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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Doktorarbeit fortführen oder abbrechen?



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*milkakuh*
01.06.2022, 05:41
Hallo alle zusamen!

Tatsächlich brauche ich jetzt auch mal ein paar Meinungen zu meiner Doktorarbeit.

Zur Vorgeschichte muss ich etwas ausholen: Angefangen habe ich die Arbeit während des Studiums in 2015. Es handelt sich um eine retrospektive klinische Arbeit. Ich sollte damals direkt mit der Datenerhebung anfangen. Die Datenerhebung gestaltete sich sehr schwierig. Immer wieder sind meiner Doktormutter Daten eingefallen, die ja auch noch interessant seien, was dann mehrmals dazu geführt hat, dass ich alle Patienten erneut durchgeschaut habe. Viele der Daten sind lückenhaft erfasst worden, sodass meine Tabelle natürlich auch sehr lückenhaft und dadurch meiner Meinung nach schwierig auszuwerten ist. Wenn ich meine Doktormutter auf fehlende Daten anspreche, kommt entweder, dass das nicht sein kann oder, dass ich ihr schicken soll was fehlt und sie kümmert sich. Hab ihr bereits mehrmals konkrete fehlendende Daten genannt aber eine Rückmeldung diesbezüglich habe ich nie erhalten. Die Daten sind meiner Meinung nach auch sehr subjektiv und nur wenige Daten darunter Objektivierbar.

Außerdem verspricht meine Doktormutter seit Beginn den Ethikantrag stellen. Passiert ist in diese Richtung bisher nichts soweit ich weiß.


Meine Doktormutter ist kurz nach Beginn meiner Datenerhebung erkrankt und mehrere Monate ausgefallen. In diesen war sie für mich schwer erreichbar. Allerdings sollte ich einen Vortrag auf einem Kongress einreichen, welcher auch angenommen wurde. Für die Vorbereitung des Vortrags war meine Doktormutter erreichbar und am Ende hat alles gut geklappt. Dafür habe ich einen kleinen Teil der Daten ausgewertet.

Vor circa einem Jahr habe ich noch mal einen Angriff gestartet und versucht irgendwie Daten auszuwerten. Rückmeldung von meiner Doktormutter war, dass sie bestimmte Daten genauer aufgefschlüsselt haben möchte. Weil die Daten so inhomogen waren, hab ich sie in meiner Tabelle zusammengefasst und das was meine Doktormutter möchte rausgeschmissen - lässt sich nur mit viel Mühe aus vorherigen Tabellen raussuchen. :-music Aber ich frag mich auch wie es in der Arbeit aussieht, wenn ich ständig schreibe, dass x Daten fehlen....:-nix

Mit der Literaturrecherche hab ich ebenfalls begonnen aber da komme ich leider vom 100. ins 1000. und verzettel mich total. Denke aber das würde ich irgendwie hinbekommen, wenn nicht das Problem mit der Auswertung wäre.

Ich freue mich auf Ratschläge oder auch Erfahrungen von Useren mit ähnlichen Erfahrungen.

Der Doktortitel ist mir nicht super wichtig aber irgendwie ist es auch schade um die ganze Lebenszeit, die ich schon (oft auch nachts) mit der Datenerhebung verbracht habe. Rückblickend hätte ich viel früher die Reißleine ziehen sollen aber dafür ist es ja leider zu spät.

Viele Alternativen gibt es nicht: Ich könnte meinen Chef nach einer Arbeit fragen. Allerdings sind meine Kollegen auch lange mit den Arbeiten beschäftigt.

Ich bedanke mich fürs Lesen! :-winky

Feuerblick
01.06.2022, 08:11
Bei mir war es ähnlich mit fehlenden, inhomogenen Daten und Erreichbarkeit des Dr.Vaters. Es gipfelte darin, dass er meine fertig geschriebene Arbeit 1x korrigierte und die 2. Korrektur dann mit dem Argument ablehnte, die Daten seien nicht ausreichend und er würde die nicht einreichen.
Was ich damit sagen will: Ich würde abbrechen an deiner Stelle. Mich hat die investierte Lebenszeit auch geärgert, aber nun…

Absolute Arrhythmie
01.06.2022, 08:46
Ich würd versuchen durchzuziehen... Dann kommt halt nur ein rite oder cum laude raus, ist doch egal. Aber sieben Jahre (!) Arbeit einfach "wegwerfen" würde ich nicht. Vielleicht kann deine Doktormutter die Fragestellung so anpassen, dass du sie anhand der Daten sinnvoll beantworten kannst.

Evidence based
01.06.2022, 10:18
Ich würd versuchen durchzuziehen... Dann kommt halt nur ein rite oder cum laude raus, ist doch egal. Aber sieben Jahre (!) Arbeit einfach "wegwerfen" würde ich nicht. Vielleicht kann deine Doktormutter die Fragestellung so anpassen, dass du sie anhand der Daten sinnvoll beantworten kannst.

Mhhhh, die Fragestellung an die Daten anpassen... das kann man einem Doktoranden ja wohl nicht ernsthaft vorschlagen...

Absolute Arrhythmie
01.06.2022, 11:12
Mhhhh, die Fragestellung an die Daten anpassen... das kann man einem Doktoranden ja wohl nicht ernsthaft vorschlagen...

Wenn die Doktormutter immer mehr Daten haben wollte, die es gar nicht gibt? Dann kann man ja vielleicht zur ursprünglich geplanten Variante zurück kehren?

Es ist natürlich auch möglich in der Arbeit zu schreiben, was weshalb nicht geklappt hat oder nicht auswertbar war. Aber abbrechen weil die Doktormutter unzuverlässig ist finde ich nach dieser Zeit einfach extrem hart...

*Edith: ich hab mich vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt. Ich möchte natürlich nicht vorschlagen eine gänzlich andere Fragestellung zu konzipieren, die zu den Daten "passt".
Aber es gibt ja immer verschiedene Möglichkeiten Daten und Auswertungen zu analysieren und darzustellen. Ich hab z B ein paar Versuche gemacht die nicht direkt mit der Fragestellung zu tun hatten, diese aber präzisiert hätten. Hat aber nicht geklappt, also wurde es am Ende weggelassen.

*milkakuh*
01.06.2022, 11:39
Also sicherlich kann ich nicht nur meiner Doktormutter den schwarzen Peter zuschieben. Ich habe auch immer wieder über längeren Zeitraum nichts für die Doktorarbeit gemacht, weil anderes wichtiger war und ich auch einfach immer wieder frustriert aufgegeben habe...

Nefazodon
01.06.2022, 12:12
Kurze Verständnisfrage: Du schreibst vom Ethikantrag...ist dieser denn mittlerweile eingereicht (nach 7 Jahren?) und wann? Ich dachte, man darf Daten erst erheben bzw. ihre Verwendung "Umwidmen" (bei Daten aus der Patientenversorgung) nachdem ein positives Ethikvotum vorliegt? Sonst könnte man ja ins Blaue hinein forschen und praktisch alles mit den Daten anstellen....

Zu deiner Frage: 7 Jahre Arbeit würde ich nicht einfach so aufgeben. Ich würde vorschlagen, Du triffst dich möglichst bald mit deiner Doktormutter und besprichst mit ihr, wie ihr aus den Daten die ihr schon habt zeitnah eine Veröffentlichung machen könnt....Detailfragen würde ich dabei versuchen rauszuschmeißen/zu beschränken.
Sie hat ja vielleicht auch ein Interesse daran, das Projekt zu retten und zu einem zeitigen Abschluss zu bringen...

*milkakuh*
01.06.2022, 12:57
Soweit ich weiß gibt es immer noch keinen Ethikantrag. Ich hatte mehrmals angeboten mich zu kümmern aber meine Doktormutter meinte immer, dass sie das macht. Zuletzt hat sie mir wieder geschrieben, dass sie sich um das Ethikvotum kümmert aber gehört habe ich leider nicht. Ist das denn immer relativ aufwändig? Wäre natürlich super ärgerlich, wenn ich noch mehr Zeit reinstecke und es am Ende am Ethikvotum scheitert oder "meine" Daten zu schlecht sind....

Endoplasmatisches Reticulum
01.06.2022, 13:02
Sunk Cost Fallacy beachten und realistisch sein.

Prospektiv oder retrospektiv? Du wechselst im Text zwischen "Daten erheben" und "Daten auswerten". Datenerhebung "nachts" klingt für mich eher retrospektiv. Falls dem so ist, dann brauchst du ggf. gar keinen Ethikantrag. Da kannst du eine Vorabanfrage an die Kommission stellen, die lediglich der Feststellung einer Beratungspflicht dient und relativ knapp ausfällt. Die kannst du an einem Nachmittag selbst schreiben. Meist gibt es dafür einen Vordruck bei der zuständigen Kommission. Kommt natürlich auf die Fragestellung und das gesamte Studiensetting an. Aber im Zweifel ist auch ein richtiger Ethikantrag kein Hexenwerk. Das muss nicht vom Doktorvater gemacht werden, wenn der auch nach Jahren den Hintern nicht hoch kriegt.

Im Zweifel auf die Publikation verzichten und zur Monothesis zusammenschreiben?

*milkakuh*
01.06.2022, 13:42
Ich hab mich etwas missverständlich ausgedrückt. Es handelt sich um eine retrospektive Arbeit. Mit Datenerhebung nachts meinte ich, dass ich nachts die Akten durchgeschaut und die entsprechenden Daten versucht habe zu erfassen.

Ich hatte es bisher auch so verstanden, dass der Ethikantrag keine große Sache ist aber bin mir da auch nicht so sicher nachdem das immer noch nicht passiert ist.

Es ist schon klar, dass ich kein Paper schreibe und eine Monothesis geplant bzw. auch begonnen.

Autolyse
01.06.2022, 15:14
Kurze Verständnisfrage: Du schreibst vom Ethikantrag...ist dieser denn mittlerweile eingereicht (nach 7 Jahren?) und wann? Ich dachte, man darf Daten erst erheben bzw. ihre Verwendung "Umwidmen" (bei Daten aus der Patientenversorgung) nachdem ein positives Ethikvotum vorliegt? Sonst könnte man ja ins Blaue hinein forschen und praktisch alles mit den Daten anstellen....[...]
Je nach Ethikkommission und Regelung im Bundesland ist das nicht erforderlich für retrospektive Auswertungen von abteilungsinternen Daten aus der Routinepatientenbehandlung, wenn personenbezogene Daten nicht das KIS verlassen. Die Datennutzung ist von Gesetzes wegen legitimiert und einer Patientenzustimmung bedarf es für Forschungsvorhaben, je nach Bundesland, auch nicht, weil das Gesetz die Zustimmung ersetzt.

D.Hollywood
02.06.2022, 04:40
Ich verstehe nicht wieso nach 7 Jahren kein Ethik Antrag eingereicht ist?
Ich habe den selbst gemacht und geschrieben, Prof hat es dann abgezeichnet. Erst dann habe ich auch angefangen. Klingt iwie so danach als hättest du auch keine konkrete Fragestellung, wenn du einfach so Daten sammelst und dann immer was neues einfällt. Schau nach den Sachen, die du brauchst für deine Fragestellung. Wenn das zusammen ist, geht es weiter.
Wobei ich nicht wirklich weiß, ob du mit den Daten noch was anfangen kannst… bzw. wie die Doktormutter so tickt, erstmal schauen dass die rechtlichen Sachen geklärt sind. Wer weiß wie lange sie noch an deiner Uni ist um dich zu betreuen, und ob sie dann net doch sagt die Daten sind verfälscht

Wenn du denkst du kannst das noch weiter durchziehen, weil deine Datensammlung eh schon abgeschlossen ist und du hast Ziele im Blick +eine Vereinbarung, dass deine Doktormutter nicht doch auf dem Weg absagt, dann kannst du es noch versuchen. Aber noch mal Daten sammeln hätte ich keine Lust. Vielleicht wird sie dann bemängeln deine Rechnungen sind nicht in Ordnung, bei der Datensammlung war etwas falsch und man kann mit den Ergebnissen nichts anfangen. Das kann nämlich passieren bei so einer langen Datenerhebung, wenn nicht ganz nachvollziehbar ist was was ist.
Vielleicht wäre es dann auch sinnvoll was anderes zu überlegen

*milkakuh*
02.06.2022, 09:34
Danke für die vielen guten Beiträge. Ich hatte eine schlaflose Nacht und überlege hin und her wie ich es machen soll. Aktuell überlege ich einen letzten Versuch mit einer ehrlichen Mail zu beginnen und meine ganzen Probleme und Bedenken aufzuschreiben. Wenn meine Doktormutter es dann für besser hält abzubrechen, ist es so...Worst case Szenario wäre allerdings wirklich, wenn ich weiter mache und dann wieder dieses und jenes nicht passt, ich noch mal Daten erheben soll oder am Ende tatsächlich meine Arbeit wegen "zu schlechter Daten" nicht einreichen darf. :-oopss

Ethikantrag wollte ich von Anfang an machen aber immer kam von meiner Doktormutter, dass sie sich selbst drum kümmern möchte. Warum sie das unbedingt selbst machen möchte hab ich bisher auch nicht verstanden.

Sie meinte auch lange ich müsste die Arbeit nicht anmelden. Die habe ich aber dann einfach relativ zu Beginn angemeldet. Scheint aber irgendwie auch kein Hahn danach zu krähen. Zumindest hab ich nie wieder was vom Promotionsamt gehört. :-peng

Nefazodon
02.06.2022, 10:43
Berichte gern, wie ihr verblieben seid bzw. wie es weitergeht.

Heerestorte
02.06.2022, 10:50
Sorry, aber da stimmt doch was nicht, wenn die über 7 (!) Jahre sagt, dass sie den Ethikantrag macht und es dann bisher nicht gemacht hat.. Allein das wäre mir schon viel zu doof gewesen und ich hätte ihr ein Ultimatum gestellt.

Endoplasmatisches Reticulum
02.06.2022, 11:10
Zeigt halt sehr schön, warum Forschung in Deutschland eine Farce ist. So oft entscheidet Glück mit dem Betreuer oder Doktorvater mehr über das Gelingen als die selbst eingebrachte Motivation, Arbeit und Qualität. Ich habe im Bekanntenkreis dermaßen viele Arbeiten an genau solchen Dingen scheitern sehen.

roxolana
02.06.2022, 13:12
Sie meinte auch lange ich müsste die Arbeit nicht anmelden. Die habe ich aber dann einfach relativ zu Beginn angemeldet. Scheint aber irgendwie auch kein Hahn danach zu krähen. Zumindest hab ich nie wieder was vom Promotionsamt gehört. :-peng

Habt ihr an der Uni eine Ombudsperson für Doktoranden? Da würde ich mal hingehen und die Situation schildern. Wenn die Arbeit angemeldet ist, dann ist das mit bestimmten Pflichten für deine Doktormutter verbunden.

Nefazodon
02.06.2022, 14:16
Habt ihr an der Uni eine Ombudsperson für Doktoranden? Da würde ich mal hingehen und die Situation schildern. Wenn die Arbeit angemeldet ist, dann ist das mit bestimmten Pflichten für deine Doktormutter verbunden.

Würde ich ehrlich gesagt eher nicht machen....wenn diese Arbeit nochmal fertig werden soll, dann bist Du auf den Goodwill deiner Betreuerin angewiesen.

Lieber das persönliche Gespräch suchen.

roxolana
02.06.2022, 14:39
Erstens muss die Doktormutter ja nichts von der Beratung durch die Ombudsperson erfahren, oder? Man kann sich doch erstmal auch unverbindlich beraten lassen. Das persönliche Gespräch wurde ja offensichtlich 7 Jahre lang erfolglos gesucht. Und zweitens hilft im Wurst Case Szenario machmal nur noch ein Betreuerwechsel. Eine Kommilitonin von mir musste mit ihrer so gut wie fertigen Doktorarbeit zu einem anderen Doktorvater gehen, weil der erste sie einfach partout nicht promovieren lassen wollte.

Relaxometrie
03.06.2022, 18:33
Ich würde mit der Doktormutter besprechen, dass jetzt ein konkreter Zeitplan gestrickt werden muss, in dem festgelegt wird, wer was bis wann gemacht haben muss. Wenn sie dem nicht zustimmt: abbrechen. Leider. Aber wenn sie nach 7 Jahren immer noch sülzt, den Ethikantrag schreiben zu wollen, ist diese Doktormutter wahrscheinlich nicht zu gebrauchen.