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mbs
01.10.2022, 19:41
Hallo,

nach einer kleinen Krise habe ich mit manueller Therapie ein Feld gefunden, das mir extrem gut gefällt und viel Spaß macht. Hab zuletzt auch viele Kurse in dem Bereich gemacht, nicht nur in Manueller Medizin, sondern auch verschiedene Kurse die eigentlich für Physiotherapeuten gedacht sind (Weichteiltechniken, Triggerpunkt, myofasziale Lockerung). Hab mir auch überlegt ein paar Osteopathiekurse zu machen.

Was mir in den Kursen für Mediziner auffiel ist, dass so gut wie alle meinten, noch keinen Weg gefunden haben wie sie das in ihre tägliche Arbeit integrieren könnten. Die Hausärzte kriegen es neben ihrem Grundauftrag, den normalen Sprechstunden, nicht unter, die Orthopäden/Unfallchirurgen in der Klinik neben dem Akutgeschäft sowieso nicht, aber auch wenn sie in Praxen waren meinten sie, dass alles andere finanziell lohnenswerter sei. Offenbar wird das grottenschlecht vergütet, so dass überwiegend Physio-Rezepte ausgestellt werden.

Wenn man es nicht anwendet, kommt man aber schnell aus der Übung. Und man muss viel üben bis man es wirklich gut kann. Und ich will es richtig gut können. Finde nur ebenso keinen richtigen Ansatzpunkt wie ich das am besten aufziehen kann.

Geht es jemandem von euch ähnlich? Gibt es unter euch Leute, die Interesse an Übungsgruppen hätten?

Und wie ist es rechtlich mit einer Mitarbeit in Gesundheitszentren oder Physiotherapiepraxen, einfach nur um die Möglichkeit zu haben das Erlernte anzuwenden? Wo und wie könnte man das am besten anbieten? Kleinanzeigen funktionieren nicht, das wird gelöscht oder abgelehnt mit der Begründung, es handle sich um eine "gewerbliche Anzeige" - selbst wenn man erstmal gar nichts dafür verlangen würde.

Oder könnt ihr gute Hospitationsmöglichkeiten empfehlen?

Dass keine Nachfrage danach besteht kann ich mir nicht vorstellen. Klar gibt es viele Physiotherapeuten, aber das Budget für Rezepte ist denke ich auch nicht so groß dass das flächendeckend jedem verschrieben werden kann der muskuloskelettale Probleme hat. Oder täusche ich mich?

Würde mich jedenfalls freuen Gleichgesinnte zu finden.

Nilani
01.10.2022, 20:43
Nachfrage besteht, auch seitens der Patienten. Man muss es halt üben und machen. Wo arbeitest du denn inzwischen? Mir hat man immer gesagt, man kann überall üben. Die ersten vorsichtigen ISG Mobilisierungen hab ich in der Notaufnahme gemacht, auch postisometrische Relaxation bei Schiefhals. Tasten und untersuchen üben geht auch nebenher. Hatte einen Kollegen, der jede Woche einen bestimmten Bereich untersucht hat, bei jedem Patienten, der kam. Meine beiden letzten Chefs hatten angeboten, mich 1h pro Woche 'freizustellen', wo ich mir Patienten zum üben einstellen konnte. Ist wie bei allem ... vieles läuft nebenher und außerhalb der Arbeitszeit, wenn man wirklich viel üben möchte ... und muss. Laut letztem Kursleiter muss man es ca 1000 mal gefühlt haben. Ich mache es nicht mehr, weil mir Arthrose in den Fingern einen Strich durch die Rechnung macht.
Ich finde tatsächlich,.seit Ortho und Unfall zusammengelegt wurden, nimmt das operative überhand und das konservative geht verloren. Liegt zum Teil aber vermutlich tatsächlich auch an der Vergütung. Bei Patienten rennst du jedenfalls offene Türen ein.

davo
02.10.2022, 06:11
Man sieht im Internet doch immer Praxen, die sich darauf spezialisiert haben. Schau dir doch einfach mal an, welchen FA die gemacht haben, welche Zusatzausbildungen die gemacht haben, und dann ruf einfach an und frag den Praxisinhaber nach Details.

Oder frag mal bei DGMM und BDOÄ (bzw. deren Mitgliedsgesellschaften) nach...

Aber du solltest auch nicht den Abschluss einer FA-WB aus den Augen verlieren. Rein praktisch betrachtet wäre ein Abschluss deines bisherigen FA und dann der Quereinstieg Allgemeinmedizin wohl kaum zu schlagen. Als deutlich länger dauernde Alternative vielleicht ein PRM-FA?

Bonnerin
02.10.2022, 11:17
Aber du solltest auch nicht den Abschluss einer FA-WB aus den Augen verlieren. Rein praktisch betrachtet wäre ein Abschluss deines bisherigen FA und dann der Quereinstieg Allgemeinmedizin wohl kaum zu schlagen. Als deutlich länger dauernde Alternative vielleicht ein PRM-FA?

Alternativ einfach schnell irgendeinen klinischen FA zu Ende bringen und dann irgendeine Teilzeittätigkeit (z.B. DRV-Gutachten) im Homeoffice, wo man die Zeiten gut einteilen kann. Dazu dann eine Privatpraxis, wo du dir die Zeit etc. selbst einteilen kannst. Wenn du gut genug darin bist, sicher ein Modell, das funktionieren könnte. Im Optimalfall dann noch den Dr. med. aufm Türschild, für das Klientel, dem das wichtig ist.

Thomas24
02.10.2022, 20:52
Wo und wie könnte man das am besten anbieten? Kleinanzeigen funktionieren nicht, das wird gelöscht oder abgelehnt mit der Begründung, es handle sich um eine "gewerbliche Anzeige" - selbst wenn man erstmal gar nichts dafür verlangen würde.


Cave, dünnes Eis! Grundsätzlich ist eine kostenlose Behandlung ("kostenlos, weil ich übe noch") ist auch von unseren Berufsregeln her unzulässig. Eine kostenlose Behandlung ist grundsätzlich nur im Ausnahmefall zulässig. Die möglichen Ausnahmen: siehe Paragraph 12 Abs. 2 der Muster Berufsordnung.

mbs
06.10.2022, 23:48
Danke erstmal für eure Antworten!

Teilweise habe ich auch in der Notaufnahme bei eindeutig funktionellem Problem versucht dieses zu lösen - nur war ich damit nicht immer erfolgreich. Klar spielt es auch eine Rolle wie lange sich die Symptome schon hinziehen. Der letzte Fall den ich in Erinnerung habe war eine junge Frau die mit Stechen in der Brust kam. Kardiale und pulmonale Ursache waren ausgeschlossen, aber ich meinte eine Blockade in der mittleren BWS und einer Rippe zu spüren. Hab die in den Kursen erlernten Techniken alle angewendet, aber es sei danach noch immer nicht besser gewesen; sehr frustrierend. Man muss aber dazu sagen, dass die genannte Symptomatik rezidivierend schon seit eineinhalb Jahren vorhanden war. Und ich meine mich erinnern zu können, dass ein Kursleiter mal meinte, dass die Erfolgsrate von Mobilisationen bzw. Manipulationen in solchen Fällen oft gering ausfalle. Und dass es Fälle gäbe, wo er aus dem Grund einfach ein NSAR empfiehlt oder teilweise auch infiltriert.

Ich würde eben gern erst unentgeltlich bleiben, weil Nebentätigkeit genehmigen lassen, beim Gewerbeamt melden, Zusatzaufwand in der Steuererklärung etc. gerade etwas viel scheinen, ich keine akute finanzielle Not habe und mich außerdem auch noch nicht so sicher und routiniert fühle.

Als Einstieg dachte ich, dass man das eventuell als betriebliche Gesundheitsförderung anbieten kann. In der normalen arbeitsmedizinischen Routine ist das vor allem am Anfang natürlich nicht wirklich gut unterzubringen. Und ich weiß nicht, ob es Kollegen nicht krumm nehmen könnte wenn man als "Streber" solche Überstunden macht - selbst wenn es eher darum geht sich bei einem "Privatinteresse" das eigentlich gar nicht zum Job zählt weiterzuentwickeln und zu verbessern. Ich habe dafür ja auch Urlaub geopfert und einiges an Kursgebühren bezahlt. Wie schätzt ihr das ein?

Vielleicht bietet sich auch die Möglichkeit, in einer Praxis mitzuarbeiten. Weiß nur nicht wie ich das "verkaufen" soll - immerhin ist das ein Anliegen, mit dem man dort nicht alltäglich konfrontiert ist - könnte "komisch" wirken. Oder wie würdet ihr reagieren, wenn ihr Physiotherapeuten oder manualtherapeutisch in eigener Praxis tätig wärt und so eine Anfrage bekommen würdet?

rappelpaprika
07.10.2022, 01:40
Ich bin mit meiner Tochter bei einem "Manualmediziner" in Behandlung, der mit seinen Praxisteilahbern auf KiSS (Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung) spezialisiert ist. Das ist alles andere als schlecht bezahlt, sowas läuft i.d.R. alles privat und man hat bei entsprechender Expertise eine hervorragende Vergütung. Kenne meine Rechnungen ;)Allein in dieser Praxis als PP einen Termin zu kriegen ist schwierig. Die Nachfrage ist enorm. ABER: Die Ärzte verfügen über jahrzehntelange Erfahrung und sind hoch qualifiziert (langjährige FA/OA-Erfahrung). Man muss "Referenzen" haben, um zahlungskräftiges Klientel anzulocken. Als Ausweg aus der Klinik sicherlich sehr schwierig, sonnst würde es ja quasi "Jeder machen"

h3nni
07.10.2022, 17:35
Homöopathie ist auch gut bezahlt, anderer evidenzarmer Mist für Selbstzahler genauso. Wenn man kein Gewissen und kein Ehrgefühl hätte, könnte man das alles machen.

Nilani
07.10.2022, 18:29
Naja, wenn jemand mit Beschwerden über 1,5 Jahre kommt und du hast den 1. oder 2. von 6 Kursen fertig, ist doch logisch, dass du das noch nicht hinbekommst und die Pat. schmerzfrei ist. Wir hatten im 2. Kurs einen, der inzwischen sich privat niedergelassen hat und das nur noch und den ganzen Tag macht, aber ... wie die anderen schon sagten ... nach jahrelanger Erfahrung. Immer wieder üben, erstmal nur das tasten und fühlen, um überhaupt diese Blockaden zu finden, dann erstmal mobilisierend, postisometrische Relaxation usw. Die Kursteilnahme allein reicht halt nicht aus.
Was ich dir evtl. noch empfehlen kann, sind ANOA-Kliniken (musst du mal googeln), sind Kliniken, die sich ganzheitlich im Rahmen der konservativen Orthopädie widmen, Schmerztherapie anbieten, inklusive Infiltration, aber eben auch Manualtherapie. Ich hatte mir ganz am Anfang, also vor knapp 10 Jahren, mal die Sommerfeld-Klinik bei Oranienburg angesehen, die Klinik in Hamm hat auch recht guten Ruf. Da hatten die Assistenzärzte z.B. tatsächlich 1x pro Woche praktische Fortbildung, wo sie von erfahrenen Kollegen angeleitet wurden und üben konnten, erst an sich selbst, teilweise dann an Pat. Da gehört es zum Behandlungskonzept und die Ärzte sollen es alle können. Ob das alle von den Kliniken machen, weiß ich nicht. In Kassel z.B. war es nicht dabei (der Chef war interessiert, aber selbst Neurologe) und inzwischen sind sie zwar einer orthopädischen Klinik angegliedert, aber ob sie da jetzt wieder einen Manualmediziner bei haben, glaube ich leider eher nicht.

mbs
07.10.2022, 20:45
Erstmald nochmal danke für das Feedback - und dir Nilani für den Tipp!

Ausweg aus der Klinik ist nicht die Motivation hinter Manualmedizin, sehe es nicht als Alternative zur Haupttätigkeit, sondern als Ergänzung oder Hobby weil es mich interessiert. Nach einer langen Phase in der ich an allem was mir bislang wichtig war komplett das Interesse verloren hatte sehe ich darin einen gewissen persönlichen Wert. Ich will diese "Kunst" einfach möglichst perfekt lernen und suche dafür Wege und Möglichkeiten.

Eigentlich sollte man meinen, dass die Nachfrage enorm ist. Andererseits kann jeder einfach auch zum Hausarzt oder niedergelassenen Orthopäden gehen und sich ein Rezept für Physiotherapie ausstellen lassen. Und da gibt es ja viele Praxen. Oder die Leute können einfach eine Reha machen, es wundert einen doch was da teilweise alles bewilligt wird. Hatte also nicht den Eindruck, dass die Not da allzu groß ist, hab aber auch keinen repräsentativen Überblick - denn wie gesagt, inserieren ist schwierig. Zwei Freunden konnte ich tatsächlich mal helfen, aber das war ein myofasziales Problem. Massagekurse habe ich ja auch einige gemacht, teilweise an Physiotherapieschulen, also qualitativ hochwertigere.
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Ich finde es faszinierend was für einen großen Effekt einfachste Maßnahmen haben können. Nur mit den Händen viel bewirken - wo gibt es so was noch in der Medizin? Der Standard ist ja eher dass alles immer aufwändiger, immer "apparativer" wird - und sobald das IT-System oder irgendein Gerät ausfällt absolute Hilflosigkeit herrscht. Und dann sind mit diesem Ansatz die Erfolge nichtmal immer so groß, zumindest relativ zum Aufwand.

Vielleicht kann man an so einer ANOA-Klinik ja mal eine Hospitation machen. Hab auch angefangen Praxen anzuschreiben, mal sehen was als Feedback kommt. Eigentlich sollten die ja froh sein so "günstig" Leistungen zu bekommen. Im Gegenzug will ich nur ein bisschen Feedback und Teaching, und eben die Möglichkeit das Gelernte ohne bürokratische oder juristische Hürden anwenden zu können. Denn ja, nur so wird man wahrscheinlich besser.

Wäre es denn juristisch save das als "Praktikum" laufen zu lassen? Wie lange darf so was maximal dauern? Würde das ja nicht als Block 8h am Tag machen sondern "nebenbei"? Hat jemand von euch in der Hinsicht Erfahrungen?

Danke nochmal!

davo
09.10.2022, 08:37
Ich würde eben gern erst unentgeltlich bleiben, weil Nebentätigkeit genehmigen lassen, beim Gewerbeamt melden, Zusatzaufwand in der Steuererklärung etc. gerade etwas viel scheinen, ich keine akute finanzielle Not habe und mich außerdem auch noch nicht so sicher und routiniert fühle.

Dass das - zum Glück!!! - nicht möglich ist, wurde dir ja schon ganz klar gesagt.

lisbetty
09.10.2022, 11:20
Ich habe mal eine Frage, die mit Manueller Therapie/Osteopathie zu tun hat, aber ich sie mir bisher durch keinen der Forenbeiträge beantworten konnte und bevor ich eine neues Thema starte, dachte ich, dass ich hier erstmal mein Glück versuche.
Ich habe in diesem Jahr mein Studium abgeschlossen und fange demnächst meine erste Stelle an. Vorm Studium habe ich eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht, einige Jahre gearbeitet, die Manuelle Therapie Fobi abgeschlossen und noch einige andere Fortbildungen gemacht. Ich habe während des Studiums nebenbei als Physiotherapeutin gearbeitet und würde dies auch weiterhin gerne tun, eventuell nach der Facharztweiterbildung vielleicht auch noch die Osteopathie Weiterbildung machen.
Mir geht es darum, dass ich am Ball bleibe und nichts verlerne. Deswegen würde ich ungern nur ab und zu Patienten nebenbei behandeln, sondern regelmäßig einige Stunden in der Woche in einer Physio- oder Osteopathiepraxis arbeiten.
Von einigen Kommiliton:innen wurde mir gesagt, dass es nicht erlaubt sei nach Erhalt der ärztlichen Approbation seinen medizinischen Ausbildungsberuf weiter auszuüben, da man in einen Interessenskonflikt kommen könnte. Ich habe dazu leider bisher nichts "offizielles" finden können, dass dies wirklich so ist. Weiß jemand von euch, ob es rechtlich bzw. versicherungstechnisch erlaubt ist, dass ich einerseits als Ärztin und gleichzeitig noch einige Stunden als Physio in einer Praxis arbeite?

Schönen Sonntag!

Nilani
09.10.2022, 20:31
(gekürzt)
Eigentlich sollte man meinen, dass die Nachfrage enorm ist. Andererseits kann jeder einfach auch zum Hausarzt oder niedergelassenen Orthopäden gehen und sich ein Rezept für Physiotherapie ausstellen lassen. Und da gibt es ja viele Praxen. Oder die Leute können einfach eine Reha machen, es wundert einen doch was da teilweise alles bewilligt wird. Hatte also nicht den Eindruck, dass die Not da allzu groß ist, hab aber auch keinen repräsentativen Überblick - denn wie gesagt, inserieren ist schwierig. Zwei Freunden konnte ich tatsächlich mal helfen, aber das war ein myofasziales Problem. Massagekurse habe ich ja auch einige gemacht, teilweise an Physiotherapieschulen, also qualitativ hochwertigere.

Ich finde es faszinierend was für einen großen Effekt einfachste Maßnahmen haben können. Nur mit den Händen viel bewirken - wo gibt es so was noch in der Medizin? Der Standard ist ja eher dass alles immer aufwändiger, immer "apparativer" wird - und sobald das IT-System oder irgendein Gerät ausfällt absolute Hilflosigkeit herrscht. Und dann sind mit diesem Ansatz die Erfolge nichtmal immer so groß, zumindest relativ zum Aufwand.

Vielleicht kann man an so einer ANOA-Klinik ja mal eine Hospitation machen. Hab auch angefangen Praxen anzuschreiben, mal sehen was als Feedback kommt. Eigentlich sollten die ja froh sein so "günstig" Leistungen zu bekommen. Im Gegenzug will ich nur ein bisschen Feedback und Teaching, und eben die Möglichkeit das Gelernte ohne bürokratische oder juristische Hürden anwenden zu können. Denn ja, nur so wird man wahrscheinlich besser.

Wäre es denn juristisch save das als "Praktikum" laufen zu lassen? Wie lange darf so was maximal dauern? Würde das ja nicht als Block 8h am Tag machen sondern "nebenbei"? Hat jemand von euch in der Hinsicht Erfahrungen?

Danke nochmal!

Ich weiß ja nicht, wie deine Vorstellungen sind, aber ein Physiotherapeut darf nicht manipulieren, sondern nur mobilisieren. Sobald die diese teure 5jährige Osteopathie-Ausbildung haben, arbeiten sie häufig nur noch in Privatpraxen und lassen sich das gut bezahlen. Ein Arzt darf theoretisch viel mehr. Da wo ich meine Ausbildung angefangen hatte, waren die ersten 2 Kurse für Ärzte und Physio gleich, dann gab es getrennte Kurse und das scheinbar aus gutem Grund. Andererseits hab ich das Gefühl, dass die Physios das viel "besser" konnten, vermutlich einfach, weil sie jeden Tag bei den Pat. Hand anlegen und die Weiterbildung dann mit bereits einigen Berufsjahren starten und daher ganz andere Voraussetzungen haben.

Ich arbeite in einer Reha, wir haben 2 manualtherapeutisch tätige Kollegen (von ca. 8), wo ich froh bin, dass ich sie bei akuten Blockierungen mal fragen kann. Dazu 3 oder 4 Physios, die die manualtherapeutische Ausbildung haben ... für 150 Patienten. Trotzdem ist die Therapie nicht für jeden geeignet und es ist auch keine Zeit, jeden manualtherapeutisch zu behandeln und zu untersuchen. Man bekommt mit der Zeit immerhin ein Gefühl dafür, wen man zu wem schicken kann, also bei mir zumindest. Abgesehen davon ... so das Allheilmittel ist es auch nicht. Wenn die Leute nicht zusätzlich aktiv trainieren und Muskulatur aufbauen, sind diese passiven Maßnahmen im ersten Moment sehr hilfreich und entlastend, aber eben nicht dauerhaft. Deswegen kommen die Leute ja immer wieder. Ich hab immer wieder Pat., die mehrmals im Monat zum Orthopäden gehen, um sich "einrenken" zu lassen und das dann auch von uns erwarten ... muss man denen dann immer erklären, dass es ja dauerhaft offenbar nichts bringt und vielleicht mal andere Sachen, v.a. aktive Übungen probieren sollte. Meine BWS ist dauer-blockiert, da löst sich jedes Mal was, aber ich weiß halt auch, dass ich dringend dran arbeiten müsste (und teilweise auch schon tue). Man heilt die Menschen mit manueller Therapie sicher nicht, kann aber gut unterstützen.

Was Praktikum angeht, halt einfach fragen, ich hab damals 1 Tag hospitiert. Notfalls halt anstellen lassen für paar Monate. Dann wird man vermutlich auch eher eingebunden, als wenn man nur als Praktikant mitläuft. Wenn du es "perfekt" lernen willst, dann fang an, am besten da, wo du gerade arbeitest (weiß nicht, was du inzwischen machst und ob du überhaupt gerade irgendwo deine Brötchen verdienst). Erstmal untersuchen, Gefühl kriegen ... das geht bei jedem, den man untersucht. die Pat. freut es, wenn man sie offen drauf anspricht. Arzt bildet sich weiter und hey ... er hat mich ausgewählt, um da was zu üben. (ich hatte halt Extremitätenkurs und dann WS-Kurs), einfach mal die Handgelenke und Ellenbogen untersuchen. Beim nächsten die Schultern. "Perfekt" kommt über die Jahre und mit sehr sehr viel üben.

OldBones
10.10.2022, 16:52
Meine two cents dazu …

Meiner bisherigen Erfahrung nach ist es erst einmal wichtig häufig und immer wieder sauber zu UNTERSUCHEN und überhaupt pathologische Befunde sicher von nicht-pathologischen unterscheiden zu lernen.

Dafür ist es letztlich notwendig, dass du ein festes Schema ohne jedes Nachdenken im Kopf hast, mit dem du von der orientierenden zur gezielten Untersuchung kommst und dann zur Therapie. Das muss zuerst bei dir im Kopf sitzen, bevor es in der Hand sitzt.

Das allein bedarf einfach schon viel Übung und die oft angegebene „Mindestzeit“ zwischen zwei Kursen, von gerade einmal 3 Monaten, ist VIEL ZU KURZ um das wirklich in Routine zu überführen.

Dabei ist es sicherlich vorteilhaft sich erst einmal auf die häufigsten Probleme zu stürzen: HWS, LWS und dann der Rest.


Oft ist für den Therapieerfolg der Physiotherapie enorm vorteilhaft, wenn eine konkrete Funktionsdiagnose steht.
So kann der Physiotherapeut wesentlich gezielter arbeiten, wenn da bspw. steht „Linksrotationsstörung mit kombinierter oberer Seitneigestörung“ als „HWS-Syndrom“.

Diese Untersuchung ist deine Vorarbeit … und deine Übung.

Auch für eine Überweisung zur Osteopathie ist eine gezielte Diagnose gut, verbunden mit einer ordentlichen manualmedizinisch gezielten Diagnostik, die durchaus fix gehen kann; lässt sich auch im Rahmen einer GESU (Allgemeinmedizin) oder eines Regeltermins (Orthopädie) machen.


Daher: Erstmal die Untersuchung und saubere Befundung eintrainieren. Insbesondere auch Kontraindikationen immer beachten.
Gelegentlich natürlich hier und da auch gezielt behandeln, wenn es sich anbietet.

Ein ISG ist schnell deblockiert, eine segmentale HWS-Störung schnell gelöst.

Anfangs vielleicht noch nicht direkt manipulieren, sondern erstmal mit PIR, Blickwendetechnik und einfachen Mobilisationstechniken arbeiten.
Die meisten gezielten Untersuchungen können rhythmisch-repetitiv sowieso als Therapie genutzt werden.

Was das finanzielle angeht: Wie gesagt … wenn eine gezielte Untersuchung rhythmisch-repetitiv durchgeführt und damit therapiert wird, ist das bereits abrechnungswürdig.

mbs
26.10.2022, 21:26
Das mit dem Mobilisieren ist ein sehr guter Rat - letztlich werden Manipulationen im angloamerikanischen Raum auch als "Grad 5 Mobilisation" gewertet. Hab mich auch mit Selbstübungen vermehrt beschäftigt, beispielsweise durch die kostenlosen Videos von Liebscher und Bracht (die andererseits wegen ihres aggressiven Marketings teilweise in der Kritik stehen).

Dennoch bleibt das Problem, wie man "Hands-on" Erfahrung gewinnt, wenn sich das schwer oder nicht in die Haupttätigkeit integrieren lässt. Klar kann man sich selbstständig machen und sich intensiv mit Online-Marketing beschäftigen, aber eigentlich wollte ich den finanziellen Hintergrund am Anfang, mit wenig Übung ausblenden.
Ich verstehe ja nach wie vor nicht, warum man unbedingt Geld dafür verlangen "muss". Wenn das zwingend notwendig wäre, um etwas machen zu dürfen, wären ja auch Ehrenämter nicht möglich. Und eine Heilerlaubnis liegt ja vor.
Wenn man noch nicht lange auf einer neuen Stelle ist, dann kommt es auch nicht so gut, wenn man gleich eine "Nebentätigkeit" oder "Selbstständigkeit auf geringfügiger Basis" meldet. Wollte so was vor allem in der Probezeit vermeiden wenn es irgendwie geht.

PsychoFan
27.10.2022, 06:23
Ich kann dieses Gerede über Gewerbe in diesem Thread nicht mehr lesen. Wir üben einen freien Beruf aus. Im täglichen Kampf um diese Freiheit riskieren Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt ihr Leben, wie derzeit z.B. im Iran.

Liebe Kollegin, lieber Kollege, lassen Sie sich bitte von Ihrer Ärztekammer zu den ethischen Grundlagen unseres Berufe beraten oder suchen Sie das kollegiale Gespräch. Es wird doch sicher einen Stammtisch niedergelassener Kolleg*innen geben in Ihrer Nähe.

OldBones
27.10.2022, 09:27
Ich verstehe ja nach wie vor nicht, warum man unbedingt Geld dafür verlangen "muss".
Weil das die Berufsordnung so vorsieht.

Auch sieht es das Berufsrecht vor, dass für eine Leistung kein Betrag UNTERHALB der Gebührensätze der GoÄ genommen werden darf. Das soll "Dumping-Angebote" verhindern.
Nach oben hingegen darf man in einer Honorarvereinbarung nehmen, was man will.

Kostenloses behandeln ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich, siehe Musterberufsordnung, § 12 Absatz 2.


Im Übrigen: Wenn es keinen Weiterbilder gibt, der eine Abrechnungserlaubnis hat, darf natürlich auch keine Ziffer abgerechnet werden.
Im Rahmen deiner Kenntnisse darfst du aber dennoch soweit behandeln, wie du es kannst.

Bedenke aber, dass du für Fehler natürlich trotzdem haftest.

Endoplasmatisches Reticulum
27.10.2022, 10:11
Ich finde es ehrlich gesagt äußerst fragwürdig, dass ein approbierter Arzt erst unbezahlter Praktikant in einer Physiotherapie-Praxis sein will, sich dann ersatzweise autodidaktisch mit Lehrvideos eines gelernen Maschinenbauers ohne jede medizinische Ausbildung "weiterbildet", und sich am Ende noch darüber beschwert, Patienten nicht kostenlos behandeln zu dürfen ...

Da ist so viel verkehrt auf so vielen Ebenen, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.

DA1994
27.10.2022, 10:31
Einfach die Approbation zurückgeben, Heilpraktikerschein holen und all das ist möglich!

mbs
02.11.2022, 23:50
Vielen Dank für die Nennung des relevanten Gesetzestexts.

An die anderen: Was genau findet ihr denn daran so falsch oder absurd, dass jemand einfach Spaß hat nur mit seinen Händen diagnostizieren und therapieren zu können? Das Unentgeltliche bei der Sache? Wenn Geld meine Motivation dafür wäre, hätte ich mehrere Tausend Euro Kurs-und Übernachtungsgebühren nicht aus eigener Tasche bezahlt und Urlaub dafür genommen. Und da ich kürzlich eine neue Stelle angenommen habe, möchte ich mich kurz nach dem Start nicht schon gleich wieder beim Gewerbeamt anmelden und mit einer Nebentätigkeit daherkommen. Theoretisch könnte ich es bei meinem Arbeitgeber außerhalb der regulären Dienstzeiten anbieten; ich weiß nur nicht ob ich dafür Überstunden machen dürfte (da es ja nicht zur Kerntätigkeit zählen würde). Die Dokumentation wird sehr genau genommen und auch Kollegen schreiben sich alle alles auf, scheinen auch zu erwarten, dass das jeder macht und nichts undokumentiert bleibt.
Das Problem bei der Sache ist, dass ich hier kein Feedback durch einen erfahrenen Therapeuten hätte, und genau darin würde ich ja den Mehrwert in einer kostenlosen Mitarbeit sehen, dass man als Gegenleistung so was bekommen und von Erfahreneren lernen könnte.