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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Telemedizin und KI



Lucy92
03.07.2022, 23:51
Hi, bin immer noch am überlegen Drrma zu machen, möchte mich selbst auch eher operativ ausrichten und auf jeden Fall niederlassen. Nun hab ich aber zunehmend die Befürchtung, dass in Zukunft durch den ganzen Fortschritt die Patienten wegbleiben.
Die Anbieter der Telemedizin versprechen ja, dass bei über 90% der Fälle kein Arztbesuch mehr nötig sei. Sogar bei Aktinischen Keratosen verschreiben sie ohne weiteres topische Medikamente (also ohne Palpation bzw. Dermatoskopie geschweige denn Biopsie). Und sie fangen jetzt nach und nach an, KI einzubinden bzw. sich Datenbanken aufzubauen. Dadurch werden zum Teil schon Fälle vorselektiert, sodass für die menschlichen Dermatologen wohl kaum genug Fälle übrig bleiben um über die Runden zu kommen.
Was ist eure Einschätzung (gerne auch von Kolleg:innen aus der Praxis), wird das noch zur existentiellen Bedrohung, oder wird sich das eher die Waage halten, angesichts der demographischen Zunahme von Hautkrebs und anderen Erkrankungen, oder aber Patienten die in die Praxis kommen weil die App Alarm geschlagen hat?

Holthusen
04.07.2022, 00:04
Mach dir nicht zuviel Sorgen. Mit etwas weniger Angst durchs Leben gehen.
Bei uns im MVZ läuft weiterhin alles übers Fax (alle Befunde), Rezepte und AU als Schein, Papierakten (Tablets oder PCs in allen Zimmern sind der MVZ Holding zu teuer), Radio Bilder als CD oder Ausdruck:
Mit etwas Ironie/Überspitzung: Der 88 jährige Patient hat ein Smartphone, installiert selber die App, hat Email, die Biopsie oder Exzision übernimmt das DaVinci Tool des Smartphones, Histo dann per Insta-Filter?

docdean
04.07.2022, 06:12
Keine Sorge, das wird noch Jahrzehnte dauern, bis es sich in der Breite durchsetzt. Die Technik macht zwar Fortschritte, ist aber noch längst nicht so weit. Dann ist man in der Umsetzung natürlich immer noch skeptisch, weil es ja digital ist, das muss man bedienen können und die Daten müssen geschützt sein. Und selbst wenn die Technik bei der Diagnostik helfen kann, haben Ärzte immer noch die Beratungsfunktion, denn irgendjemand muss das Ganze am Ende dem Patienten erklären. Und weil unterm Strich eher mehr Ärzte in den Ruhestand gehen als nachwachsen, dürften wir alle in unseren Lebzeiten noch genug zu tun haben.

Holthusen
04.07.2022, 08:32
>Im Digital Health Index der Bertelsmann Stiftung von 2018 landet Deutschland im Vergleich mit 16 anderen Ländern auf dem vorletzten Rang. Nur Polens digitales Gesundheitssystem schneidet schlechter ab, Länder wie Estland, Dänemark oder Israel sind Deutschland weit voraus>

Seit Anfang der 2000er Jahre noch unter Ulla Schmidt war die Einführung der elektronischen Patientenakte, E-Rezept, E-AU geplant. Macht auch Sinn anstatt sich alle Arztbriefe und Medikamentenpläne faxen zu lassen vom Hausarzt, der Mittwoch nachmittags geschlossen hat oder gerade eine Mittagspause von 3h hat. In den Offzeiten erhält man sowieso nix. Bisher geschehen ist ehrlich gesagt wenig. Von digitale Dermatoskopie (durchgeführt durch den Patient? Pflegekraft?) brauch man garnicht erst reden.
Und dann vergisst du auch noch den allgegenwärtigen Datenschutz. Selbst Google hat in Deutschland aufgegeben, Streetview ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit von 2009 hierzulande.

Lakemond
04.07.2022, 11:41
Schon mal versucht einen Termin beim Hautarzt zu machen?

freak1
04.07.2022, 18:56
Schon mal versucht einen Termin beim Hautarzt zu machen?

Als P-Patient in einer der unzähligen Privatpraxen kein Problem, übermorgen hätten wir einen Termin frei!

Haffi
04.07.2022, 19:28
Die Antworten beziehen sich primär auf das Heute und die nächsten Jahre. Der 88-jährige ist in zehn Jahren aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr. Seine Nachfolger, die Boomer-Generation, ist durchaus mit der digitalen Welt vertraut. Der eine sicher mehr und der andere weniger. Dass sich aus der Gen Y oder Z in zehn Jahren noch jemand ins Wartezimmer setzt, um seine Pickel oder sein neues Muttermal zu zeigen, kann ich mir kaum vorstellen. Insofern finde ich deine Gedanken überhaupt nicht abwegig. Ich glaube aber auch, dass sich für Hochqualifizierte - und dazu zähl ich uns Ärzte ganz arrogant einfach mal - in der Regel eine Nische finden lassen wird. Dass das in 10 bis 20 Jahren noch die Niederlassung sein wird, bezweifel ich aber zumindest für die Derma und auch die Allgemeinmedizin ebenso wie du.

Lakemond
04.07.2022, 21:35
Wenn ich die Digitaliesierung in Deutschland sehe, mache ich mir da keine Sorgen.

Lucy92
04.07.2022, 22:15
Die Antworten beziehen sich primär auf das Heute und die nächsten Jahre. Der 88-jährige ist in zehn Jahren aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr. Seine Nachfolger, die Boomer-Generation, ist durchaus mit der digitalen Welt vertraut. Der eine sicher mehr und der andere weniger. Dass sich aus der Gen Y oder Z in zehn Jahren noch jemand ins Wartezimmer setzt, um seine Pickel oder sein neues Muttermal zu zeigen, kann ich mir kaum vorstellen. Insofern finde ich deine Gedanken überhaupt nicht abwegig. Ich glaube aber auch, dass sich für Hochqualifizierte - und dazu zähl ich uns Ärzte ganz arrogant einfach mal - in der Regel eine Nische finden lassen wird. Dass das in 10 bis 20 Jahren noch die Niederlassung sein wird, bezweifel ich aber zumindest für die Derma und auch die Allgemeinmedizin ebenso wie du.

Du sagst es, im Prinzip kann man ja in vielen Fächern – und in Derma ganz im Besonderen – annehmen, dass eben das am längsten Bestand hat, für das der Patient unbedingt in die Praxis kommen muss – oder will...