Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Statistik-Newbie: R oder SPSS?
Nefazodon
19.02.2022, 20:09
Hallo liebe Forengemeinde,
ich beschäftige mich momentan mit meinem Langzeitprojekt Promotion.
Aktuell bin ich in meiner Promotionsarbeit noch in der Datenerhebungsphase. Falls aber alles gut geht, soll in ca. einem Jahr die Auswertung der Daten anstehen.
Mir wurde gesagt, dass es mir überlassen bleibt, welches Programm ich dann dazu nutze, R oder SPSS.
Viele Studierende an der hiesigen Uni würden SPSS nutzen, die Statistikerin in meinem Team sagt aber, sie würde R stark bevorzugen....
Ich bin ehrlich: ich habe keine Ahnung.:-nix
Allerdings habe ich jetzt noch ein Jahr, um mir Basiskenntnisse anzueignen.
Was würdet ihr mir raten, welches Programm sollte ich nutzen?
Und damit verbunden die Frage: Kennt ihr gute Online-Tutorials oder Bücher, die mir den Einstieg in das jeweilige Programm ermöglichen würden? Irgendwelche "Geheimtipps"?
Ich bin für jeden Rat sehr dankbar!
Ich würde mich an das halten, was deine Expertin für gut hält. Bei uns nutzt das Institut für Epi und Biometrie für die Studenten SPSS, selber stehen viele auf R. Aber wenn du ihr Ideen aus deiner Skriptsprache schicken willst oder sie dir, ist es echt anstrengend, das von R auf SPSS oder umgekehrt umzuwandeln.
Beide Sprachen bieten sowohl Skriptsprache an als auch eine GUI (in R zB über den R-commander).
Meine Uni bietet beispielsweise Video-Tutorials zu beiden Systemen an, vielleicht gibt es bei dir ja ähnliches, auch auf coursera, edx usw werden entsprechende Kurse angeboten.
Je nach dem kostet SPSS Geld, bei uns ca. 70€ pro Jahr, möglicherweise übernimmt das Institut das aber oder du hast die Möglichkeit, vor Ort zu arbeiten. R ist im Allgemeinen kostenlos und open source, als Anwendungsprogramm bietet sich RStudio an
Nefazodon
20.02.2022, 17:56
Vielen Dank für deine Antwort, h3nni!
Arbeitest Du selbst (oder hast Du gearbeitet...) mit einem der Programme oder mit beiden, und könntest mir sagen, welches Du besser findest?
Passende Kurse an meiner Uni habe ich leider noch nicht gefunden, werde die Suche aber auch nochmal intensivieren.
Hast Du Erfahrung mit den Kursen der von dir genannten Onlineanbieter? Nicht zwingend nur bezogen auf die Statistikprogramme sondern auch allgemein?....
Bin schonmal über das Angebot von einem der beiden gestolpert, aber habe dann doch gezögert mich anzumelden...
Ich habe die Kurse unserer Biometriker zu SPSS besucht und zu R einen online-Kurs des Rechenzentrums gemacht. Ich fand beide Programme tauglich, habe aber ehrlich gesagt nicht tiefgreifend mit beiden gearbeitet. Bezüglich Nachvollziehbarkeit wäre es sinnvoll, alle aufgeschriebene Syntax zu speichern, das ist in R vermutlich einfacher, da man tendenziell eher in Syntax schreibt.
Ich mache gerade auf coursera einen Kurs zu Statistik im Allgemeinen von Daniel Lakens (https://www.coursera.org/learn/statistical-inferences/home/welcome) und kann den Kurs an sich sehr empfehlen, kostet auch nichts. Wenn man ein Zertifikat will oder besondere Kurse machen möchte, kann das aber auch anders sein. Die Kurse sind eigentlich nicht von den Plattformen selbst, sondern diese bieten quasi den Marktplatz für Dozenten und Studenten.
Autolyse
21.02.2022, 17:57
Das kommt ein bisschen darauf an was dein Ziel ist. Wenn Du ein bisschen deskriptive Statistik und einen t-test rechnen willst, dann wird R überdimensioniert sein. Wobei ich mir dann auch SPSS sparen würde und PSPP als Open-Source-Alternative nutzen würde. Wenn Du dagegen Markov-Chain-Monte-Carlo-Verfahren, Bootstrap oder nichtlineare Regression nutzen willst, dann bietet sich R an. Bei R müsstest Du Dir darüber hinaus überlegen was Du machen willst: Base R oder dplyr?
Das kommt ein bisschen darauf an was dein Ziel ist. Wenn Du ein bisschen deskriptive Statistik und einen t-test rechnen willst, dann wird R überdimensioniert sein. Wobei ich mir dann auch SPSS sparen würde und PSPP als Open-Source-Alternative nutzen würde.
Was spräche denn bei basalen Sachen gegen Excel?
Autolyse
21.02.2022, 18:57
Prinzipiell nichts, aber persönlich finde ich da PSPP komfortabler, gerade wenn die Datenmenge größer wird. Dazu sollte man nicht vergessen, dass Excel gerade dann immer wieder zur Quelle unerfreulicher Kodierungsfehler (https://statmodeling.stat.columbia.edu/2016/09/24/a-break-in-the-thin-blue-line/) wird.
An Kodierungsfehler glaube ich nicht mehr, seitdem Gen-Namen umbenannt wurden wegen Excel... (https://www.sueddeutsche.de/digital/microsoft-excel-genforschung-namen-1.4992440)...
Wobei meine Meinung von oben bleibt: wenn das Team mit R arbeitet (egal welche Version usw), würde ich da bleiben, um möglichst gut reinzupassen und guten Support erhalten zu können.
Ganz ehrlich ich würde das Programm nehmen, welches in der Abteilung benutzt wird. So kann man dir unkompliziert helfen und hat einige Tricks oder vielleicht sogar Vorlagen für die Auswertung.
Endoplasmatisches Reticulum
21.02.2022, 22:59
Eine statistische Dissertation mit Excel machen zu wollen, ist wie eine experimentelle Dissertation mit dem Galileo-Chemiebaukasten …
Was die Präferenz der Betreuerin angeht solltest du erst abklären, wie intensiv die Betreuung wirklich ist, und ob sie beide Programme beherrscht und nur R bevorzugt oder ob es das einzige Tool ist mit dem sie umgehen kann.
Bezüglich der Frage welches Tool du wählen solltest wurde ansonsten eigentlich alles gesagt. R bietet mehr Möglichkeiten und es gibt mehr Onlineressourcen um es zu lernen, außerdem ist es Open Source und kostenlos. Bei SPSS handelt es sich um eine sehr spezialisierte und eben auch kostspielige Software. Wobei R auch ziemlich spezialisiert ist, solltest du später aus deinem Modell eine App oder ein Programm machen wollen über die neue Daten von Nutzern eingegeben und das Modell damit ständig aktualisiert wird würde ich eher zu was anderem wie Python raten. Aber das scheint hier ja nicht der Fall zu sein.
Weißt du denn schon, wie komplex die Analysen werden sollen, und welche Modelle du für die erhobenen Daten anwenden willst?
MissNightingale
22.02.2022, 22:50
Ich kenne R persönlich nicht, aber will dir nur kurz den Hinweis da lassen, mal zu prüfen, ob es SPSS vielleicht an deiner Uni gratis gibt. An meiner Uni ist die Jahres-Lizenz aufgrund der Pandemie gerade kostenlos. Ich nutze es für meine DA und konnte so ein bisschen was sparen :)
Autolyse
23.02.2022, 00:07
Eine statistische Dissertation mit Excel machen zu wollen, ist wie eine experimentelle Dissertation mit dem Galileo-Chemiebaukasten …
Wobei das wenigstens eine ehrliche Aussage zur Qualität auf dem Level einer Oberstufenhausarbeit beinhaltet.
Ich weiß nicht, ob es wirklich so sehr auf die Werkzeuge ankommt, Excel kann ja tatsächlich auch viel (mehr als ich kenne). In bestimmten Versionen kann man Excel wohl auch für klinische Studien einsetzen, es ist ja doch deutlich mehr als ein Abakus.
Die Frage ist finde ich eher, ob es was bringt, mit hochwertigem Labor Chemiebaukasten nachzustellen, oder? Also gute Software und mit der einfache Sachen zu berechnen.
Endoplasmatisches Reticulum
23.02.2022, 16:04
Ich weiß nicht, ob es wirklich so sehr auf die Werkzeuge ankommt
Einfache Antwort: Ja, tut es. Kompetenz schließt auch die Kenntnis und Auswahl angemessener Werkzeuge mit ein. Man kann eine Doktorarbeit auf Papyrus ritzen, genau so wie man vermutlich mit einer Geflügelschere hemikolektomieren könnte. Die Frage ist, was man damit zu beweisen gedenkt.
Promoviert worden sein mit einer "statistischen" Arbeit und dann auf Nachfrage zugeben müssen, dass man in seinem Leben noch nie eine Statistiksoftware benutzt hat, ist doch wohl der Gipfel der Peinlichkeit?
Die Frage ist finde ich eher, ob es was bringt, mit hochwertigem Labor Chemiebaukasten nachzustellen, oder? Also gute Software und mit der einfache Sachen zu berechnen.
Ich hoffe inständig, dass man mit ein paar T-Tests kein Promotionsverfahren mehr übersteht. Die Dissertationen meiner ehemaligen Kommilitonen, die ich mal so auf dem Online-Server meiner alten Uni aus Interesse überflogen habe, streuten durchaus im Aufwand und Anspruch. Zum Schämen war aber keine dabei. Schwachblütige Schrottarbeiten sind zumindest gefühlt inzwischen doch eher die Ausnahme.
In der ersten Version der Diss einer Bekannten war gar nichts an formal vergleichender Statistik dabei, einfach nur Angaben "diese Gruppe der Mittelwert, diese der andere". Schien keine großen Schwierigkeiten zu machen.
Die Frage ist für mich, was ist der Vorteil, dass wo "Statistiksoftware" draufsteht, wenn andere Programme ähnliche Funktionen anbieten? Inhaltlich sollte das ja keinen Unterschied machen. Was, wenn ich mit Maple und ähnlichen Suites arbeite, dann könnten die das ja auch? Dann steht da zwar nicht "Statistik für Social Sciences" drauf, aber das macht doch das Produkt nicht schlechter.
Autolyse
23.02.2022, 19:12
Du nutzt Excel: Mit der Grundannahme, dass Du deine Software ausgewählt hast, weil sie da war und das auch für die Verfahren gilt, wird man im Regelfall richtig liegen.
Du nutzt ein anderes Programm: Man wird unterstellen können, dass Du zumindest so weit gekommen bist Dir Gedanken darüber zu machen welche Software Du verwendest und damit vielleicht sogar über die verwendeten Verfahren.
Es geht also nicht darum ein dezidiertes Statistikprogramm zu verwenden und das weißt Du auch, wenn Du die Nebelkerze wirfst...
Nefazodon
24.02.2022, 16:37
Vielen Dank für die zahlreichen Antworten!
Also, die Statistikerin, die mich betreuen soll, wird wohl alles was ich mache, nochmal nachrechnen, da das Projekt gefördert wird und zu einer Veröffentlichung führen soll...
Der Kontakt im Team ist eigentlich gut.
Was das Ausmaß der Statistik angeht: Ich hab ja keine Ahnung (wie schon gesagt) aber man hat mir zugesichert, dass es nicht sonderlich kompliziertwerden soll. Das komplizierteste wäre ein Mann-Whitney-U-Test. Da ich selbst aber keine Erfahrung hab, weiß ich nicht, wie kompliziert es wirklich wird,. einige biometrische Daten mit dem Outcome/dem Untersuchungsgegenstand zu verknüpfen...
Bei R müsstest Du Dir darüber hinaus überlegen was Du machen willst: Base R oder dplyr?
Dumme Frage, aber was ist das?:-)):-))
Ich werds rausfinden...Über meine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter könnte ich auch SPSS nutzen, aber nachdem was hier geschrieben wurde, tendiere ich zu R....
Endoplasmatisches Reticulum
24.02.2022, 18:15
Das halte ich für eine Publikation ehrlich gesagt ziemlich mager. Ist quasi der Stiefbruder vom T-Test.
Das halte ich für eine Publikation ehrlich gesagt ziemlich mager. Ist quasi der Stiefbruder vom T-Test.
Entschuldige, aber auf welchem universitären Thron sitzt du denn? Ich fand meine experimentelle Arbeit ziemlich anspruchsvoll und die statistischen Tests müssen nur die Testbedingungen erfüllen. Wofür braucht man denn anspruchsvolle oder ausgefallene Tests? In den Naturwissenschaften wird der t-Test häufig verwendete und da wissen die Leser wenigstens was er bedeutet. Ich finde Daten und deren Entstehung viel wichtiger als super tolle statistische Auswertungen.
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