Vollzeit heißt eher so Richtung gut 50h/Woche im Schnitt bei Einteilung, Arbeitszeitbeginn, Arbeitszeitende etc. vorgegeben durch den Arbeitgeber. Ich kenn genug die ihre Kinder während des Studiums bekommen haben, die waren dann weniger feiern, aber danach war es bei denen deutlich entspannter. Wenn die Kinder erstmal Richtung Kindergarten/Schule sind und man eine einigermaßen Umgebung mit guten Betreuungsmöglichkeiten hat, dann kann diese Variante auch ganz gut sein. Nur als Vorschlag.
Leucovorin
28.12.2021, 23:28
Bzgl. Chilliges Studium: Ich fands im ersten Jahr überhaupt nicht chillig, bei uns sind 50% des Semesters durch Klausuren gefallen im 2. Semester. Auch noch Jahr 2 und 3 hatten viel Lernstoff. Wir hatten ein ziemlich verschultes Studium. Morgens Vorlesungen und nachmittags bis abends Pflichtveranstaltungen bzw. andersrum auch mal. Man könnte höchstens die Vorlesungen sausen lassen und es sich selbst anlesen.
Nach der Zwischenprüfung im Klinikteil wars dann so wie von Anignu beschrieben extrem chillig. Es gab sogar ein Freisemester, wo man die Promotion beginnen sollte oder bei Desinteresse an Promotion eine Zeit im Ausland verbringen konnte, Famulaturen machen konnte usw. Die Vorlesungen mancher Kliniken waren (insbesondere Chirurgische Fächer) unter aller Sau, die Klausuren bestanden meist zu einem großen Teil aus Altfragen und Lehrbuchwissen. Meist reichte es die Vorlesungen durchzulesen ein paar Tage vor der Klausur. In den 3 Jahren könnte man tatsächlich Kinder bekommen, wenn man denn Eltern und Co hat, die mithelfen und auf das Baby aufpassen, wenn Veranstaltungen sind. In unserem Semester hat das eine Kommilitonin gemacht. Sie musste öfters die Vorlesungen verlassen, weil das Baby schrie...also auch nicht so optimal. Auch kann ich mir nicht PJ mit Baby vorstellen. Das spielt dann im OP Vorraum? Wenn man ein Studium mit vielen Anwesenheitsterminen hat (in der Regel: Seminare, Praktika, PJ, Famulatur, Blockpraktika), ist es nicht ideal mit Baby. Leider.
Feuerblick
29.12.2021, 06:19
Och, wenn du eine Betreuung hast und ein PJ-Haus, das halbwegs elternfreundlich ist, dann geht auch PJ mit Kleinkind. Mitnehmen kannst du es natürlich nicht. Aber es soll ja gerüchteweise Kita etc. geben, wo so ein Zwerg untergebracht werden kann. ;-)
Und wenn dann die Vorgesetzten noch mitspielen, falls das Kind mal früher aus der Kita muss oder krank ist, dann ist das kein Problem. Habe ich bei mehreren Kommilitoninnen so erlebt. Und das war in den frühen 2000ern als eigentlich noch niemand auf Mütter/Väter Rücksicht genommen hat.
Warum geht man in Vorlesungen, die schlecht sind? Ich habe früh (schon in der Vorklinik) die meisten Vorlesungen sausen lassen, weil ich mir den Kram selbst schneller anlesen konnte. Nur einige wenige Vorlesungen, die entweder gut oder klausurrelevant waren, habe ich in all den Jahren besucht. Insofern hat sich das Verschulte dann auch erledigt.
Will sagen: Es geht alles, wenn man ein bisschen flexibel ist.
roxolana
29.12.2021, 06:43
Studieren mit Kind ist easy, die Königsdisziplin ist dann aber der Berufseinstieg mit Kind. Kenne einige Kommilitoninnen (inkl. mir selbst), die daran verzweifelt sind.
Also ganz ehrlich: was glaubt ihr was ich im PJ alles nebenbei gemacht hab. Es gab ein Tertial das mich interessiert hat, da war ich sicher deutlich mehr als 40h/Woche und ein Tertial das mich weniger interessiert hat in dem ich weniger war. Das geht schon. Man muss sich ja auch nicht die PJ-Stellen an der Uni raussuchen bei denen der PJler nen Piepser bekommt damit er während der Mittagspause gleich wieder angepiepst werden kann um sofort wieder in den OP zu gehen. Völlig lächerlich sowas. Also ob man nicht mal drei Sekunden ohne PJler operieren könnte. Wir haben grad auch PJler die Kinder haben und ganz ehrlich: so viel sehen wir die nicht. Kommen nicht immer pünktlich morgens und sind am Nachmittag schon sehr früh weg. Interessiert es jemanden? Nicht wirklich. Natürlich wird gelästert. Das kann denen aber egal sein. Sie werden nie Chirurgie machen, es kann ihnen egal sein ob jemand glaubt dass sie sich nicht engagieren...
Leucovorin
29.12.2021, 19:28
Naja...wofür ist das PJ dann da? ..spät kommen und früh gehen..wenig Lerneffekt :-oopss . Das PJ ist auch nur 1 Jahr des Studiums.
Nochmal zu studieren mit Kind: Ja das geht, wenn man gut organisiert ist, ne Kita hat und noch Großeltern und Co hat, die sich um das Kind kümmern im Klinikteil des Studiums. Vor der Zwischenprüfung würde ich davon abraten wegen des hohen Lernpensums.
Hinzukommt, dass man als Klinik-Student/PJ/Famulant genau 0 Euro verdient und dann auch noch ein Kind ernähren und ausrüsten darf...etwa mit dem Nebenjob abends oder am WE? Hier brauch man auch wieder Hilfe von Eltern & Co.
Versteht mich nicht falsch. Ich fände es gut, wenn man Arbeit im Krankenhaus auch als Hilfskraft minimal vergütet bekommt und Kinder kriegen in der Gesellschaft einfach wäre und kein Problem darstellen würde z.B. mit kostenfreier verfügbarer Krippe/Betreuung. Meine letzte Kollegin mit Kind und Halbtagsstelle wollte ihr Kind nicht in der Krankenhauskita betreuen lassen aufgrund der Zustände dort. Ein anderer Kollege (OA..) hat garkeinen KITA Platz bekommen in der Klinik damals.
Und das Studium könnte man offensichtlich straffen. Gerade das PJ ist dann doch ausufernd lang. Oder man professionalisiert ist als eine Art Unterassistent mit Festanstellung und festen Aufgaben. In der jetzigen Form bringt es wenig in seiner Länge.
In meinem Innere Tertial in der Uni war das übrigens ebenso üblich. Direkt zur Station Blutabnehmen, Aufnahmen versorgen mit Zugang, Anamnese/Untersuchungsbogen ausfüllen, Briefe mussten wir nicht machen...das reichte den Assis dort und wir konnten so mittags- nach dem Essen weg.
In den meistens Kliniken wird das PJ mittlerweile bezahlt. Ich habe bis zu 600 €/Monat verdient. Kein Vermögen aber besser als nichts.
Mit mir haben insgesamt drei Mütter PJ gemacht. Zwei haben ihr Kind im 10. Semster bekommen, eine von den beiden hat direkt weiterstudiert, die anderen ein Semester Pause gemacht. Die Dritte der Mütter hatte bereits 3 Kinder im Grundschul- und Kitaalter. Die kamen mal später, sind mal früher gegangen und haben auch mal gefehlt bei krankem Kind. Hat keinen besonders interessiert. Und in aller Regel gibt es auch noch einen Vater, der sowohl finanziell als auch zeitlich seinen Beitrag leistet. Gab auch noch mehr Eltern in meinem Semester, die sind heute auch alle Ärzt*innen.
Berufseinstieg ist außerhalb von Berlin auch nicht ganz so hoffnungslos. Alle mir bekannten Mütter (und Väter) haben den Berufseinstieg gut geschafft, teilweise auch in Teilzeit.
Colourful
29.12.2021, 20:03
Wahrscheinlich ist dieses *außerhalb von Berlin* wirklich wichtig. Dann geht das . Und wenn man nicht gerade nur 8-12 arbeiten kann und will, dann geht das teilweise auch alleinerziehend und ohne Großeltern.
Es gibt ja Betreuungsmöglichkeiten und ganz ehrlich, wenn man sich nicht komplett dumm anstellt und nicht gerade Chirurgie machen will, sondern vielleicht da tatsächlich etwas familienfreundlicheres macht, dann kann man auch als Berufsanfänger in Teilzeit anfangen. Aber nicht unbedingt in 50%, sondern vielleicht eher in 75%, da ist die Lernkurve und die "Brauchbarkeit" schon höher.
Also ich finde das immer interessant, wie gesagt wird, dass das Studium so gut ist, um Kinder zu bekommen . Also ich weiß ja nicht, was ich in meiner PJ-Wahl falsch gemacht habe.. aber als meine Kleine ihren Krippenstart diesen Sommer hatte, hat sie natürlich jeden Keim mitgebracht. Dabei war auch RSV dabei und der Chef meinte, dass ja mein Mann zu Hause bleiben kann. Ich soll natürlich zum PJ antanzen. Und nein es ist nicht in Berlin sondern ein kleines Kreiskrankenhaus in Brandenburg. In der Chirurgie war es ebenso streng, wo ich nicht unbedingt die optimalsten Bedingungen hatte. Da habe ich dir Assistentinnen, deren Kinder auch RSV hatten, sich problemlos Kind krank melden konnten, beneidet. Diese Zerrissenheit ist für mich emotional super anstrengend gewesen. Insgesamt habe ich nicht unbedingt mehr Toleranz als meine Mit-PJler bekommen. Es sind übrigens unterschiedliche Kliniken gewesen. :)
Und insgesamt finde ich, dass man ja den finanziellen Aspekt nicht vergessen darf. Als Student bekommt man 300 € Elterngeld im Monat. Da habe ich schon den ein oder anderen beneidet, der volles Elterngeldgehalt bekommen hat.
Und die gefühlt direkt im Nacken sitzenden Prüfungen nach dem Wochenbett waren jetzt auch kein Zuckerschlecken.
Alles hat Vor- und Nachteile.
Klar habe ich an den Kursen rumgespielt und konnte letztendlich mit Baby auch weiter wie gehabt studieren und das 10. Semester beenden, aber ob es entspannt war? Definitiv nein. Viele schlaflose Nächte ( vor allem wegen des Lernens !).
Diese Zerrissenheit ist für mich emotional super anstrengend gewesen.
Ist das dann in der Facharztweiterbildung besser?
Klar habe ich an den Kursen rumgespielt und konnte letztendlich mit Baby auch weiter wie gehabt studieren und das 10. Semester beenden, aber ob es entspannt war? Definitiv nein. Viele schlaflose Nächte ( vor allem wegen des Lernens !).
Ist eine Facharztweiterbildung mit Baby entspannt? Definitiv auch nein. Ich wollte nur ein paar Möglichkeiten erwähnt haben. Einfacher wäre es wenn man alles abgeschlossen hat und dann Teilzeit... usw. halt. Wenn sich das Leben halt immer so planen ließe...
Leucovorin
29.12.2021, 23:29
In den meistens Kliniken wird das PJ mittlerweile bezahlt. Ich habe bis zu 600 €/Monat verdient. Kein Vermögen aber besser als nichts.
Bei 600€/Monat kann man schon etwas mehr erwarten: z.B. dass jmd. pünktlich kommt und einige Aufgaben übernimmt. Da wäre ich nicht mehr so locker.
An meiner ehemaligen Uniklinik waren es letztes Jahr unverändert 225/Monat (=900/Quartal, offiziell das Essensgeld). Und es werden immer noch 10 PJler gleichzeitig für die Allgemeinchirurgie eingeplant:-D. Inwiefern das für wen sinnvoll ist, darüber kann man diskutieren.
Mit mir haben insgesamt drei Mütter PJ gemacht. (..) Und in aller Regel gibt es auch noch einen Vater, der sowohl finanziell als auch zeitlich seinen Beitrag leistet. Gab auch noch mehr Eltern in meinem Semester, die sind heute auch alle Ärzt*innen.
Bei mir warens doch 2 im PJ. Eine hat bei ihrem Mann im Krankenhaus PJ gemacht und musste da nicht so oft erscheinen. Allerdings war sie auch schon älter und irgendwann muss man mal mit Kindern anfangen. Bei der anderen weiß ich es nicht. Sie kam auch mit dem Baby zu Vorlesungen.
Ich hatte ja bereits gesagt, dass man einen finanzkräftigen Background braucht wie den Mann, der gut verdient oder die Großeltern die Zeit +-Geld haben sowie die Tagesmutter/Kita, ggfs. Putzfrau, ggfs. Kinderfrau, ggfs. Au Pair, die man bezahlt. Nebenbei begibt man sich in eine finanzielle Abhängigkeit und zieht bei Unstimmigkeiten öfter mal den Kürzeren, wenn die Finanzen weiter ungestört fließen sollen.
Nur wenn man jetzt mit einem weitgehend mittellosen Studenten im selben Semester ein Kind bekommt und die Eltern weit weg wohnen/auch nicht sehr wohlhabend sind, wird es weniger einfach.
Wenn es 2-3 Leute im Semester machen, ist das letztendlich auch eine Minderheit, sprich es wird von einer Vielzahl der Studenten als nicht ganz so einfach eingeschätzt.
Berufseinstieg ist außerhalb von Berlin auch nicht ganz so hoffnungslos. Alle mir bekannten Mütter (und Väter) haben den Berufseinstieg gut geschafft, teilweise auch in Teilzeit.
In und um Berlin sollte man den Berufseinstieg gut schaffen. Meine Bekannten aus dem ehemaligen Semester haben alle den Einstieg geschafft, teilweise in Berlin, teilweise auch ganz woanders :-bee
Wenn man Teilzeit arbeitet, verlängert sich jedoch auch die Weiterbildung. Sprich man arbeitet 50%, dann sind es 10 Jahre Weiterbildung mindestens. Jahre in Elternzeit zählen natürlich nicht als Weiterbildung.:-nix
Osteosynthese
30.12.2021, 14:29
Ist die Weiterbildung in Berlin sehr verrufen, weil die Stadt so beliebt ist oder wie darf man das verstehen ?
_calendula_
30.12.2021, 15:03
Größtenteils nur Gerede.
Jede Region hat ihre Eigenheiten. Am Ende gibt es überall Kliniken und Praxen mit guter oder schlechter Weiterbildung und Arbeitsbedingungen.
Größtenteils nur Gerede.
Jede Region hat ihre Eigenheiten. Am Ende gibt es überall Kliniken und Praxen mit guter oder schlechter Weiterbildung und Arbeitsbedingungen.
Charité ist halt so eine Sache. Die Leute, die ich da kenne, haben durch die Bank katastrophale Arbeitsbedingungen.
Ist die Weiterbildung in Berlin sehr verrufen, weil die Stadt so beliebt ist oder wie darf man das verstehen ?
Berlin ist trotz allem immer noch eine sehr beliebte Stadt mit großem Bewerberandrang. Da ist man als Mutter, ggf. noch mit Wunsch nach Teilzeit, nicht unbedingt der beliebteste Bewerber. Dafür haben die meisten Kliniken halt noch genug Bewerbungen von jungen ungebundenen Leuten auf dem Tisch liegen.
Leucovorin
30.12.2021, 16:12
Größtenteils nur Gerede.
Jede Region hat ihre Eigenheiten. Am Ende gibt es überall Kliniken und Praxen mit guter oder schlechter Weiterbildung und Arbeitsbedingungen.
Dito. Aber klar ist der Bewerberandrang hier höher als mitten in der Provinz.
Osteosynthese
30.12.2021, 16:30
Dafür haben die meisten Kliniken halt noch genug Bewerbungen von jungen ungebundenen Leuten auf dem Tisch liegen.
Wird wahrscheinlich für den Großraum München nicht anders aussehen :-nix
Colourful
03.01.2022, 16:38
Und in Hamburg auch nicht. Eine Freundin von mir pendelt dann eben halt in die Pampa nach SH, um Teilzeit zu arbeiten. Oder man fängst erstmal mit weniger beliebten Sachen an.
Es ist aber auch noch immer ein großer Unterschied, ob ich 50% oder 75% arbeiten kann.
McLaren422
11.01.2022, 15:48
Also das mit dem zu Hause nichts lernen müssen während der Facharztausbildung kann ich so nicht unterschreiben. Wir in der Strahlentherapie werden fast wöchentlich dran erinnert, dass wir nach Feierabend daheim noch ca. 1-2h täglich lernen sollen. Es wäre inakzeptabel, wenn wir das nicht machen, learning by doing reicht laut Chef nicht.
Aber: Die Strahlentherapie wird während dem Studium fast gar nicht behandelt und wir haben aber auch gute Arbeitszeiten (kaum Überstunden, keine Dienste).
Kann mich allerdings nur schwer dazu motivieren, bin oftmals halt müde nach so einem Arbeitstag. Es ist eine andere Nummer wie studieren, wo man mal Vorlesungen ausfallen lassen konnte oder sich Auszeiten gönnen konnte. Auf Arbeit muss man (mindestens) 8 Stunden voll dabei sein, Verschnaufpausen gibt es, sind aber nicht so häufig wie zu Studentenzeiten.
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