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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Investoren kaufen Praxen (Tagesschaubericht)



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FuchsiBuchsi
09.04.2022, 12:59
Die perverse Grundvoraussetzung ist, dass man Kassensitze "verkaufen" kann. Die sollten am Ende automatisch von der KV neu vergeben werden, an selbstständige Ärzte und nicht unter der Hand für teures Geld den Besitzer wechseln...

Ja. So und nicht anders.

Ich verstehe schon, dass man sich den Renteneintritt mit Verkauf des KV-Sitzes versüßen will, gerade wenn man den selber käuflich erworben hat. Da müsste für die Übergangszeit eine andere Lösung her.

Mich beeinflusst das schon. Meinem eigentlichen Interesse (Nephro) werde ich nicht nachgehen, weil hier die Lage derart aussichtslos verseucht von Nephrocare ist, dass es reines Spekulieren auf extremes Glück wäre. Und mir ein Leben lang von einem BWLer in der Zentrale sagen zu lassen, wie die Patienten behandelt werden sollen, weil wir haben ja Rahmenverträge mit Firma XY und hackel da mal noch ein paar mehr die Stunde durch, danke, aber nein danke.

Es wird natürlich noch spannend, da es jetzt so langsam losgeht, dass die geburtenstarken Jahrgänge sich aus dem Erwerbsleben verabschieden. Ein bißchen könnte dies die Lage entspannen.

WiWi18
09.04.2022, 13:57
Herzlichen Dank an die Generationen die uns dieses wunderbare Deutschland in diesem Zustand hinterlassen. Wenn ich mich nicht mehr onkologisch selbstständig machen kann bin ich hier noch schneller weg. Wo zeigen sich die denn diese Entwicklungen in der Onkologie?


Tut mir Leid, dass ich dir da die schlechte Nachricht überbringen muss, aber: Sich als Onkologe niederzulassen geht jetzt schon an den meisten Orten nicht mehr. Nicht wegen der bösen, Zigarre-rauchenden Finanzinvestoren, sondern wegen Großpraxen (überwiegend in ärztlicher Hand), die an den verschiedenen Orten alle Kassensitze aufkaufen und aus ihren Praxen mittelgroße Zentren machen.

Mir ist egal, ob der Manager eines Investmentfonds oder ein Systemgewinner-Arzt daran verdient, dass ich mich nicht niederlassen kann. Das Kassensitzsystem gehört viel weitergehender reformiert, die Regelungen in der Zahnmedizin sind eben nicht ausreichend.

Die einzige wirklich nachhaltige Lösung wäre halt die radikale: Kassensitze sind persönlich, nicht übertragbar und fallen mit dem Renteneintritt des Trägers an die KV zurück. Auch das Ansammeln von Sitzen durch einzelne Ärzte sollte unterbunden werden, wobei da weniger radikale Lösungen reichen würden (z.B. Obergrenzen von Sitzen, die ein Arzt zur Anstellung von Fachärzten erwerben kann). Nicht-ärztliche Träger bekommen zehn Jahre Zeit, ihre Sitze abzustoßen, danach verfallen sie. Für diejenigen, die jetzt kürzlich ihre Sitze gekauft haben, müsste man Übergangslösungen finden (z.B. Zulässigkeit des Verkaufes innerhalb von 20 Jahren für den Einkaufspreis, wobei der Wert jedes Jahr um 5% sinkt).

Die Alternative ist, dass die "guten" Mediziner aus Deutschland abwandern und zunehmend weniger motivierte Kandidaten Medizin studieren. Die medizinische Versorgung wird auf die lange Frist zwingend schlechter, wenn es so weitergeht wie bisher und sich ein System durchsetzt, bei dem den Ärzten am Ende des Tages deutlich weniger Geld übrigbleibt (you get what you pay for). Ironischerweise wird das System auch eher teurer, denn Praxisketten werden ihre Abrechnung deutlich mehr optimieren und wesentlich mehr aus dem System und den Patienten herausquetschen als die Niedergelassenen bisher, von denen es den meisten doch auch um das Patientenwohl und nicht nur ums Geld geht.


Weniger weinen, mehr anpacken wäre vlt sinnvoller, meinst Du nicht? Kassensitze haben schon immer was gekostet, das den "Vorgenerationen" anzulasten ist, gelinde gesagt, dreist. Wenn man allerdings monstranzartig seine work life balance vor sich her trägt und glaubt, mit dem geringst möglichen Aufwand maximalen Ertrag einzufahren, dann wird es fürwahr schwer mit der Praxis, da geb ich Dir Recht.
Glaubst Du im Ernst, Leuten wie Evil, Thomas oder mir wären unsere Praxen geschenkt worden? Dahinter steckt harte Arbeit, gepaart mit viel Aufwand und Willen.
Und ja, Deutschland ist wunderbar. Wenn Du es woanders dennoch besser findest, dann geh da hin und erfülle alle Deine Träume. Wer hält Dich auf?

Der Unterschied ist, dass es heutzutage in vielen fachärztlichen Bereichen gar nicht mehr möglich ist, sich niederzulassen, ganz egal, wie viel man ackert. Eben weil die Kassensitze nicht nur teuer sind, sondern gar nicht mehr erhältlich. Die Entwicklung wird in den nächsten 5-10 Jahren auch so weitergehen. Aktuell kann man sich in vielen Bereichen noch niederlassen, wenn man bereit ist, in weniger attraktive Lagen auszuweichen - die Frage ist, wie lange dem noch so ist.

Das (pauschal) der Vorgeneration anzulasten ist allerdings falsch, das ist halt die Folge politischer Entscheidungen.

Dein pauschales Rumgehacke auf uns Jüngeren finde ich aber auch nicht okay. Wir ackern aktuell auch unsere 60h-80h pro Woche (wenn ich bei mir nicht ausgeglichene oder ausbezahlte Überstunden, Bereitschafts- und Visitendienste sowie Forschung mitreinzähle eher am oberen Ende der Skala - Uniklinik Innere halt) und ich beschwere mich nicht darüber, dass ich zu viel arbeite, sondern darüber, dass ich für meine Arbeit einfach zu wenig Geld bekomme und gleichzeitig kaum eine echte Perspektive habe, mal an einen der Sweet Spots im Gesundheitssystem zu kommen. Ich erwäge daher, mich in Richtung Allgemeinmedizin zu orientieren, aber auch da habe ich Angst, dass die Konsolidierungswelle durch bist, bevor ich soweit bin, auch wenn die demographischen Daten der Kassenärzte eher dagegen sprechen.

Sich 5-10 Jahre als WBA und junger Facharzt an einem Maximalversager ausbeuten zu lassen, um dann für 2/3 des Einstiegs(!)gehaltes der Großkanzlei-Juristen und ohne weiteres Aufwärtspotential in einer Praxis zu arbeiten, ist halt irgendwie kein guter Deal mehr. Dieses "lol, stellt euch nicht so an, wir hatten es auch schwer" ist halt typisch für die Boomergeneration, die für den Gehaltsanteil ein Haus im Speckgürtel einer Großstadt abbezahlen konnte, den ich aktuell für eine Zweizimmerwohnung als Miete auf den Tisch legen muss. Wenn ich mir das vorstelle: Mein Vater konnte, als er so alt war wie ich jetzt, sich/ uns als einfacher Angesteller (alleinverdienend) mit mittelmäßigem Einkommen und einigermaßen sparsamem Lebensstil kurz nach meiner Geburt ein Haus in einer städtisch geprägten Gegend kaufen. Aber ich schweife ab.

dissection
09.04.2022, 14:45
Weniger weinen, mehr anpacken wäre vlt sinnvoller, meinst Du nicht? Kassensitze haben schon immer was gekostet, das den "Vorgenerationen" anzulasten ist, gelinde gesagt, dreist. Wenn man allerdings monstranzartig seine work life balance vor sich her trägt und glaubt, mit dem geringst möglichen Aufwand maximalen Ertrag einzufahren, dann wird es fürwahr schwer mit der Praxis, da geb ich Dir Recht.
Glaubst Du im Ernst, Leuten wie Evil, Thomas oder mir wären unsere Praxen geschenkt worden? Dahinter steckt harte Arbeit, gepaart mit viel Aufwand und Willen.
Und ja, Deutschland ist wunderbar. Wenn Du es woanders dennoch besser findest, dann geh da hin und erfülle alle Deine Träume. Wer hält Dich auf?

Falsche Annahmen, falsche Schlüsse. Deine strenge Dichotomie zwischen dem Vorbringen angebrachter Kritik und Anpacken ist weiterhin falsch. Es ist mein gutes Recht die von meiner Generation geteilten berechtigten Bedenken bezüglich ihrer Zukunft anzubringen. Ich spreche übrigens nicht nur von Medizin: dass wir nach der Weltfinanzkrise 2008 in unsere Ausbildung gestartet sind und die Zeit der expansiven Geldpolitik nicht nutzen konnten um Wohnungen und Aktien an uns zu raffen (siehe DrSkywalker), dass wir nun nach zwei Jahren Lockdown und Coronakrise (die übrigens unsere Ausbildungsbedingungen massiv verschlechtert haben weil wir in der Notaufnahme und auf Intensiv immer den gleichen Schmarrn behandeln durften) direkt in eine Rezession durch einen drohenden WWIII starten - ja, das ist multifaktoriell durch die Politik der Generationen vor uns verursacht. Wir haben sicherlich auch genug Vorteile und ich bin trotz meiner polemischen Kommentare hier optimistisch dass wir genug Opportunitäten haben werden.
Die deutsche Praxisstruktur ist dennoch problematisch, Praxisverbünde mancher Kollegen die dann 4-5 Kassensitze unter sich haben (siehe WiWi18-Kommentar) sind eben teilweise durch die Nachfolgegeneration finanziell bei Übernahme nicht zu stemmen und müssten aufgebrochen und/oder zurückgegeben werden. Und ja, wenn mir dieser attraktive und finanziell lukrative Weg aus dem Trauerspiel des deutschen stationären Gesundheitssystems genommen wird habe ich ein Recht verärgert zu sein. Ich muss hier meinen Facharzt beenden und bin dann soweit mobil auch in DACH-Region oder Skandinavien etwas zu finden was meinem Lebensentwurf entspricht (auch wenn ich Deutschland wirklich mag und eigentlich gerne hier etwas aufbauen würde)
Ich plädiere hier für einen halbwegs ausgeglichenen Generationenvertrag, wir haben jetzt für die Boomer auch zwei Jahre Lockdown mitgemacht, haben eine fette Rentenlücke zu stopfen und das ist alles okay. Aber die heftig geführten Debatten hier im Forum zeigen dass nicht nur mir manchen Dinge unter den Nägeln brennen. Auch der netto-braindrain deutscher Akademiker aus Deutschland spricht eine klare Sprache. Die sozialen Unruhen werden durch die weltweite Gemengelage (Energie- und Nahrungsmittelkrise) ebenfalls deutlich zunehmen in diesen kommenden Zwanzigerjahren, nciht zum Vorteil für usnere Verhandlungsposition (s. VKA).

Zu deinem üblichen langweiligen ad hominem Argument (jaja die jungen faulen Generationen lol): Ich mache an der Uni meinen Fachinternisten, forsche und bin in einem Abendstudium (synergistisch zur Medizin) eingeschrieben. Aka work-life-balance ist mir wirklich egal, du toller Kardiologie-Hengst ; )


Tut mir Leid, dass ich dir da die schlechte Nachricht überbringen muss, aber: Sich als Onkologe niederzulassen geht jetzt schon an den meisten Orten nicht mehr. Nicht wegen der bösen, Zigarre-rauchenden Finanzinvestoren, sondern wegen Großpraxen (überwiegend in ärztlicher Hand), die an den verschiedenen Orten alle Kassensitze aufkaufen und aus ihren Praxen mittelgroße Zentren machen.


Du, das Problem ist mir sehr bewusst. Kenne da so ein paar Kollegen. Bietet natürlich auch bessere Möglichkeiten um an Patienten im Rahmen von klinischen Studien zu versorgen, gesammelt in angeschlossenen universitären Tumoarboards vorzustellen etc. Solange ich mich hier als Partner einkaufen kann wäre mir das auch alles Recht.

DrSkywalker
09.04.2022, 15:00
Liebe/r dissection. Ich habe 2007 das Studium begonnen mit einem Plan, den ich schnellstmöglich umgesetzt habe. Facharzt für Allgemeinmedizin mit einer guten, großen, prosperierenden Praxis.

Mit Glück und Fleiß hat es funktioniert. Wenn du ein Jahr später in der Finanzkrise angefangen hast und jetzt jammern muss tut es mir leid. Das Wort raffen ist unangebracht. Und Aktien kann man auch schon im Studium kaufen, 2008 war Amazon,Apple und Google auch schon der heiße scheiß, konnte man antizipieren und die schönen kurssteigerungen mitnehmen, ich spreche aus Erfahrung. Ich wünsche dir, dass du Ziele hast und sie erreichen kannst.

Thomas24
09.04.2022, 15:41
Ich bin gerade über dieses Thema gestolpert und bin etwas konsterniert.
Erstes Learning: es gibt offensichtlich noch Leute, die Berichte aus dem öffentlich - rechtlichen TV angucken.
Tagesschau und Panorama?? Wirklich? Wenn es Leute gibt, die noch mehr "behind the curve" sind als Regierungen und Zentralbanken, dann doch wohl die öffentlich - rechtlichen Medien. Fact ist: die beschriebenen Entwicklungen sind seit mindestens 15 Jahren absehbar gewesen- und jetzt heulen alle auf und machen ein surprised Pikachu Face, als wäre das total überraschend? Erstaunlich ;-)

Zweitens: das Ausmaß an geäußertem Pessimismus erstaunt mich. Sehr sogar- sogar heute, und angesichts der Überalterung der niedergelassenen Kollegen- ist im Prinzip ist den Ausführungen von Evil, Christoph und Skywalker nichts hinzuzufügen. Es gibt für junge motivierte Kollegen -auch in Ballungsregionen- immer wieder attraktive Opportunitäten.

Drittens: das ans Mittelalterliche Zunftwesen erinnernde System der KV Zulassungen ist nur Teil des Problems, aber seine Abschaffung würde euch keine Änderung am Prinzip der Markbereinigung durch Konsolidierung bringen.
Sowohl die Veterinärmedizin, als auch die Zahnmedizin kennt das System von KV Zulassungeschränkungen durch ihre Kammern nicht. Jeder Zahnarzt (Niederlassungsbegrenzung ist 2007 gefallen) und jeder Veterinär kann sich frei niederlassen, wo er möchte. Es gibt keine Bedarfsprüfungen etc. wie bei uns Humanmedizinern. Bedeutet dass, das finanzstarke Player sich in diesen Feldern nicht engagieren und freiwerdende Praxen aufkaufen? Nein, sowohl in der Zahn- als auch in der Veterinärmedizin passiert genau dasselbe. Freiwerdende Tierkliniken und Tierarztpraxen werden zum Teil zu Konditionen abgekauft, die ein junger Nachfolger niemals zahlen könnte.

Aber der springende Punkt ist: alle Patienten wünschen sich eine kontinuierliche und qualitativ gute Betreuung durch Ärzte, denen Sie vertrauen, und die "sich kümmern". Für diese Art von Medizin gibt es eine stetige - und wachsende Nachfrage. Das Knackpunkt vieler Hedge Fund getriebenen Konstrukte ist die Nachbesetzung der aufgekauften Sitze und die Rekrutierung von fachlich und sprachlich adäquatem Personal, um die Sitze auch bespielen zu können.

Und obwohl Ober- Scharrer, Helios und Artemis in der direkten Nachbarschaft sitzen, kommen genügend Patienten zu uns, die uns immer wieder dieselben Gründe aufzählen, warum Sie eben nicht bei Helios und co betreut werden möchten. "Wissen Sie, ich habe keine Lust, jedes Mal jemand anderes zu sehen. Ich will beim gleichen Doktor bleiben", "Da interessiert sich niemand für mich, da ist man wie in einer Fabrik", "Ich hab den Doktor so schlecht verstanden/ der hat sich gar nicht für mich interessiert etc.", "Wissen Sie, Dr. XYZ ist zwar ganz nett- aber ich seh immer nur seine Angestellten, den nuschelnden Griechen- kann ich bei Ihnen bleiben?".

Es bleibt dabei, eine fachlich und menschlich gute Medizin mit modernem Anspruch und persönlichem Touch hat total Zukunft. Eure Patienten werden es euch honorieren, wenn ihr euch gut um Sie kümmert, ebenso eure fachfremden Kollegen und die Zuweiser. Einfach besseren Service anbieten und den Kollegen und Patienten Wertschätzung entgegenbringen. Und unterschätzt nicht die Macht der Mundpropaganda- nach einigen Jahren im Geschäft, könnt ihr euch eure Patienten aussuchen... und die querulatorischen Stinkstiefel schickt ihr zu den MVZ Ketten ;-) Da ist es egal, dass die Sanoptis/ Artemis/ Ober- Scharrer Gruppe Millionen in schicke Werbebroschüren und Webauftritte investieren kann-

Abgesehen davon, dass sich die Finanzierungskonditionen gerade massiv verschlechtern, so dass dieses "ich leih mir 200 Mio Euro zu 0% und kaufe davon 52 MVZ und Drei Kliniken und verkaufe das ganze in 5 Jahren wieder mit 25% Gewinn" Spiel gerade ins Kippen kommt.

Ich kann Skywalker, Evil und co nur beipflichten: nur Mut! Sucht euch eine ökologische Nische, macht euch einen Namen, liefert Qualität ab und kümmert euch um eure Patienten und Angestellten, das wird schon werden.

PS: dem Kollegen, der befürchtet als Millenial aus den Aktienmärkten ausgepreist worden ist- keine Panik. Die Differenz zwischen Fed Funds Rate und der 5yr 5yr Forward Inflation Expectation ist vor kurzem auf 0 gefallen. Das wird den Aktien gar nicht gefallen und du darfst demnächst einkaufen. Kein Grund zur FOMO

WiWi18
09.04.2022, 16:23
Ich bin gerade über dieses Thema gestolpert und bin etwas konsterniert.
Erstes Learning: es gibt offensichtlich noch Leute, die Berichte aus dem öffentlich - rechtlichen TV angucken.
Tagesschau und Panorama?? Wirklich? Wenn es Leute gibt, die noch mehr "behind the curve" sind als Regierungen und Zentralbanken, dann doch wohl die öffentlich - rechtlichen Medien. Fact ist: die beschriebenen Entwicklungen sind seit mindestens 15 Jahren absehbar gewesen- und jetzt heulen alle auf und machen ein surprised Pikachu Face, als wäre das total überraschend? Erstaunlich ;-)

Also ich kenne das Problem schon länger. In meinem erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis aber nicht so viele, gerade außerhalb der Medizin nicht.



Zweitens: das Ausmaß an geäußertem Pessimismus erstaunt mich. Sehr sogar- sogar heute, und angesichts der Überalterung der niedergelassenen Kollegen- ist im Prinzip ist den Ausführungen von Evil, Christoph und Skywalker nichts hinzuzufügen. Es gibt für junge motivierte Kollegen -auch in Ballungsregionen- immer wieder attraktive Opportunitäten.

Eine gewagte Aussage. Einen fachärztlichen Kassensitz in einer Ballungsregion zu bekommen kommt mir halt wie ein Sechser im Lotto vor. Es sind alle Sitze belegt, und für jeden freien Sitz gibt es wahrscheinlich eine zweistellige Zahl von Interessenten.

Gesprächen mit älteren Kollegen bestätigen mir, dass es in den letzten Jahren keinem frischgebackenen Facharzt gelungen ist, sich niederzulassen. Es besteht, meiner Wahrnehmung nach, schlicht kein Grund für Optimismus.

Ich habe jetzt die Wahl, meine Ausbildung in die Allgemeinmedizin umzusteuern, was zwar meinen Neigungen komplett entgegenlaufen würde, aber wenigstens noch die wage Hoffnung einer Niederlassung offenthalten würde. Oder mich halt mit einem mäßig bezahlten Angestelltenverhältnis zufrieden zu geben.

Da kann mal schonmal etwas pissed sein.



Aber der springende Punkt ist: alle Patienten wünschen sich eine kontinuierliche und qualitativ gute Betreuung durch Ärzte, denen Sie vertrauen, und die "sich kümmern". Für diese Art von Medizin gibt es eine stetige - und wachsende Nachfrage. Das Knackpunkt vieler Hedge Fund getriebenen Konstrukte ist die Nachbesetzung der aufgekauften Sitze und die Rekrutierung von fachlich und sprachlich adäquatem Personal, um die Sitze auch bespielen zu können.

Und obwohl Ober- Scharrer, Helios und Artemis in der direkten Nachbarschaft sitzen, kommen genügend Patienten zu uns, die uns immer wieder dieselben Gründe aufzählen, warum Sie eben nicht bei Helios und co betreut werden möchten. "Wissen Sie, ich habe keine Lust, jedes Mal jemand anderes zu sehen. Ich will beim gleichen Doktor bleiben", "Da interessiert sich niemand für mich, da ist man wie in einer Fabrik", "Ich hab den Doktor so schlecht verstanden/ der hat sich gar nicht für mich interessiert etc.", "Wissen Sie, Dr. XYZ ist zwar ganz nett- aber ich seh immer nur seine Angestellten, den nuschelnden Griechen- kann ich bei Ihnen bleiben?".

Völlig egal was die Patienten sich wünschen. Wenn es in deiner Gegend nur noch Helios gibt gehst du zu Helios.



Es bleibt dabei, eine fachlich und menschlich gute Medizin mit modernem Anspruch und persönlichem Touch hat total Zukunft. Eure Patienten werden es euch honorieren, wenn ihr euch gut um Sie kümmert, ebenso eure fachfremden Kollegen und die Zuweiser. Einfach besseren Service anbieten und den Kollegen und Patienten Wertschätzung entgegenbringen. Und unterschätzt nicht die Macht der Mundpropaganda- nach einigen Jahren im Geschäft, könnt ihr euch eure Patienten aussuchen... und die querulatorischen Stinkstiefel schickt ihr zu den MVZ Ketten ;-) Da ist es egal, dass die Sanoptis/ Artemis/ Ober- Scharrer Gruppe Millionen in schicke Werbebroschüren und Webauftritte investieren kann-

Ja, um soweit zu kommen braucht man einen Kassensitz. Kassensitze gibt es nicht mehr. Da kann ich als Angestellter noch so gute Medizin machen, mehr als 100-120k im Jahr werde ich nicht verdienen. Kriegt man auch bei der IG Metall mit 35h-Woche. Dafür müsste ich mir nicht die Sche*e geben, die ich aktuell an der Uniklinik mitmache.

Habe gerade mal wegen Zahnmedizin nachgelesen - es scheint ja jeder Zahnarzt Rechtsanspruch auf einen Kassensitz zu haben? :O Krass. Dann würde ich auch etwas anders über meine berufliche Zukunft denken.



Abgesehen davon, dass sich die Finanzierungskonditionen gerade massiv verschlechtern, so dass dieses "ich leih mir 200 Mio Euro zu 0% und kaufe davon 52 MVZ und Drei Kliniken und verkaufe das ganze in 5 Jahren wieder mit 25% Gewinn" Spiel gerade ins Kippen kommt.

Warum ist das so?



Ich kann Skywalker, Evil und co nur beipflichten: nur Mut! Sucht euch eine ökologische Nische, macht euch einen Namen, liefert Qualität ab und kümmert euch um eure Patienten und Angestellten, das wird schon werden.

Survivorship Bias. Die Pläne von Skywalker gingen auf, die Pläne seiner Kommilitonen, die mit ähnlichem Ziel (z.B. einer fachinternistischen Praxis) ins Studium gestartet sind, sehr wahrscheinlich nicht.



PS: dem Kollegen, der befürchtet als Millenial aus den Aktienmärkten ausgepreist worden ist- keine Panik. Die Differenz zwischen Fed Funds Rate und der 5yr 5yr Forward Inflation Expectation ist vor kurzem auf 0 gefallen. Das wird den Aktien gar nicht gefallen und du darfst demnächst einkaufen. Kein Grund zur FOMO

Inflation wird doch eher dazu führen, dass noch mehr Kapital in Aktien fließt, weil der Realzins aller festverzinslichen Anlageform noch weiter sinkt, oder täusche ich mich?

Autolyse
09.04.2022, 16:25
[...]Mit Glück und Fleiß hat es funktioniert. Wenn du ein Jahr später in der Finanzkrise angefangen hast und jetzt jammern muss tut es mir leid. Das Wort raffen ist unangebracht. Und Aktien kann man auch schon im Studium kaufen, 2008 war Amazon,Apple und Google auch schon der heiße scheiß, konnte man antizipieren und die schönen kurssteigerungen mitnehmen, ich spreche aus Erfahrung. Ich wünsche dir, dass du Ziele hast und sie erreichen kannst.
Ohne jetzt zu ketzerisch sein zu wollen, aber das Thema Aktienkauf im Studium setzt schon einen gewissen elterlich-monetären Background voraus, oder? Ich habe sicherlich nicht in einer Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten studiert, aber wenn man sich selbst voll finanzieren muss und mit einer halben Stelle parallel zum Studium arbeitet bleibt jetzt trotzdem keine Riesenmenge übrig am Ende des Monats. Ob Fleiß dann wirklich der ähnlich ausschlaggebende Punkt ist wie Glück und Startbedingungen?

Ob der Verweis auf die ökonomische Nische so zielführend ist sei ebenfalls mal dahingestellt. Das würde voraussetzen, dass man irgendwas kann und abseits von Briefe schnell tippen und Husten/Schnupfen/Heiserkeit in der ZNA behandeln (oder Stand-by beim Port während die Oberen die große Einleitung machen) ist dann doch wenig. Schließlich geht der eigene Nutzen für die bonusberechtigten Oberen nicht darüber hinaus. Insofern finde ich das Argument ein wenig unredlich.

Christoph_A
09.04.2022, 16:45
Also, das kann man so sicher alles nicht stehen lassen. Ich bin 2013 in die Niederlassung gegangen, erst angestellt, dann ab 2018 als Gesellschafter, dazu in einer der begehrtesten Lagen Deutschlands, es ist also durchaus auch heute noch möglich, den Schritt in die Selbständigkeit zu gehen, zumal immer mehr KV Sitze ja grade in MVZs geteilt werden zwecks besserer Ausladtung derselben.
Dann gibt es noch die Demographie, die Euren Ausführungen diametral entgegensteht. Ca. 1/3 aller KV Sitze werden die nächsten 10 bis 15 Jahre aus Altersgründen frei werden und beileibe nicht jeder Kollege wird höchstbietend an einen Konzern verkaufen wollen. Wir haben uns gerade selber 2 Allgemeinarztsitze zum Schnäppchenpreis von 30K pro Sitz gesichert, die KEINER sonst wollte.
Die Sozialismus light Phantasien, daß KV Sitze direkt bei Ausscheiden an die KV zurückfallen, lasse ich mal unkommentiert, dazu muß man nix sagen.
Ich bleibe dabei, wer will, findet einen Sitz oder eine Gesellschafterposition in nem MVZ. Man muß halt nur erst mal was investieren.

WiWi18
09.04.2022, 16:58
Also, das kann man so sicher alles nicht stehen lassen. Ich bin 2013 in die Niederlassung gegangen, erst angestellt, dann ab 2018 als Gesellschafter, dazu in einer der begehrtesten Lagen Deutschlands, es ist also durchaus auch heute noch möglich, den Schritt in die Selbständigkeit zu gehen, zumal immer mehr KV Sitze ja grade in MVZs geteilt werden zwecks besserer Ausladtung derselben.
Dann gibt es noch die Demographie, die Euren Ausführungen diametral entgegensteht. Ca. 1/3 aller KV Sitze werden die nächsten 10 bis 15 Jahre aus Altersgründen frei werden und beileibe nicht jeder Kollege wird höchstbietend an einen Konzern verkaufen wollen. Wir haben uns gerade selber 2 Allgemeinarztsitze zum Schnäppchenpreis von 30K pro Sitz gesichert, die KEINER sonst wollte.
Die Sozialismus light Phantasien, daß KV Sitze direkt bei Ausscheiden an die KV zurückfallen, lasse ich mal unkommentiert, dazu muß man nix sagen.
Ich bleibe dabei, wer will, findet einen Sitz oder eine Gesellschafterposition in nem MVZ. Man muß halt nur erst mal was investieren.

Kassensitze sind das Recht zur Abrechnung mit der KV. Warum zum Geier soll man sowas überhaupt verkaufen dürfen?

Dass Kassensitze überhaupt gehandelt werden hat etwas von Plutokratie.

Christoph_A
09.04.2022, 17:31
Kassensitze sind das Recht zur Abrechnung mit der KV. Warum zum Geier soll man sowas überhaupt verkaufen dürfen?

Dass Kassensitze überhaupt gehandelt werden hat etwas von Plutokratie.

Weil nicht der Sitz direkt gehsndelt wird, sondern die daran hängende Praxis. Alles,wasserdicht und rechtskonform. Wie toll es ist, wenn alles nur über den Staat vergeben wird, kennen wir ja aus den Geschichtsbüchern.
Es fehlt in der Niederlassung nicht an zu viel Staat, wir bräuchten eher weniger davon.

WiWi18
09.04.2022, 17:38
Weil nicht der Sitz direkt gehsndelt wird, sondern die daran hängende Praxis. Alles,wasserdicht und rechtskonform. Wie toll es ist, wenn alles nur über den Staat vergeben wird, kennen wir ja aus den Geschichtsbüchern.
Es fehlt in der Niederlassung nicht an zu viel Staat, wir bräuchten eher weniger davon.

Die Krux liegt halt darin, dass der Staat mit diesen Kassensitzen schon ziemlich hart in die Berufsfreiheit eingreift.

Deswegen Plutokratie. Vom Staat vergebene Privilegien, die dann Handelswaren werden.

Endoplasmatisches Reticulum
09.04.2022, 18:11
Ich denke schon, dass man differenzieren sollte zwischen staatlicher Überregulation und einem absolut notwendigen Einschreiten bei drohender Oligopolisierung, die vermutlich auch nur einer Kartellbildung vorgeschaltet wäre.

Hier bei mir gibt es auf Krankenhausebene bereits im Wesentlichen nur noch einen Arbeitgeber, und es ist die Hölle.

DrSkywalker
09.04.2022, 19:08
Ohne jetzt zu ketzerisch sein zu wollen, aber das Thema Aktienkauf im Studium setzt schon einen gewissen elterlich-monetären Background voraus, oder? Ich habe sicherlich nicht in einer Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten studiert, aber wenn man sich selbst voll finanzieren muss und mit einer halben Stelle parallel zum Studium arbeitet bleibt jetzt trotzdem keine Riesenmenge übrig am Ende des Monats. Ob Fleiß dann wirklich der ähnlich ausschlaggebende Punkt ist wie Glück und Startbedingungen?.

Weil du fragst: als Arbeiterkind habe ich Bafög bekommen und nebenbei gejobbt. Ich habe für 170 Euro/Monat im Wohnheim gewohnt, habe Sitzwachen gemacht, als Tutor gearbeitet, kein Auslandssemseter oder Auslandstertial, in den Semesterferien gearbeitet, Urlaub mit dem Rad in Deutschland, Studium in Regelstudienzeit etc.

Die Summen, die ich während des Studiums in Aktien stecken konnte waren natürlich nicht hoch, ich hatte von Großeltern/Eltern/Ferienjobs vor dem Studium ein paar Tausender angespart, die ich auch in Aktien und Fonds gesteckt habe, aber ich war halt früh dabei. Ich hatte 2008 schon ETF-Sparpläne für mich entdeckt und auch Amazon und Google-Aktien. Naja, Geldanlage ist eben auch Hobby.

Ich glaube ja, dass die Kinder von wohlhabenden Familien oft nicht mehr "hungrig" sind, weil Geld nie ein großes Thema war, es war einfach genug von allem da. Wer als Kind ständig mitbekommt, dass die Eltern sparen müssen hat da eine andere Sicht auf die Dinge.

Christoph_A
09.04.2022, 19:54
Die Krux liegt halt darin, dass der Staat mit diesen Kassensitzen schon ziemlich hart in die Berufsfreiheit eingreift.

Deswegen Plutokratie. Vom Staat vergebene Privilegien, die dann Handelswaren werden.

Die Alternative wäre halt, alles aufzumachen, was a) in Ballungsräumen zu massivstem Konkurrenzkampf führen würde mit konsekutiven Pleiten vieler Praxen und b) zu einer massiven Unterversorgung ländlicher/einkommensschwacher Regionen. Kann irgendwie auch nicht gewollt sein.

anignu
09.04.2022, 19:57
Da kann ich als Angestellter noch so gute Medizin machen, mehr als 100-120k im Jahr werde ich nicht verdienen.
Doch. Als simpler OA an der Uni bekommst du schon nach 6 Jahren 112t€ brutto (Quelle: Entgelttabelle TVÄ Uni). Ohne Poolbeteiligung, ohne Dienste, ohne Vortragshonorare, ohne sonstwas. Und jetzt zeigt mir erst mal einen OA der keine Dienste macht. Nimmt einfach noch 20-30% durch Dienste dazu. Und vor allem an der Uni kenn ich Leute die ihren Verdienst gut mit Vortagshonoraren aufbessern...

Kriegt man auch bei der IG Metall mit 35h-Woche.
Wirklich? Bitte nenne eine Quelle für die Behauptung. Ich hab grad mal nach IG Metall und Tariftabellen geschaut und komm da eher auf deutlich weniger. Daher: Quelle?

anignu
09.04.2022, 19:58
Die Alternative wäre halt, alles aufzumachen, was a) in Ballungsräumen zu massivstem Konkurrenzkampf führen würde mit konsekutiven Pleiten vieler Praxen und b) zu einer massiven Unterversorgung ländlicher/einkommensschwacher Regionen. Kann irgendwie auch nicht gewollt sein.
Korrekt. Denn wenn man es ganz genau nimmt vergibt nicht "der Staat" die Kassensitze, sondern die Kassenärztliche Vereinigung. Und die hat die Aufgabe sich eben auch um unterversorgte Gebiete zu kümmern.

OhDaeSu
09.04.2022, 20:00
Weil nicht der Sitz direkt gehsndelt wird, sondern die daran hängende Praxis. Alles,wasserdicht und rechtskonform. Wie toll es ist, wenn alles nur über den Staat vergeben wird, kennen wir ja aus den Geschichtsbüchern.


Was hat die exklusive Lizenz auf Abrechnung mit der GKV nach Bedarfsplanung von anno dazumal mit einem freien Markt zu tun? Das ist super für die Kollegen, die einen entsprechenden Sitz haben und die Praxis eingerannt bekommen, und blöd für alle anderen. Klar, dir spielt das in die Hände, Glückwünsch auch zu den beiden Hausarzt-Sitzen zum Schleuderpreis (hat der anzustellende Allgemeinmediziner die realistische Möglichkeit Teilhaber zu werden?) Aber du wirst verstehen, dass der Hinweis auf die aktuelle Situation (alles rechtskonform und wasserdicht, gibt doch teils noch genug Sitze in ein paar Fächern) kaum geeignet ist, Sorgen über die berufspolitische Zukunft zu zerstreuen.


Die Alternative wäre halt, alles aufzumachen, was a) in Ballungsräumen zu massivstem Konkurrenzkampf führen würde mit konsekutiven Pleiten vieler Praxen und b) zu einer massiven Unterversorgung ländlicher/einkommensschwacher Regionen. Kann irgendwie auch nicht gewollt sein.

Ja, freier Markt würde bedeuten, dass es Konkurrenz gibt und man auch pleite gehen kann. Absurder Gedanke :D Wie war das noch? Es fehlt in der Niederlassung nicht an zu viel Staat, wir bräuchten eher weniger davon. ... aber bitte nicht, wenn ich mein Monopol verliere.

Christoph_A
09.04.2022, 20:25
Was hat die exklusive Lizenz auf Abrechnung mit der GKV nach Bedarfsplanung von anno dazumal mit einem freien Markt zu tun? Das ist super für die Kollegen, die einen entsprechenden Sitz haben und die Praxis eingerannt bekommen, und blöd für alle anderen. Klar, dir spielt das in die Hände, Glückwünsch auch zu den beiden Hausarzt-Sitzen zum Schleuderpreis (hat der anzustellende Allgemeinmediziner die realistische Möglichkeit Teilhaber zu werden?) Aber du wirst verstehen, dass der Hinweis auf die aktuelle Situation (alles rechtskonform und wasserdicht, gibt doch teils noch genug Sitze in ein paar Fächern) kaum geeignet ist, Sorgen über die berufspolitische Zukunft zu zerstreuen.



Ja, freier Markt würde bedeuten, dass es Konkurrenz gibt und man auch pleite gehen kann. Absurder Gedanke :D Wie war das noch? Es fehlt in der Niederlassung nicht an zu viel Staat, wir bräuchten eher weniger davon. ... aber bitte nicht, wenn ich mein Monopol verliere.

@OhDaeSu: Bitte nicht falsch verstehen, ich hätte keine Angst vor sowas, würde nur nicht dem angestrebten Ideal der Kritiker hier entsprechen, da wird ja was anderes von der KV erwartet, das wollte ich damit aufzeigen.
Was die Sitze angeht, die brauchen wir in erster Linie, um unser Abrechnungsspektrum zu erweitern, Stichwort Wiedergänger und so. Die Kollegen, die auf den Sitzen abgerechnet werden, haben kein Interesse an ner Teilhaberschaft, da in Teilzeit angestellt und anderweitig primärinteressiert. Solls auch geben.

Autolyse
09.04.2022, 20:30
[...]Ich glaube ja, dass die Kinder von wohlhabenden Familien oft nicht mehr "hungrig" sind, weil Geld nie ein großes Thema war, es war einfach genug von allem da. Wer als Kind ständig mitbekommt, dass die Eltern sparen müssen hat da eine andere Sicht auf die Dinge.
Ich denke nicht, dass dieser Schluss zwingend ist. Man könnte umgekehrt annehmen, dass es gerade diese Klientel ist, die in den Staatsdienst strebt. Der Staat ist ein solventer Schuldner, kann nicht pleite gehen und zahlt immer pünktlich. Ich denke, dass es eher eine Frage der Mentalität ist. Für mich wäre die Position als Arbeitgeber nicht das Richtige: Wenn die wirtschaftliche Existenzgrundlage der Mitarbeiter (und mittelbar deren Anhang) über den Jordan geht, weil ich zu dämlich bin, dann ist das eine abschreckende Vorstellung. Da war mir das Risiko, dass die Talibs mich und meine Gruppe aufgrund einer taktischen Fehlentscheidung abräumen, deutlich lieber, immerhin waren wir alle freiwillig und in Kenntnis des Risikos.

dissection
09.04.2022, 20:52
Weil nicht der Sitz direkt gehsndelt wird, sondern die daran hängende Praxis. Alles,wasserdicht und rechtskonform. Wie toll es ist, wenn alles nur über den Staat vergeben wird, kennen wir ja aus den Geschichtsbüchern.
Es fehlt in der Niederlassung nicht an zu viel Staat, wir bräuchten eher weniger davon.

Das Problem ist doch zu komplex als es in so Allgemeinplätzen wie "Mehr Staat - weniger Staat" und "mehr KV - weniger KV" runterzubrechen. Thomas hat wieder einen guten und immerhin unternehmerisch-optimistischen Beitrag geschrieben und die liberale Lösung der Markteffizienz vorgeschlagen: Menschliche und fachliche Qualität auf einem einzelnen KV-Sitz wird sich auch gegenüber institutioneller Investoren durchsetzen können. Ich bezweifle das stark. Die internistischen Fächer in denen man sich gut niederlassen kann aber die mich halt net interessieren (die Rohrreiniger: Gastroenterologen und Kardiologen) sind nicht so attraktiv für Investoren wie mein Fach. Die Onkologie hat auch wie die Nephrologie den Vorteil dass eine gut abzurechenbare Intervention (Immunchemotherapie wie auch CIHD) keine durchgehende ärztliche Besetzung "am Tisch" erfordert, so dass Skaleneffekte für Investoren möglich sind. Dementsprechend besteht für meine Zukunft hier eine ganz realistische Gefahr.
Mir wurde hier im Thread nun Optimismus, Wille und Arbeitseifer empfohlen von Leuten die eben ihre Nische gefunden haben. Sorry, das wird der Problematik nicht gerecht.
Können wir nun dazu übergehen als Kollegen nicht dieser tumben Antagonisierung zwischen Erfahren - Unerfahren, Angestellt - Niedergelassen, Faul - Fleissig zu verfallen? Rechtspositivismus und Konservatismus ("ja mei so ist halt das aktuelle KV-Recht, deal with it hehe") helfen mir nicht.

Kennt jemand die Historie zu dieser Diskussion, gab es früher schon Reformbestrebungen das KV-Recht zu ändern um wieder mehr Ärzten Unternehmertum zu ermöglichen? Den Aspekt aus der Zahnmedizin mit einer Begrenzung auf 10 % institutionell gehaltener MVZ pro Planbezirk fand ich spannend.