Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Investoren kaufen Praxen (Tagesschaubericht)
DrSkywalker
08.04.2022, 05:30
Sehr interessanter und betrüblich stimmender Bericht:
https://www.tagesschau.de/investigativ/panorama/arztketten-monopolisierung-augenheilkunde-101.html
Mein Rat an alle Kollegen: lasst euch nicht von solchen Investorenketten einspannen! Wer hat Erfahrungen mit diesen Entwicklungen? Ich als Praxisinhaber bekomme regelmäßig werbe-Post mit Kaufangeboten von diesen Firmen und bin angewidert.
Aeonflux
08.04.2022, 06:01
Ich bin auch total angewidert. Das sind alles Ausbeuter. Wer sowas unterstützt, ist mit Schuld an den miesen Bedingungen, denen Ärzte überall ausgesetzt sind. Die zahlen auch wirklich schlecht. Kein Wunder, wenn man auch noch das Übergebäude aus BWLern und die Investoren mit durchfüttern muss.
Anne1970
08.04.2022, 07:25
https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Spekulanten-greifen-nach-Arztpraxen,arztpraxen110.html
Dieser Beitrag war mir dazu aufgefallen.
Das ja nicht nur im Gesundheitswesen so. Der Staat zieht sich aus vielen Bereichen mehr und mehr zurück und überlässt Leistungen der Grundversorgung mehr und mehr dem privaten Sektor. Die Wasserversorgung ist noch nicht privatisiert.
Dialysepraxen sind schon lange in Konzernhänden. Als Arzt oder Ärztin ist es in manchen Regionen in dem Bereich fast unmöglich selbstständig tätig zu sein.
Ich finde, dass gerade im Hausarztbereich eine richtige Heuschreckenplage über uns ist. Das Problem sind meiner Meinung nach die starren und inflexiblen Rahmenbedingungen, die von der KV vorgegeben werden. In diese Lücke springen Privatunternehmen und locken Ärzte und Ärztinnen mit den bekannten Versprechungen.
Sehr interessanter und betrüblich stimmender Bericht:
https://www.tagesschau.de/investigativ/panorama/arztketten-monopolisierung-augenheilkunde-101.html
Mein Rat an alle Kollegen: lasst euch nicht von solchen Investorenketten einspannen! Wer hat Erfahrungen mit diesen Entwicklungen? Ich als Praxisinhaber bekomme regelmäßig werbe-Post mit Kaufangeboten von diesen Firmen und bin angewidert.
ich fand es bemerkenswert, dass nur Augenpraxen genannt werden.
Bei den Praxen für Bildgebende Verfahren (Radiologie/Nuklearmedizin/Strahlentherapie) ist es dasselbe Spiel.
Ob das eine positive oder negative Entwicklung ist, darüber kann man lange streiten. Was mir auffällt: In den 80/90er Jahren waren viele Kassensitze frei, Gründerzeitstimmung, es war in manchen Fächern viel einfacher sich niederzulassen. Inzwischen sind viele Fächer und Bezirke komplett gesperrt. Alles ist versorgt. Eine Niederlassung ist nicht so einfach möglich wie noch vor 30 oder 20 Jahren. Jetzt gehen die KV-Sitze der Inhaber an Investorenketten gegen gutes Geld anstatt an junge Ärzte. Unfair gegenüber der jungen Generation.
Ich bin gespannt, ob die Politik hier Veränderungen anstrebt oder einfach alles so belässt.
DrSkywalker
08.04.2022, 09:16
Die jungen Kolleginnen und Kollegen scheuen sich eben auch oft mehrere hunderttausend Euro zu investieren und sehen nicht die langfristigen Vorteile der Selbstständigkeit.
Wenn man 300k zu versteuerndes/ jahr hat ist ein Kaufpreis für eine Praxis in gleicher Höhe eigentlich fair, trotzdem wirkt es auf die rookies sehr bzw zu viel.
ehem-user-25-04-2022-1131
08.04.2022, 09:23
Die jungen Kolleginnen und Kollegen scheuen sich eben auch oft mehrere hunderttausend Euro zu investieren und sehen nicht die langfristigen Vorteile der Selbstständigkeit.
Wenn man 300k zu versteuerndes/ jahr hat ist ein Kaufpreis für eine Praxis in gleicher Höhe eigentlich fair, trotzdem wirkt es auf die rookies sehr bzw zu viel.
Es wäre aber dennoch Aufgabe der Politik / kassenärztlichen Vereinigungen gegenzusteuern. Wenn man beispielsweise im Studium bereits etwas betriebswirtschaftliche Fakten für die Niederlassung vermittelt oder die jungen Assistenzärzte speziell abwirbt. Wenn man außerdem wirklich an den Problemen arbeiten würde: Z.B. als Landarzt mitunter ständige Verfügbarkeit, insgesamt der Zwang viele Patientenfälle in kurzer Zeit abzuarbeiten und die gesamte Bürokratie wäre es meiner Meinung nach deutlich attraktiver. Eine Mehrheit der Ärzte mit denen ich über eine Niederlassung gesprochen habe, scheuten nämlich nicht die Kosten sondern haben diese eher in Relation zu den oben genannten Punkten gesehen.
Feuerblick
08.04.2022, 10:05
Die jungen Kolleginnen und Kollegen scheuen sich eben auch oft mehrere hunderttausend Euro zu investieren und sehen nicht die langfristigen Vorteile der Selbstständigkeit.
Wenn man 300k zu versteuerndes/ jahr hat ist ein Kaufpreis für eine Praxis in gleicher Höhe eigentlich fair, trotzdem wirkt es auf die rookies sehr bzw zu viel.Ich habe verzweifelt nach den Vorteilen der Selbständigkeit gesucht, aber keine gefunden. :-nix
schmodderpumpe
08.04.2022, 10:10
In welchen Fachgebieten ist denn heutzutage eine Niederlassung noch realistisch?
DrSkywalker
08.04.2022, 10:25
Ich habe verzweifelt nach den Vorteilen der Selbständigkeit gesucht, aber keine gefunden. :-nix
Naja, das ist wohl Typsache. Ich könnte nie wieder angestellt tätig sein. Ich bin sehr gerne Inhaber eines Unternehmens und wollte das schon seit den Teeny-Jahren, eigenlich in einer anderen Branche, aber es ist dann eben die Medizn geworden.
Vorteile sind:
viele Gestaltungsmöglichkeiten
Ein Unternehmen aufbauen, sehen wie es wächst und den Mitmenschen mehrwert bringen (Angestellte und Patienten profitieren!)
Freiheit
außer meiner Frau hat mir keiner etwas zu sagen
Und was mir auch sehr wichtig ist: Das Einkommen. Geb ich zu. Ich finde es einfach cool mir auch in den heutigen Zeiten ein schönes Haus in einem guten Stadtviertel leisten zu können, schöne, zahlreiche Urlaube, Bio-Essen, große Rücklagen im Depot, es sich leisten Großzügig zu sein (Wohltätigkeit, Angestellte, Mitmenschen), auch mal als Ausnahme den neusten Technik-Schnickschnack kaufen können wenn man es will und Zeit da ist (selten).
Nachteile gibt es auch genug: man ist Selbst und ständig, am Ende selbst für alles verantwortlich was läuft und ständig eingebunden (kann man abfedern mit gutem Team). Finanzielles Risiko ist als Arzt überschaubar.
Ich will jeden, der mit dem Gedanken spielt aber zögert motivieren: Go for it!
Feuerblick
08.04.2022, 10:45
Meine Nachteile waren:
- ein „Unternehmen“ aufbauen müsse, was mich nicht, also wirklich gar nicht interessiert
- keine Freiheit, keine Möglichkeit „mal eben“ den Job zu wechseln
- selbst und ständig
- für alle selbst haften müssen und verantwortlich sein
- viel mehr Arbeitszeit neben den eigentlichen Praxiszeiten.
Gehalt interessiert mich einfach gar nicht (Hauptsache, er ist genug fürs Leben).
mit Chefs komme ich entweder klar oder sorge dafür, dass ich einen Chef finde, der mir nicht reinquatscht.
ehem-user-25-04-2022-1131
08.04.2022, 11:04
Meine Nachteile waren:
- ein „Unternehmen“ aufbauen müsse, was mich nicht, also wirklich gar nicht interessiert
- keine Freiheit, keine Möglichkeit „mal eben“ den Job zu wechseln
- selbst und ständig
- für alle selbst haften müssen und verantwortlich sein
- viel mehr Arbeitszeit neben den eigentlichen Praxiszeiten.
Gehalt interessiert mich einfach gar nicht (Hauptsache, er ist genug fürs Leben).
mit Chefs komme ich entweder klar oder sorge dafür, dass ich einen Chef finde, der mir nicht reinquatscht.
Sorry, aber muss kurz los werden, dass ich deinen Post sehr sympathisch finde :-meinung
bei Panorama vom NDR gibt es noch ein Video dazu. Geht eine halbe Stunde. :)
Dass das ganze auch negative Auswirkungen hat bei ausreichend krimineller Energie u. Rafinesse -die man sich als unbeteiligter gar nicht vorstellen kann - stellten Reportagen von der ZEIT schon 2019 gut dar.
"Doch genau das wollte wohl ZytoService. Es schien nicht zu reichen, hier und da einzelne Ärzte für
Rezepte zu bestechen. Besser: Gleich die ganze Praxis besitzen. Obwohl das verboten ist. Deshalb
nutzte das Trio offenbar eine neue Masche: Über ein verzweigtes Firmengeflecht gründete es – so
die Ermittlungen – sogenannte Medizinische Versorgungszentren, kurz MVZ. In einem MVZ wird aus
mehreren Arztpraxen ein Unternehmen. Und die Ärzte werden zu Angestellten – des MVZ. Mit der
Umwandlung von einzelnen Arztpraxen in eigene MVZs sicherte sich ZytoService offenbar die
gewinnbringenden Rezepte der Onkologen. So entstanden bundesweit 15 Medizinische
Versorgungszentren, allein drei in München. Wir machen einen Arzt ausfindig, den ZytoService
anwerben wollte. Er hat Angst vor Repressalien und will deshalb anonym bleiben. Der Onkologe
berichtet: „Zwei Männer von ZytoService haben ihm viel Geld geboten, einen hohen sechsstelligen
Betrag, dafür, dass er seine Praxis verkauft und daraus ein MVZ wird.“ Er selbst sollte dann dort als
Arzt angestellt werden: „Mein Gehalt wäre nicht besonders hoch gewesen. Aber dann haben sie
gesagt: Wenn ich den Umsatz des MVZ steigere, dann bekomme ich mehr Geld. Und das läuft
natürlich nur über Rezepte! Dass man die Rezepte so ausstellt, dass dabei möglichst viel für die
Apotheke, also am Ende für ZytoService, herumkommt.“ Die Rezepte sollte er an die Hamburger
Antares Apotheke weiterleiten. Die gehört den Gründern von ZytoService. Antares beauftragt dann
offenbar ZytoService, die Infusionen für die Krebstherapie zu produzieren. Und dann aus Hamburg
an das MVZ auszuliefern. Das ganze Geschäft nun quasi in der Hand eines Konzerns. Das Angebot
der ZytoService-Leute sei verlockend gewesen, sagt uns der Arzt – denn damit wäre er seine
Schulden für die Praxis auf einen Schlag los gewesen. Am Ende lehnt er aber ab. Denn er hat große
Bedenken."
schnix25
08.04.2022, 12:51
Das größte Risiko in einer Einzelpraxis sehe ich am ehesten darin, dass eben das gesamte Einkommen nur von einer Person abhängig ist. Gesundheitlich darf da halt gar nichts passieren. Es muss ja keine schlimme Erkrankung sein, aber allein ein banaler Knochenbruch kann ja dazu führen mal für ein paar Wochen nicht arbeiten zu können. Und die Kosten laufen in der Zwischenzeit alle weiter, bei null Einnahmen.
unabhängig davon, ob man sich selber selbständig machen möchte oder nicht, finde ich diese Entwicklung mit den Investoren mehr als bedenklich. Natürlich waren mir einige Namen geläufig, aber ich hätte nie gedacht, was da für ein Druck dahinter steht. Sowas sollte wirklich verboten werden, bzw. die Gesetze müssten weiter eingepasst werden.
Christoph_A
08.04.2022, 14:10
Solchen Auswüchsen kann man aber auch schon im Gesellschaftervertrag entgegenwirken. Bei.uns dürfen nur natürliche Personen Gesellschafter sein und Geschäftsanteile auch nicht an Gesellschsften verkauft werden. Da gibts sicher auch Schlupflöcher, allerdings schreckt das schon einige Heuschrecken ab. Die Nephrologen sind ja schon den Weg gegangen, der jetzt den Onkologen angetragen wird.
Clever gemacht, dass man Kassensitze zeitlich unbegrenzt halten und munter hin und her verkaufen kann, ohne dass sie wieder an die KV zurückfallen.
Sehe weder bei den Politikern, noch den Kassen, noch den Ärzten mit entsprechender Funktion und dem nötigen Standing (arriviert,gut vernetzt aber vor allem mit netter Praxis und der Aussicht auf Ablösesummen weit jenseits der finanziellen Möglichkeiten eines jungen Arztes) irgendwelche Anreize etwas zu ändern bzw. diese Entwicklung noch einzufangen. Idealisten wie DrSkywalker mag es geben, aber die sind die Ausnahme und noch liegt die Praxisabgabe in weiter Ferne.
Ist dann nur eine Frage der Zeit bis die iMVZs anfangen, sich abzusprechen und die Löhne der angestellten Ärzte zu drücken. Da hat man zukünftig zwar die Wahl zwischen 6 Praxen, aber nur noch zwischen zwei Arbeitgebern.
OT: Dazu kommen Funktionäre, die sich für eine erleichterte Anerkennung von Berufsabschlüssen aus aller Herren Länder und weniger rigide Sprachprüfungen stark machen und Arztassistenten als Ausweg aus dem Ärztemangel präsentieren. Dann werden in 5-6 Jahren noch die Absolventen der neuen Medizin-Fakultäten fertig und wir sind wieder am anderen Ende des Schweinezyklus angekommen.
Die Niederlassung ist doch sowieso eine Seuche. Nutzlose diagnostische und therapeutische Leistungen werden seit Ewigkeiten in Hülle und Fülle erbracht und abgerechnet. Je lukrativer, desto mehr. Da braucht man gar keine investorengeführten MVZs, die stellen nur eine unerfreuliche Zuspitzung der Misere dar. Unnötige LWS-MRTs, Bestrahlungen mit veralteten Schemata, die man aber besser abrechnen kann…die Liste ist endlos. Und wenn sich der Hausarzt gerade ein nagelneues Sonogerät ins Behandlungszimmer gestellt hat, bekommt der 24-jährige Fastenbrecher halt auch eine Abdomensono. Medizinische Indikationsstellung und private finanzielle Interessen sind keine gute Kombination, gehen aber immer Hand in Hand im aktuellen System. Möchte den sehen, der sich davon völlig freimacht.
DrSkywalker
08.04.2022, 17:39
@kaas: das stimmt schon was du sagst. Die mir bekannten staatlichen Systeme sind aber auch nicht besser leider. Das leistungsfähigste und innovativste System hat mmn die USA. Es ist auch das kapitalistischste. Sozialismus im Gesundheitssystem ist auch nicht die Lösung.
Mir ging es aber auch darum, dass wir Ärzte, die die Leistungen erbringen, uns von den bwlern die Butter vom Brot nehmen lassen, das finde ich schade.
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