Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Stellensituation Psychosomatik
Klabauter
14.10.2022, 15:58
Liebes Forum,
hat jemand einen Überblick über die Stellensituationen für den Berufseinstieg in der Psychosomatik?
Würde da gern anfangen, aber ich weiß nicht, ob ein PJ Tertial Pflicht ist wie in anderen kleinen und beliebten Fächern.
Wie sieht es an Unikliniken aus, wie an kleineren Standorten? Findet man auch in begehrten Städten wie Hamburg, Berlin, München etwas oder kann man sich das abschminken ohne vorher dort PJ gemacht zu haben?
Danke und viele Grüße :)
Züschata
14.10.2022, 18:10
Sollte gehen, aber in dem Fach gibt es weniger Fluktuationen als in den großen Fächern, da die Arbeitsbedingungen in der Regel sehr gut sind.
Monstera
03.11.2022, 19:23
Hallo zusammen,
ich befinde ich mich gerade in einer beruflichen Findungskrise, da ich leider in meiner ersten Stelle nach dem Studium überhaupt nicht glücklich bin. Insbesondere die Arbeitsbedingungen in der Klinik machen mir wie wohl vielen zu schaffen und auch fachlich bin ich leider nicht so glücklich wie erhofft. Primär hatte ich nun den Plan, mich längerfristig in Richtung Allgemeinmedizin zu orientieren und dafür zunächst in die Innere zu gehen.
Immer wieder spukt mir jedoch die Psychosomatik im Kopf herum und ich überlege aktuell, ob es vielleicht sinnvoll ist, auch diesem Fach mal eine Chance zu geben. Das Praktikum im Studium hat mir dort sehr gut gefallen und auch privat beschäftige ich mich gerne mit psychologischen Themen (allerdings eher auf populärwissenschaftlicher Ebene, z.B. Podcasts), aber leider habe ich bisher keine weiteren Erfahrungen sammeln können (war immer sehr auf die Somatik fixiert). Ich merke jedoch aktuell, dass ich ein riesiger Fan der sprechenden Medizin bin und Patienten häufig regelrecht "abwürgen" muss im Patientengespräch, weil für ausführliche Gespräche keine Zeit ist im hektischen Alltag (dies wurde mir durch erfahrene Kollegen auch so nahegelegt, denen auch die Zeit dafür fehlt....). Diese Praxis finde ich sehr frustrierend.
Wie seht ihr das - könnte man vielleicht in einer Klinik ein paar Tage hospitieren, um herauszufinden, ob das Fach zu einem passt? Wird das gerne gesehen oder habe ich ohne Erfahrung im Psychiatrie/Psychosomatik-Bereich aus Famulaturen oder PJ eher schlechte Chancen? Ist man dort offen für Quereinsteiger?
Theoretisch könnte man sich ja auch einen Abschnitt in der Psychosomatik für die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin anrechnen lassen. Sicherlich schadet dies auch nicht für die spätere Arbeit in der Hausarztpraxis. Hat das jemand hier vielleicht getan und mag berichten?
Nulllinie
03.11.2022, 19:49
Klar kann man dort hospitieren. Normalerweise ist man offen für Einsteiger. Bei der Bewerbung gilt es jedoch positiv und fachinteressiert zu argumetieren, also nicht auf die Unzufriedenheit der vorherigen Stelle beziehen.
Hi,
mir ging es recht aehnlich wie dir, habe nach Unfall und spaeter Innere der Klinik v.a. aufgrund der Dienste den Ruecken gekehrt, fuehlte mich da iwie immer wie im Knast; habe dann den FA fuer Allgemeinmedizin gemacht und sowohl klassisch hausaerztlich als auch in einer spezialisierten Praxis ambulant gearbeitet. Letztlich muss man sagen, dass man in der Hausarztpraxis zwar die Dienste los ist und freier ist, in seiner Arbeitsweise, aber wirklich viel Zeit fuer die einzelnen Patienten hat man bei 50 oder mehr patienten pro Tag auch nicht... Man kann sich schon mal mehr zeit fuer den einzelnen nehmen, der verlorenen Zeit rennt man dann aber in der Sprechstunde hinterher; ich fuehlte mich da oft sehr getrieben und hatte das Gefuehl, den Pat. oft nicht richtig gerecht zu werden;
Da ich wie du schon immer auch Interese an "Psychomedizin" hatte, habe ich es dann letztlich einfach probiert und arbeite seit ca. 1,5 Jahren in der Psychosomatik- und bin bislang recht zufrieden; es ist zwar eine krasse umstellung und man muss halt erstmal die psychotherapie lernen, aber Zeit, dich mit dem einzelnen Pat zu beschaeftigen hast du da definitiv- und: du beschaeftigst dich waehrend den einzeltherapien halt NUR mit dem einen patienten, was ich sehr angenehm finde; dienste macht man je nach klinik keine oder sie sind vergleichsweise entspannt in der regel; die berufs- und karriereaussichten sind sehr gut, es gibt viele offene Stellen und mit dem FA hast du praktisch Garantie fuer ne Oberarztstelle- oder du laesst dich nieder und kannst tatsaechlich deine arbeitszeit komplett frei gestalten, da du nur wenige stunden offene sprechstunde pro woche anbieten musst und sonst deine therapien komplett frei planen kannst...
Also ich bereue den schritt bisher nicht, auch wenn es natuerlich auch Nachteile gibt...
Monstera
03.11.2022, 21:20
Vielen Dank für das ausführliche Feedback! Genau diese Zeit für die Patienten ist der Grund, weshalb ich erwäge die Psychosomatik auszuprobieren bevor ich mich der Inneren oder Allgemeinmedizin "verkaufe". Diese "Getriebenheit" kann ich absolut nachvollziehen, die fühle ich aktuell auch, wenn ich Terminpatienten abarbeite. Auch bei Visite würde ich gerne viel intensiver auf die Patienten eingehen können und habe das Gefühl, dass da immer sehr viel Dankbarkeit kommt, wenn man sich mehr Zeit nimmt als eigentlich angedacht ist.
Ich habe leider echt wenig Ahnung von Psychotherapie (nicht mal selbst eine gemacht), lernt man die Gesprächsführung denn schnell oder kann sich da zumindest in der Theorie ein wenig einlesen?
Wie sieht denn dein Arbeitsalltag aus abgesehen von den Therapiesitzungen?
Was sind für dich die Nachteile an dem Fach, die man kennen sollte?
Ich habe leider echt wenig Ahnung von Psychotherapie (nicht mal selbst eine gemacht), lernt man die Gesprächsführung denn schnell oder kann sich da zumindest in der Theorie ein wenig einlesen?
Wie sieht denn dein Arbeitsalltag aus abgesehen von den Therapiesitzungen?
Was sind für dich die Nachteile an dem Fach, die man kennen sollte?
Vielleicht ein wenig zum Verständnis: Psychosomatische Medizin umfasst weit mehr als Psychotherapie. Man sollte sich gut auskennen zum einen mit psychiatrischen Störungen, zum anderen mit somatischen Krankheitsbildern, denn es kommt nicht selten vor, dass Pat. auf die psychosomatische Schiene gesetzt werden, obwohl sie somatisch krank sind oder aber beides parallel vorliegt bzw. sich gegenseitig überlagert. Von daher hat man eine extrem wichtige Funktion als Psychosomatiker.
Das andere, was evtl. Erklärung braucht: Ärztliche bzw. psychosomatische "Gesprächsführung" ist etwas anderes als Psychotherapie. Leider wird das oft verwechselt. Wäre etwa so, als wenn ein Chirurg in der Ambulanz sein Tun als Op bezeichnen würde, nachdem er den Pat. anamnestiziert und untersucht hat. Psychotherapie ist ein invasiver Eingriff in die Psyche und erfordert eine jahrelange Ausbildung, und, was oft geringgeschätzt wird, eine intensive Selbsterfahrung, da anderenfalls Pat. geschädigt werden können.
Nachteile am Fach gibt es in der real existierenden Psychosomatik: Als Assistent wird man oft weggehalten von Psychotherapie, da dafür ja "die Psychologen" da sind, als Arzt macht man das Körperliche. Es findet also häufig ein Auseinanderreißen von Körper und Psyche statt. Ansonsten kann ein Nachteil die Geringschätzung durch Somatiker und Psychiater sein, allerdings eigentlich nur, wenn man keinen weiteren Facharzttitel hat.
Vielleicht ein wenig zum Verständnis: Psychosomatische Medizin umfasst weit mehr als Psychotherapie. Man sollte sich gut auskennen zum einen mit psychiatrischen Störungen, zum anderen mit somatischen Krankheitsbildern, denn es kommt nicht selten vor, dass Pat. auf die psychosomatische Schiene gesetzt werden, obwohl sie somatisch krank sind oder aber beides parallel vorliegt bzw. sich gegenseitig überlagert. Von daher hat man eine extrem wichtige Funktion als Psychosomatiker.
Das andere, was evtl. Erklärung braucht: Ärztliche bzw. psychosomatische "Gesprächsführung" ist etwas anderes als Psychotherapie. Leider wird das oft verwechselt. Wäre etwa so, als wenn ein Chirurg in der Ambulanz sein Tun als Op bezeichnen würde, nachdem er den Pat. anamnestiziert und untersucht hat. Psychotherapie ist ein invasiver Eingriff in die Psyche und erfordert eine jahrelange Ausbildung, und, was oft geringgeschätzt wird, eine intensive Selbsterfahrung, da anderenfalls Pat. geschädigt werden können.
Nachteile am Fach gibt es in der real existierenden Psychosomatik: Als Assistent wird man oft weggehalten von Psychotherapie, da dafür ja "die Psychologen" da sind, als Arzt macht man das Körperliche. Es findet also häufig ein Auseinanderreißen von Körper und Psyche statt. Ansonsten kann ein Nachteil die Geringschätzung durch Somatiker und Psychiater sein, allerdings eigentlich nur, wenn man keinen weiteren Facharzttitel hat.
Da wuerde ich mitgehen, auch wenn ich als Allgemeinmediziner natuerlich viel Erfahrung in Gespraechsfuehrung mitgebracht habe, ist systematische PT doch nochmal ganz was anderes; gott sei dank wird man bei uns als Arzt nicht aufs somatische Abstellgleis gestellt, sondern behandelt immer auch eigene PT-Pat unter enger Supervision!
Den Nachteil mit dem fehlenden Respekt somatischer Kollegen haette ich auch genannt, durch meinen vorhandenen FA gehts mir da sicher besser als anderen ohne, trotzdem kommt das immer wieder vor; manchmal kann einen auch anstrengen, dass sich in der psych halt auch viele auffaelige persoenlichkeiten tummeln, ich nehm mich da auch gar nicht raus 🤪... Fuer MICH ist auch ein weiterer Nachteil, dass ich schon viel von meinem somatisch Erlernten aufgeben musste, weil doch viel ueber Konsile der entsprechenden Fachrichtungen laeuft; andererseits mach ich auch noch viel allgemeinmedizinisches Zeug, behandel so die kleinen Sachen und mach auch mal n Abdomensono odeer so; radiologische Bildgebung, aufwaendigeres Labor und solche Dinge sind aber eher schwierig, da nicht extra verguetet....
Sonst waere so ein typischer Tag: Fruehbesprechung, teils anschliessend super-/ intervision Gruppentherapien leiten, Aufnahmen, med Sprechstunde, die Einzelsitzungen plant man selbst zwischenrein/ am nachmittag; dazwischen viel emails lebsen/schreiben, briefe, krisenintervention, etc.
Monstera
04.11.2022, 15:34
Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, meine Wissenslücken zu füllen, was die Psychosomatik angeht ;) Ich hätte da wirklich mal famulieren sollen. Ich hatte immer den Eindruck, dass man beim Einschlagen des Weges in Richtung Psychiatrie/Psychosomatik den klassischen Fächern ein Stück weit den Rücken kehrt, was mir schwer fiel, da ich die im Studiums schon sehr faszinierend fand. Möglicherweise würde mir die Arbeit in diesem Bereich aber doch sehr viel Spaß machen.
Mein derzeitiger Plan ist, erstmal mind. ein Jahr Innere zu machen, da man das so oder so benötigt. Im Verlauf werde ich mir die Psychosomatik in einer Hospitation mal anschauen. Dann bin ich vielleicht ein bisschen schlauer, ob mir das liegt.
Mindestens 1 Jahr Innere als Grundlage fuer die Psychosomatik sehr sinnvoll!
Züschata
04.11.2022, 18:11
Ich kann das Fach auch sehr empfehlen, wenn auch der Fokus in meiner Arbeit weniger psychosomatisch, sondern eher psychotherapeutisch ist. Es hängt wirklich stark von der Klinik ab, wie das Fach ausgestaltet wird. Ich halte es jedoch für absolut unabdingbar, dass man vorher in der Psychiatrie Erfahrung gesammelt hat, da man immer wieder mit psychiatrischen Fragestellungen in Kontakt kommt und ein Großteil der Patienten auch psychiatrische Behandlung bereits hinter sich hat. Ich würde behaupten, dass es für die P-Fächer wichtig ist, die Bandbreite der Pat. erlebt zu haben, d.h. geschützt, Sucht, offen psychiatrisch, Geronto. Direkt in eine Psychosomatikblase einzusteigen würde ich nicht empfehlen, da man vieles gar nicht beurteilen und nachempfinden kann. Vor allem bekommt man auch nicht immer die Musterpatienten gefiltert, wie rafiki sagte.
Monstera
04.11.2022, 19:56
Wo ich arbeite, ist Innere und Psychiatrie ohnehin für die Psychosomatik vorgeschrieben (weiß nicht, ob das überall so ist), dann deckt sich das ja mit eurer Erfahrung.
Ich hadere aktuell ein wenig damit, dass ich meine Vorstellung aufgeben muss, mich nach dem Studium für ein Fach zu entscheiden und das ein Leben lang gerne zu praktizieren. Ich war da zugegebenermaßen sehr idealistisch unterwegs. In meinem Umfeld wechseln zahlreiche Leute in den ersten Jahren munter hin und her und die wenigstens sind so wirklich 100% zufrieden. Gehört wohl auch dazu zu akzeptieren, dass man ein wenig Geduld mitbringen muss bevor man sein Ding findet.
Vorerfahrung mit psychiatrischen Patienten ist schon wichtig, kann man imho aber auch außerhalb der stationaeren psychiatrie im Querschnitt sammeln, aber das erfordert dann viel Eigeninitiative und dauert lange...
Ich hadere aktuell ein wenig damit, dass ich meine Vorstellung aufgeben muss, mich nach dem Studium für ein Fach zu entscheiden und das ein Leben lang gerne zu praktizieren. Ich war da zugegebenermaßen sehr idealistisch unterwegs. In meinem Umfeld wechseln zahlreiche Leute in den ersten Jahren munter hin und her und die wenigstens sind so wirklich 100% zufrieden. Gehört wohl auch dazu zu akzeptieren, dass man ein wenig Geduld mitbringen muss bevor man sein Ding findet.
Es gibt wirklich viele Kollegen, die mehrere Wechsel hinter such haben und wenn du nicht gerade in einer hochspezialisierten Uniabteilung arbeiten willst, finde ich, dass "Fremdjahre" in anderen Faechern immer brauchbar sind, selbst in der psychosomatik kommt mir die erfahrung z.b. in der UCH zu gute ( SVV, Ruecken, infiltrationen, Beurteilung somatische Faktoren vs psychische bei chron. Schmerzen etc.)
Man bleibt halt u.U. etwas laenger in niedrigeren Entgeltgruppen haengen, aber auch sowas ist ein stueck weit verhandelbar ;-)
Huhu zusammen, ich klinkke mich hier mal kurz ein und würde eure gerne eure Meinung zu anderen Fächern hören.
In BW muss man seit 2020 1 Jahr in der Somatik vorweisen (Innere ist nicht mehr gefordert wie zuvor) und Psychiatrie -kann- angerechnet werden.
Was abgesehen von (Psychiatrie und) Innere wäre sonst noch sinnvoll als 'somatisches' Jahr?
Auch Neuro, Anästhesie?
Ich würde gerne den Psychosomatik FA machen, aber davor vielleicht mal noch schauen, welche Alternativen es zum Innere-Jahr gäbe....
(Habe schon einige Jahre Pflegeerfahrung in der Unfallchirurgie/Neuro, hab in der PSM und Psych famuliert)
Danke schonmal!
Wenn du die Wahl hast, dann unbedingt Neuro.
Anne1970
09.11.2022, 05:21
Ich denke auch, dass Neurologie gut passt. Nicht nur wegen somatoformer Störungen, sondern auch im Hinblick auf Coping bei schweren/chronischen Erkrankungen. Die üblichen internistischen Themen hast du mit neurologischen Patienten auch zu Genüge.
ok, danke für euren Input! Ich kann mich selbst auch echt eher in der Neuro sehen,... dann kann ich da auch mal während dem PJ jetzt die Augen offen halten. :)
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