PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Arbeitsauslastung - zwischen Chillen und Pausen durchhetzen



medokrates007
03.01.2022, 18:09
Hallöchen allerseits,

ein etwas provokanter Titel, dennoch würde ich gerne mal wissen wie eure tatsächliche Arbeitsauslastung als Arzt/Ärztin ist. :)
Stimmt das Klischee vom stressigen Alltag mit vielen Überstunden (die nicht erfasst werden) und Pausenzeiten die nicht eingehalten werden können? Oder ist es Standort abhängig? Oder existiert gar auch das Gegenteil?

Wie sind eure Arbeitszeiten und wieviel % davon arbeitet ihr wirklich durch?
Gibt es bei euch auch mal Zeiten wo ihr euch mal entspannt ins Büro zurückziehen könnt um "Papierkram" zu erledigen?
Entspannte Meetings / Besprechungen mit Kollegen? Einfach mal ein bisschen Quatschen mit Kollegen / Pflege?
Oder mal Zeit um etwas nachzulesen? Mal gemütlich das Pausenbrot essen?
Wie verbringt ihr eure Pausen? Gibt es einen Pausen / Gemeinschaftsraum bei euch? Gibt es Besonderheiten wie einen Billardtisch oder gibt es sowas nur in den USA? Gibt es freundschaftliche Beziehungen am Arbeitsplatz?

Oder arbeitet ihr jeden Tag +100% konzentriert durch bis ihr abends müde ins Bett fällt?


Ich möchte damit niemanden angreifen. Für mich persönlich wären das alles Dinge, die den Arbeitsalltag bereichern würden. In vielen Unternehmen der "freien Wirtschaft" mit einer mitarbeiterfreundlichen Kultur ist sowas Standard. Von Bekannten mit "typischen Bürojobs" höre ich häufiger mal, dass die Arbeitsauslastung selten bei 100% ist (konzentriertes erledigen der Aufgaben) und mal im Internet gesurft wird etc.

lg, ein Student

tragezwerg
03.01.2022, 18:28
Alle Punkte, die du nennst, sind massiv vom Fach und dann noch von der jeweiligen Abteilung abhängig, der Personaldecke, etc. pp.. Du wirst also vermutlich sehr viele unterschiedliche Berichte bekommen.
Mein Arbeitsalltag (Anästhesie) enthält beispielsweise so gut wie keine Schreibtischtätigkeiten oder klassische Stationsarbeit, dafür sitze ich halt alleine in meinem OP-Saal und habe wenig bis keinen Kontakt mit ärztlichen Kollegen aus meiner Abteilung. In meiner Klinik gehe ich meist pünktlich heim, Überstunden werden von mir selbst dokumentiert und vergütet bzw. abgefeiert. Ich generiere Überstunden hauptsächlich durch Bereitschaftsdienste, als Vollzeitkraft kam ich dadurch auf 55+ Wochenstunden, ungeplantes Längerbleiben ist in meiner Abteilung zum Glück selten.
Dass ich ohne Beschäftigung rumsitze passiert eigentlich nie.
Innerhalb der Abteilung gibt es viele Freundschaften, allerdings arbeite ich in einer sehr großen Abteilung, sodass ich gar nicht jeden Kollegen kenne.

Fr.Pelz
03.01.2022, 19:15
Ja das ist wirklich sehr unterschiedlich. Ich hab bis jetzt in 3 Kliniken gearbeitet und dort in verschiedenen Abteilungen und während zb in einem Klinikum die eine chirurgische Abteilung echt ziemlich anstrengend war, meist ohne Pause, in den Diensten reines Durchhetzen- war die andere chirurgische Abteilung tatsächlich gechillt. Wir haben uns öfter zusammen hingesetzt (waren auch nur 4 Menschen) Kaffee getrunken und die Oberärzte haben uns Assistenten fachlich-kollegial weitergebildet. Dann kam man natürlich auch manchmal auf die Weltpolitik, Kuchenrezepte oder Autoreparaturen zu sprechen.... :-D
Es kommt auch sehr darauf an, wie man sich organisieren kann. Ich habe aus familiären Gründen großen Wert auf pünktlichen Feierabend gelegt und daher alles was ich irgendwie an Multitasking, Vereinfachung und Optimierung aufwenden konnte gemacht. Zb die weitläufigen Wege zum Telefonieren genutzt, Textbausteine in Briefen optimiert, schon den nächsten Patientenverband entfernt, während der Kollege noch mit dem letzten redete etc... Manch einer WILL so auch nicht arbeiten, das ist also auch persönlichkeitsabhängig.
Zuletzt in der Reha-Klinik war es SEHR gechillt, da hatte ich auch viel Zeit zwischendrin, Fachbücher zu lesen oder mit den Kollegen zu reden.

McLaren422
03.01.2022, 22:20
In der Strahlentherapie arbeite ich von 8 bis 16:30 Uhr, mein längstes war 17:30 Uhr, manchmal kann man schon um 15:40 Uhr gehen, ist aber eher selten. Je nach Tag ist die Arbeitsintensität unterschiedlich. Dass ich mal was fachfremdes mache, kommt schon vor, ist aber in der Regel 15-30 Minuten pro Tag, ich habe immer wieder Zeiten, in denen ich es lockerer angehen lassen kann. Selten wird es jedoch so stressig, dass ich nicht weiß, was ich als erstes machen soll. Man findet immer wieder Zeitfenster, in denen man Briefe schreiben kann. Pause mache ich immer, das habe ich mir angewöhnt, aber ab und zu ist sie kürzer als 30 Minuten.
Ausgiebige Tratscherei oder Kaffeepausen mache ich aber nicht, ich will lieber meine Arbeit gut durchkriegen und rechtzeitig heim. 100% hochkonzentriert durcharbeiten mache ich nie, ist auch nicht möglich, da wird man nach ein paar Stunden ineffizient.

Da ich aber bald woanders hinrotiere, könnte sich das oben genannten ändern.

Mit meinen Kollegen habe ich gute Beziehungen, wirkliche Freundschaften habe ich aber nicht mit Ärzten, sondern mit Physikern oder MTRAs (eher weiblich :D ).

anignu
03.01.2022, 23:47
Wie sind eure Arbeitszeiten und wieviel % davon arbeitet ihr wirklich durch?
Gibt es bei euch auch mal Zeiten wo ihr euch mal entspannt ins Büro zurückziehen könnt um "Papierkram" zu erledigen?
Entspannte Meetings / Besprechungen mit Kollegen? Einfach mal ein bisschen Quatschen mit Kollegen / Pflege?
Oder mal Zeit um etwas nachzulesen? Mal gemütlich das Pausenbrot essen?
Wie verbringt ihr eure Pausen? Gibt es einen Pausen / Gemeinschaftsraum bei euch? Gibt es Besonderheiten wie einen Billardtisch oder gibt es sowas nur in den USA? Gibt es freundschaftliche Beziehungen am Arbeitsplatz?
Oder arbeitet ihr jeden Tag +100% konzentriert durch bis ihr abends müde ins Bett fällt?
Chirurgie:
Beginn 7:15, Ende unterschiedlich, meist Richtung 17 Uhr. + Dienste
%: keine Ahnung. Durcharbeiten nicht, ich hab inzwischen einen Arbeitgeber bei dem man auch als Chirurg
Mittagessen geht. Fand ich zunächst ungewöhnlich, aber man gewöhnt sich dran.
"Rückzugszeiten" hätte ich mir immer wieder gewünscht. Wo man das Telefon in die Ecke knallt, sich sonstwo ..., auf jeden Fall wo man einfach mal den Papierkram ohne Unterbrechungen machen kann. Ist schwierig. Klappt manchmal, kann man versuchen durchzusetzen, aber ist eher schwierig.
"Entspannte Meetings"??? Meeting ist eigentlich ein Synonym für "sinnlose Hölle" in der Klinik. Man sitzt dann irgendwo drin, irgendwelche Leute labern, es ändert sich eh nix, die Entscheidungen werden eh woanders getroffen, es hält von der eigentlichen Arbeit ab und man darf die eigentliche Arbeit dann nacharbeiten.
Besprechungen mit Kollegen: wenns wichtig ist nimmt man sich die Zeit, ebenso mit der Pflege. Im Dienst gibt es wiederum immer Phasen in denen es mal ruhiger ist (nicht in jedem Dienst) und dann kann man schon sehr viel mit anderen Leuten ratschen. Ich nehm mir auch manchmal die Zeit wenns sein muss. Wenn ich selbst oder ein Kollege "Seelenpflege" braucht. Ehrlich gesagt hilft das einem auch dass man dann wieder weiter arbeiten kann.
Sinnvoll Nachlesen geht fast gar nicht während der Arbeitszeit. Zumindest nicht als AA. Richtung OA schon eher.
Mittagspause ist bei uns einfach in der Kantine/Cafeteria/wie auch immer das heißt. Wo es Essen gibt halt. Und da macht man Pause, ratscht und isst.
Billardtisch, Kicker, sonstwas gibt es nicht. Das ist eher was für Tech-Start-Ups die hipp sein wollen.
"Freundschaftliche Beziehungen"... gemischt. Gibt es, ich bin halt bei Freunden prinzipiell eher wählerisch daher auch dort. Eher mehr Beziehung sieht man in der Klinik auch immer mal wieder. Muss jeder selbst wissen.
Das mit dem 100% konzentriert kannst du dir sowohl in der Chirurgie als auch Inneren mal getrost abschminken. Chirurgie und Innere in Krankenhäusern der regulären Versorgung sind Chaosmanagement den ganzen Tag. Den ganzen Tag läutet dein Telefon und du bist den ganzen Tag am Priorisieren und am Organisieren. Am Anfang ist das schlimm und daher liest du auch von jüngeren Kollegen dass sie keinen Bock mehr haben. Mit der Zeit wird das besser, aber es bleibt bei ständigen Unterbrechungen und einem ständigen "sich selbst organisieren". Und da gibt es dann Leute die das besser machen und andere... Ich bin oft ganz froh wenn es dann mal 16 Uhr wird und die Telefonate weniger werden. Dann hat man endlich mal Zeit runter zu kommen und nochmal drüber nachzudenken was man alles noch zu tun hat oder vergessen hat um dann doch noch zufrieden heim zu gehen. Wäre ich gezwungen um 16 Uhr auszustempeln wär das für mich blöd. Ich brauch die Zeit noch in der Klinik um vom Tag wieder runterzukommen...

nie
04.01.2022, 09:28
In der Akutmedizin kommt halt auch einfach immer der Faktor Patient dazu. Ich arbeite in der Inneren. Es gibt Tage, da ist alles ganz gechillt, nach der Übergabe trinken erstmal alle zusammen Kaffee und man quatscht über nicht-medizinisches Zeug. Hatte auch schon Spätdienste, in denen ich mit den Kollegen die meiste Zeit irgendwelche Quatsch gemacht habe und nur ein bisschen Papierkram weggearbeitet wurde. Oder ich hab die halbe Nacht mit der Pflege gekocht, Kaffee getrunken, Karten gespielt usw.

An anderen Tagen fliegt einem halt alles um die Ohren, mehrere Patienten machen gleichzeitig Probleme, man muss Verlegen um dann neue Patienten aufzunehmen, ständig ruft jemand an und will irgendwas, man muss als ITS-Arzt noch zwischendurch zum hausinternen Notfall rennen usw. und irgendwann ist der Dienst zuende und man war nichtmal auf der Toilette. Ist aber kein Problem, man hat ja auch nichts getrunken…. Konzentriert durcharbeiten würde ich das nicht nennen weil man eigentlich ständig zwischen irgendwelchen Sachen springt und dazu noch dauernd das Telefon klingelt aber man verbringt den Großteil der Zeit tatsächlich mit arbeiten.


Ich arbeite überwiegend Schichtdienst und meine Arbeitszeiten variieren dementsprechend. Da die Schichten aber überlappend geplant sind, geht man in 95 % der Fälle pünktlich nach Hause.

Freundschaften gibts es natürlich auch in der Klinik. Man verbringt schließlich auch viel Zeit mit den Leuten da. Manche legen da halt mehr Wert drauf, andere weniger.

In Sachen Meetings bin ich ganz bei anigu. Die meistens Meetings sind sinnlose Lebenszeitverschwendung. Ich habe unsere Mittagsmeetings gehasst. Auch wenn’s es da immer was zu Essen gab. Aber es hat nur Zeit gekostet und nichts gebracht. Da kann ich gut drauf verzichten und bin auch froh, dass diese ausufernden Besprechungen dank Covid deutlich minimiert wurden.

Billiardtisch und Co. brauch ich persönlich nicht daher fehlt mir das in der Klinik auch nicht. In den 10 Jahren, die ich beim Rettungsdienst gearbeitet habe, habe ich den rumstehenden Kicker nur benutzt um meinem Jacke aufzuhängen…

Bonnerin
05.01.2022, 08:02
Kicker und Billiardtisch wird man leider vergebens suchen. Ich hatte in der Anästhesie einen Alltag, der dem von tragezwerg recht ähnlich war.

Inzwischen bin ich aber nicht mehr in der Patientenversorgung tätig, sondern in einem "klinisch-theoretischen Fach".

Bei uns gibts tatsächlich TelKos, Zoom-/TEAMS-Calls und Meetings. Da die aber fast alle virtuell sind kann man parallel einfach normal weiterarbeiten. Ich finde das ehrlich gesagt auch viel angenehmer, einen Tag in diversen calls zu sitzen als Visite o.ä. machen zu müssen. Ansonsten viel telefonieren und teils auch organisieren. Das war in der Klinik genauso.

Pause ist eigentlich immer möglich, i.d.R. gemeinsames Essen in der Kantine. Ich kann erstmal nicht groß klagen, auch wenn viel zu tun ist dank Covid.

fxf90
05.01.2022, 18:41
Ich kann und konnte sowohl in der Psychiatrie als auch in der Neuro-Reha gemütlich Kaffee trinken und paar Worte quatschen mit der Pflege, das mag ich total. Wenn ich das nicht hätte, wäre ich auch nicht mit Freude und Konzentration dabei. Meine eine Kollegin macht das nicht, macht auch ihre Pause mit PC-Arbeit und braucht dennoch länger als ich. Priorisieren ist (für mich) das Zauberwort. Und delegieren.