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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Investoren kaufen Praxen (Tagesschaubericht)



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hebdo
08.04.2022, 17:56
Nach 10 Jahren Abzocke als Angestellter würde ich schon mal die Selbstständigkeit versuchen. Bei den Hausarztpraxen ist sind Investition und Risiko je nach Gegend im Verhältnis zum Einkommen wirklich überschaubar.

GP1001
08.04.2022, 19:21
In welchen Fachgebieten ist denn heutzutage eine Niederlassung noch realistisch?

Also in der Allgemeinmedizin oder Psychiatrie ist das durchaus möglich. Bei den Bildgebenden Verfahren ist alles voll und mit 300k kommste da nicht hin.


Clever gemacht, dass man Kassensitze zeitlich unbegrenzt halten und munter hin und her verkaufen kann, ohne dass sie wieder an die KV zurückfallen.


Das sehe ich auch als hochproblematisch an. Verkaufen sollte generell verboten. Der Kassensitz muss einfach zurückgegeben werden, wenn man seine Tätigkeit aufgibt und darf kein Investitionsobjekt für die internationale Finanzwelt sein


Ich habe verzweifelt nach den Vorteilen der Selbständigkeit gesucht, aber keine gefunden. :-nix

das kann ich verstehen. Es ist nicht für jeden. Nicht jeder möchte oder kann einen Chef vor der Nase haben. Für viele ist das Gehalt ein sehr bedeutender Faktor.
Allerdings ist es in mänchen Fächern heutzutage unattraktiver als früher oder quasi unmöglich einen KV Sitz zu bekommen ohne einen Mio-Betrag zu investieren, was für einen Finanzinvestor ein Klacks ist.

ehem-user-20-04-2022-0939
08.04.2022, 19:38
Von niedergelassenen Ärzten wird ja oft der Fachkräftemangel (u.a. MFA, angestellte Ärzte) beklagt. und das nicht nur auf dem flachen Land. Finden diese iMVZ überhaupt genug anstellungswillige Ärzte? Ob es so toll ist, als angestellter Arzt die Renditeerwartung dieser Großinvestoren aus Übersee zu erfüllen und dafür ohne Chance auf Teilhaberschaft den ganzen Tag in der Dialyse zu stehen?

WiWi18
08.04.2022, 21:47
Die jungen Kolleginnen und Kollegen scheuen sich eben auch oft mehrere hunderttausend Euro zu investieren und sehen nicht die langfristigen Vorteile der Selbstständigkeit.

Wenn man 300k zu versteuerndes/ jahr hat ist ein Kaufpreis für eine Praxis in gleicher Höhe eigentlich fair, trotzdem wirkt es auf die rookies sehr bzw zu viel.

300k Reinertrag (?) sind für einen Allgemeinmediziner aber sehr viel, zumindest wenn man den offiziellen Zahlen (KBV Honorarbericht, Stat. Bundesamt Bericht zur Kostenstruktur der Ärzte) einigermassen Glauben schenken kann.

Ich denke, dass diese Kombination aus "man braucht den Kassensitz zur Niederlassung", "Kassensitze dürfen verkauft werden" und "Finanzinvestoren dürfen Sitze kaufen" der deutschen Ärzteschaft mittelfristig das Genick brechen wird. Irgendwann sind alle Sitze in Investorenhand und dann geht es auch mit den Gehältern steil bergab. Nicht nur im ambulanten Bereich, sondern auch in den Kliniken, weil die attraktive Alternative zur Klinikknechtschaft wegfällt.

Fakt ist leider, dass unsere politische Klasse mit diesen Finanzinvestoren eng verbunden ist.

Wir Ärzte haben hingegen keine Lobby.

dissection
08.04.2022, 22:46
Solchen Auswüchsen kann man aber auch schon im Gesellschaftervertrag entgegenwirken. Bei.uns dürfen nur natürliche Personen Gesellschafter sein und Geschäftsanteile auch nicht an Gesellschsften verkauft werden. Da gibts sicher auch Schlupflöcher, allerdings schreckt das schon einige Heuschrecken ab. Die Nephrologen sind ja schon den Weg gegangen, der jetzt den Onkologen angetragen wird.

Wir als Millenials dann mal:
- ausgepreist aus dem Eigenheim
- ausgepreist aus Aktien
- ausgepreist aus der selbstständig geführten Praxis
(-ausgepreist aus Rapsöl wegen fehlgeleiteter Appeasement-Politik gegenüber Russland hehe)

Herzlichen Dank an die Generationen die uns dieses wunderbare Deutschland in diesem Zustand hinterlassen. Wenn ich mich nicht mehr onkologisch selbstständig machen kann bin ich hier noch schneller weg. Wo zeigen sich die denn diese Entwicklungen in der Onkologie?

@Topic:
Ich will dringend in die Selbstständigkeit für Freiheit, persönlichen Gestaltungsspielraum, die zahlreichen steuerlichen Vorteile, mich nicht mehr von einem Arbeitgeber für dumm verkaufen lassen (hallo VKA-Tarifverhandlungen!), Unternehmertum und Wohlstand. Ich hoffe man schiebt dem Abverkauf der Einzelpraxen an Investoren einen Riegel vor.



Ich denke, dass diese Kombination aus "man braucht den Kassensitz zur Niederlassung", "Kassensitze dürfen verkauft werden" und "Finanzinvestoren dürfen Sitze kaufen" der deutschen Ärzteschaft mittelfristig das Genick brechen wird. Irgendwann sind alle Sitze in Investorenhand und dann geht es auch mit den Gehältern steil bergab. Nicht nur im ambulanten Bereich, sondern auch in den Kliniken, weil die attraktive Alternative zur Klinikknechtschaft wegfällt.


Dies, leider. Gibt es denn realistische Perspektiven dass hier die Gesetzgebung bzgl möglicher Eigentümer der Praxen und Weitergabe via Verkauf geändert wird?

ehem-user-20-04-2022-0939
08.04.2022, 23:37
- ausgepreist aus Aktien ?
Gibt es denn realistische Perspektiven dass hier die Gesetzgebung bzgl möglicher Eigentümer der Praxen und Weitergabe via Verkauf geändert wird?

Die Zahnmedizin hat es vorgemacht: Ab sofort darf der Marktanteil der von Investoren betriebenen Z-MVZ in einem KZV-Planungsbereich höchstens 10 % betragen. Quellen findet man genug über google

anignu
09.04.2022, 00:29
Wenn man 300k zu versteuerndes/ jahr hat ist ein Kaufpreis für eine Praxis in gleicher Höhe eigentlich fair, trotzdem wirkt es auf die rookies sehr bzw zu viel.
Weil es auch aus Versehen in die "rush-hour des Lebens" mit Karriere, Hausbau, Familiengründung und dann noch Selbständigkeit fällt. Ich mein, ich spar mir die Selbständigkeit aktuell/bisher und es reicht mir schon was ich alles um die Ohren hab. Ist deutlich mehr als noch 5, 10, 15 oder 20 Jahre zuvor...

Mein Problem mit der Selbständigkeit: ich glaub ich würd mich aufarbeiten. Ich bin echt froh dass ich die Medizin/Klinik ziemlich gut trennen kann von meinem Privatleben, auch wenn mich viele Dinge trotzdem noch beschäftigen. Bei einer Selbständigkeit wäre das noch viel schlimmer. Passt eher nicht zu mir.

Mir ging es aber auch darum, dass wir Ärzte, die die Leistungen erbringen, uns von den bwlern die Butter vom Brot nehmen lassen, das finde ich schade.
Du meinst so wie in der Klinik? Dass BWLler entscheiden wieviele und welche Ärzte man braucht?
Da sind wir als Ärzteschaft selbst schuld. Chefärzte wurden und werden meist irgendwelche Leute die möglichst Titel und Ausstrahlung haben, als Zugpferde. Dass diese dann vielleicht auch Führungskräfte sein sollten oder auch Grundlagen der BWL verstehen sollten war selten Thema...

Reflex
09.04.2022, 07:32
Weil es auch aus Versehen in die "rush-hour des Lebens" mit Karriere, Hausbau, Familiengründung und dann noch Selbständigkeit fällt. Ich mein, ich spar mir die Selbständigkeit aktuell/bisher und es reicht mir schon was ich alles um die Ohren hab. Ist deutlich mehr als noch 5, 10, 15 oder 20 Jahre zuvor...

Mein Problem mit der Selbständigkeit: ich glaub ich würd mich aufarbeiten. Ich bin echt froh dass ich die Medizin/Klinik ziemlich gut trennen kann von meinem Privatleben, auch wenn mich viele Dinge trotzdem noch beschäftigen. Bei einer Selbständigkeit wäre das noch viel schlimmer. Passt eher nicht zu mir.

Es ist 1. wie immer eine Frage der Organisation und 2. wenn deine Behandlungsminuten erschöpft sind, bekommt man keinen Cent mehr und kann maximal durch Tätigkeiten außerhalb der KV Struktur Umsätze generieren (Privatpatienten, Gutachten, BG etc.). Da kann man nicht zwingend mehr arbeiten.

Ich komme in einer großen Gemeinschaftspraxis mit vier niedergelassenen Kollegen und noch 3-4 angestellten Ärzten auf ca.40 Stunden pro Woche. Klar, gibt es Zeiten da habe ich auch Hintergrund und muss auch in meiner Freizeit alle zwei Wochen einen Nachmittag telefonisch zur Verfügung stehen (da unsere angestellten Ärzte aber schon lange in der Praxis sind, ruft selten bis nie einer an) oder bin in Vertretungszeiten mal präsenter. Aber wenn ich Urlaub und frei habe, habe ich auch wirklich frei. Meine Kollegen würden sich nur melden, wenn wirklich etwas schwerwiegendes passiert ist. Wir haben ein gutes Vertretungskonzept, worauf ich mich verlassen kann. Ich bin zudem deutlich flexibler in der Gestaltung von privaten Terminen und des Wochenarbeitsplanes. Außerdem habe ich 40 Tage Urlaub pro Jahr plus regulär geplante Schließzeiten zwischen den Feiertagen und Rosenmontag. Als angestellter Arzt hatte ich trotz 80% Teilzeit deutlich weniger flexible Arbeitszeiten und weniger Freizeit insgesamt. In einer Einzelpraxis sieht das vermutlich anders aus, aber für mich bedeutet die Niederlassung mehr Gestaltungsmöglichkeiten und deutlich mehr Geld.

Mukopolysaccharid
09.04.2022, 08:41
Wenn nehmen doc morris Apotheke dann doc Morris Praxis entsteht. Mit Kundenkarte gibt’s ein Abdomensono, ein Fettstoffwechselstörung- und ein Diabetesscreening und einen Ernährungsplan jährlich um sonst (Igel) und 20% Rabatt von Arzneimitteln im e-Shop.

Christoph_A
09.04.2022, 08:56
Wir als Millenials dann mal:
- ausgepreist aus dem Eigenheim
- ausgepreist aus Aktien
- ausgepreist aus der selbstständig geführten Praxis
(-ausgepreist aus Rapsöl wegen fehlgeleiteter Appeasement-Politik gegenüber Russland hehe)

Herzlichen Dank an die Generationen die uns dieses wunderbare Deutschland in diesem Zustand hinterlassen. Wenn ich mich nicht mehr onkologisch selbstständig machen kann bin ich hier noch schneller weg. Wo zeigen sich die denn diese Entwicklungen in der Onkologie?

@Topic:
Ich will dringend in die Selbstständigkeit für Freiheit, persönlichen Gestaltungsspielraum, die zahlreichen steuerlichen Vorteile, mich nicht mehr von einem Arbeitgeber für dumm verkaufen lassen (hallo VKA-Tarifverhandlungen!), Unternehmertum und Wohlstand. Ich hoffe man schiebt dem Abverkauf der Einzelpraxen an Investoren einen Riegel vor.



Dies, leider. Gibt es denn realistische Perspektiven dass hier die Gesetzgebung bzgl möglicher Eigentümer der Praxen und Weitergabe via Verkauf geändert wird?

Weniger weinen, mehr anpacken wäre vlt sinnvoller, meinst Du nicht? Kassensitze haben schon immer was gekostet, das den "Vorgenerationen" anzulasten ist, gelinde gesagt, dreist. Wenn man allerdings monstranzartig seine work life balance vor sich her trägt und glaubt, mit dem geringst möglichen Aufwand maximalen Ertrag einzufahren, dann wird es fürwahr schwer mit der Praxis, da geb ich Dir Recht.
Glaubst Du im Ernst, Leuten wie Evil, Thomas oder mir wären unsere Praxen geschenkt worden? Dahinter steckt harte Arbeit, gepaart mit viel Aufwand und Willen.
Und ja, Deutschland ist wunderbar. Wenn Du es woanders dennoch besser findest, dann geh da hin und erfülle alle Deine Träume. Wer hält Dich auf?

OhDaeSu
09.04.2022, 09:07
In erster Linie steht hinter deinem Erfolg die Möglichkeit, überhaupt Kassensitze zu erwerben. Ohne diese hilft auch harte Arbeit und großer Willen nicht weiter. Diese Blut, Schweiß und Tränen Rhetorik bringt einem jungen Radiologen, Labormediziner, Strahlentherapeuten, Nephrologen gar nichts. Und es wäre wünschenswert, wenn sich das nicht auf alle anderen Fachgruppen ausweitet.

Endoplasmatisches Reticulum
09.04.2022, 09:18
Mit minimalem Aufwand den maximalen Nutzen zu schaffen ist ein ökonomisches Grundprinzip. Wer das nicht anstrebt, macht etwas verkehrt. Wenn ich mich bei meinen (ehemaligen) Peers so umschaue, sind die allesamt sehr weit von Leistungsverweigerern entfernt. Im Gegenteil, ich glaube in kaum einer Branche wie bei uns Medizinern ist die Mehrheit der Leute ganz selbstverständlich bereit, Extrameilen zu gehen und lange Zeit richtig Scheiße zu fressen mit nichts weiter als einer sehr vagen imaginären Möhre, die ihnen Jahr für Jahr neu vors Gesicht gehalten wird.

DrSkywalker
09.04.2022, 09:31
In erster Linie steht hinter deinem Erfolg die Möglichkeit, überhaupt Kassensitze zu erwerben. Ohne diese hilft auch harte Arbeit und großer Willen nicht weiter. Diese Blut, Schweiß und Tränen Rhetorik bringt einem jungen Radiologen, Labormediziner, Strahlentherapeuten, Nephrologen gar nichts. Und es wäre wünschenswert, wenn sich das nicht auf alle anderen Fachgruppen ausweitet.

Man kann seine Facharztwahl planen und die spätere Niederlassungsmöglichkeiten mit einbeziehen.

LG, ein Hausarzt der vielleicht auch Kardiologe hätte werden wollen, aber vor allem Praxisinhaber.

Ich sehe es wie Christoph, anpacken und Gas geben, nicht jammern.

GP1001
09.04.2022, 10:43
In erster Linie steht hinter deinem Erfolg die Möglichkeit, überhaupt Kassensitze zu erwerben. Ohne diese hilft auch harte Arbeit und großer Willen nicht weiter. Diese Blut, Schweiß und Tränen Rhetorik bringt einem jungen Radiologen, Labormediziner, Strahlentherapeuten, Nephrologen gar nichts. Und es wäre wünschenswert, wenn sich das nicht auf alle anderen Fachgruppen ausweitet.

ich finde auch die Blut, Schweiß Legende auch nicht ganz korrekt. Natürlich kann der Kassensitz nicht nachgeworfen werden und der Beitrag von Dissection ist tatsächlich "Rumgejammere": Aktien kannste kaufen, Häuser kannste kaufen und Rapsöl auch. Aber mit den Kassensitzen ist es z.B. in den Bildgebenden Verfahren oder in der Labormedizin etwas "unfair".
Früher gab es beispielsweise nur die Uniklinik, die manche Verfahren angeboten hat. In den goldenen Gründerzeit der 80er/90er Jahren konnten sich die Leute dann ihren Kassensitze sichern. Die Möglichkeiten sind heute beschränkter als früher.

Man kann das ganze natürlich auch positiv sehen wie Skywalker: Hey Leute: werdet einfach Allgemeinmediziner, Pädiater, KJP; geht nochmal in die Weiterbildung, dann gibt's freie Kassensitze.
Gerade in der Allgemeinmedizin ist es nicht allzu schwer dank Quereinsteigerprogramm.


anpacken und Gas geben, nicht jammern.

Das passt natürlich immer. Auch in Fächern ohne freie Kassensitze kann man Karriere machen und gutes Geld verdienen. Möglicherweise nicht mehr ganz soviel wie früher, aber schon noch ganz gut.

freak1
09.04.2022, 11:20
Die perverse Grundvoraussetzung ist, dass man Kassensitze "verkaufen" kann. Die sollten am Ende automatisch von der KV neu vergeben werden, an selbstständige Ärzte und nicht unter der Hand für teures Geld den Besitzer wechseln...

DrSkywalker
09.04.2022, 11:46
Man kann sie formell nicht verkaufen. Wohl aber die Praxis mit allem drum und dran.

Der gesamte Vorgang ist deutlich komplizierter als man vermutet. Aber dass Praxen nicht mehr verkauft werden können wäre ja auch nicht fair.

OhDaeSu
09.04.2022, 12:03
Die Praxis sollst du ja verkaufen können, nur nicht die Lizenz zur Abrechnung mit der GKV. Es gäbe schon Möglichkeiten das zu regeln, zB mit Höchstmengen an institutionell gehaltenen Sitzen wie eben in der Zahnmedizin.

DrSkywalker
09.04.2022, 12:17
Nur kauft ohne kv Sitz jemand eine Praxis? Die Zahnmedizin Regelung ist sehr sinnvoll

Bonnerin
09.04.2022, 12:37
TL,DR am Ende!

Prinzipiell finde ich persönlich gerade die aktuelle Strategie von Helios am Bedenklichsten. Die haben ihre Klauen ja inzwischen weit über die Grenzen der Kliniken hinweg ausgestreckt und kaufen fröhlich Sitze auf, um Helios MVZ aufzubauen. Dadurch sehe ich langfristig am ehesten die Gefahr, dass die da langsam aber sicher eine Monopolstruktur haben wollen und dann wirklich fröhlich alle Löhne auf den Mindestlohn drücken. Sprengt auch die eigentlich gewollte Trennung zwischen ambulantem und stationärem Sektor. Der generelle Prozess ist natürlich auch an sich bedenklich, aber wird durch die verkrusteten KV-Strukturen gefördert.

Wie steht es denn so um die Bedarfsplanung und überhaupt "freie Sitze"?
Ich nehme mir mal "meine" Region raus, Nordrhein.
Schauen wir mal auf die Allgemeinmedizin (wäre letztlich mein Alternativfach gewesen und das klassischte "Niederlassungsfach"), und ich bin jetzt mal advocata diavoli und gucke nur auf die Bereiche, in denen ich persönlich auch wohnen und arbeiten wollen würde (notfalls halt mit Pendeln aus adäquater Wohnlage), alphabetisch gelistet. Diese Liste spiegelt nur meine persönliche Meinung wieder (u.a. Bereitschaft, auch länger zu pendeln um nicht in irgendwelchen Dörfern wohnen zu müsssen. Daher komme ich und kann dem echt nichts abgewinnen):

- Aachen: gesperrt
- Bad Honnef (Pendelnähe zu Bonn): gesperrt
- Bergheim (Pendelnähe zu Köln): gesperrt
- Bergisch Gladbach (Pendelnähe K): 1,5 offene Sitze
- Bonn: gesperrt
- Bornheim (Pendelnähe BN und K): gesperrt
- Brühl (Pendelnähe BN und K): gesperrt
- Düren (Pendelnähe AC): gesperrt
- Düsseldorf: gesperrt (wobei ich persönlich eh nicht unbedingt nach D wollen würde)
- Erftstadt (Pendelnähe zu K): gesperrt
- Eschweiler (Pendelnähe zu AC): 1,5 offene Sitze
- Euskirchen (Pendelnähe zu BN): gesperrt
- Frechen (Pendelnähe zu K): 2,5 offene Sitze
- Heinsberg (Pendelnähe zu AC): 2,5 offene Sitze
- Hennef (Pendelnähe zu BN): 1,5 offene Sitze
- Hürth (Pendelnähe zu BN und K): 0,5 offene Sitze
- Kerpen (Pendelnähe zu K): gesperrt
- Köln: gesperrt
- Königswinter (Pendelnähe zu BN): gesperrt
- Leverkusen (Pendelnähe zu K): gesperrt
- Mechernich (irgendwie Pendelnähe zu AC, BN und K): gesperrt
- Niederkassel (Pendelnähe zu BN): 2,0 offene Sitze
- Rheinbach (Pendelnähe zu BN): gesperrt
- Siegburg/Lohmar (Pendelnähe zu BN): gesperrt
- Sankt Augustin (Pendelnähe zu BN): gesperrt
- Stolberg (Pendelnähe zu AC): gesperrt
- Troisdorf (Pendelnähe zu BN): gesperrt
- Wesseling (Pendelnähe zu BN und K): 1,0 offene Sitze
- Würselen (Pendelnähe zu AC): gesperrt

Da wäre akutell durchaus in gewissem Rahmen ein Spielraum, einen freien Kassensitz zu erwerben, wenn man eben bereit ist, auch mal was länger zu pendeln. Aber dennoch relativ enge Marktlage, würde ich behaupten. Tippe mal auf Investitionskosten von mehreren 100k€, vermutlich für die Praxislage auch etwas schwankend. Und man muss sich natürlich ein wenig das Klientel überlegen, viele Privatpatient:innen wird man in Wesseling z.B. vermutlich nicht anlocken können.
Den Direktkauf einer Praxis wollte ich mal außen vor lassen, da wird man durchaus, wenn man lange genug sucht und genug Geld bezahlt überall in den Bereichen was bekommen können.


Gut. Nun habe ich mich aber nicht für die Allgemeinmedizin entschieden, sondern für die Weiterbildung in der Laboratoriumsmedizin. Da muss ich sagen, dass es aus verschiedenen Gründen sehr schwer ist, die mit den anderen hier genannten Fächern (Radio, Innere/Nephro, Auge...) in einen Topf zu werfen (von der Grundaussage "Fremdinvestor" mal abgesehen).
Blick auf die KV Nordrhein: Laboratoriumsmedizin zählt zur "gesonderten fachärztlichen Versorgung", 1 Sitz deckt quasi das gesamte KV-Gebiet ab. Freie Sitze gibt es keine, ähnlich wie in der Humangenetik, Patho und Transfusionsmedizin. Augenheilkunde zählt zur allgemeinen fachärztlichen Versorgung, die Radiologie und die Innere-Subspezialisierungen zur spezialisierten fachärztlichen Versorgung. Da hat man schon mal deutliche Unterschiede für die Platzierung von Sitzen etc.
Ein Blick auf die Seite des Berufsverbands der Laborärzt:innen sagt auch direkt ganz klar: „über 95% der Fachärzte und Fachärztinnen arbeiten in einem Angestelltenverhältnis“ (https://www.bdlev.de/seite/467483/labor%C3%A4rzte-agenda.html)

Blick in die Ärztestatistik von 2020:
Allgemeinmedizin: Bundesweit 44.158 FÄ
- Ambulant: 37.623
Niedergelassen: 29.770
Angestellt: 7.853
o Stationär: 2.423

Augenheilkunde: Bundesweit 7.901 FÄ
- Ambulant: 6.499
Niedergelassen: 4.330
Angestellt: 2.169
o Stationär: 1.092

Innere/Nephro: Bundesweit 809 FÄ
Innere und SP Nephro: 242 FÄ
SP Nephro: 1.718 FÄ
TG Nephro: 33 FÄ
o Das Chaos in der Auflistung ist vermutlich multiplen Umstellungen der WBO geschuldet. Ich gehe aber davon aus, dass alle genannten Gruppen als „Nephrolog:in“ zählen, damit wären wir bei 2.802 FÄ Nephro
- Ambulant: 1.668
Niedergelassen: 1.013
Angestellt: 661
o Stationär: 922

Laboratoriumsmedizin: 1.170 FÄ
- Ambulant: 772
Niedergelassen: 221
Angestellt: 551
o Stationär: 302

Radiologie: 9.313 FÄ
- Ambulant: 4.289
Niedergelassen: 2.047
Angestellt: 2.242
o Stationär: 4.479

Damit läge generell die Radiologie deutlich vorne, gefolgt von Augenheilkunde. Mit weitem Abstand kommen dann die Nephrologie und nochmal weiter hinten die Laboratoriumsmedizin.
Radiologie hat als einziges der Fächer einen leichten Überhang im stationären Bereich, ansonsten liegt der Trend ganz klar im Bereich des ambulanten Arbeitens.

Neue Facharztanerkennung im Erfassungsjahr:
- Allgemeinmedizin: 1.662
- Augenheilkunde: 291
- Innere/Nephro: 95, zusätzlich 27 Schwerpunktbezeichnungen
- Laboratoriumsmedizin: 54
- Radiologie: 487
Die generelle Verteilung spiegelt sich auch aktuell in den Zahlen wieder.

Nächster Blick wäre dann logischerweise auf die Altersstruktur der einzelnen Fächer – Stichwort überalternde Gesellschaft.
Allgemeinmedizin:
- bis 34: 622
- 35 – 39: 2.626
- 40 – 49: 8.519
- 50 – 59: 15.243
- 60 – 65: 8.666
- über 65: 8.482

Augenheilkunde:
- bis 34: 406
- 35 – 39: 938
- 40 – 49: 1.887
- 50 – 59: 2.429
- 60 – 65: 1.287
- über 65: 954

Innere Medizin (leider nur komplett):
- bis 34: 2.671
- 35 – 39: 7.472
- 40 – 49: 16.598
- 50 – 59: 18.220
- 60 – 65: 7.896
- über 65: 5.298

Laboratoriumsmedizin:
- bis 34: 19
- 35 – 39: 70
- 40 – 49: 238
- 50 – 59: 469
- 60 – 65: 226
- über 65: 148

Radiologie:
- bis 34: 513
- 35 – 39: 1.430
- 40 – 49: 2.478
- 50 – 59: 2.871
- 60 – 65: 1.397
- über 65: 624

Damit scheint eigentlich klar zu sein, dass von den genannten Fachrichtungen insbesondere 2 ein ziemliches Nachwuchsproblem haben: Die Allgemeinmedizin (wo aber zugegebenermaßen langsam eine Besserung eintritt) und die Laboratoriumsmedizin. Bei uns bin ich tatsächlich die jüngste Ärztin in Weiterbildung, im Optimalfall (FA-Prüfung ist leider eher schwer bei uns) werde ich aber mit Anfang 30 fertig sein und dann noch ein Weilchen in „bis 34“reinzählen. Von meinen Kolleg:innen wird das sonst noch ein anderer, aber auch nur für ein einziges Jahr. Tatsächlich gibt es einige Quereinsteiger, die mit 40+ keinen Bock mehr auf Patientenversorgung haben und noch den Laboratoriumsmediziner als 2. FA dranhängen. Natürlich besser als gar kein Personal, aber die fehlen dann durchaus in Fachrichtung 1 und arbeiten altersbedingt auch in Fachrichtung 2 kürzer.
Nächster Punkt sind natürlich die Praxiskosten. DrSkywalker hatte aus dem Nähkästchen 300k€ erwähnt, für einen Allgemeinmedizin/Hausarzt-Sitz.

Im Vergleich: Winfried Stöcker hat sein Labor Stöcker Euroimmun für 1,3 Milliarden € verkauft (https://www.nordbayern.de/region/pegnitz/winfried-stocker-verkauft-sein-unternehmen-1.6268524). Euroimmun hat durch die führende Marktstellung im Bereich der Autoimmundiagnostik und bei der Bestimmung seltener AK (vor allem auch im Liquor) eine strategische Sonderstellung. Aber es geht darum, mal einen Vergleich zu kennen.

Die „goldenen Zeiten“ der Labormedizin sind ohnehin in Deutschland seit mehreren Jahrzehnten vorbei. Nix mehr mit achtfachem Abrechnungssatz und ähnlichen Späßen. Das schafft in gewissem Sinne ein großes Investitionsproblem, denn die Laborleistungen werden in Deutschland miserabel vergütet. Nicht mal 3% der GKV-Ausgaben entfallen auf Labordiagnostik, obwohl viel Diagnostik gemacht wird und diese oft den entscheidenden Hinweis gibt. Im Jahre 2013 (leider schnell nix besseres gefunden) haben die Laboratoriumsmediziner:innen gerade einmal 22,3 % der gesamten GKV-Laboraufwendungen erhalten. Lassen wir das erstmal so stehen.

Fiktiv weitergedacht: Ich gewinne im Lotto und schaffe es dadurch, mir nach dem Facharzt einen KV-Sitz für Laboratoriumsmedizin zu kaufen, weil ich nicht weiß, was ich mit Zeit und Geld anfangen soll. Damit ist es aber natürlich nicht getan. In Deutschland gilt die RiliBÄK, die die Laboratoriumsmedizin reguliert, um einen Mindeststandard zu bieten. Ich muss also nach entsprechenden Räumlichkeiten suchen, in denen ich überhaupt ein medizinisches Labor betreiben darf (u.a. Zugangskontrolle etc.). Danach fängt die Arbeit aber erst richtig an: Ich werde ja im Zweifelsfall nicht selbst an den Geräten stehen, wenn ich dabei bin, Befunde rauszugeben, mit Einsendenden Kontakte zu knüpfen und alles Geschäftliche regele. Ich benötige also eine gewisse Menge an medizinisch-technischem Fachpersonal und die entsprechenden Geräte.

Bare minimum wären Basis-Diagnostik der klinischen Chemie, Hämatologie und Gerinnung. Das alleine wären schon mindestens drei Geräte, für die ich jeweils Personal brauche, um im Optimalfall mindestens 2 Schichten abzudecken. Dazu ausreichend Personal für die Präanalytik (Proben annehmen, auspacken, erfassen, Clearing, Fremdversand und wenn man keine automatisierte Verteilung hat auch Personen, die abseren) und für Verwaltungstätigkeiten (Telefonsupport etc.), Reinigung, Probentransportdienst etc. Da wäre ich locker bei einem mittleren bis hohen fünfstelligen Betrag im Monat nur für die Personalkosten und ich habe nicht ansatzweise auch nur die Miete für ein einziges gutes Analysegerät mit reingerechnet. Zu der jeweiligen Monatsmiete kommen ja Wartungskosten, Kalibratoren, Kontrollen und die entsprechenden Reagenzien. Ich lehne mich mal aus dem Fenster: Da könnte ich langsam an sechsstellige Monatsausgaben herankommen. Aber okay, ich habe ja in diesem Szenario ein fiktives Budget von mehreren Millionen Euro. Damit stehe ich aber vor dem nächsten Problem: Wo nehme ich Einsender:innen her? Die meisten haben ja bereits Verträge mit einem Labor, das für sie die Untersuchungen erbringt. Und da kommt das nächste Problem: Was wäre das Alleinstellungsmerkmal meines Labors, womit ich Leute „locken“ könnte? In dem Szenario habe ich keins, da ausschließlich Basis-Diagnostik angeboten werden würde. Auch mit dem besten Service würde die Befunderstellung für alle weiteren Untersuchungen (z.B. Spezialgerinnung oder PCR) in einem Fremdlabor erfolgen, wodurch ich in den Fällen keinen Gewinn erwirtschaften, sondern nur die Kosten für den Probenversand tragen würde.

Mit dem oben geschilderten Aufbau wäre es auch nicht möglich, Labordienstleistungen für Krankenhäuser zu erbringen (wo man in den Vertragsverhandlungen noch durchaus Gewinn herausschlagen kann), da keine 24h-Besetzung gewährleistet ist.
Das ist ein zugegebenermaßen grober Abriss, aber spiegelt die Situation glaube ich recht gut wieder – durch solche Überlegungen kam es ja letztlich zu den Zusammenschlüssen (LADR, Synlab etc.) und zur letztlichen Marktsituation in der Laboratoriumsmedizin. Hätte ich grundsätzlich lieber irgendwann einen eigenen Sitz? Vermutlich ja. Wird das passieren? Sicher nein. Aber wenn Personen schon sagen, dass sie die Kosten für einen KV-Sitz Allgemeinmedizin scheuen, weil sie finden, dass es langfristig zu riskant ist – da würde ich widersprechen. Da ja die Patient:innen selbst den jeweiligen Hausarzt bzw. die Hausärztin aussuchen wird man da ziemlich sicher eine Nische finden, in der man sich breit machen kann.

In der Augenheilkunde muss vermutlich zwischen operativem Teilbereich oder einer rein konservativen Praxis unterschieden werden. Natürlich wird man rein konservativ massiv weniger Geld verdienen. Aber auch geringere Investitionskosten und ähnliches haben. Die Nephrologie besteht auch nicht ausschließlich aus Dialyse. In der Radiologie wird die Entwicklung aber vermutlich in eine ähnliche Richtung gehen wie in der Laboratoriumsmedizin. Bessere Diagnostikgeräte werden kontinuierlich teurer werden und Berufsausübungsgemeinschaften und MVZ sicher eher die Zukunft sein. Ich persönlich mache mir über mein künftiges Gehalt erstmal nur wenig Gedanken. Die Altersstruktur in der Laboratoriumsmedizin begünstigt tatsächlich mal eher die jüngere Generation, zumindest ein wenig. Denn die ganzen Leute Ü60 können gar nicht durch uns alle ersetzt werden und der Trend zeigt auch nicht an, dass plötzlich pro Jahr 200+ Leute Laboratoriumsmedizin machen möchten. Dementsprechend werden die Unternehmen schon ausreichend Geld lockermachen, um Leute anzustellen, damit sie die Sitze halten können. Wie sich das in deutlich beliebteren Fächern wie Auge oder Radio verhalten wird…keine Ahnung.

TL,DR: Generell kann aber niemand kann sagen, ob und wie sich die Vergütung zukünftig ändern wird. Man sollte aber ähnlich wie DrSkywalker sagt, im Hinterkopf halten, bzw. wissen, ob man sich niederlassen möchte. Da bietet die Allgemeinmedizin regelhaft einfach die beste Chance. Man kann aber, wie Feuerblick, auch ganz klar sagen, dass die Niederlassung für einen persönlich nicht passt, und eine Anstellung (sei es ambulant oder in der Klinik) bevorzugen. Dass Investoren jedes mögliche Geschäftsfeld erschließen wollen, ist klar. Bedenklich finde ich das auch, in jedem Fall. Aber mindestens ebenso bedenklich ist die Entwicklung im privaten Klinikbereich mit Helios und Konsorten…solange aber die Politik wegschaut und wir als Ärzteschaft auch keine adäquate Lobby haben wird es auch niemanden kümmern. Eine Regelung wie in der Zahnmedizin wäre aber grundsätzlich auch für die Humanmedizin sehr zu begrüßen!

anignu
09.04.2022, 12:53
2. wenn deine Behandlungsminuten erschöpft sind, bekommt man keinen Cent mehr und kann maximal durch Tätigkeiten außerhalb der KV Struktur Umsätze generieren (Privatpatienten, Gutachten, BG etc.). Da kann man nicht zwingend mehr arbeiten.
Das schon. Mein Problem wenn ich mir eine Praxis anschau ist halt auch dass ich mir vor diesem "damit beschäftigen" bissl Sorgen mach. Ich wäre eher so der Typ der sich schwer tut abzuschalten weil es in der Praxis immer was zu optimieren gibt. Abläufe, Software/Computer, Standards, Abrechnungswesen usw. usw... Da würde eher mein Problem liegen.
Ich kenn genug Typen die sich leicht tun mit Priorisierung, Abschalten etc. die dürfen das gerne machen. Ich hab zur Zeit so viele andere Dinge im Kopf dass ich das einfach nicht anpacke bzw. anpacken will.